Deutscher Gewerkschaftsbund

02.12.2016

Nachgefragt: Ausbildungsreport der DGB-Jugend NRW 2016

Jede_r zweite Auszubildende klagt über psychische Belastung

Frage: Was genau ist der Ausbildungsreport?

Omer Semmo: Seit nunmehr neun Jahren leistet die DGB-Jugend mit ihrem Ausbildungsreport einen wichtigen Beitrag in der Debatte um die Qualität der Berufsausbildung in Nordrhein-Westfalen. Der Ausbildungsreport gibt einen genauen Überblick über die Zustände in der Ausbildungslandschaft. Er zeigt, in welchen Ausbildungsberufen und Branchen junge Menschen eine gute Ausbildung erhalten und in welchen Mängel bestehen. Dabei stützt sich der Ausbildungsreport auf die Aussagen von Expert_innen, die sonst nicht zu Wort kommen: die Auszubildenden selbst. Ihre persönlichen Erfahrungen sind die Grundlage der Ergebnisse. Dazu sind in diesem Jahr NRW-weit über 5.400 junge Frauen und Männer aus den 25 am häufigsten Ausbildungsberufen schriftlich befragt worden. Allein aus der Region Köln-Bonn haben fast 2.500 Auszubildende an der Befragung teilgenommen, weswegen die landesweiten Ergebnisse übertragbar auf die Region sind. Gefragt wurde nach Ausbildungszeiten und Überstunden, der Ausbildungsvergütung, der fachlichen Qualität der Ausbildung im Betrieb und der persönlichen Beurteilung durch die Jugendlichen.

Frage: Was sind die zentralen Ergebnisse in diesem Jahr?

Omer Semmo: Die gute Nachricht ist: Fast 72 Prozent der befragten Jugendlichen sind mit der Qualität ihrer Ausbildung insgesamt zufrieden. Es ist erfreulich, dass die Mehrzahl der ausbildenden Betriebe also durchaus in der Lage ist, eine solide Ausbildungsleistung zu erbringen. Das Ergebnis bedeutet aber auch: Mehr als ein Viertel der Befragten bescheinigt ihrer Ausbildung eine unzureichende Qualität. Dieser Wert hat sich in den vergangenen Jahren nicht spürbar verbessert.

Frage: Gibt es Unterschiede zwischen einzelnen Ausbildungsberufen?

Omer Semmo: Ja, die gibt es. Wenn wir uns die Ergebnisse genauer anschauen, wird deutlich, dass es bei der Bewertung erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Berufen gibt. Besonders zufrieden sind in diesem Jahr in NRW die Auszubildenden in der Industriemechanik und der Mechatronik, sie haben die Spitzenreiter aus dem letzten Jahr – die Bankkaufleute – auf den vierten Rang verdrängt. Mit großen Problemen konfrontiert sehen sich viele angehende Hotelfachleute, Friseur_innen, zahnmedizinische Fachangestellte und Fachverkäufer_innen im Lebensmittelhandwerk. Sie finden sich auf den letzten Plätzen wieder. Im Vergleich zu anderen Berufen sind diese Auszubildenden überdurchschnittlich häufig von langen und ungünstigen Arbeitszeiten und zahlreichen Überstunden betroffen. Sie beklagen eine oftmals fachlich ungenügende Anleitung und erhalten eine unterdurchschnittliche Ausbildungsvergütung.

Nach wie vor gilt übrigens auch: Je größer der Betrieb, desto höher die Ausbildungszufriedenheit. Dass insbesondere die Großbetriebe positiv abschneiden, liegt einerseits an den guten personellen und materiellen Voraussetzungen, mit denen sie eine hochwertige und strukturierte Ausbildung sicherstellen können. Andererseits sind dort Mitbestimmungsstrukturen - das heißt Betriebsräte und gewerkschaftli-che Aktivitäten - vorhanden, die bei kleineren Betrieben oft fehlen.

Frage: Wie in jedem Jahr hat der Ausbildungsreport auch dieses Mal ein besonderes Schwerpunktthema. Wie lautet das diesjährige?

Omer Semmo: In diesem Jahr haben wir uns besonders mit dem Thema psychische Belastungen in der Ausbildung auseinandergesetzt und dazu zusätzliche Fragen in unsere Erhebung aufgenommen. Abgefragt wurden Belastungen in acht Bereichen, vom Leistungs- und Zeitdruck bis zu Problemen mit Kolleg_innen und Vorgesetzen.

Unsere Befragung zeigt: Psychische Belastungen sind in der Ausbildung keine Ausnahme. Nur knapp die Hälfte der Auszubildenden (48,8 Prozent) gab an, in keinem der acht Bereiche in hohem oder gar sehr hohem Maße belastet zu sein. Im Umkehrschluss heißt das: Jede_r zweite Auszubildende fühlt sich in hohem oder sehr hohem Maße belastet.

Frage: Was sind dabei zentrale Belastungsfaktoren für die Auszubildenden?

Omer Semmo: Insbesondere der Leistungs- und Zeitdruck stellt einen zentralen Belastungsfaktor für die Auszubildenden dar (20 Prozent). Dahinter folgen lange Fahrtzeiten (17 Prozent) und die Lage der Arbeitszeiten (15,8 Prozent). Auch schlechte Pausensituationen, z.B. durch Unterbrechungen, Verkürzungen oder das Fehlen geschützter Orte, werden von vielen Auszubildenden als belastend empfunden (15 Prozent), ähnliches gilt für ständige Erreichbarkeit (13,5 Prozent). Jeder achte Auszubildende klagt zudem über Probleme mit Kolleg_innen und Vorgesetzen.

Belastende Bedingungen in der Ausbildung wirken sich unmittelbar auf das Wohlergehen der Auszubildenden aus. So steigt mit der Anzahl der empfundenen Belastungen der Anteil der Auszubildenden, die unter körperlichen und psychischen Beschwerden leiden. Sie fühlen sich laut eigenen Angaben wesentlich häufiger schwach und krankheitsanfällig und sind am Ende des Ausbildungstages öfter erschöpft als die gering Belasteten. Mehr als ein Drittel der betroffenen Auszubildenden (38,1 Prozent) denkt zudem immer oder häufig über einen Ausbildungsabbruch nach. Das sind viermal so viele wie in der Gruppe der Auszubildenden, die sich keinen starken Belastungen ausgesetzt sehen (9,2 Prozent).

Frage: Zahlen sind das eine. Hast du persönlich auch schon Auszubildende getroffen, die sich über die psychische Belastung während Ihrer Ausbildung beschwert haben?

Omer Semmo: Leider ja. Gestützt werden die Ergebnisse durch Aussagen von Auszubildenden während unserer Berufsschultour im Herbst dieses Jahres. Viele Jugendliche kamen zu unserem Infostand und beklagten sich über unbezahlte Überstunden, lange Fahrtzeiten und unzureichende Pausensituationen. Viele Fragen konnten wir direkt beantworten. In anderen Fällen mussten wir uns den Einzelfall anschauen und an die für das Mitglied zuständige Gewerkschaft verweisen.

Frage: Die Frage ist nun, wie die Belastungen für die Auszubildenden reduziert werden können…

Omer Semmo: Wir sind uns sicher, dass der zentrale Ansatzpunkt die Verbesserung der Ausbildungsqualität ist. Denn unsere Befragung zeigt: Umso besser die Ausbildungsqualität, umso geringer ist die gefühlte Belastung. Die Berufe, die im allgemeinen Teil unserer Befragung am besten abgeschnitten haben, sind gleichzeitig die, bei denen die Auszubildenden am seltensten angaben, psychisch belastet zu sein. Industriemechaniker_innen und Mechatroniker_innen fühlten sich also nicht nur besser in der Ausbildung betreut und behandelt, sondern sind auch weniger psychisch belastet als Friseur_innen, zahnmedizinische Fachangestellte und Fachverkäufer_innen im Lebensmittelhandwerk.

Das bedeutet übrigens nicht unbedingt, dass der Leistungs- und/oder Zeitdruck in den gut bewerteten Berufen auch tatsächlich niedriger ist, als in den schlechter bewerteten. Anscheinend wird es den Auszubildenden aber ermöglicht, besser damit umzugehen. Zur Belastung wird Stress erst, wenn dieser einhergeht mit einem Gefühl der Überforderung und somit als Bedrohung betrachtet wird. Unsere Ergebnisse deuten zum Beispiel dabei darauf hin, dass Auszubildende in den „guten Berufen" häufiger auf die Unterstützung von Kolleg_innen zurückgreifen können als Auszubildende in den „schlechten Berufen". Und es ist wenig verwunderlich, dass die psychische Belastung geringer ausfällt, wenn es sich bei der Ausbildung um einen Wunschberuf handelt, wenn die fachliche Anleitung gut ist und die Auszubildenden nicht das Gefühl haben, unter- oder überfordert zu sein.

Frage: Welche Forderungen an Betriebe, Kammern und Politik leitet Ihr als DGB-Jugend aus den Ergebnissen des Ausbildungsreports ab?

Omer Semmo: Die hier dargestellten Ergebnisse verdeutlichen, dass es möglich ist, über eine hohe Ausbildungsqualität psychische Belastungen in der Ausbildung zu reduzieren. Dies bedeutet nicht, dass dazu das Anforderungsniveau der Ausbildung gesenkt werden muss. Vielmehr gilt es, über eine durchdachte Arbeitsorganisation sicherzustellen, dass die Auszubildenden nach für sie stressigen Phasen auch genügend Zeit und Gelegenheit zur Erholung finden und dadurch psychische Erkrankungen vermeiden.

Um dies sicherzustellen, appellieren wir einerseits an die Betriebe und die Kammern: Wir brauchen endlich eine substantielle Verbesserung der Ausbildungsqualität in den Berufen, die seit Jahren die letzten Plätze belegen. Darüber hinaus fordert die Gewerkschaftsjugend eine Modernisierung des Berufsbildungsgesetzes:

Erstens: Die Ausbildungszeiten müssen besser geregelt werden. Die Ausbildung ist ein Lernverhältnis, Überstunden sind dort nicht vorgesehen. Daher darf es keine Beschäftigung mehr geben, die über die wöchentlich vereinbarte Ausbildungszeit hinausgeht. Wochenendarbeit sollte nur zulässig sein, wenn die Ausbildungsinhalte unter der Woche nicht vermittelt werden können – zum Beispiel weil nur am Wochenende bestimmte Aufgaben anfallen.

Zweitens: Die Berufsschulzeiten müssen voll angerechnet werden. Bisher gibt es unterschiedliche Anrechnungsmodelle der Berufsschulzeiten auf die wöchentliche Ausbildungszeit bei minder-und volljährigen Auszubildenden. Damit muss Schluss sein. Zudem sollten die Pausen-und Wegezeiten zwischen Berufsschule und Ausbildungsbetrieb voll auf die Ausbildungszeit angerechnet werden.

Drittens: Die Kosten für Schulbücher und die Fahrtkosten zum Betrieb und zur Berufsschule müssen voll ersetzt werden.

Frage: Möchtest du uns abschließend noch was mitteilen?

Omer Semmo: Für repräsentative Aussagen benötigen wir ausreichend ausgefüllte Fragebögen und freuen uns über jede Unterstützung! Besonders Lehrerinnen und Lehrer an Berufskollegs können die DGB-Jugend bei ihrer Umfrage unterstützen, indem sie in ihren Klassen die Fragebögen ausfüllen lassen.

Interessante Links:
http://nrw-jugend.dgb.de/themen/ausbildung/ausbildungsreport-nrw


Hinweis: In der Reihe „Nachgefragt" veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen ausführliche Stellungnahmen und Positionen von gewerkschaftlichen Expert_innen aus der Region Köln-Bonn. „Nachgefragt" bietet nicht nur ausführliche Hintergrundinformationen, sondern spiegelt immer auch die persönliche Sichtweise der jeweiligen Experten/innen wieder. Die Texte können für Medienberichterstattungen genutzt werden. Weitere Veröffentlichungen aus der Reihe „Nachgefragt" finden Sie auf unserer Internetseite www.koeln-bonn.dgb.de. Dort können Sie „Nachgefragt" auch als RSS-Feed abonnieren.

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