Deutscher Gewerkschaftsbund

Fakten statt Zerrbilder

21.03.2017

Jugendliche wollen eine Ausbildung – keine »Maßnahme«

Die BDA behauptet, es gebe mehr offene Ausbildungsplätze als unversorgte Bewerber/innen. Geeignete Auszubildende würden händeringend gesucht. Diese Aussage schönt die tatsächliche Lage am Ausbildungsmarkt – und steht auch im Widerspruch zum »Nationalen Bildungsbericht 2016« (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2016).

Der Bildungsbericht zählt anders als die BDA: Auch im Jahr 2016 gab es 20.550 junge Bewerber/innen, die weder einen Ausbildungsplatz noch eine Ersatzmaßnahme bekommen haben. Es ist zwischen DGB, Bildungsbericht und BDA unstrittig, dass diese Jugendlichen als unversorgt gezählt werden müssen.

2016: 80.603 ohne Ausbildungsplatz

Die BDA sieht aber auch Jugendliche als »versorgt« an, die von der BA als »ausbildungsreif« eingestuft wurden und trotzdem in Ersatzmaßnahmen (Praktika, Einstiegsqualifi zierungen, berufsvorbereitende Maßnahmen etc.) »geparkt« wurden. Von diesen Jugendlichen haben aber allein 2016 exakt 60.053 junge Menschen der BA angezeigt, dass sie aktuell noch einen Ausbildungsplatz suchen. Um ein realistischeres Bild der Lage auf dem Ausbildungsmarkt zu bekommen, müssten nach Auffassung der Autoren des Nationalen Bildungsberichts und des DGB zumindest diese Jugendlichen als unversorgt eingestuft werden. Damit blieben allein 2016 insgesamt 80.603 Bewerber/innen ohne Ausbildungsplatz (Matthes et al. 2016).

Damit standen 2016 den ca. 43.000 unbesetzten Ausbildungsplätzen mindestens 80.603 junge Menschen gegenüber, die eine Ausbildung machen wollen, aber keinen Ausbildungsplatz fi nden konnten. Für einen jungen Menschen, der eine Ausbildung sucht, ist das Parken in einer »Ersatzmaßnahme« wie einem Praktikum oder einer Berufsvorbereitenden Maßnahme vertane Zeit und wird seinem Ausbildungswunsch nicht gerecht. Für ihn gibt es kein adäquates Angebot am Ausbildungsmarkt.

Mehr noch: Rund 270.000 Jugendliche steckten in den zahllosen Maßnahmen im Übergang von der Schule in die Ausbildung fest (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2016: 102). Die Mehrheit hat einen Hauptschulabschluss (47,7 Prozent) oder einen mittleren Abschluss (26,8 Prozent). Seit mehr als zwanzig Jahren liege bei den betrieblichen Ausbildungsplätzen das Angebot unterhalb der Nachfrage, heißt es folglich im Nationalen Bildungsbericht 2016 (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2016).

Zwei Millionen ohne Berufsabschluss

Die Folge: Laut Bundesregierung haben fast zwei Millionen Menschen im Alter von 20 bis 34 Jahren keinen Berufsabschluss. Das sind 13,3 Prozent dieser Altersgruppe (BMBF: 2016: 71). Die hohe Zahl der jungen Menschen ohne Berufsabschluss passt nicht zu den Erfolgsmeldungen der BDA. Wenn es tatsächlich seit Jahren einen Bewerber/ innenmangel in der Berufsbildung gäbe, müsste auch die Zahl der Ausbildungslosen deutlich niedriger ausfallen.

Fazit: Offenbar will die BDA die hohe Zahl der Ausbildungslosen nicht zur Kenntnis nehmen. Für die Gesellschaft birgt das sozialen Sprengstoff. Diesen Menschen droht ein Leben in Arbeitslosigkeit oder prekärer Beschäftigung.

Die Arbeitslosigkeit bei Geringqualifizierten liegt bei 20,3 Prozent. Ein Großteil verdient unter zehn Euro pro Stunde – im Westen sind es 46, im Osten gar rund 60 Prozent (Bundesregierung 2016: 10).

Seit nunmehr einem Jahrzehnt lässt sich ein kontinuierlicher Abwärtstrend sowohl bei der Zahl als auch bei der Quote der ausbildenden Betriebe festhalten. Bildeten 2007 noch 24,1 Prozent aller Betriebe aus, waren es 2014 nur noch 20,3 Prozent (BIBB 2016: 209). Insgesamt bildeten 2007 noch 489.890 Betriebe aus. Im Jahr 2014 waren es lediglich 431.121. Damit haben wir innerhalb von sieben Jahren 58.970 aktive Ausbildungsbetriebe verloren.

Die BDA wertet die Zahlen zur Übernahme als Erfolg. Beim genaueren Hinsehen wird jedoch klar, dass jeder dritte Auszubildende nach dem erfolgreichen Abschluss einer Ausbildung keine Zukunft in seinem Ausbildungsbetrieb hat. Die Zahlen des Ausbildungsreports 2016 der DGB-Jugend (DGB 2016e) geben einen tieferen Einblick in die Situation von Auszubildenden kurz vor Ende ihrer Ausbildung: Im letzten Ausbildungsjahr wissen 44,4 Prozent noch nicht, ob sie nach der Ausbildung im Ausbildungsbetrieb übernommen werden.


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