Deutscher Gewerkschaftsbund

20.06.2018

Nachgefragt: Duale Ausbildung stärken - Qualität der Berufsschulen verbessern!

Über die Qualität der Ausbildung entscheidet auch die Qualität der Berufsschule.

Welche Rolle die Berufsschule im dualen Ausbildungssystem eigentlich hat und wie die Qualität der Berufsschulen verbessert werden kann, darüber sprachen wir mit dem DGB-Jugendbildungsreferenten der Region Köln-Bonn, Omer Semmo. 

Frage: Inwiefern können Berufsschulen als wichtiger Teil der dualen Ausbildung dazu beitragen, dass ausbildungsinteressierte Jugendliche auf den regionalen Ausbildungsmärkten Fuß fassen können? Konkret: Können sie sich mit besonderen Angeboten auf betriebliche Ausbildungsentscheidungen Einfluss nehmen und diese proaktiv mitsteuern?

Omer Semmo: Durch technisch moderne und gut ausgestattete Berufsschulen können für Auszubildende und Unternehmen durchaus Anreize entstehen, sich für eine duale Ausbildung zu entscheiden bzw. duale Ausbildungsplätze anzubieten. Klar ist aber auch: Die Berufsschule ist ein überwiegend reagierendes System. Das Personalrekrutierungsverhalten der Betriebe hängt nicht nur von einer zeitgemäßen technischen Ausstattung sowie der Bereitstellung digitaler Lernmedien ab, sondern ist auch geprägt von betriebs- und marktwirtschaftlichen Entscheidungen. 

Ein Blick auf eine konkrete Entwicklung zeigt das ganz deutlich. Die beste Lehrer- und Sachausstattung beispielsweise für die Ausbildung von Buchhändler_innen nützt nichts, wenn die Buchhandlungen aus branchenstrukturellen Gründen die Ausbildung so weit zurücknehmen, dass selbst in Ballungsgebieten bezirksregierungsübergreifende Berufsschulmodelle nur mühsam zustande kommen. Umgekehrt hängt es ebenfalls nicht von der berufsschulischen Qualität ab, wenn die Zahl der Ausbildungsplätze bei den Fachkräften für Schutz und Sicherheit sprunghaft ansteigen. Die Berufsschule kann hier nur reagieren, in dem es, um im Beispiel zu bleiben, die frei gewordenen Fachressourcen aus dem Buchhandel im boomenden Fachbereich Schutz und Sicherheit einsetzt. 

Eine ähnliche Entwicklung lässt sich auch am Beispiel der Bankkaufleute zeigen. Der Beruf des Bankkaufmanns war lange Zeit DER Vorzeigeausbildungsberuf. Erosionserscheinungen lassen sich seit Jahren feststellen. Einerseits gingen Banken dazu über, neben Bankkaufleute vor allem Bürokommunikationskaufleute einzustellen, anderseits wurden zunehmend Arbeitsplätze von Hochschulabsolventen besetzt. Seit ein paar Jahren wird der Rückgang noch einmal durch die Digitalisierung  - Stichwort Online-Banking - verstärkt und beschleunigt. Gab es früher mehrzügige Klassen mit Bankkaufleuten, werden viele Berufsschulen heute froh sein, eine Eingangsklasse bilden zu können.

Frage: Die DGB-Jugend fordert eine intensivere Lernortkooperation zwischen den Ausbildungsbetrieben und ihren Berufsschulen. Warum? 

Omer Semmo: Die Berufsschule hat eine besondere Bedeutung für die Auszubildenden und trägt zu einer guten Ausbildungsqualität bei. Sie vertieft das im Betrieb erlangte praktische Wissen, vermittelt eine berufliche Grund- und Fachbildung und legt darüber hinaus einen Schwerpunkt auf allgemeine Bildung. Ein guter Berufsschulunterricht kann insbesondere dazu beitragen, etwaige Lücken in den Ausbildungsinhalten, die durch ausbildungsfremde Tätigkeiten oder mangelnde Präsenz von Ausbilder_innen entstehen, teilweise zu kompensieren. Zudem bietet die Berufsschule den Auszubildenden die Möglichkeit, ihren Wissensstand mit dem anderer Kolleg_innen aus verschiedenen Betrieben zu vergleichen. Ebenso werden Lehrer_innen im Fall von Defiziten oder anderen Problemen im Ausbildungsalltag oftmals als Vermittler_innen zwischen Auszubildendem und Betrieb aktiv und leisten damit eine immens wichtige und allzu oft ehrenamtliche Arbeit, die dazu beiträgt, dass Ausbildungsabbrüche vermieden werden können. Als Gewerkschaftsjugend fordern wir daher einen regelmäßigen Informations- und Meinungsaustausch zwischen den beiden Lernorten. 

Frage: Die bessere Lernortkooperation wird auch regelmäßig im Ausbildungsreport der DGB-Jugend NRW thematisiert. Im aktuellen Report wird ja die Qualität der Berufsschulen schwerpunktmäßig untersucht. Was sind die zentralen Ergebnisse? 

Omer Semmo: Es zeigt sich vor allem eine ziemliche Diskrepanz in der Bewertung der betrieblichen und schulischen Qualität der Ausbildung: Die befragten Jugendlichen sind im Schnitt mit ihrer Ausbildung an der Berufsschule weit weniger zufrieden als mit ihrer Ausbildung im Betrieb. So schätzen nur knapp die Hälfte der befragten Auszubildenden den Unterricht an ihrer Berufsschule als „gut“ oder „sehr gut“ ein oder fühlen sich durch den Besuch der Berufsschule „sehr gut“ oder „gut“ auf die theoretische Prüfung vorbereitet. Andersrum geben mehr als 2/3 der Befragten an, mit der Ausbildung im Betrieb zufrieden zu sein. 

Frage: Was sind die Gründe für die schlechte Bewertung? 

Omer Semmo: Einer der Gründe für das schlechte Abschneiden liegt in der unzureichenden Ausstattung vieler Berufsschulen. Da fehlt es häufig schon an aktuellen Unterrichtsmaterialien, technische Gerätschaften und ähnlichem, die das Lernen im Unterricht erfolgreich unterstützen. 

Neben der Ausstattung der Schulen hat auch die Abstimmung zwischen Schule und Ausbildungsbetrieb einen erheblichen Einfluss auf die Bewertung der fachlichen Qualität der Berufsschule. Nur rund die Hälfte der Befragten in Nordrhein-Westfalen bewertet die Abstimmung als „gut“ oder „sehr gut“. Umgekehrt zeigen unsere Ergebnisse, dass eine gute Kooperation positive Effekte auf die fachliche Qualität und auf die Vorbereitung zur theoretischen Prüfung hat. 

Einfluss auf die Lernatmosphäre hat nicht zuletzt auch die Größe der Berufsschulklassen, weil es zu weniger Störungen kommt und das Lehrpersonal sich stärker um den_die einzelne_n Schüler_in kümmern kann. Hier deuten die Ergebnisse des Ausbildungsreports nach wie vor auf eine große Bandbreite hin: Klassengrößen von maximal 15 Auszubildenden sind offenbar ebenso wenig eine Ausnahme, wie Berufsschulklassen mit mehr als 25 Schüler_innen. Die durchschnittliche Klassengröße in Nordrhein-Westfalen liegt bei 21 Auszubildenden. Ziel muss sein, dass keine Klasse über 21 Auszubildende hat. 

Frage: Was muss aus Sicht der Gewerkschaftsjugend noch getan werden, um Berufsschulen zu stärken? 

Der Ausbildungsreport zeigt dass besonders die infrastrukturellen Rahmenbedingungen in den Blick genommen werden müssen. Eine zeitgemäße Ausstattung der Berufsschulen mit Unterrichtsmaterial, Schulbüchern und technischen Geräten ist ebenso wichtig wie ausreichend Personal, das einen regelmäßigen Berufsschulunterricht in sinnvollen Klassengrößen ermöglicht.

Die DGB-Jugend NRW sieht daher die Landesregierung in der Pflicht, die Ausbildung an den Berufsschulen stärker in den bildungspolitischen Fokus zu rücken. In den nächsten Jahren kommt einiges auf die Berufsschulen zu. Sie stehen in der Verantwortung, unsere Jugendlichen fit für die Arbeitswelt der Zukunft zu machen: Digitalisierung, Arbeit 4.0 und die interkulturelle und soziale Kompetenzentwicklung erfordern große Anstrengungen. Ein „Weiter so“ wäre fatal. Daher sollte die Landesregierung: 

1. Deutlich höhere Investitionen im Bereich der beruflichen Bildung tätigen, angefangen von der Bausubstanz, über eine zeitgemäße technische Infrastruktur bis hin zu Programmen für Digitales Lernen. 

2. Den Lehrerberuf attraktiver gestalten. Immer weniger junge Menschen entscheiden sich für das Lehramt an Berufsschulen. Auch für Expert_innen aus Betrieben ist ein Wechsel an eine Schule meist unattraktiv. Viele Berufsschulen beklagen daher einen akuten Lehrermangel. Um den Lehrerberuf aufzuwerten, müssen sämtliche Lehrerstellen unbefristet angeboten werden. Insbesondere für die beruflichen Fachlehrer_innen brauchen wir zudem Investitionen in die Aus- und Weiterbildung sowie Maßnahmen für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. 
 

Hinweis: In der Reihe „Nachgefragt“ veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen ausführliche Stellungnahmen und Positionen von gewerkschaftlichen Experten/innen aus der Region Köln-Bonn. „Nachgefragt“ bietet nicht nur ausführliche Hintergrundinformationen, sondern spiegelt immer auch die persönliche Sichtweise der jeweiligen Experten/innen wieder. Die Texte können für Medienberichterstattungen genutzt werden.

Weitere Veröffentlichungen aus der Reihe „Nachgefragt“ finden Sie auf unserer Internetseite www.koeln-bonn.dgb.de. Dort können Sie „Nachgefragt“ auch als RSS-Feed abonnieren.

 

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