Deutscher Gewerkschaftsbund

04.04.2018

„Aufschrei der Wut“ und das „Nebeneinander von Unvereinbarem“

Tageszeitung, Ratsvorlagen, Fachartikel, Gutachten, Positionspapiere und Newsletter von ganz unterschiedlichen Organisationen und Institutionen ... das sind nur einige Informationsquellen, mit denen wir uns regelmäßig - zum Teil täglich - beschäftigen. Informationen sind eine unverzichtbare Grundlage unserer Arbeit. Sie helfen, eigene Positionen zu schärfen. Sie sind aber auch Seismograph für gesellschaftliche Entwicklungen und damit für künftige gewerkschaftliche Themen und Aktivitäten.

In der letzten Woche fand ich zwei sehr bemerkenswerte Artikel:

Stephen Hawkins „Gefährlichster Zeitpunkt der Menschengeschichte“ (aus 2017), ist ein kurzer Fachartikel mit „mahnenden Worten“ an die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Der BREXIT und die Wahl von Trump seien ein „Aufschrei der Wut“ von denjenigen, die sich mit Blick auf die negativen Folgen der Globalisierung und zunehmenden sozialen Spaltung im Stich gelassen fühlen. Die Sorgen und Ängste seien absolut verständlich. Deswegen müssten die Entscheidungsträger Verantwortung übernehmen und anerkennen, dass sie in Teilen versagt haben. Aufgabe sei es, nicht in Populismus zu verfallen, sondern die soziale Ungleichheit global zu bekämpfen, dem Klimawandel zu begegnen und die Umweltzerstörung zu beenden.

Die Analyse von Hawkins lässt sich auf die Innenpolitik übertragen. Die Wahlerfolge der AfD sind zum Teil auf Wut und Unzufriedenheit auf „Eliten“ zurückzuführen. Sie zeigen, dass die demokratischen Parteien, Medien oder Wirtschaft Vertrauen eingebüßt haben. Die Frage ist, welche Lehren sie aus dem Vertrauensverlust ziehen. Hinterfragen sie sich und ihr bisheriges Handeln oder werden sie selber Bestandteil von populistischen, ausgrenzenden Tendenzen?

In eine ähnliche Richtung geht der Aufsatz von Renan Demirkan, „Wie wollen wir leben?“ (2018). Sie skizziert eine „eklatante Asymmetrie“ zwischen Arm und Reich. Die Gesellschaft sei aus der Balance geraten. Deregulierung und Gewinnmaximierung hätten zu einer gespaltenen Gesellschaft und ganze Länder an den Rand des Ruins geführt. Außerdem beschreibt sie ein zunehmendes „Nebeneinander von Unvereinbarem“, das zu Konfrontation statt Kooperation führe und nationalistische Einstellungen fördere. Es fehle an Zusammenhalt, Fairness und Respekt. Renan Demirkan fordert daher ein neues, Gemeinwohl orientiertes Kooperationsdenken. Hierzu sei eine „essentielle Neuregelung der Finanzmärkte“ sowie eine stärkere soziale Absicherung notwendig. Eine wichtige Botschaft lautet dabei: „Sozial ist nicht, was irgendeine Arbeit schafft ... Sozial ist eine Arbeit, die dem ersten Artikel unserer Verfassung gerecht wird.“

Der Aufsatz von Renan Demirkan bietet auch Gelegenheit für Diskussion, Nachfragen und Widerspruch, z.B. beim verwendeten Begriff „Gemeinwohl-Kapitalismus“ oder der Aussage, dass „Arbeitende mehr unternehmerisch denken müssen“ - was heißt das genau? - oder der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen. Entscheidend ist aber das von Demirkan formulierte Ziel: Die Gesellschaft menschlicher gestalten. Politik und Wirtschaft haben die Aufgabe, die Lebensbedingungen möglichst vieler Menschen zu verbessern.

Beide Artikel sind bemerkenswert, weil sie sich nicht auf die Frage der Schuld für gesellschaftliche Fehlentwicklungen konzentrieren, sondern auf Basis einer kurzen Analyse Lösungswege aufzeigen.


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Jörg Mährle

Jörg Mährle

Jörg Mährle

 

Jörg Mährle arbeitet seit 2000 beim DGB in verschiedenen Funktionen. Seit 12/2017 ist er Geschäftsführer der DGB-Region Köln-Bonn. Vorher hat er erfolgreich eine kaufmännische Ausbildung in einem Handwerksbetrieb sowie ein Magisterstudium (Politikwissenschaften, Erziehungswissenschaften und Geografie) abgeschlossen. Er wurde 1966 in Kiel geboren.

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