Deutscher Gewerkschaftsbund

19.04.2011

Nachgefragt: Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen

Laut Statistik der Arbeitsagentur haben 55% der hier lebenden arbeitslosen Migrantinnen und Migranten keinen anerkannten Berufsabschluss - bei den Langzeitarbeitslosen sind es 78%. Diese Zahlen vermitteln den Eindruck, dass die meisten Bezieherin-nen und Bezieher von Arbeitslosengeld unqualifiziert sind. Dem ist aber nicht so. In Deutschland leben ca. 300.000 Menschen, die im Ausland erfolgreich eine Hochschulausbildung abgeschlossen haben. Allerdings werden viele dieser Abschlüsse hier nicht anerkannt.

Frage: Der Deutsche Gewerkschaftsbund fordert die Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen. Warum?

Jörg Mährle: Es gibt viele hochqualifizierte Migrantinnen und Migranten in Deutschland, die keine, ihrer Qualifikation angemessene, Beschäftigung finden: Irakische Ingenieure, die als Taxifahrer arbeiten; russische Programmierer, die auf dem Bau arbeiten; kasachische Biologinnen, die als Reinigungskräfte arbeiten. Für mich gibt es deshalb zwei wesentliche Gründe für die Forderung nach einer staatlichen Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen. Zum einen hilft sie den Arbeitgebern, unterschiedliche Qualifikationen bei der Personalauswahl zu vergleichen. Das erleichtert meiner Meinung nach den qualifizierten Migrantinnen und Migranten den Zugang zu einer angemessenen Beschäftigung. Zum anderen ist die Anerkennung ein wichtiger Schritt in der Integrationspolitik. Mit der formalen Anerkennung von Abschlüssen und Qualifikationen wird auch die Lebens-  beziehungsweise Ausbildungsleistung der Migrantinnen und Migranten in den Heimatländern akzeptiert. Ich halte das für ein längst überfälliges Signal in Richtung der Menschen, die nach Deutschland eingewandert sind.

Frage: Wird sich durch eine Anerkennung die Beschäftigungssituation für Menschen mit Migrationshintergrund grundsätzlich verbessern?

Jörg Mährle: Die Beschäftigung ist nicht nur abhängig von einer formalen Anerkennung, sondern vom Arbeitsmarkt. Ein Beispiel: Bei der Arbeitsmigration der 50er, 60er und 70er Jahre spielten formale Qualifikationen, Sprache und kulturelle Unterschiede kaum eine Rolle. Damals fehlten Arbeitskräfte und die Betriebe haben nach Wegen gesucht, den Arbeitskräftebedarf zu decken. Für die meisten Tätigkeiten gibt es übrigens keine Zulassungsbeschränkungen. Betriebe sind in weiten Bereichen überhaupt nicht gezwungen, auf formale Qualifikationen zu achten. Aber der Arbeitsmarkt sieht heute anders aus: In Zeiten von hoher Arbeitslosigkeit spielen Auswahlkriterien wie Sprache oder formale Qualifikation eine große Rolle. Und natürlich haben sich auch die Anforderungen in der Arbeitswelt verändert. Einfache Tätigkeiten wurden in den letzten 30 Jahren drastisch abgebaut. Die Qualifikationsanforderungen an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben in der Vergangenheit immer mehr zugenommen.

Jörg Mährle

Jörg Mährle

Frage: Das hört sich so an, als ob sich durch eine Anerkennung die Situation nicht deutlich verbessert.

Jörg Mährle: Aus meiner Sicht reicht es nicht aus, die Diskussion über die Anerkennung von Qualifikationen isoliert zu führen. Die Anerkennung ist wichtig und richtig. Sie alleine löst aber die Probleme nicht. Auch hier ein Beispiel: Mit dem Einigungsvertrag wurden alle Qualifikationen der DDR automatisch anerkannt. Diese formale Anerkennung hat aber nicht dazu geführt, dass bestimmte Berufsbilder, die es nur in der DDR gab – ich denke da an den Traktoristen – im vereinten Deutschland eine Zukunft hatten. Es geht also um mehr. Parallel zur Anerkennung brauchen wir eine aktivere Arbeitsmarktpolitik. Es haben doch nicht nur Migrantinnen und Migranten Probleme, eine angemessene Beschäftigung zu finden. Ein Blick in die Arbeitslosenstatistik reicht aus, um zu sehen, dass beispielsweise auch ältere Menschen derzeit auf dem Arbeitsmarkt nur geringe Chancen haben – losgelöst von ihrer Qualifikation oder Herkunft. Arbeitslose über 50 Jahre sind nur schwer in Arbeit zu vermitteln. Und wenn man sich Berufseinstieg von Jugendlichen nach Abschluss ihrer Ausbildung ansieht – überwiegend in befristete Beschäftigung und/ oder in Leiharbeit – wird doch deutlich, dass etwas auf dem Arbeitsmarkt nicht stimmt. Betriebswirtschaftliche Kennziffern dominieren den Arbeitsmarkt und die Menschen. Jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland arbeitet heute im Niedriglohnsektor. Wenn DAX-Konzerne Massenkündigungen aussprechen, steigen die Börsenkurse. Die politische Diskussion beschränkt sich meiner Meinung nach viel zu sehr darauf, Wege zu finden, die Menschen dem Arbeitsmarkt anzupassen, statt darüber nachzudenken, durch welche veränderten Rahmenbedingungen es sich für Betriebe lohnt, Menschen einzustellen und gute Arbeitsplätze anzubieten.

Frage: Wird der oft beschworene Fachkräftemangel die Situation auf dem Arbeitsmarkt entspannen?

Jörg Mährle: Fachkräftemangel ist zuerst einmal ein politisches Schlagwort. Es ist doch überhaupt nicht allgemeinverbindlich definiert, was Fachkräfte sind. Ist man automatisch eine Fachkraft, wenn man eine abgeschlossene Berufsausbildung oder einen Hochschulabschluss hat? Ich meine ja. Wenn ich mir die Arbeitslosenstatistiken ansehe oder aber die Arbeitsbedingungen von vielen jungen Berufseinsteigern oder die Chancen von Älteren auf dem Arbeitsmarkt, dann zeigt sich ein anderes Bild. In einigen Branchen gibt es einen Bedarf an Arbeitskräften und in anderen eben nicht. Dort, wo Arbeitskräfte gesucht werden, spricht die Wirtschaft gerne von einem Fachkräftemangel. Umgekehrt gilt das aber nicht. In den Branchen, die qualifiziertes Personal abbauen, spricht man nicht von einer Arbeitslosigkeit unter Fachkräften oder von einem Fachkräfteüberschuss. Um aber auf die Frage zurückzukommen: Der demographische Wandel hat und wird auch künftig in einigen Branchen zu einer Entspannung führen.

Frage: Zurück zur Diskussion über die Anerkennung von Abschlüssen. Wie weit sind wir in diesem Prozess?

Jörg Mährle: Es gibt schon gesetzliche Regelungen zur Anerkennung. Neben dem Einigungsvertrag gibt es auch Regelungen im Bundesvertriebenengesetz für Aussiedler und es gibt eine EU-Richtlinie für EU-Bürger und Bürgerinnen. Diese Regelungen sind aber unübersichtlich und damit keine wirkliche Hilfe. Es fehlt an Transparenz und einer klaren Zuständigkeit. Alle diese bestehenden Regelungen gelten aber nicht für sogenannte Drittstaatenangehörige, d.h. sie gelten nicht für Menschen, die von außerhalb der EU eingewandert sind – und das ist die Mehrheit der hier lebenden Migrantinnen und Migranten. Die Bundesregierung will aber noch in diesem Jahr ein Anerkennungsgesetz verabschieden und damit ein schnelleres, einfacheres, transparentes Verfahren einleiten. Allerdings steckt dabei die Tücke im Detail.

Frage: Warum? Wo genau liegen die Probleme?

Jörg Mährle: Ein Problem liegt darin, dass es in anderen Ländern Berufsbilder und Ausbildungsformen gibt, die wir hier nicht kennen. Ein Beispiel: In China gibt es ein Berufsbild, das man am anschaulichsten mit dem Begriff „Nudelkoch“ übersetzen kann. „Nudelkoch“ ist ein sehr angesehener und hoch spezialisierter Beruf mit einer langen Lehrzeit. Im Prinzip geht es um die Herstellung von Nudeln bzw. von Nudelsuppen. Das Problem liegt auf der Hand: Ist ein Nudelkoch gleichzusetzen mit einem Koch? Ist er nur ein „halber Koch“ oder ist er im deutschen Ausbildungssystem ein Hilfskoch? Ist jemand, der sechs Jahre in Tunesien Obst und Gemüse verkauft hat, mit dem Berufsbild „Verkäufer“ zu vergleichen? Oder ist er nur zu 60 Prozent ein Verkäufer und ist er damit zu 40 Prozent ein Einzelhandelskaufmann? Im Prinzip muss ich mir alle jeweiligen ausländischen Berufsbilder ansehen, um sie mit dem deutschen Ausbildungssystem zu vergleichen. Notfalls braucht man zur Anerkennung ein individuelles Kompetenzfeststellungsverfahren – neudeutsch Profiling genannt – um Qualifikationen festzustellen und muss dann notfalls Teilqualifikationen bescheinigen.

Frage: Das hört sich sehr kompliziert an …

Jörg Mährle: … und das ist es auch. Es wird sogar noch komplizierter, weil individuelle Kompetenzfeststellungsverfahren immer auch eine subjektive Komponente haben. Damit besteht die Gefahr, dass ein Kompetenzfeststellungsverfahren in Köln anders läuft als in Leipzig oder Norden-Norddeich, was zwangsläufig zu Klagen führen muss. Und wenn abschließend Teilqualifikationen bzw. Teilkenntnisse bescheinigt werden, stellen sich die Fragen, wie diese Teilqualifikationen auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt werden und welche Auswirkung die Bescheinigung von Teilqualifikationen auf das duale Ausbildungssystem haben.

Frage: Welche Auswirkungen auf das Ausbildungssystem befürchtest Du?

Jörg Mährle: Das deutsche Ausbildungssystem hat aus Sicht von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern einen unschätzbaren Vorteil: Die Abschlüsse sind vergleichbar. Es ist unerheblich, ob beispielsweise Bürokaufleute in Stuttgart, München oder Rostock ausgebildet werden. Die Ausbildungsinhalte sind gleich. Bürokaufleute aus Süddeutschland können sich daher problemlos auf entsprechende Stellen in Norddeutschland bewerben – und umgekehrt. Duale Berufsabschlüsse sind darüber hinaus ein anerkanntes Qualitätskriterium. Da sie breit angelegt sind, bieten sie den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern die größte Chance auf Beschäftigung und sind Grundlage für berufliche Mobilität und Flexibilität. Dieses System darf meiner Meinung nach nicht gefährdet werden. Teilqualifizierungen engen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bei der Stellensuche ein. Sie sind aus gewerkschaftlicher Sicht keine vollwertige Ausbildung. Die Bescheinigung von Teilqualifikationen für Migrantinnen und Migranten muss daher so gestaltet werden, dass sie eine Brücke in das deutsche Ausbildungssystem baut. Ziel muss dabei sein, nach der Bescheinigung von Teilqualifikationen eine zielgenaue Anpassungsqualifizierung aufzubauen, an deren Ende vollwerte, anerkannte und nachgefragte Berufsbilder stehen. Hier in Köln gibt es beispielsweise das Modellprojekt „Matze“, bei dem russischsprachige Migrantinnen und Migranten über eine Anpassungsqualifizierung eine Brücke in das deutsche Berufsbildungssystem erhalten. Dieser Weg muss konsequent ausgebaut werden

Frage: Wie geht es weiter?

Jörg Mährle: Die Bundesregierung muss schnell einen gesetzlichen Rahmen schaffen. Kanzlerin Merkel hat angekündigt, dass dieser Rahmen in 2011 verabschiedet werden soll. Ich halte es aber für unerlässlich, dass die Sozialpartner – Arbeitgeber und Gewerkschaften – und die Wirtschaftskammern schon sehr früh am den Gesetzesvorhaben und dessen Umsetzung beteiligt werden, da die Sozialpartner und Kammern nach dem Berufsbildungsgesetz diejenigen sind, die für die berufliche Bildung zuständig sind. Parallel müssen Wege für zielgenaue Anpassungsqualifizierungen entwickelt werden. Und schließlich brauchen wir einen gesetzlichen Rahmen, der die oben skizzierten Fehlentwicklungen des Arbeitsmarktes beseitigt und betriebswirtschaftliche Anreize schafft, Menschen einzustellen und „Gute Arbeit“ anzubieten.


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