Deutscher Gewerkschaftsbund

03.11.2016

Nachgefragt: Gleichberechtigte Teilhabe statt Diskriminierung

Vom 4. bis 6. November 2016 trifft sich der ver.di-Bundesarbeitskreis LSBTI in Köln. Der Bundesarbeitskreis engagiert sich für eine gleichberechtigte Teilhabe von Menschen vielfältiger sexueller Identitäten in Betrieb, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Abkürzung LSBTI steht dabei für „Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans* und Inter*“. Hierzu einige Fragen an Elke Bsirske und Frank Steingass, die im Kölner Arbeitskreis LSBTI mitarbeiten.

Frage: Ihr habt den ver.di Bundesarbeitskreis LSBTI nach Köln eingeladen. Warum war es euch wichtig, dass das jährliche Treffen in Köln stattfindet?

Elke: Ursprünglich tagte der Bundesarbeitskreis nur in Berlin. Dorthin haben dann die Arbeitskreise aus dem gesamten Bundesgebiet ihre Delegierten gesendet. Mit der Zeit wurden aber Stimmen lauter, welche den ver.di Bundesarbeitskreis LSBTI gerne auch in ihrer Stadt willkommen heißen wollten, um in der jeweiligen ver.di-Verwaltung das Thema sichtbarer zu machen und jeweils für Interes-sierte ver.di-Mitglieder eine gute Zugänglichkeit zu gewähren. Daher wurde in 2014 beschlossen, ab 2015 die Herbstkonferenzen alternierend in jeweils einer anderen Stadt einzuberufen.

Frage: Welche Themen stehen bei Euch auf der Tagesordnung?

Frank: Wie Elke bereits erwähnte, haben wir nach vielen Treffen in Berlin in 2014 gemeinsam abgestimmt, zur Herbstsitzung jeweils in eine andere Stadt einzuladen. Letztes Jahr trafen wir uns in Hamburg. Zu den Inhalten kann Elke viel berichten.

Elke: Neben organisatorischen Themen stehen auch immer politische Themen auf der Agenda, zum Beispiel das Lebenspartnerschaftsgesetz, das AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz), die Ergänzung des Artikel 3 im Grundgesetz um die sexuelle Identität, Ehe für Alle, Verfolgung von Lesben und Schwulen im Nationalsozialismus. In Hamburg z.B. gab es einen sehr interessanten Vortrag mit anschließender Diskussion und Buchvorschlägen über die mögliche geschichtliche Belegung der Lesbenverfolgung während der Nazizeit. Außerdem gibt es Arbeitsgruppen, die sich z.B. mit Tarifarbeit, Trans- und Intersexualität und in diesem Herbst zum ersten Mal eine lesbische Arbeitsgruppe, um auch die Lesben in ver.di sichtbarer zu machen.

Frage: Warum ist das Thema „Rechte für LSBTI-Kolleginnen und Kollegen“ für eine Gewerkschaft wichtig?

Elke: Eine Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt ist – wie für alle Arbeitnehmer_innen – auch für LSBTI-Kolleg_innen unbedingt erforderlich. Ein wichtiger Schritt hierzu war im Jahr 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, an dem auch der Bundesarbeitskreis in ver.di über die Gewerkschaft mitgearbeitet hat. Nun ist für uns weiter wichtig – auch gemeinsam mit dem LSVD (Lesben- und Schwulenverband Deutschland) weiter dafür einzustehen, dass auch im Bereich der Kirchen die Diskriminierung von Arbeitnehmer_innen nicht weiter geduldet wird. Immer noch können kirchliche Arbeitgeber_innen ihren Mitarbeiter_innen kündigen, wenn diese offiziell lesbisch, schwul oder bisexuell leben. Das Eingehen einer Lebenspartnerschaft muss gegenüber kirchlichen Arbeitgeber_innen geheim gehalten werden, da dieses nach wie vor ein Kündigungsgrund ist, der sogar vor deutschen Arbeitsgerichten durchgesetzt werden kann. Solch eine Benachteiligung muss dringend – auch gesetzlich – verhindert werden. Geschiedene können nach neuer Verheiratung durch kirchliche Arbeitgeber_innen gekündigt werden, da die Kirche eine Scheidung nach wie vor nicht anerkennt und somit eine neue Lebensgemeinschaft nach Ansicht der Kirchen nicht eingegangen werden darf. Auch hierfür gilt es weiter für eine Gleichberechtigung aller Arbeitnehmer_innen zu kämpfen. Das Bundesarbeitsgericht hat nun zum ersten Mal den Fall eines Chefarztes, dem nach Eingehen einer zweiten Ehe durch die kirchliche Arbeitgeber_in gekündigt wurde, nicht entschieden, sondern die Urteilsfindung an den EuGH (Europäischen Gerichtshof) weitergegeben. Dieses Urteil wird auch in unserer Community mit Spannung erwartet.

Teaser Gleichstellung Christopher Street Day Regenbogen-Regenschirm

knipseline/pixelio

Frage: Die Studie „Out im Office“ hat gezeigt, dass es im Arbeitsleben noch nicht überall selbstverständlich ist, sich zu „Outen“, ohne Schwierigkeiten zu bekommen. Wo können Kolleginnen und Kollegen Unterstützung finden, wenn sie Probleme haben?

Elke: Gerne können sich betroffene Kolleg_innen mit ihrer Problematik an die örtlichen Arbeitskreise oder auch an das Sprecher_innenteam des Bundesarbeitskreises LSBTI wenden. Grundsätzlich bietet aber ver.di eine Rechtsberatung für alle von Benachteiligung betroffenen Arbeitnehmer_innen an. Gerne bieten wir als Arbeitskreis Hilfestellung an, um bei ver.di die richtigen Ansprechtpartner_innen ausfindig zu machen. Alle Arbeitskreise pflegen einen guten Kontakt zu ihrem Bezirk, der Bundesarbeitskreis ist direkt beim ver.di Vorstand angegliedert.

Frage: Weltanschaulich gebundene Arbeitgeber - zum Beispiel Kirchen, Caritas und Diakonie - müssen sich nicht an das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz halten. Was fordert ihr?

Frank: Eben, dass das anders wird. Es kann nicht sein, dass Arbeitgeber, wenn sie weltanschaulich bzw. religiös gebunden sind, die Lizenz zur Diskriminierung haben. Schwule und lesbische Krankenpfleger_innen arbeiten in katholischen Krankenhäusern - aber sobald sie eine Lebenspartnerschaft eingehen und ihre Steuerklasse oder ihren Nachnamen ändern, kann ihnen gekündigt werden. Das Krankenhaus finanziert sich im Rahmen der Subsidiarität aus Steuergeldern! Das geht so nicht!

Elke: Wir fordern die absolute Gleichstellung aller Arbeitnehmer_innen in kirchlichen Einrichtungen, zum Beispiel auch die Anerkennung der Lebenspartnerschaft als zur Ehe gleichwertiger Lebensform. Der Bundesarbeitskreis ist im letzten Jahr der Initiative „Ehe für Alle“ beigetreten. Erst wenn die Gleichberechtigung im gesetzlichen als auch im kirchlichen Recht erreicht ist, können alle Arbeitnehmer_innen ohne Angst eines Jobverlustes in allen Bereichen der kirchlichen Arbeitgeber_innen tätig sein. Es ist vor allem für die psychische Gesundheit von Menschen wichtig, dass sie ihre Einstellung und ihre Lebensweise nicht verschweigen müssen.

Frage: Zurück zum Treffen des Bundesarbeitskreises in Köln: Was habt ihr vorbereitet?

Frank: Es gibt einige große Themen, z.B. das Konzept „Ehe für alle“. Dem Aktionsbündnis „Ehe für alle“ ist der Bundesarbeitskreis beigetreten. In diesem Jahr wird es eine Informationsveranstaltung zum Thema „Gleichgeschlechtliche Lebensformen in der Senior_innenarbeit in NRW. Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten auf Landesebene und in der Kommunalpolitik“ geben. Die Referent_innen sind die Fachberater_innen in der Offenen Senior_innenarbeit in NRW, Carolina Brauckmann, und Georg Roth vom rubicon e.V., Köln. Die einstündige Infoveranstaltung im Rahmen unseres Bundesarbeitskreistreffens findet am Sonntag, dem 06. November 2016, um 11:00 Uhr, im Großen Saal des DGB-Gebäudes am Hans-Böckler-Platz 1 statt. Wir freuen uns über interessierte Gäst_innen und laden herzlich dazu ein. Wir wollen gute Gastgeber für den Bundesarbeitskreis sein. Es sollen sich alle wohlfühlen. Vor dem DGB-Haus werden die Regenbogenflaggen gehisst, wir kümmern uns um das Catering. Für den Abend und die Nacht bietet die Kölner Szene genügend Auswahl. Alle Mitglieder des Bundesarbeitskreises sollen positive Erinnerungen an Köln mitnehmen!

Dann viel Erfolg für eure weitere Arbeit im Arbeitskreis und gute Ergebnisse im November!

 

Interessante Links:

ver.di-Bundesarbeitskreis LSBTI: http://regenbogen.verdi.de
ver.di Köln, AK LSBTI: https://koeln.verdi.de/frauen-und-gruppen/ak-lsbti

Hinweis: 

In der Reihe „Nachgefragt“ veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen ausführliche Stellungnahmen und Positionen von gewerkschaftlichen Experten/innen aus der Region Köln-Bonn. „Nachgefragt“ bietet nicht nur ausführliche Hintergrundinformationen, sondern spiegelt immer auch die persönliche Sichtweise der jeweiligen Experten/innen wieder. Die Texte können für Medienberichterstattungen genutzt werden.

 


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