Deutscher Gewerkschaftsbund

23.04.2018

Nachgefragt mit Damian Warias:

„Ich möchte mich besonders für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einsetzen, die im Handwerk arbeiten.“

Damian Warias ist seit 1. April 2018 neuer Gewerkschaftssekretär mit organisationspolitischen Aufgaben in der DGB-Region Köln-Bonn. Vorher hat er als Gewerkschaftssekretär bei der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt im Bezirksverband Köln-Bonn gearbeitet. Wir haben mit Damian Warias über seinen beruflichen und privaten Lebensweg sowie über die Pläne und Aufgaben für die Zukunft gesprochen.


Frage: Damian, wie bist Du zur Gewerkschaft gekommen?

Damian Warias: Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie, die sich an der Gründung der ersten freien polnischen Gewerkschaft „Solidarność“ beteiligte und die Ziele des Verbandes mit voller Überzeugung unterstützte. Arbeitspolitische und gewerkschaftliche Themen begleiteten mich deshalb mein ganzes Leben lang. Besonders die ökonomische Transformation in den 90-Jahren in Polen prägte mich, weil sie die Lebensbedingungen vieler Landsleute verschlechterte. Die polnische Gesellschaft wollte deshalb einen politischen und ökonomischen Wandel: einen „Kapitalismus mit menschlichem Gesicht“. In meiner Studienzeit in Krakau habe ich mich dafür politisch engagiert.

Nach dem Abschluss des Studiums in Krakau wechselte ich an die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Während des Studiums der Politischen Wissenschaft, Osteuropäischen Geschichte sowie Volkskunde konnte ich das breite Spektrum der soziopolitischen Themen und meine gewerkschaftlichen Interessen festigen. Meine Magisterarbeit beschäftigte sich dann auch mit einem gewerkschaftlichen Thema: „Die Beziehungen des DGB zu den polnischen Gewerkschaftsorganisationen in den Jahren der sozial-liberalen Koalition 1969-1982.“

Zugleich bin ich in meiner Studienzeit in Bonn Mitglied der Gewerkschaft Ver.di geworden.  Und das war mein erster Kontakt zur gewerkschaftlichen Familie in der Region Köln-Bonn.

Frage: Und was hat Dich zur Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt gebracht?

Damian Warias: Während meines Studiums in Bonn habe ich im Hotelgewerbe als Reinigungskraft gearbeitet. Ich konnte selbst erleben, wie schwer diese Arbeit ist und unter welchem Zeitdruck die Arbeitnehmerinnen reinigen müssen. Das Reinigungsgewerbe ist von der rechtlichen Unwissenheit der Beschäftigten, von Angst und von Sprachbarrieren gekennzeichnet. Viele Reinigungsfirmen nutzen das aus. Nach dem erfolgreichen Abschluss meines Studiums im Jahr 2011 habe ich mich bei der IG BAU, die für das Gebäudereinigungshandwerk zuständig ist, beworben. In den ersten Monaten bei der IG BAU war ich im Organizing-Projekt im Bankenviertel, in Frankfurt am Main eingesetzt. Das Projekt war im Bundesvorstand der IG BAU angesiedelt, um Reinigungskräften zu organisieren, die in den Hochhäusern mehrerer deutscher Großbanken, Versicherungen und anderen Finanzinstitutionen arbeiteten. Im Projekt konnte ich meine Branchenkenntnisse sehr gut zum Einsatz bringen.

Frage: Du hast uns gesagt, dass Du Dich für die Handwerker in der Region einsetzen willst. Woher kommt bei Dir das Interesse für das Handwerk?

Damian Warias: Nach der Rückkehr ins Rheinland habe ich die Bauhaupt- und Ausbaugewerbe im Bezirksverband Köln-Bonn übernommen. In der Branche läuft nicht alles rund! Es gibt viele Schwierigkeiten wie Fachkräftemangel, Leiharbeit, Subunternehmerketten, Scheinselbstständigkeit sowie nicht Einhaltung des Tariflohnes. Diese Probleme erfuhr ich direkt von den Handwerkern, die ich regelmäßig auf den Baustellen besucht habe. Diese Probleme führen unter anderem dazu, dass die Attraktivität des Handwerks als sichere und ehrliche Branche sinkt. Die Lohnprellerei am Bau gehört zum Alltag. Leider können wir nicht jede unehrliche Firma aufspüren. Als Gewerkschafter habe ich die Löhne für Bauarbeiter aus Portugal, Polen und Rumänien in Höhe von 125.000 Euro erkämpft.  Solche Praktiken verursachen ein Lohndumping in der Branche. Letztendlich leiden darunter alle Arbeitnehmer, die aus dem Ausland kommen und kein Geld bekommen sowie die Arbeitnehmer aus den regionalen Betrieben, die den Auftrag nicht erhalten haben. Der Überblick, den ich mir über die fünf Jahre bei der IG BAU verschafft habe, animierte mich dazu, mich für das Handwerk weiter zu engagieren.

Frage: Was läuft nach Deiner Meinung im Handwerk ansonsten noch nicht rund?

Damian Warias: Sorgen macht mir die steigende Tarifflucht von Handwerksbetrieben. Immer wieder höre ich, dass ein Betrieb aus der Innung ausgetreten ist. Noch problematischer finde ich, dass viele Betriebe in unserer Region noch nie im Verband organisiert waren und da herrschen bedauerlicherweise besonders schlechte Arbeitsbedingungen. Dies schwächt die Attraktivität von Handwerksberufen und fördert die Abwanderung von Fachkräften, oft in die Industrie. Es muss unbedingt dagegen gesteuert werden.

Die fehlenden Kontrollen des Zollamtes auf den Baustellen sind ein weiteres großes Problem. Die personellen Engpässe, die ziemlich spät von der Politik erkannt wurden, kann man nicht so schnell nachholen. Obwohl die Anzahl von den neuen Auszubildenden, die in der Zukunft als Zollbeamter/in arbeiten wollen, kräftig angestiegen ist, bleiben die regelmäßigen Kontrollen am Bau leider aus.

Ein weiteres Thema: Es ist dringend notwendig, die Handwerksstrukturen zu erneuern. Ich denke besonders an das Ehrenamt, das in der Vollversammlung der Handwerkskammer die Interessen der Beschäftigten vertritt. Die ehrenamtlichen Strukturen müssen zeitgemäß und attraktiv weiterentwickelt werden. Es gibt bereits ein Projekt „PerSe - Perspektive Selbstverwaltung“, das auf eine gemeinsame Erklärung des DGB, ZDH und BMWi zurückgeht, um das Ehrenamt im Handwerk zu fördern und zu unterstützen. Auch da muss die Arbeit vorangetrieben werden.

Frage: Wie willst Du Dich für das Handwerk in der Region stark machen?

Damian Warias: Das Handwerk ist eine tragende Säule des Mittelstandes. Wir als DGB sollten dazu beitragen, dass junge Menschen sich mit Freude für die handwerklichen Berufe entscheiden. Sie müssen bereits vor der Ausbildung sicher sein, dass das Handwerk ein sicherer und attraktiver Arbeitgeber ist. Der DGB fordert daher eine Mindestausbildungsvergütung. Durch Tarifflucht und die Weigerung, neue Tarifverträge abzuschließen, werden in manchen Branchen sehr niedrige Ausbildungsvergütungen bezahlt. Vorrang hat natürlich die branchenübliche tarifliche Ausbildungsvergütung. In anderen Fällen soll 80 Prozent der durchschnittlichen Ausbildungsvergütung des jeweiligen Ausbildungsjahres bezahlt werden.

Mit großer Freude unterstütze ich auch die Kampagne der DGB-Jugend, die die Einführung eines landesweiten Azubi-Tickets fordert. Wir müssen uns für unsere Auszubildenden stark machen und bei der Landespolitik, bei den Kammern und Unternehmen um Unterstützung werben.

Die Digitalisierung im Handwerk ist sicherlich eine der wichtigsten Aufgaben und Voraussetzungen für die Zukunft im Handwerk. Die Beschäftigten werden immer mehr davon betroffen. Damit sie mit dem rasanten digitalen Wandel Schritt halten, müssen die betrieblichen Mitbestimmungsgremien gestärkt bzw. bei der Gründung unterstützt werden. Aus der Praxis kann ich leider bestätigen, dass die Gründung eines Betriebsrates in kleineren Handwerksbetrieben äußerst schwierig ist. Er wird öfters von der Geschäftsführung nicht gewollt. Das Gremium selbst wird oft schlecht geredet. Wir müssen da herangehen und eine positive Mitbestimmungskultur fördern. Es gibt bereits Studien, die die positiven Effekte der betrieblichen Mitbestimmung belegen können. Betriebe mit Betriebsräten sind innovativer und fördern die Weiterbildung der Beschäftigten. Sie initiieren innovative Betriebsvereinbarungen beispielweise für digitale Stundenlisten oder für die Kontrollsysteme (GPS) und Maschinensteuerung. Sie helfen dabei, dass sich Betriebe zukunftsfähig aufstellen.

Wir danken Dir für das Gespräch und wünschen Dir viel Erfolg für deine neue Aufgabe.


Zur Person: Damian Warias wurde 1981 in Wadowice, Polen, geboren. Verheiratet und wohnt zurzeit in Meckenheim. Er studierte Internationale Beziehungen in Krakau und anschließend Politische Wissenschaft an der Universität Bonn. Von 2012 bis 2018 arbeitete er als Gewerkschaftssekretär bei der IG BAU. Seit April 2018 ist er Gewerkschaftssekretär beim DGB in der Region Köln-Bonn.


Hinweis: In der Reihe „Nachgefragt“ veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen ausführliche Stellungnahmen und Positionen von gewerkschaftlichen Experten/innen aus der Region Köln-Bonn. „Nachgefragt“ bietet nicht nur ausführliche Hintergrundinformationen, sondern spiegelt immer auch die persönliche Sichtweise der jeweiligen Experten/innen wieder. Die Texte können für Medienberichterstattungen genutzt werden.

Weitere Veröffentlichungen aus der Reihe „Nachgefragt“ finden Sie auf unserer Internetseite www.koeln-bonn.dgb.de. Dort können Sie „Nachgefragt“ auch als RSS-Feed abonnieren.

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