Deutscher Gewerkschaftsbund

24.01.2018

Nachgefragt: Traumberuf Journalismus?

Reportagen schreiben, Hintergründe recherchieren, Interviews führen und Skandale aufdecken - das sind weit verbreitete Vorstellungen darüber, was ein/e Journalist/in macht. Der Berufsalltag vieler Medienschaffenden sieht anders aus. Journalismus, ein Traumberuf? In jüngster Zeit sind immer mehr Verlage dazu übergegangen, die Tarifbindung zu umgehen. Wie steht es um die Arbeitsbedingungen im Journalismus und warum ist darüber so wenig bekannt?

Wir haben Peter Freitag befragt. Er ist Redakteur der Rheinischen Redaktionsgemeinschaft GmbH (RRG) von Kölner Stadt-Anzeiger und Kölnische Rundschau und Mitglied im Betriebsrat. Er ist aktiv für ver.di und dort unter anderem stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) und Mitglied der dju-Tarifkommission.


Frage: Warum träumen so viele junge Menschen von einer Tätigkeit im Journalismus?

Peter Freitag: Es ist tatsächlich einer der schönsten Berufe. Man lernt jeden Tag neue und interessante Menschen kennen. Kein Tag ist wie der andere und die Arbeit ist wichtig für unsere demokratische Gesellschaft. Journalisten informieren über alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens, sie bereiten Informationen auf, legen den Finger in Wunden, sie decken Missstände auf und tragen zur Meinungsbildung bei.

Dass eine Tätigkeit im Journalismus bei jungen Leute so attraktiv ist, hat aber auch damit zu tun, dass das die öffentliche Wahrnehmung des Berufes etwas verzerrt ist. Es überwiegen die Extreme. Die negativen Emotionen, die vielen Kolleginnen und Kollegen inzwischen entgegengebracht werden - Stichwort Lügenpresse - klammere ich mal aus. Viele junge Leute nehmen möglicherweise vor allem das Glamouröse unseres Berufs wahr und machen ihre Erwartungen an den Job an einigen prominenten Kollegen fest, bekannten TV-Moderatoren etwa und journalistischen Edelfedern. Die Realität sieht aber etwas anders aus.

Frage: Welche Voraussetzungen muss ein junger Mensch erfüllen, um im Beruf Fuß zu fassen?

Peter Freitag: Rein theoretisch muss man keinerlei Anforderungen erfüllen oder Ausbildungen absolviert haben, um sich Journalist zu nennen. Das hat mit unserem Grundgesetz zu tun, das in Artikel 5 jedem und jeder das Recht einräumt, seine Meinung ungehindert in „Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten“. Faktisch aber ist es so, dass man für den Weg in einen festangestellten journalistischen Job auf jeden Fall Abitur, in der Regel aber einen Hochschulabschluss benötigt. Bei der Ausbildung von Journalisten gibt es grundsätzlich zwei Wege. Der klassische ist, dass man ein Studium abschließt - die Fachrichtung ist dabei nicht so entscheidend -, idealerweise neben dem Studium schon journalistische Erfahrungen als Praktikant oder freier Mitarbeiter gesammelt hat und dann ein Volontariat in einem Verlag, einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt, einer Nachrichtenagentur oder bei einem privaten Sender beginnt. Das dauert über den Daumen gepeilt zwei Jahre, danach hat man das Rüstzeug für eine Stelle als Redakteurin oder Redakteur.

Eine andere Möglichkeit ist ein Journalismus-Studium. Da gibt es eine Vielzahl von Studiengängen, die etwas theoretischer angelegt sind, aber auch praktische Elemente haben, weil Universitäten und Hochschulen mit Verlagen und Sendern kooperieren.

Frage: Wie werden Medienschaffende bezahlt?

Peter Freitag: Grundsätzlich haben wir in unserer Branche Tarifverträge, die die Bezahlung regeln. Das gilt natürlich nur für festangestellte Redakteurinnen und Redakteure. Zeitungs-Volontäre, die nach Tarif bezahlt werden, verdienen im ersten Monat 1.911,- Euro, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind es etwa 1.600,- Euro, beim Privatradio rund 1.400,- Euro. Als Redakteur steigt man bei Zeitungen dann laut Tarif bei etwa 3.250,- Euro ein. Hinzu kommt noch eine besondere Altersversorgung. Wer mehr erfahren will, findet dazu auf unseren Internetseiten (www.dju.verdi.de) viele Infos.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich viele Medienunternehmen inzwischen weigern, Journalisten nach Tarif zu bezahlen, obwohl es einmal anerkannter Konsens war, dass die Gehälter, die der Flächentarifvertrag regelt, die Mindestgehälter der Branche sind. Viele Verlage beschäftigen Journalisten inzwischen in Tochterunternehmen, die sie eigens zur Tarifflucht gründen. Die Kolleginnen und Kollegen dort verdienen deutlich weniger - bis zu 30 Prozent unter Tarif ist keine Seltenheit. Sie müssen deutlich länger arbeiten, bekommen oft kein Urlaubs- und Weihnachtsgeld und auch andere tarifliche Leistungen werden Ihnen vorenthalten.

Das gilt übrigens auch für Volos – also Volontäre. Auch die werden häufig in Tochtergesellschaften abgeschoben, um ihnen weniger als Tarif zu zahlen. Und manche Verlage und Sender gründen eigene Journalistenschulen, um ihre ¨Schüler¨, die dann aber oft vollwertige Redakteursarbeiten übernehmen, noch schlechter zu bezahlen. Wir erleben leider, dass sich die Verantwortlichen in den Medienunternehmen vom Prinzip der sozialen Marktwirtschaft verabschieden.

Frage: Und wie sieht es mit dem Einkommen freier Journalistinnen und Journalisten aus?

Peter Freitag: Das ist ehrlich gesagt ein noch größeres Trauerspiel. Viele freie Kolleginnen und Kollegen werden mit Honoraren abgespeist, die man nur als beschämend bezeichnen kann - und das, obwohl viele Zeitungen, Zeitschriften, Sender und Online-Medien ohne  den ¨Content¨, den Freie beisteuern, aufgeschmissen wären. Es gibt zwar, zumindest für den Zeitungsbereich, Mindesthonorare, auf die wir Gewerkschaften uns in jahrelangen Verhandlungen mit dem Bundesverband der Zeitungsverleger geeinigt haben. Würden diese sogenannten Vergütungsregeln angewendet, würde sich das Einkommen vieler Freier schlagartig deutlich erhöhen. Leider halten sich die meisten Verlage nicht an Vereinbarungen. Inzwischen haben sie die Vergütungsregeln sogar gekündigt. Wir sind allerdings der Auffassung, dass das gar nicht geht, weil (freie) Journalisten einen gesetzlichen Anspruch auf  „angemessene“ Vergütung¨ haben.

Tatsache ist, dass viele Freie vom Journalismus allein nicht leben können. Sie subventionieren ihre journalistische Arbeit dadurch, dass sie oft auch Aufträge aus dem Bereich Öffentlichkeitsarbeit/PR annehmen, wo meist besser bezahlt wird.

Frage: Haben die Arbeitsbedingungen Auswirkungen auf die Qualität der Berichterstattung?

Peter Freitag: Man kann natürlich nicht sagen, dass Journalistinnen und Journalisten, die zu Dumping-Konditionen arbeiten müssen, grundsätzlich schlechteren Journalismus machen. Tatsache ist aber, dass (festangestellte) Journalisten auch deshalb vergleichsweise gut bezahlt wurden, weil auch das ein Faktor journalistischer Unabhängigkeit ist. Wer prekäre Arbeitsbedingungen hat, reagiert auf Druck und Versuche von Einflussnahme, die es im journalistischen Arbeitsalltag immer gibt, vermutlich anders als Kollegen, die in wirtschaftlich gesicherten Verhältnissen leben. Und es macht sicher auch etwas mit Journalistinnen und Journalisten, wenn sie bei ihrer täglichen Arbeit immer auch Ausschau nach einem Job halten, in dem sie fair bezahlt werden. Inzwischen ist es leider an der Tagesordnung, dass Kolleginnen und Kollegen, die eigentlich aus voller Überzeugung Journalist sind, immer häufiger auf die ¨Gegenseite¨ wechseln. Sie werden zum Beispiel Pressesprecher von Unternehmen oder Behörden. Und da muss man die Frage stellen dürfen, wie unabhängig man ist, wenn man zum Beispiel über eine Stadtverwaltung recherchieren kann, wenn man mit dem Gedanken spielt, demnächst Pressesprecher des Bürgermeisters zu sein.

Frage: Was muss geschehen, damit sich im Journalismus die Bedingungen verbessern?

Peter Freitag: Als erstes müssen die Arbeit- bzw. Auftraggeber erkennen, was sie mit ihrem Lohn- und Honorardumping anrichten. In Sonntagsreden stellen sich vor allem die Vertreter der Verlage hin und singen ein Loblied auf die Bedeutung einer freien Presse und des Qualitätsjournalismus für unsere Demokratie. Das was sie dann aber unter der Woche machen, steht im krassen Widerspruch zu ihren hehren Worten.

Dann müssen aber auch Journalistinnen und Journalisten vehementer für ihren Beruf und für ihre eigenen Arbeitsbedingungen eintreten. Am besten geht das in der Gemeinschaft. Ver.di vertritt bereits heute viele Medienschaffende, aber es können natürlich noch mehr werden. Bei den Verhandlungen über Tarife und Honorare geht es vor allem um Macht. Wenn wir als Gewerkschaft genügend Macht haben, und das heißt natürlich auch genügend Mitglieder, die sich gemeinsam mit uns für faire Bedingungen im Job einsetzen, dann steigen unsere Chancen, substanzielle Verbesserungen zu erreichen.

Möglichweise ist auch die Politik gefordert, die Medienunternehmen noch immer Privilegien einräumt. So wird bei journalistischen Produkten nur ein ermäßigter Mehrwertsteuersatz fällig, das ist also eine Subventionierung. Und das Betriebsverfassungsgesetz räumt Medienunternehmen als sogenannten Tendenzbetrieben auch eine Sonderstellung ein, was unter anderem dazu führt, dass Betriebsräte dort weniger Rechte haben als die in „normalen“ Unternehmen. Ich finde es nur richtig, besondere Rechte auch an bestimmte Pflichten zu binden - etwa an Tariftreue. 

Frage: Warum ist das alles so wenig bekannt?

Peter Freitag: Aus den Medien erfahren wir von den Missständen in vielen Branchen. Tarifauseinandersetzungen bei der Bahn oder im öffentlichen Dienst machen immer wieder Schlagzeilen, genauso die Missstände bei Amazon oder in Schlachthöfen. Da Medienunternehmen selbst darüber entscheiden, worüber sie berichten und worüber nicht, werden halt Leser, Zuhörerinnen und Zuschauer häufig nicht über die Arbeitsverhältnisse in Verlagen und Sendern informiert.

Ich bin davon gerade selber betroffen. Der Tarifkonflikt in der Metallindustrie findet zurzeit natürlich Niederschlag in der Berichterstattung der beiden Zeitungen für die ich arbeite. Dass die Redakteure, die über diesen Tarifkonflikt schreiben, gerade selber dafür kämpfen, dass auch für sie Tarifverträge und faire Arbeitsbedingungen gelten, wird dagegen bewusst verschwiegen.

Frage: Wofür genau kämpfen denn die Beschäftigten der Rheinischen Redaktionsgemeinschaft zurzeit?

Peter Freitag: Die RRG ist 2014 vom Medienhaus DuMont (Kölner Stadt-Anzeiger) und vom Heinen-Verlag (Kölnische Rundschau) zum Zweck der Tarifflucht gegründet worden. Die RRG produziert die lokalen Inhalte beider Zeitungen für den Rhein-Sieg-Kreis, den Rhein-Erft-Kreis, den Rheinisch-Bergischen Kreis, das Oberbergische und für die Eifel. Wir machen das inzwischen mit ungefähr der Hälfte der ursprünglichen Belegschaft, wodurch unsere Verlage jährlich mehrere Millionen sparen.

Von den Kollegen, die bei uns arbeiten, ist ein Großteil noch in der Tarifbindung, allerdings nur in der Nachwirkung, und ihre Zahl wird durch altersbedingte Fluktuation immer kleiner. Alle anderen Kollegen - Redakteurinnen und Redakteure sowie Redaktionssekretärinnen und Redaktionssekretäre - müssen ihre Gehälter „frei“ verhandeln.

Faktisch ist es so, dass ein Redakteur ohne Tarifbindung in der RRG gut und gerne allein beim monatlichen Bruttogehalt schätzungsweise 1200 Euro weniger verdient als jemand, der den Tarif noch in der Nachwirkung hat. Auch bei den Redaktionssekretärinnen sind die Einkommensunterschiede bei gleicher Arbeit empörend groß. Hinzu kommt, dass er oder sie 40 Stunden in der Woche arbeiten muss statt 36,5 Stunden. Urlaubs- und Weihnachtsgeld gibt es für die Kolleginnen und Kollegen ohne Tarif ebenso wenig wie eine Altersversorgung über das Presseversorgungswerk. Nachteile haben sie auch bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Und sogar wenn sie im Berufsleben sterben, werden ihre Angehörigen finanziell schlechter gestellt als die der Kollegen mit Tarif.

Frage: Welche Zukunft kann der Journalismus unter solchen Bedingungen haben?

Peter Freitag: Wir streiten als Gewerkschaften nicht ab, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen von Medienunternehmen schwieriger werden. Die Frage ist allerdings, ob man die Zukunft journalistischer Produkte dadurch sichern kann, dass man die Menschen, die sie herstellen, schlecht behandelt. Schon jetzt zeigt sich, dass gute, aber schlecht bezahlte Journalistinnen und Journalisten umsatteln. Und auch die Bewerberzahlen für die Volontariate gehen zumindest bei den Verlagen in den Keller.

Medienmanager sollten ihre Kreativität besser in die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle investieren, vor allem im Digitalen. Bisher verschwenden sie ihre Energie leider vor allem dafür, den Journalismus in den Billiglohn-Sektor zu drängen und durch die inflationäre Gründung von Billiglohn-Firmen ganz nebenbei auch die betriebliche Mitbestimmung zu torpedieren.

Vielen Dank für das Interview und Dir und den Kolleginnen und Kollegen viel Erfolg für den Tarifstreit.

Weitere Informationen zu den Forderungen und Aktivitäten der Beschäftigten der RRG: http://zeitungsmacher.koeln/


Hinweis: In der Reihe „Nachgefragt“ veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen ausführliche Stellungnahmen und Positionen von gewerkschaftlichen Experten/innen aus der Region Köln-Bonn. „Nachgefragt“ bietet nicht nur ausführliche Hintergrundinformationen, sondern spiegelt immer auch die persönliche Sichtweise der jeweiligen Experten/innen wieder. Die Texte können für Medienberichterstattungen genutzt werden.

Weitere Veröffentlichungen aus der Reihe „Nachgefragt“ finden Sie auf unserer Internetseite www.koeln-bonn.dgb.de. Dort können Sie „Nachgefragt“ auch als RSS-Feed abonnieren.

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