Deutscher Gewerkschaftsbund

29.03.2017

Nachgefragt: NRW-Appell für mehr Krankenhauspersonal

„Wir können kaum noch unserer Verantwortung gerecht werden“

Die Gewerkschaft ver.di setzt sich seit Jahren in den Krankenhäusern für Entlastung der Beschäftigten ein und fordert eine gesetzliche Personalbemessung. Derzeit läuft mit dem ‚NRW-Appell für mehr Krankenhauspersonal‘ eine Unterschriftensammlung, um den Forderungen Nachdruck zu verleihen. Doch ist die Situation in den Klinken in Nordrhein-Westfalen wirklich so angespannt? Wie erleben die Kolleginnen und Kollegen in den Kliniken die Situation? Wir haben mit Dorothee Solbach gesprochen. Dorothee Solbach arbeitet in einem Bonner Krankenhaus. Sie ist ver.di-Mitglied und in der AG Entlastung von ver.di NRW-Süd aktiv.

Frage: Wie lange arbeitest du bereits im Krankenhaus und in welchem Bereich?

Dorothee Solbach: Ich bin als Gesundheits- und Krankenpflegerin in einem Bonner Krankenhaus tätig. Dort arbeite ich seit vielen Jahren auf der Intensivstation. Insgesamt bin ich bereits über 30 Jahre in der Pflege tätig.

Frage: Landesweit fehlen in den Krankenhäusern in NRW nach Gewerkschaftsberechnungen 35.000 Stellen, das ist jeder fünfte Arbeitsplatz in einer Klinik. Wie erlebst du das in deinem Arbeitsalltag?

Dorothee Solbach: Die Arbeitsdichte hat erheblich zugenommen. Einerseits besteht ein hoher Dokumentationsaufwand, auf der anderen Seite werden unsere Patientinnen und Patienten zunehmend älter, kränker und hilfsbedürftiger. Mit dieser Situation müssen wir klarkommen und das mit wesentlich weniger Personal. Zugleich werden die Patientinnen und Patienten mit großem medizintechnischem Aufwand überwacht und behandelt. Dies erfordert höchste Konzentration. Doch oft müssen Arbeitsabläufe durch Zwischenfälle, Läuten der Patientenklingel, Telefonate usw. immer wieder unterbrochen werden. Dadurch steigt die Gefahr, dass Fehler unterlaufen. Fehler, die fatale Folgen für die Patientinnen und Patienten haben können. Wir können kaum noch unserer Verantwortung gerecht werden. Das ist ein erheblicher Stressfaktor in der Pflege. Egal ob auf einer Intensivstation oder Normalstation: Wir hetzen von einem Bett zum anderen. Die Arbeit wird im Laufschritt erledigt. Zeit für Gespräche, Zuwendung und Aufmerksamkeit gegenüber den Patientinnen und Patienten fehlen.

Frage: Welche Auswirkungen und Folgen haben die personellen Engpässe für dich und deine Kolleginnen und Kollegen?

Dorothee Solbach: Auf den Stationen wird häufig mit einer Mindestbesetzung nach den Vorgaben unseres Arbeitgebers gearbeitet. Diese Mindestbesetzung liegt weit unterhalb der allgemein anerkannten empfohlenen Besetzung. Wir haben oft nicht mehr ansatzweise geregelte Dienstpläne. Engpässe in der Personalbesetzung werden durch das Einspringen von Kolleginnen und Kollegen, die eigentlich frei haben, ausgeglichen, so dass an eigentlich freien Wochenenden gearbeitet werden muss. Das hat wiederum Auswirkungen auf die Familie und führt nicht selten zu Ärger Zuhause. Attraktive Beschäftigungsbedingungen und ein familienfreundliches Arbeitsumfeld sehen anders aus.

Frage: Erlebst du bei dir oder bei deinen Kolleginnen und Kollegen, dass die Belastungsgrenze längst überschritten ist?

Dorothee Solbach: Ich erlebe, dass gerade viele meiner jüngeren Kolleginnen und Kollegen oft schon wenige Jahre nach Abschluss der Ausbildung aus dem Beruf aussteigen oder, um die Belastung zu reduzieren, in Teilzeit arbeiten. Ich kenne auch viele Kolleginnen und Kollegen, die auf Grund von Burn-out aus dem Beruf aussteigen mussten. Insgesamt ist der Krankenstand in der Pflege, zum Beispiel wegen Rückenproblemen, nach meinem Empfinden, sehr hoch. Pflegekräfte sind in ihrem täglichen Tun massiven körperlichen Anstrengungen ausgesetzt. Trotz unterstützender Hilfsmittel verlangt die Pflege am Menschen Kraft und körperlichen Einsatz. Die Gesunderhaltung der Pflegekräfte und die Förderung der Gesundheit durch Präventionsangebote müssen daher stärker ausgebaut werden.

Frage: Wie wirkt sich die mangelnde Personalbesetzung auf Patientinnen und Patienten, sowie deren Angehörige aus? 

Dorothee Solbach: Früher hatte ich auch mal Zeit für Gespräche mit Patientinnen, Patienten und Angehörigen. Besonders weil sie sich in einer schwierigen Lebenssituation befinden. Das ist heute kaum noch möglich. In der Pflege sind wir oft auch auf die Unterstützung von Angehörigen angewiesen. Doch häufig haben Patienten heute keine Angehörigen mehr. Es ist erwiesen, dass Hygienestandards durch Personalknappheit nicht immer eingehalten werden können. Die Folge sind erhöhte Infektionsraten. Die mangelhafte Besetzung führt auch dazu, dass Patienten oft sediert oder fixiert werden müssen, um Eigengefährdung zu vermeiden.

Frage: Fühlst du dich ausreichend unterstützt und wertgeschätzt?

Dorothee Solbach: Von Patientinnen, Patienten und Angehörigen erfahren wir durchaus Anerkennung. Die lobenden Worte gegenüber uns Pflegekräften von Politikerinnen und Politikern fast aller Parteien, empfinde ich als leere Worthülsen. Es müssen endlich Taten folgen! Von Seiten des Arbeitgebers geht es in erster Linie um Wirtschaftlichkeit. Bettenschließungen sollen um fast jeden Preis vermieden werden. Nicht zuletzt zeigt sich gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung natürlich auch in der Bezahlung. Ich finde aufgrund der hohen Verantwortung und des Schichtdienstes, haben Pflegekräfte eine bessere Bezahlung verdient! Ein weiterer entscheidender Faktor: Längst nicht alle Belegschaften haben erkannt, wie wichtig es ist, sich gewerkschaftlich zu organisieren und für die eigenen Interessen einzustehen. Nur wenn alle gemeinsam an einem Strang ziehen, können wir erfolgreich für unsere Interessen einstehen.

Frage: Was würdest du dir wünschen?

Dorothee Solbach: Ich würde gerne meinem eigenen Anspruch auf ‚Gute Arbeit‘ wieder gerecht werden können. Hinzu kommen verlässliche Arbeitszeiten. Damit dies möglich ist, brauchen wir dringend mehr qualifiziertes Personal. Insgesamt ist der hohe wirtschaftliche Druck auf Krankenhäuser eine wesentliche Ursache der Misere. Dabei wird zu oft vergessen: Der Mensch steht im Mittelpunkt unserer Arbeit. Wir benötigen im Krankenhaus insbesondere für die Pflege endlich feste Personalvorgaben die eine gute Pflege und gesunde Arbeitsbedingungen für uns Krankenhausbeschäftigte garantieren. Hier sind die regierenden Parteien in der Verantwortung, aber auch die Arbeitgeber!

NRW-Appell zum Download und weitere Informationen: http://koeln-bonn.dgb.de/-/Qco  
Außerdem kann der Appell auch online unterschrieben werden: https://surveys.verdi.de/index.php?r=survey/index&sid=463161&newtest=Y 


Hinweis: In der Reihe „Nachgefragt“ veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen ausführliche Stellungnahmen und Positionen von gewerkschaftlichen Experten/innen aus der Region Köln-Bonn. „Nachgefragt“ bietet nicht nur ausführliche Hintergrundinformationen, sondern spiegelt immer auch die persönliche Sichtweise der jeweiligen Experten/innen wieder. Die Texte können für Medienberichterstattungen genutzt werden.

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