Deutscher Gewerkschaftsbund

03.02.2012
DGB-Region Köln-Bonn

Ausbildungsmarkt und Migration - Jugend braucht eine Zukunft!

Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt hat sich in den vergangenen Jahren leicht entspannt. Dennoch kann trotz des viel beschworenen Fachkräftemangels noch keine Entwarnung gegeben werden. Immer noch landen zu viele Jugendliche in berufsvorbereitenden Maßnahmen, weil sie keinen passenden Ausbildungsplatz finden. Die Qualifikationen der Jugendlichen und die Anforderungen von Betrieben an die Bewerberinnen und Bewerber passen oft nicht zusammen. Insbesondere Jugendliche mit einer Zuwanderungsgeschichte haben immer noch einen schwereren Zugang zum Ausbildungsmarkt. Antworten zu diesem Thema gibt Stephan Otten, DGB-Jugendbildungsreferent. 


Was sagen Sie zum derzeitigen Bildungssystem?

Stephan Otten:  Das Kernproblem liegt darin, dass der Zugang zur Bildung in Deutschland vom Geldbeutel der Eltern abhängig ist. Es ist nicht der Zuwanderungshintergrund, sondern die soziale Herkunft, die entscheidet, wer einen guten Bildungszugang hat und wer nicht. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Schon bei der ersten PISA-Studie vor 10 Jahren wurde auf den engen Zusammenhang von Bildungserfolg und sozialer Herkunft hingewiesen. Leider hat sich seither nur wenig verändert, zumindest wenn man die öffentlichen Statistiken betrachtet. Aber:
Gute Bildung ist ein entscheidender Faktor zur Verringerung des Risikos, arbeitslos zu werden.

Ist Jugendarbeitslosigkeit derzeit ein Problem?

Stephan Otten: Ja, es gibt eine deutlich spürbare Jugendarbeitslosigkeit und es wird zu wenig dagegen getan. Dies gilt vor allem für die Jugendlichen, die keinen guten Schulabschluss haben – und das sind überdurchschnittlich viele Jugendliche mit Migrationshintergrund. Jugendliche mit einer Zuwanderungsgeschichte erreichen deutlich seltener einen höheren Schulabschluss als Jugendliche ohne Migrationshintergrund. Das bedeutet, dass sie weniger Chancen haben, einen Ausbildungsplatz zu finden. Im aktuellen ’Ausbildungsmonitoring 2010’ der Stadt Köln kann man nachlesen, dass unter den Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte eine Arbeitslosenquote von 26,1% herrscht. Rund ein Drittel der arbeitslosen „ausländischen“ Jugendlichen unter 25 Jahren haben weder einen Hauptschulabschluss noch eine abgeschlossene berufliche Ausbildung.

sotten

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Stephan Otten: "Gute Bildung ist ein entscheidender Faktor zur Verringerung des Risikos, arbeitslos zu werden."

Welche Gefahren sehen Sie?

Stephan Otten: Wir grenzen mit dem derzeitigen Bildungssystem einen Teil der Jugendlichen aus. Wir nehmen ihnen Bildungschancen und damit Zukunftschancen. Wir lassen ihre Potentiale ungenutzt. Anstatt das Bildungssystem grundlegend zu reformieren, wurde in der Vergangenheit ein nachschulischer Reparaturbetrieb aufgebaut mit einer Vielzahl an berufsvorbereitenden Maßnahmen, an Einstiegsqualifizierungen und schulischen Nachqualifizierungen. Doch auch diese Maßnahmen bieten keine Gewähr, dass Jugendliche den Einstieg in eine qualifizierte Ausbildung schaffen. Dies hat zur Folge, dass sie als ungelernte Hilfskräfte irgendwo jobben und / oder auf staatliche Transferleistungen angewiesen sind. Mit jedem Lebensjahr wird es schwieriger, sich diesem Teufelskreis zu entziehen.

Dabei soll es doch einen Fachkräftemangel geben. Verbessert das nicht auch die Situation für alle Jugendlichen?

Stephan Otten:  Die Verbesserung zeigt sich nur sehr langsam. Natürlich gibt es mittlerweile auch Betriebe, die ihre Anforderungen an die Bewerberinnen und Bewerber reduzieren. Die Zahl der Jugendlichen, die zum Ausbildungsjahr 2011/2012 in einer Warteschleife gelandet sind, hat sich aber nur minimal reduziert. Ich habe den Eindruck, dass einige Betriebe ihre Ausbildungsplätze eher unbesetzt lassen, als einen Jugendlichen zu nehmen, der den betrieblichen Vorstellungen nicht ganz genügt.

Ein anderes Thema: Die Gewerkschaftsjugend fordert seit langem die „unbefristete Übernahme“. Wie sehen Sie die Erfolgschancen der Kölner Jugendlichen nach erfolgreich abgeschlossener Ausbildung?

Stephan Otten: Die Sicherheit nach Ende der Ausbildung übernommen zu werden, hat sich in den letzten Jahren immer mehr verschlechtert. Rückläufige Übernahmequoten bekommen wir aus allen DGB-Gewerkschaften gemeldet. Dies steht im großen Widerspruch zu dem Fachkräftebedarf. Wenn Betriebe wirklich Fachkräfte benötigen, dann müssen sie mehr tun, als nur über einen Fachkräftemangel klagen. Dazu gehören meiner Meinung nach eine größere Ausbildungsbereitschaft, attraktive Arbeits- und Ausbildungsbedingungen, faire Löhne, eine Übernahmegarantie nach der Ausbildung sowie unbefristete Arbeitsverhältnisse.


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