Deutscher Gewerkschaftsbund

15.01.2018

Neujahrsempfang 2018 in Bonn: Rede von Maximilian Hoever und Felix Olbertz


Es gilt das gesprochene Wort


Liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren,

wir bedanken uns sehr herzlich beim DGB-Kreisvorstand und besonders bei Judith Gövert, Jörg Mährle und Bernd Weede für die Gelegenheit, beim heutigen Neujahrsempfang eine Rede halten zu dürfen.

„Wir“, das sind

Maximilian Hoever – er ist Auszubildender der Gesundheits- und Krankenpflege, Vorsitzender der örtlichen Jugend- und Auszubildendenvertretung am Helios Klinikum in Siegburg und Vorsitzender der Konzernjugend- und Auszubildendenvertretung der Helios Kliniken und
mein Name ist Felix Olbertz und ich arbeite als Jugendsekretär im ver.di Bezirk Köln-Bonn-Leverkusen und begleite somit Auszubildende, dual Studierende und junge Beschäftigte in ihrem gewerkschaftlichen Engagement.
Entschuldigen müssen wir unsere Kollegin Alina Kobold. Sie war für unseren heutigen Auftritt eingeplant, kann aber leider wegen eines Trauerfalls in ihrer Familie heute nicht hier sein.
 

Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

vor uns liegt ein spannendes Jahr 2018 mit vielen großen Themen:

Die Bildung einer Bundesregierung. Wird es zu einer neuen großen Koalition kommen, wie sieht der in den letzten Wochen oft beschworene „neue Politikstil“ aus?
zwei Landtagswahlen in Bayern und in Hessen, die viel Spannung versprechen. Vor allem die hessische Landespolitik ist ja auch für Kopf-an-Kopf-Rennen der Parteien und exotische Regierungskoalitionen bekannt.
Die Betriebsratswahlen nach Betriebsverfassungsgesetz im Frühjahr, die für die DGB-Gewerkschaften von immenser Bedeutung sind. Hier gilt es für uns, aktive Kolleginnen und Kollegen aus unseren Strukturen und somit unsere gemeinsamen Ideale der Solidarität und der guten Arbeit zu stärken und zu verhindern, dass die rassistischen, antisemitischen und geschichtsvergessenen Rechtspopulistinnen und –populisten aus dem Umfeld der AfD die Gremien der betrieblichen Mitbestimmung für ihre Hetze instrumentalisieren und missbrauchen!
Große Tarifauseinandersetzungen. Wir grüßen solidarisch die Kolleginnen und Kollegen der IG Metall, die sich aktuell in der Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie für eine höhere finanzielle Wertschätzung und mehr Freizeit einsetzen!

Im ver.di-Organisationsbereich werfen die Tarifrunden im öffentlichen Dienst, bei Post und Telekom ihre Schatten voraus und wir sind sehr gespannt auf den Verlauf dieser Auseinandersetzungen mit der Arbeitgeber-Seite.
 

Doch wie geht es eigentlich jungen Menschen zu Beginn dieses doch so spannenden Jahres? Wie ist die Situation von Auszubildenden und dual Studierenden?

Darauf wollen wir Ihnen und Euch in den nächsten Minuten eine Antwort geben.

Wie Sie sehen können, haben wir uns dafür heute nicht besonders schick angezogen, sondern sind in unserer Alltagskleidung hierhingekommen, so wie unsere ganze Generation jeden Tag gekleidet ist.

Wenn wir die Situation von jungen Menschen in Ausbildung und Studium in einem Wort zusammenfassen müssten, dann wäre wohl nur ein Wort passend: DELUXE!

Das Wort „deluxe“ haben Sie sicherlich schon einmal gehört. Wir haben es uns natürlich nicht nehmen lassen, Ihnen und Euch trotzdem eine kurze Definition mitzubringen: Das Wort kommt aus dem Französischen und bedeutet „mit allem Luxus ausgestattet“.

Wir wollen Ihnen diese Zusammenfassung der Situation junger Menschen natürlich ein wenig genauer erläutern:

Sehr geehrte Damen und Herren,

lassen Sie mich mit Ihnen auf eine kleine Reise gehen, auf der Sie vor allem eins sehen werden:

Wunder!

Doch zu Beginn ein paar kurze Worte, die Ihnen vielleicht helfen unsere Reise zu verstehen.

Wir leben im 21. Jahrhundert und die Generation, die jetzt das Ruder übernehmen soll wird liebevoll die „generation z“ genannt.

Warum auch immer „z“? Das Z ist ja eigentlich der letzte Buchstabe unseres Alphabets und danach kommt nichts mehr, aber naja… das ist wohl ein anderes Thema.

Dieser Generation wird nachgesagt, das sie auf einem „Kuschelkurs“ durch die Welt geht und für eine Revolution wie die in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts ungeeignet wäre. Sie beugt sich dem System und ist wie man so schön sagt „harmlos“. Sie ist auch nicht flexibel genug sagt man, aber naja kommen wir später noch einmal dazu.

Damit wir unsere Reise starten können würde ich Sie bitten Ihre Augen zu schließen und aufmerksam meiner Stimme durch die Welt der Krankenhäuser zu folgen.

Stellen Sie sich nun einmal vor Sie stehen am Anfang eines Flures. Dieser Flur kann alle erdenklichen Ausmaße haben. Doch, und das ist wichtig für die Reise, er befindet sich in einem Krankenhaus. Auf diesem Flur sehen Sie, wie Menschen in weißen Kitteln in Zimmer gehen und auch wieder herauskommen. Diese Menschen wirken beschäftigt, doch nicht gestresst. Ihnen macht die Arbeit Spaß. Sie können sich nichts Besseres vorstellen.

Nun schreiten Sie weiter über den Flur. Sie begegnen diesen Menschen. Und sie erinnern sich daran, dass Ihnen immer wieder gesagt wird, dass es einen Personalmangel gibt. Doch wo fragen Sie sich. Sie sehen ja vielen Menschen auf diesem Flur.

Die Menschen, die Sie sehen können vor Ihrem inneren Auge, sind Auszubildende. Jetzt könnte man sagen: „Das ist ja schrecklich, das nur Auszubildende die Arbeit machen!“ Aber wieso aufregen? Schließlich können Sie hier in Ruhe, eigenständig und selbstbestimmt arbeiten. Und die Beziehung zum Patienten ist auch viel inniger.

Nun bitte ich Sie die Augen wieder zu öffnen.

Diese Auszubildenden, die Sie eben gesehen haben brauchen auch keine Praxisanleitung.

Auch wenn diese vom Gesetzgeber vorgeschrieben ist, können sie doch schon alles und müssen es nicht erst gezeigt bekommen.

Außerdem würde dann ja Zeit für die Versorgung der Patienten fehlen. Und das will man ja auch nicht. Der Patient will ja schließlich schnell und gut versorgt sein.

Und um wieder zurück zu kommen auf die „generation z“ sprechen wir auch gleich mal das „Stationshopping“ an. Diese unplanmäßigen Versetzungen auf andere Stationen finden zwar statt. Aber seien wir doch mal ehrlich, geschadet hat es bis jetzt noch niemandem. Eher kann man davon profitieren als Auszubildender. Wie könnte man besser lernen sich in ein neues Team einzufinden und auch mit plötzlich neuen Situationen umzugehen. Die Liste von Vorteilen könnte man ewig weiter führen, doch das würde jetzt den Rahmen hier sprengen.

Und das wichtigste überhaupt ist ja, das es zeigt wie flexibel wir also wirklich sind.

Ach ja eins habe ich vergessen. Den Urlaub.

Für alle ist er wichtig aber wann soll man ihn nur nehmen? Ich meine das Jahr hat 12 Monate oder auch 365 Tage. Die Auswahl ist einfach zu groß, um das selber machen zu können. Zuhause kommt es andauernd zu Streit, weil man sich nicht einigen kann. Aber dem kann unter anderem auch mein Arbeitgeber entgegenwirken. Er verplant meinen Urlaub für mich und lässt mir nur noch 5 Tage übrig, die ich selber verplanen darf.

Es geht aber noch besser. Manche lassen gar keinen Urlaubstag zur freien Verfügung. Und so entgeht man jeglichem Stress. Was ein Komfort sich keine Gedanken um unnötige Dinge machen zu müssen.

Doch nun kehren wir wieder aus der deutschen Krankenhauslandschaft zurück und ich danke Ihnen jetzt schon einmal für die Aufmerksamkeit.

Ähnlich „deluxe“ oder luxuriös wie in den Krankenhäusern der Region ist die Situation von Nachwuchskräften in anderen Betrieben und Dienststellen.

Viele junge Menschen, die für Ausbildung oder Studium nach Bonn kommen, sind von Anfang an „versnobt“. Sie suchen sich keine Wohnungen mehr in der Bonner Innenstadt, weil ihnen das Leben in der Großstadt mit den vielen Freizeit- und Einkaufsmöglichkeiten und der guten Verkehrsanbindung nicht gefällt. Vielmehr zieht es sie in die Randbezirke der Stadt, wo eben nicht alle 10 Minuten ein Bus oder eine Bahn kommt und man schon einmal weitere Strecken zum nächsten Supermarkt zurücklegen muss. Das ist der tägliche Nervenkitzel für junge Leute, den man braucht!

Bei der Deutschen Telekom AG sind viele dual Studierende durch ihre Betriebseinsätze so entspannt, dass sie ihren Erholungsurlaub nicht dafür nutzen eine Pause vom Arbeitsalltag zu machen, sondern sich auf Klausuren an der Hochschule vorzubereiten. Im Jahr 2016 betraf das nach einer Auswertung der Auszubildendenvertretung 1120 Tage (bezogen auf rund 300 Studierende). Mailand, Madrid oder ein Urlaub am Ballermann geben den jungen Kolleginnen und Kollegen offensichtlich nicht die Entspannung, die sie beispielsweise durch die Vorbereitung auf eine Klausur im Fach „Rechnungswesen“ erlangen können.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren,

wenn wir aktuell in die Innenstädte in Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis schauen, dann fällt Ihnen und uns sicherlich eine Sache auf: Der Kaufrausch von jungen Menschen ist nicht aufzuhalten.

Eine Rolex, ein Maserati, das neue Iphone X oder die neuesten Sneaker von Nike oder Adidas mit Blattgold-Überzug. All diese Dinge können sich Menschen in Ausbildung und Studium locker gönnen.

Kein Wunder – sind doch die Vergütungen der Auszubildenden und Studierenden exorbitant hoch. Haben Sie sich schon einmal überlegt, was sie alles von 480 € brutto im Monat kaufen könnten? Diese immens hohe Summe bekommen Auszubildende im Friseur-Handwerk. Wir finden: Läuft bei denen!

Einigen Auszubildenden geht es sogar so gut, dass sie auf eine Vergütung während ihrer Ausbildung komplett verzichten! Kolleginnen und Kollegen am Universitätsklinikum, die zu Orthoptist_innen oder MTAs ausgebildet werden, wollen stattdessen lieber das Bonner Nachtleben aus der Perspektive von Kellner_innen kennenlernen oder aber die Verbindung zu ihren Eltern soweit stärken, dass sie sich dafür entscheiden, auch mit Anfang 20 noch zuhause zu wohnen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren,

Spaß beiseite! Hoffentlich haben sie während der vergangenen Minuten bereits gemerkt, dass unsere Darstellungen nicht ganz ernst, sondern sarkastisch gemeint waren.

Der Alltag von vielen Auszubildenden und dual Studierenden ist leider in Realität nicht „deluxe“ oder „purer Luxus“, sondern vielmehr der reine Wahnsinn!

Ob im Krankenhaus, bei der Post oder der Telekom, im Friseurhandwerk oder in vielen anderen Bereichen erleben junge Menschen täglich, dass der Start ins Berufsleben eben kein Zuckerschlecken ist.

Beispiele sind:

Eine viel zu geringe Ausbildungsvergütung, von der man sich eben nicht ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben im Ballungsgebiet aufbauen kann.
Personalmangel (z.B. und vor allem im Krankenhaus), der auch und vor allem große Auswirkungen auf die Qualität von Ausbildungen hat. Wie sollen junge Menschen etwas lernen, wenn niemand da ist, der Zeit und Energie hat, ihnen etwas beizubringen, sondern man vielmehr an allen Ecken und Enden aushelfen muss, damit der Laden irgendwie weiterläuft?
Fehlende Regelungen auf der „Spielwiese“ duales Studium: Immer mehr junge Leute entscheiden sich für dieses Modell zwischen der klassischen Ausbildung und dem reinen Hochschul-Alltag. Doch es fehlt an gesetzlichen sowie oftmals an guten tariflichen und betrieblichen Rahmenbedingungen. Leider gibt es von Seiten der Politik und von Seiten der Arbeitgeber nur sehr wenig Initiative und Bereitschaft, hier Standards zu setzen, die den Studierenden ein qualitativ hochwertiges Studium ermöglichen.
 
Wir als Gewerkschaftsjugend wollen uns in diesem Jahr wieder mit allen Mitteln dafür einsetzen, dass sich an dieser prekären Situation von Auszubildenden und dual Studierenden etwas ändert.

Dafür arbeiten Jugend- und Auszubildendenvertretungen in vielen Betrieben und Dienststellen täglich zusammen mit Betriebs- und Personalräten. Wir wollen dafür sorgen, dass die Qualität der Ausbildung und des Studiums gewährleistet ist, damit ein guter Start ins Erwerbsleben gesichert ist und die Grundlagen für einen erfolgreichen Karriereweg gelegt werden!
Dafür setzen wir uns in diesem Jahr in vielen Tarifauseinandersetzungen ein, z.B. im öffentlichen Dienst, bei der Deutschen Post AG und bei der Deutschen Telekom AG. Zentral ist dabei unser Anspruch, dass die Vergütungen der jungen Menschen deren selbstbestimmte Existenzen sichern müssen.
Dafür nutzen wir unsere Möglichkeiten, um mit der Politik und mit Bündnispartner_innen ins Gespräch zu kommen. Wir wollen, dass das Berufsbildungsgesetz endlich reformiert wird! Wir wollen, dass die Politik ihrer Verantwortung gerecht wird und gesetzliche Rahmenbedingungen für eine gute Ausbildung und ein gutes Studium auf die Anforderungen des Jahres 2018 anpasst!
Wir laden Sie und Euch sehr herzlich ein, uns auf diesem Weg zu begleiten und zu unterstützen. Wir kämpfen für gute Ausbildungs- und Studienbedingungen. Denn alles andere wäre Wahnsinn!

Wir wünschen Ihnen und Euch für 2018 alles Gute, Gesundheit und Erfolg!


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