Deutscher Gewerkschaftsbund

11.10.2017

Nachgefragt: BetriebsräteTag 2017 in Bonn

Mitbestimmung steht im Mittelpunkt

Einmal im Jahr findet der Deutsche BetriebsräteTag im Plenarsaal des ehemaligen Bundestages in Bonn statt. Betriebs- und Personalräte aller Branchen aus ganz Deutschland kommen seit 2004 für drei Tage in Bonn zusammen, um sich auszutauschen, zu vernetzen und voneinander zu lernen.

Zum Abschluss der Veranstaltung werden die Preisträger des Deutschen Betriebsräte-Preises gekürt.

Hierzu ein Interview mit Thorsten Halm, Veranstalter Deutscher BetriebsräteTag und Geschäftsführer der MIT Institut GmbH. 


Frage: Was war vor 14 Jahren der Grund, einen BetriebsräteTag zu organisieren?

Thorsten Halm: Als ich als Betriebsratsvorsitzender tätig war, gab es in Deutschland keine bundesweite Plattform, auf der sich BetriebsrätInnen branchenübergreifend über ihre Tätigkeit austauschen, vernetzen und voneinander lernen konnten. Da hat mir immer etwas gefehlt. Die Arbeitswelt ändert sich beständig. Obwohl die grundlegenden Fragen in der Betriebsratsarbeit die gleichen bleiben, ergeben sich immer wieder neue Herausforderungen, die frühzeitig beantwortet werden müssen. Daher ist der Austausch für die BetriebsrätInnen elementar. Als dann eine Konferenz, die ich regelmäßig besuchte, eingestellt wurde, fragten meine Frau und ich uns, wieso eigentlich nicht selbst machen?

Auf dem „Deutschen BetriebsräteTag - im Parlament der Betriebsräte" - ist dieser gleichberechtigte Austausch nun möglich.


Frage: Was ist dabei das Ziel?

Thorsten Halm: Auf dem Deutschen BetriebsräteTag werden konkrete Beispiele vorbildlicher Betriebsratsarbeit präsentiert und gewürdigt. Das klingt zunächst vielleicht etwas trivial, ist es aber nicht. Wenn über Betriebsratsarbeit gesprochen wird, wird sich häufig auf Negativbeispiele, Probleme und vermeintliche Skandale konzentriert. Über diese negativen Aspekte der Betriebsratsarbeit zu sprechen, ist zweifellos wichtig. Wir möchten allerdings die positiven Aspekte der Betriebsratsarbeit in den Fokus rücken. Wir wollen Mut machen und die Gestaltungskraft und das Gestaltungspotential aufzeigen, das Betriebsräte freisetzen können. Dazu promoten wir Praxisbeispiele, in denen Betriebsratsarbeit besonders positive Auswirkungen auf den Arbeitsalltag der Beschäftigten entfalten konnte. Insofern sind beim BetriebsräteTag auch die Betriebsräte die ExpertInnen.

Die steigenden Teilnehmerzahlen und die begeisterten Rückmeldungen der KollegInnen, die uns versichern, dass sich Betriebsräte bei uns als Teil von etwas Wichtigem wahrnehmen und aus der Veranstaltung Motivation für ihre betriebliche Arbeit ziehen, zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Das ist für uns Bestätigung und Ansporn zugleich.

Ein weiterer ganz wesentlicher Aspekt ist für uns, dass Betriebsräte aktive Gestalter betrieblicher Demokratie sind und ihre häufig schwierige ehrenamtliche Arbeit gesellschaftlicher Wertschätzung bedarf. Das ist der Fokus des Deutschen BetriebsräteTages und des Deutschen Betriebsräte-Preises.


Frage: „Nach der Bundestagswahl – Vor der Betriebsratswahl" ist das Thema in diesem Jahr. Was wird im Dezember insbesondere thematisiert?

Thorsten Halm: Mit der Bundestagswahl und den wichtigen Landtagswahlen in diesem Jahr werden die politischen Weichen für die zukünftige Ausgestaltung der Mitbestimmung gestellt. Auch vor dem Hintergrund der Digitalisierung befinden wir uns an einem Scheideweg. Der DGB hat klare Forderungen an die Parteien gerichtet. Diese werden wir, wenn es vielleicht schon einen Koalitionsvertrag gibt, mit unseren Gästen, z.B. dem DGB-Vorsitzenden, Reiner Hoffmann, der Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer und weiteren hochkarätigen Gästen, und den BetriebsrätInnen einordnen.

Knapp vier Monate vor der Betriebsratswahl 2018 wird selbstverständlich auch dieses Thema diskutiert.

Natürlich werden auch aktuelle Themen, etwa Beschäftigungssicherung vor dem Hintergrund von Digitalisierung und Globalisierung, Förderung von Nachwuchskräften im Unternehmen und im Betriebsrat, betriebliches Gesundheitsmanagement und die Etablierung von neuen Arbeitszeitmodellen nicht zu kurz kommen.

Daneben werden wir auch wieder eine umfangreiche InfoMesse mit Angeboten und Dienstleistungen rund um die Betriebsratsarbeit anbieten.


Frage: Im vergangenen Jahr habt ihr euch insbesondere mit dem Thema „Arbeit 4.0" beschäftigt. Welche Möglichkeiten haben Betriebsräte, die Arbeit der Zukunft zu gestalten?

Thorsten Halm: Der Betriebsrat ist wesentliches Bindeglied zwischen ArbeitnehmerInnen und Unternehmensführung. Er gestaltet als wichtiger Multiplikator und Regulator Innovations- und Veränderungsprozesse im Betrieb mit. Auch heute haben Betriebsräte schon Werkzeuge, um die Etablierung einer modernen Arbeitswelt im Betrieb zu gestalten und gleichzeitig den Interessen der ArbeitnehmerInnen Rechnung zu tragen. Das muss vielen Betriebsräten allerdings erst noch bewusst werden. Laut einer von uns durchgeführten Studie, an der ca. 1500 Betriebsräte teilgenommen haben, hat in den letzten fünf Jahren lediglich die Hälfte aller Betriebsräte Projekte zur Digitalisierung durchgeführt. Natürlich ist eine Überarbeitung der betrieblichen und Unternehmensmitbestimmung überfällig aber darauf können die Betriebsräte nicht warten. Sie müssen sich jeden Bereich im Unternehmen anschauen, analysieren welche Auswirkungen die Digitalisierung darauf haben wird und entsprechend aktiv werden. Ggf. mit Unterstützung durch die Gewerkschaften und externen Sachverstandes.


Frage: Der krönende Abschluss der Veranstaltung ist jährlich die Verleihung des „Deutschen-Betriebsräte-Preises". Was braucht ein Projekt, um für einen Preis nominiert zu werden?

Thorsten Halm: In den zurückliegenden Jahren haben Betriebsräte aus ganz unterschiedlichen Branchen und Unternehmen – und auch ganz unterschiedlichen Unternehmensgrößen – vorbildliche Projekte eingereicht und Preise erhalten.

Feste Themenbereiche gibt es nicht. Die Betriebsratsarbeit ist vielseitig. Daher wollen wir die Themen nicht durch Vorgaben einengen.

Eine Auswahl fällt uns nie leicht, jährlich werden ca. 90 tolle Projekte eingereicht. Wichtig ist uns, etwas über die Ausgangslage und die Herangehensweise des Betriebsrats an ein Projekt zu erfahren. Welche konkreten Erfolge wurden mit dem Projekt erzielt? Wie ist der Betriebsrat vorgegangen und was ist an diesem Vorgehen und den Ergebnissen besonders innovativ? Ebenfalls ist uns die Übertragbarkeit des Projektes auf andere Betriebe, Unternehmen und Branchen sehr wichtig. Schließlich sollen die Projekte ja, und da schließt sich der Kreis, als Blaupause besonders erfolgreicher Betriebsratsarbeit auch für andere Gremien dienen.


Hinweis: In der Reihe „Nachgefragt" veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen ausführliche Stellungnahmen und Positionen von gewerkschaftlichen Experten/innen aus der Region Köln-Bonn. „Nachgefragt" bietet nicht nur ausführliche Hintergrundinformationen, sondern spiegelt immer auch die persönliche Sichtweise der jeweiligen Experten/innen wieder. Die Texte können für Medienberichterstattungen genutzt werden. Weitere Veröffentlichungen aus der Reihe „Nachgefragt" finden Sie auf unserer Internetseite www.koeln-bonn.dgb.de. Dort können Sie „Nachgefragt" auch als RSS-Feed abonnieren.

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