Deutscher Gewerkschaftsbund

31.07.2018
Fortissimo: Schluss mit leisen Tönen!

Nachgefragt: Honorarkräfte der Rheinischen Musikschule wehren sich!

Die Rheinische Musikschule (RMS) gehört der Stadt Köln. Mit ihrer mittlerweile fast 175-jährigen Tradition zählt sie unbestritten zu den bedeutendsten öffentlichen Einrichtungen in der Bildungs- und Kulturlandschaft und bietet neben Instrumentalunterricht rund 9.000 Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, in großen Ensembles, Orchestern, Chören und Bands gemeinsam zu musizieren. Der städtische Zuschuss für die RMS ist seit 1994 im Großen und Ganzen unverändert und die RMS muss alleine in diesem Jahr wieder 100.000 Euro sparen. Das führt dazu, dass von den 354 Lehrer*innen 239 nicht fest angestellt sind und als freie Honorarkräfte arbeiten. Nun schlägt das Kollegium Alarm und kämpft gegen eine Zwei-Klassengesellschaft der Beschäftigten.

Über die Situation an der Rheinischen Musikschule sprechen wir mit den Honorarkräften Eva-Maria Zimmermann und Wolfgang Ruland, Sprecher*innen des Forums für Honorarkräfte der Rheinischen Musikschule.


Frage: Wie unterscheiden sich die Arbeitsbedingungen von Honorarkräften und Festangestellten?

Eva-Maria Zimmermann: Die Arbeit an sich ist dieselbe: Unterrichten, Unterrichtsvor- und Nachbereitung, Schüler*innen auf Konzerte und Wettbewerbe vorbereiten und sie dorthin begleiten, Elterngespräche führen, Beratung beim Instrumentenkauf, fachbereichsübergreifende Zusammenarbeit initiieren, planen und durchführen, an Konzerten und Konferenzen der Musikschule teilnehmen u.v.m. – klingt viel, ist es auch. Allerdings werden wir für unseren Unterricht deutlich schlechter bezahlt und alle anderen oben genannten Tätigkeiten, die bei Festangestellten in Form von sogenannten „Zusammenhangstätigkeiten“ mit eingerechnet und für ein aktives und engagiertes Musikschulleben unerlässlich sind, leisten wir in aller Regel unentgeltlich in unserer Freizeit.

Wolfgang Ruland: Für die Konferenzen gibt es immerhin eine, dann viel zu niedrige Pauschale, unabhängig von der Dauer der Konferenz. Darüber hinaus erhalten wir in den 12 Wochen Schulferien oder bei Krankheit kein Geld. Das kann dann schnell existenziell werden. Viele schleppen sich krank zum Unterricht, statt sich zu erholen. Darüber hinaus gibt es eine Kündigungsfrist von einem Monat. Mutterschutz, Kündigungsschutz usw. haben wir nicht. Obwohl wir unsere Arbeit als Berufung leben und wir unseren Job lieben, muss man deutlich sagen, dass die Arbeit als Honorarkraft höchst unattraktiv ist. Dass wir überhaupt dabei bleiben, liegt wohl nur an der Liebe zu dieser Arbeit.

Frage: Wie ist die Stimmung im Kollegium?

Wolfgang Ruland: Vor einem Jahr noch kursierte unter uns Honorarkräften der Begriff der „Untergangsgemeinschaft“. Wir empfanden uns als Dozent*innen zweiter Klasse, die keine Chance auf eine Festanstellung und ein gesichertes Einkommen haben. Viele bevorzugten den privaten Sektor, da man dort deutlich besser verdienen kann, manch eine*r orientierte sich aus der Not heraus sogar beruflich vollständig um. Auch insgesamt war diese Stimmung an der Musikschule zu spüren.

Eva-Maria Zimmermann: Diese Untergangsstimmung ist mittlerweile einer kraftvollen Initiative des Forums für Honorarkräfte gewichen, in der wir nicht nur darum kämpfen, dass wir und künftige Musikschullehrer*innen nicht nur für Musik, sondern auch von Musik leben können. Damit verbunden ist es uns nämlich außerdem ein Herzensanliegen, den Stellenwert unserer städtischen Musikschule im Stadtrat auf eine angemessene Stufe zu heben. Die RMS muss sich bei all dem, was sie für die Stadt leistet, nämlich nicht verstecken. Statt Resignation gibt es nun also einen selbstbewussten Arbeitskampf!

Von den Festangestellten erfahren wir viel Solidarität, was uns sehr viel bedeutet, zumal wir nicht spalten wollen, sondern gemeinsam für eine finanziell gut ausgestattete, lebendige und aktive Musikschule  einstehen möchten. Ich persönlich empfinde es sogar so – und ich glaube vielen Kolleg*innen geht es da ähnlich – dass wir uns im Zuge dieses Arbeitskampfes sogar noch stärker mit der RMS identifiziert haben, gerade weil uns allen sehr bewusst geworden ist, um welchen besonderen Wert wir da kämpfen.

Frage: Was muss sich ändern und was fordert das Forum für Honorarkräfte?

Eva-Maria Zimmermann: Ein Großteil der jetzigen Honorarkräfte wünscht sich eine Festanstellung, um ein gesichertes Einkommen zu haben. Zudem ist ein gut funktionierendes Musikschulleben auch nur auf der Basis von Festanstellungen möglich. Momentan sind aber 67,5% des Kollegiums als Honorarkraft beschäftigt, sie erteilen ca. 45% des gehaltenen Unterrichts. Daher fordern wir, den Anteil des von Honorarkräften gehaltenen Unterrichts auf maximal 25% abzusenken und entsprechend mehr Festanstellungen einzurichten. Die im Honorarverhältnis verbleibenden Dozent*innen sollen zudem endlich ordentlich bezahlt werden. Das Forum für Honorarkräfte fordert daher ein Honorar von mindestens 30 Euro pro 45 min. gehaltenem Unterricht (bisher sind es im Durchschnitt 18,75 Euro). Diese Forderung unsererseits ist bereits ein enormes Entgegenkommen – ver.di Berechnungen zufolge müsste der Stundensatz für Berufsanfänger im Vergleich zum TVöD schon bei 35,28 Euro und nach 6 Jahren Berufserfahrung sogar bei 45,32 Euro liegen!

Wolfgang Ruland: Ein sehr wichtiger Punkt ist außerdem, dass es künftig eine nachhaltige Honorarentwicklung geben muss, denn es kann nicht sein, dass wir alle 2 Jahre den Aufstand proben müssen, nur um einen Inflationsausgleich zu bekommen! Ebenso sieht es bei der Personalentwicklung aus – denn was nutzt jetzt ein Absenken des Anteils des von Honorarkräften erteilten Unterrichts, wenn entstehende Mehrbedarfe – das Potential ist in Köln gerade enorm – dann wieder nur durch Honorarverträge gedeckt werden. Eine entsprechende Aufstockung des Personaletats durch feste Stunden wäre dann also dringend nötig.

ver.di Köln-Bonn-Leverkusen

ver.di Köln-Bonn-Leverkusen

Frage: Was kann und muss die Stadt tun?

Wolfgang Ruland: Die Stadt Köln muss endlich ihre finanzielle Verantwortung gegenüber der Rheinischen Musikschule wahrnehmen! Es kann nicht sein, dass seit 1994 der Etat nicht erhöht wurde, während sich die Schülerzahlen von 4.500 auf 9.000 verdoppelt haben! Diese Finanzierungslücken wurden bisher teilweise durch Gebührenerhöhungen geschlossen. Größtenteils war die Steigerung der Schülerzahlen jedoch nur durch günstige Honorarverträge möglich: prekäre Beschäftigung bei der Stadt Köln, um Sparauflagen zu erfüllen.

Eva-Maria Zimmermann: Dabei leistet die RMS einen so wichtigen Beitrag für die Stadt Köln, nicht zuletzt, was Teilhabegerechtigkeit und musikalische Bildung für alle betrifft. Wer an Bildung spart, spart am falschen Ende! Und Bildung über prekäre Arbeitsverhältnisse der Dozent*innen zu finanzieren, ist moralisch wie bildungspolitisch ein Ding der Unmöglichkeit!

Frage: Wie reagiert Politik?

Eva-Maria Zimmermann: Seit Anfang des Jahres sind wir im Gespräch mit den einzelnen Fraktionen im Stadtrat. Man zeigte sich überrascht, als wir von den Missständen an der RMS berichteten. Im Großen und Ganzen verläuft unsere Zusammenarbeit mit der Politik bislang erfreulich konstruktiv. Einmal gab es kurz den Versuch, den Köln-Pass anzugreifen, um die aus diesem entstehenden Mindereinnahmen für die Musikschule einzusetzen, was wir jedoch ganz entschieden abgewehrt haben. Ein ganz entscheidender Beitrag der öffentlichen Musikschulen im Gegensatz zu privaten ist es, Teilhabe an musikalischer Bildung und Kultur für alle zu ermöglichen, unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. Unser gesamtes Kollegium steht geschlossen hinter diesem Angebot und niemand von uns lässt sich gegen diese so wichtige soziale Errungenschaft der Stadt Köln ausspielen.

Im Februar gab es eine musikschulinterne Podiumsdiskussion zum Thema „Musikschule der Zukunft – Zukunft der musikalischen Bildung“ u.a. mit den schulpolitischen Sprecher*innen im Stadtrat. Auch über unser Thema wurde dort ausführlich gesprochen und es wurde deutlich, dass fraktionsübergreifend Einigkeit darüber besteht, dass dringend etwas getan werden muss.

Wolfgang Ruland: Ende Juni veranstalteten wir gemeinsam mit ver.di eine dann öffentliche Podiumsdiskussion, in der wir ganz gezielt unsere Forderungen mit den Politiker*innen diskutieren konnten. Dabei wurde seitens der Verwaltung der Vorschlag unterbreitet, den Anteil des von Honorarkräften gehaltenen Unterrichts auf 33% zu begrenzen und dafür den Personaletat um das Stundenkontingent von 12 neuen TVöD-Stellen aufzustocken. Aus den so frei werdenden Mitteln im Sachmittel-Etat könnten dann die Honorare auf 24,75 Euro bis 26,25 Euro für 45 Minuten Einzelunterricht erhöht werden. Dies begrüßen wir als ersten Schritt in die richtige Richtung, der jedoch leider immer noch deutlich unter unseren Forderungen bleibt. Zudem orientiert sich die Maßgabe von 33% an dem durch Sparauflagen initiierten Kienbaum-Gutachten von 2007. Die Politik zeigte sich jedoch willens, durch gemeinsame Anfragen herauszufinden, wie viel es kosten würde, sich weiter in Richtung unserer Forderungen zu bewegen. Dies begrüßen wir sehr! Vielleicht ist eben noch mehr möglich.

Schwierigkeiten scheinen manche mit unserer Forderung nach einer nachhaltigen Honorar- und Personalentwicklung zu haben – aber da bleiben wir dran!

Frage: Ist die Problematik in anderen Städten und Kommunen ähnlich?

Eva-Maria Zimmermann: Das Problem der unterfinanzierten öffentlichen Musikschulen besteht deutschlandweit. Im Zuge der Liberalisierung des Arbeitsmarktes wurde das Honorarverhältnis zu einem willkommenen Instrument, um Musikschulen für Kommunen kostengünstiger zu betreiben. Während das Honorarverhältnis ursprünglich dafür gedacht war, Auftragsspitzen abzuarbeiten, Dozent*innen für zeitlich begrenzte Projekte einzustellen und solchen, die bereits anderweitige finanzielle Sicherheit haben, die Möglichkeit des flexiblen Zuverdienstes zu geben, erhalten Honorarkräfte heute den regulären Unterrichtsbetrieb. Ein gesamter Berufsstand hangelt sich deshalb mittlerweile von Honorarvertrag zu Honorarvertrag ohne jede finanzielle Sicherheit und auf dem direkten Weg in die Altersarmut.

Wolfgang Ruland: Der Verband deutscher Musikschulen (VdM) hat 2017 ein entsprechendes Papier veröffentlicht, den „Stuttgarter Appell“, in dem er genau all die Zustände anprangert, gegen die wir hier gerade ankämpfen. Selbst kommunale Spitzenverbände haben sich entsprechend geäußert, aber offenbar hat musikalische Bildung trauriger Weise eine zu geringe Lobby, als dass sich flächendeckend etwas ändern würde. Dabei geht es auch anders, wie an einzelnen Musikschulen deutlich wird: Die Musikschule der Bundesstadt Bonn hat z.B. die von uns geforderte Beschränkung des Anteils des von Honorarkräften gehaltenen Unterrichts auf 25% bereits umgesetzt. Mehrbedarfe werden dort über feste Stellen gedeckt. In Münster wird dieser Anteil nun sogar auf 20% begrenzt und die Honorare werden auf 30 Euro für 45 min. Unterricht erhöht, was genau unserer Forderung entspricht. Es geht also – man muss es nur wollen.

Frage: Wie geht es weiter?

Eva-Maria Zimmermann: Derzeit befinden wir uns in der entscheidenden Phase unseres Arbeitskampfes, denn Ende August soll der Haushalt für 2019 eingebracht werden, der dann von den einzelnen Fraktionen diskutiert und Anfang November verabschiedet werden wird. Voraussichtlich werden dort die oben genannten ersten Verbesserungen seitens der Verwaltung für die RMS eingestellt werden  – die ja deutlich unter unseren Forderungen bleiben. Daher geht es nun bis November vor allem darum, die Fraktionen zu überzeugen, sich weiter in unsere Richtung zu bewegen und entsprechende Veränderungsnachweise in den Haushalt einzustellen. Parallel dazu läuft die Vernetzung mit anderen Musikschulen, die auf unsere Initiative aufmerksam geworden sind und denen wir versuchen wollen, Mut zu machen, auch an ihrer Musikschule für Verbesserungen zu kämpfen. Eines unserer längerfristigen Anliegen ist, dieses deutschlandweite Thema auch entsprechend in die Öffentlichkeit zu bringen und eine große Solidargemeinschaft von Kolleg*innen aufzubauen, die sich gegen den Status quo wehrt.

Wolfgang Ruland: Manche von uns werden im Zuge des neuen Haushaltes evtl. eine Festanstellung in Teilzeit bekommen, aber auch dann sind wir nicht am Ende angelangt, denn auch hier liegt einiges im Argen: Viele Festangestellte haben nur ein äußerst niedriges Stundenkontingent, z.B. einen einzigen Nachmittag in Festanstellung. Wieder andere haben einen gewissen Anteil ihrer Stunden in TVöD, leisten darüber hinaus aber ständig Überstunden, da Mehrbedarfe von der Stadt nicht ausreichend berücksichtigt werden. Das ist natürlich immer noch prekär und alles andere als existenzsichernd. Das langfristige Ziel des Forums für Honorarkräfte ist es, die Situation aller Musikschullehrer*innen so zu verbessern, dass sie von ihrer Arbeit sowohl jetzt als auch in der Rente leben können – hier in Köln, und idealerweise mithilfe von entsprechender Vernetzung hoffentlich eines Tages auch deutschlandweit. Schließlich geht es darum, musikalische Bildung als wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft zu erhalten und zu fördern.


Weitere Informationen zu den Forderungen unter

Online-Petition: https://www.tinyurl.com/FfH-RMS-Petition
 
Facebook: https://www.tinyurl.com/FfH-RMS  

Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=RX4g9pv0-XM


Hinweis: In der Reihe „Nachgefragt“ veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen ausführliche Stellungnahmen und Positionen von gewerkschaftlichen Experten/innen aus der Region Köln-Bonn. „Nachgefragt“ bietet nicht nur ausführliche Hintergrundinformationen, sondern spiegelt immer auch die persönliche Sichtweise der jeweiligen Experten/innen wieder. Die Texte können für Medienberichterstattungen genutzt werden.

Weitere Veröffentlichungen aus der Reihe „Nachgefragt“ finden Sie auf unserer Internetseite www.koeln-bonn.dgb.de. Dort können Sie „Nachgefragt“ auch als RSS-Feed abonnieren. 

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