Deutscher Gewerkschaftsbund

01.05.2015
DGB-Jugend Köln

1. Mai 2015 in Köln: Rede von Jens Patzke

Es gilt das gesprochene Wort

Liebe Kolleginnen und Kollegen.

Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität – dafür stehen wir als Gewerkschaftsjugend.
Globalisierung fair und sozial gerecht zu gestalten, ihre Risiken zu begrenzen und ihre Chancen für alle Menschen erfahrbar zu machen – dieser Aufgabe stellen wir uns als Gewerkschaften jeden Tag, weltweit.
Dazu gehört für uns auch das Einsetzen für das Grundrecht auf Migration und Asyl -
dazu gehört für uns auch das Leitbild eines sozialen Europas der Gemeinsamkeit und Solidarität.

Doch wie nehme ich – als junger Menschen – das aktuelle Europa wahr?

In 2015 sind bereits mehr als 1750 Menschen auf der Flucht ums Leben gekommen. Ihre Boote kentern im Mittelmeer auf dem Weg nach Europa. Im ersten Quartal 2014 hat sich die Zahl der Toten gegenüber dem Vorjahreszeitraum verdreizigfacht. Ein weiterer Anstieg ist zu befürchten, da die meisten Menschen in den Sommermonaten aufbrechen.
Es ist unmenschlich und skandalös, Menschen, die vor schwierigen und oftmals lebensbedrohlichen Situationen in ihren Heimatländern und in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft fliehen, an den europäischen Grenzen abzuweisen, sie in Lager und Heime zu stecken oder billigend in Kauf zu nehmen, dass sie ertrinken. Das ist nicht meine Vorstellung einer gelungenen Flüchtlingspolitik!

Das Dublin – System sorgt dafür, dass Geflüchtete in Europa wie Stückgut hin- und hergeschoben werden, immer wieder in Haft oder obdachlos auf der Straße landen. Anstatt Geflüchtete als Menschen mit Menschenrechten zu begreifen und ihnen zu helfen, werden sie als Bedrohung für den westlichen Wohlstand diffamiert und die Abschottungsgesetze weiter verschärft. Der 10-Punkte-Plan, der nun beim Europäischen Rat beschlossen werden soll, reicht nicht aus. Er zielt vorrangig darauf ab, Menschen von der Flucht abzuhalten. Als Sofortmaßnahme muss die italienische Marineoperation Mare Nostrum reaktiviert und europäisch finanziert werden. Ein ziviler europäischer Seenotrettungsdienst muss aufgebaut werden. Der Ausbau von Frontex und die Verdoppelung des Etats ist keine Lösung! Frontex schützt die Grenzen, nicht die Menschen auf der Flucht.
Wir treten ein für Flüchtlingsschutz! Refugees are welcome – Kein Mensch ist illegal!

Was sehe ich noch, wenn ich auf den Staatenverbund Europa schaue?
Die desaströse Sparpolitik spaltet Europa. Die Jugendarbeitslosigkeit zählt ohne Zweifel zu den drängendsten und schwerwiegendsten sozial- und gesellschaftspolitischen Herausforderungen der europäischen Politik. Fast jeder vierte Jugendliche unter 25 Jahren in Europa hat keine Arbeit. Allein in Spanien und Griechenland sind weit über 50 Prozent ohne Job und auch in vielen anderen europäischen Ländern scheint die Jugend wenige Perspektiven zu haben. Außerdem ist meine Generation besonders stark von prekärer Beschäftigung betroffen.

Ich finde das gruselig, das macht mir und meiner Generation Angst! Wir sind so gut ausgebildet wie keine Generation vor uns, wir sind flexibler und wir sind kompromissbereit! Trotzdem gehen viele von uns jungen Menschen leer aus.
Jugend in Europa braucht sichere Zukunftsperspektiven. Der Einstieg in das Berufsleben ist dabei von zentraler Bedeutung. Das ist besonders wichtig, um an der Gesellschaft geleichberechtigt teilzuhaben. Egal wo in Europa!
Und – liebe Kolleginnen und Kollegen – Teilhabe und Mitbestimmung sind das was uns als Gewerkschaften auszeichnet! Lasst uns weiterhin gemeinsam unsere Stimme erheben gegen ein Europa der Isolation, der Ellenbogen und der Ausgrenzung! Mein Europa stell ich mir anders vor!

Wie sieht es hierzulande aus? Natürlich ist die Situation in Deutschland bei Weitem nicht mit der Griechenlands oder Spaniens zu vergleichen. Aber auch hier stehen viele junge Menschen ohne Perspektiven da. Denn im gleichen Zuge, wie die Arbeitslosigkeit zurückgegangen ist, ist der Anteil der jungen Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen rasant angestiegen.
Die offizielle Arbeitslosenstatistik zeigt nur einen kleinen Teil der Lebensrealität und der Probleme meiner Generation. Noch immer befinden sich viele junge Menschen in den verschiedenen Maßnahmen des Übergangssystems ohne anschließende Perspektive und  - liebe Kolleginnen und Kollegen – sie werden in der Statistik nicht mitgezählt.
Gleichzeitig wird der Schrei der Arbeitgebenden lauter: Fachkräftemangel!! Wie passt das zusammen liebe Kolleginnen und Kollegen?

Tatsache ist, dass in unserem Bundesland einerseits nicht alle Bewerberinnen und Bewerber mit einem Ausbildungsplatz versorgt werden, andererseits nicht alle Ausbildungsplätze besetzt werden können.  Es ist richtig, dass immer mehr Arbeitgebende feststellen, dass sie keine geeigneten Bewerberinnen und Bewerber für ihre Ausbildungsplätze finden. Schlussendlich bleiben sogar Ausbildungsplätze unbesetzt.

Auf der anderen Seite: Rund 24 000 Jugendliche, die sich bei der Regionaldirektion für Arbeit NRW für eine Ausbildung beworben haben, sind im letzten Jahr leer ausgegangen. Während 6 500 von ihnen nun gar keiner Beschäftigung nachgingen, wurden mehr als 17 000 im sogenannten „Übergangssystem“ geparkt oder haben sich mangels eines Ausbildungsplatzes selber eine Alternative gesucht.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass immer mehr junge Menschen den Weg an die Hoch- und Fachhochschulen wählen. Umso wichtiger ist es, dass wir die Attraktivität der dualen Berufsausbildung steigern. Betriebe müssen den jungen gut ausgebildeten Menschen eine Berufsausbildung schmackhaft machen. Hier spielen neben Arbeitsbedingungen und Vergütung auch die Möglichkeiten der Weiterbildung nach der Berufsausbildung und die Übernahme eine entscheidende Rolle. Wer junge Menschen ansprechen möchte, sollte ihnen Perspektiven aufzeigen.

Unternehmen dürfen aber den Blick nicht nur auf leistungsstarke Schülerinnen und Schüler richten. Wir müssen auch den jungen Menschen, die mittlere oder niedrigere Qualifikationen aus den Schulen mitbringen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt geben.
Natürlich sind Schulabgängerinnen und -abgänger noch nicht fertig ausgebildet. Dies soll ja auch während der Ausbildung geschehen. Mir scheint, dass die Erwartungshaltung der Arbeitgebenden gegenüber den jungen Menschen stetig steigt. Die Verantwortung für die Misere wird häufig den Jugendlichen selbst in die Schuhe geschoben. Dabei kann von der oftmals so genannten „mangelnden Ausbildungsreife“ keine Rede sein: Noch nie gab es so viele hochqualifizierte Bewerberinnen und Bewerber wie im vergangenen Jahr. Tatsache ist doch: Viele Betriebe kommen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht mehr nach. Aber wer nicht ausbildet und qualifiziert, soll von Fachkräftemangel schweigen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

In diesem Jahr jährte sich zum 70. Mal der Tag der Befreiung von Auschwitz. Als Gewerkschafsjugend stehen wir für eine demokratische und antifaschistische Gesellschaft. Wir beziehen Stellung und bekämpfen Nazis. In Zeiten, in denen sich immer mehr rechte Gruppierungen formieren und mit abstoßenden und rassistischen Parolen über unsere Straßen ziehen, Zeiten in denen Menschen auf der Flucht in diesem Land sich bedroht fühlen und in Zeiten in denen Floskeln wie „Ich bin kein Rassist, aber..“ wieder Einzug in die Kommunikation in der Mitte der Gesellschaft halten, gilt es erst Recht laut und bestimmt dagegen zu halten. Mit unserer Erinnerungsarbeit an historische Ereignisse der NS-Zeit wollen wir eine Grundlage zur Gestaltung einer menschenwürdigen und solidarischen Zukunft schaffen.
Es liegt in der Verantwortung der heutigen Generationen, die Erinnerung wach zu halten – reflexiv, politisch und gegenwärtig.
Der 70. Jahrestag der Befreiung ist ein wichtiger Anlass ein aktives Gedenken zu begehen. Wir werden deshalb im Juni in einem großen Bündnis nach Oswiecim fahren und der Opfer gedenken.
Das Konzentrationslager Auschwitz war das größte Vernichtungslager im Dritten Reich. Millionen Menschen wurden Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen. Die Shoah ist Teil der deutschen Geschichte. Wir haben die Verantwortung das Gedenken an sie lebendig zu halten,

DAMIT Auschwitz nie wieder sei!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich wünsche euch einen kämpferischen Tag der Arbeit. Der 1. Mai ist unser Tag!! Glück auf!


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Dieser Artikel gehört zum Dossier:

1. Mai 2015 in der Region Köln-Bonn

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