Deutscher Gewerkschaftsbund

06.03.2017

Grußwort von Antonia Rabente zur UBDK der Jusos vom 04. März 2017

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich freue mich über Eure Einladung und dass ich auf eurer Unterbezirksdelegiertenkonferenz als Vertreterin der Gewerkschaftsjugend ein Grußwort halten darf.
Die derzeitigen politischen Entwicklungen machen nur allzu deutlich, dass wir als Demokratinnen und Demokraten zusammen für die Grundpfeiler einer freiheitlichen, pluralistischen und solidarischen Gesellschaft eintreten müssen.
Für uns als europäische Jugend geht es dabei um nicht weniger als um unsere Zukunft.
Wir sind mit der Selbstverständlichkeit von offenen Grenzen, interkulturellen Erfahrungen und Frieden aufgewachsen.
Unsere Eltern und Großeltern durften erleben, wie sich die Welt öffnet, Völkerverständigung auf breiter Ebene angestrebt wurde und Europa von einem Frieden geprägt ist, der keinesfalls selbstverständlich ist, wenn wir in die Vergangenheit blicken oder in anderen Teilen der Welt.
Umso erschreckender finde ich es, dass es jetzt diese Generationen sind, die uns als Jugend vieles von dem wegnehmen, von dem sie selber profitieren durften.
Es war nicht die Jugend die mehrheitlich für den Brexit gestimmt hat, es war auch nicht die Jugend, die mehrheitlich Trump zum Präsidenten der USA gewählt hat. Aber es ist die Jugend, die mit den langfristigen Folgen dieser Entscheidungen leben muss.
Unsere Generation ist geprägt von Unsicherheit, die unsere Eltern und Großeltern so häufig nicht kannten. Prekäre Beschäftigung in Form von Zeit- und Leiharbeit, Minijobs, sachgrundlose Befristung und Praktika sind für unsere Bildungs- und Berufsbiografie die Regel geworden.
Was macht das mit uns als Jugend? Wir nehmen ausbeuterische Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen hin, denn es besteht keine Sicherheit mehr. Wir verlieren das Vertrauen in die Solidargemeinschaft. Ein Beispiel ist hier die gesetzliche Rente. Wer von euch geht davon aus, dass die Rente für uns später reicht? Die Rente, die zur Hälfte durch den Arbeitgeber und zur Hälfte durch die Beschäftigten getragen wird. Dieses solidarische Finanzierungsmodell wurde nach und nach ausgehöhlt zu Gunsten der privaten Vorsorge. Profitieren tun davon ausschließlich Arbeitgeber und Versicherungskonzerne.
Statt die paritätische Finanzierung einzufordern, überlegen wir uns lieber, wie wir eine private Vorsorge bewerkstelligen können. Und als Sahnehäubchen dürfen wir uns vorwerfen lassen, der Jugend wäre ihre Altersabsicherung egal.

Besonders Frauen sind von dieser Thematik betroffen. Altersarmut ist größtenteils weiblich. Frauen übernehmen immer noch häufiger die unbezahlte Erziehungsarbeit und Pflege von Angehörigen.
Diese gesellschaftlichen absolut notwendigen Tätigkeiten sind mit ein Grund dafür, dass der Pay Gap zwischen den Geschlechtern immer noch so hoch ist.
Dieser Gender Pay Gap von ca. 21 % ist eine Realität. Der 18. März – der Equal Pay Day - markiert symbolisch diese geschlechtsspezifische Lohnlücke, die Frauen 2017 umsonst arbeiten. Aber liegt das nicht auch an den Berufen, die Frauen ausüben und das sie häufig nur in Teilzeit arbeiten?
Das sind Argumente, die häufig genannt werden, wenn dieser Gap thematisiert wird. Darauf möchte ich entgegnen, dass der Gender Pay Gap selbst bei vergleichbaren Tätigkeiten im gleichen Unternehmen immer noch bei sieben Prozent liegt.
Zudem sind frauendominierte Berufe häufig die Tätigkeiten, die für eine funktionierende Gesellschaft essenziell sind. Pflegerische und erzieherische Berufe sind verantwortungsvolle Tätigkeiten, die in der Regel hohe Qualifikationen und Berufsabschlüsse voraussetzen. Warum werden diese Berufe bitte schlechter gestellt und angesehen als andere vergleichbare Tätigkeiten?
Kindererziehung und Pflege von Angehörigen führt häufig dazu, dass Frauen von der Arbeitswelt Auszeiten haben, die sie meist nicht mehr einholen können. Nach der Sorgearbeit bleibt für viele Frauen gar nichts anderes übrig, als in Teilzeit oder in Minijobs zurückzukehren.
Jedoch reicht es häufig schon eine Frau zu sein, um eben von der Beförderung ausgeschlossen zu werden. Männer fördern am ehesten Männer und unterstützen sich gegenseitig auf der Karriereleiter. Das muss nicht unbedingt ein bewusst diskriminierender Vorgang sein, ist aber die Regel. Und genau an dieser Stelle ist eine Quote wichtig, sie zwingt Unternehmen, die Frauen mit Potential und Eignung so zu fördern und zu unterstützen, wie sie es mit Männern bereits tun. Die von der Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig eingeführte 30%-Frauenquote in Aufsichtsräten von börsennotierten Unternehmen, ist daher ein wichtiger und richtiger Schritt.
Aber es bleibt noch viel zu tun. Wir müssen an mehreren Stellschrauben ansetzen, um eine tatsächliche Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen! 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

seit nunmehr neun Jahren leisten wir als DGB-Jugend mit unserem Ausbildungsreport einen wichtigen Beitrag in der Debatte um die Qualität der Berufsausbildung in Nordrhein-Westfalen. Dabei stützen wir uns auf die Aussagen von Expertinnen und Experten, die sonst nicht zu Wort kommen: die Auszubildenden selbst. Ihre persönlichen Erfahrungen sind die Grundlage der Ergebnisse.
In diesem Jahr wurden über 5.400 junge Frauen und Männer aus den 25 am häufigsten Ausbildungsberufen befragt. Gefragt wurde nach Ausbildungszeiten und Überstunden, der Ausbildungsvergütung, der fachlichen Qualität der Ausbildung im Betrieb und der persönlichen Beurteilung durch die Jugendlichen.
Die gute Nachricht ist: Fast 72 Prozent der befragten Jugendlichen sind mit der Qualität ihrer Ausbildung insgesamt zufrieden. Es ist erfreulich, dass die Mehrzahl der ausbildenden Betriebe also durchaus in der Lage ist, eine solide Ausbildungsleistung zu erbringen. Das Ergebnis bedeutet aber auch: Mehr als ein Viertel der Befragten bescheinigt ihrer Ausbildung eine unzureichende Qualität. Dieser Wert hat sich in den vergangenen Jahren nicht spürbar verbessert - zumal es immer noch erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Berufen gibt.
Schwerpunktmäßig haben wir uns in diesem Jahr besonders mit dem Thema psychische Belastungen in der Ausbildung auseinandergesetzt und dazu zusätzliche Fragen in unsere Erhebung aufgenommen. Abgefragt wurden Belastungen in acht Bereichen, vom Leistungs- und Zeitdruck bis zu Problemen mit Kollegen und Vorgesetzen.
Unsere Befragung zeigt: Psychische Belastungen sind in der Ausbildung keine Ausnahme. Jeder zweite Auszubildende fühlt sich in hohem oder sehr hohem Maße belastet.
Insbesondere der Leistungs- und Zeitdruck stellt für ein Fünftel der Befragten einen zentralen Belastungsfaktor dar. Aber auch lange Fahrtzeiten, die Lage der Arbeitszeiten oder die schlechten Pausensituationen werden von vielen Auszubildenden als belastend empfunden. Jeder achte Auszubildende klagt zudem über Probleme mit Kolleginnen und Vorgesetzen.
Die Frage ist nun, wie die Belastungen für die Auszubildenden reduziert werden können. Wir sind uns alle sicher, dass der zentrale Ansatzpunkt die Verbesserung der Ausbildungsqualität insgesamt ist. Denn unsere Befragung zeigt: Umso besser die Ausbildungsqualität, umso geringer ist die gefühlte Belastung.
Um dies sicherzustellen, appellieren wir an die Betriebe und die Kammern: Wir brauchen endlich eine substantielle Verbesserung der Ausbildungsqualität und eine Modernisierung des Berufsbildungsgesetzes!

Erstens: Die Ausbildungszeiten müssen besser geregelt werden.
Die Ausbildung ist ein Lernverhältnis, Überstunden sind dort nicht vorgesehen. Daher darf es keine Beschäftigung mehr geben, die über die wöchentlich vereinbarte Ausbildungszeit hinausgeht. Wochenendarbeit sollte nur zulässig sein, wenn die Ausbildungsinhalte unter der Woche nicht vermittelt werden können.

Zweitens: Die Berufsschulzeiten müssen voll angerechnet werden. Es muss Schluss sein mit den unterschiedlichen Anrechnungsmodelle bei minder-und volljährigen Auszubildenden. Zudem sollten die Pausen-und Wegezeiten zwischen Berufsschule und Ausbildungsbetrieb voll auf die Ausbildungszeit angerechnet werden.

Drittens: Die Kosten für Schulbücher und die Fahrtkosten zum Betrieb und zur Berufsschule müssen voll ersetzt werden.

Zudem brauchen wir eine Ausbildungsplatzumlage, um das Versprechen einer Ausbildungsgarantie endlich einzulösen. Sowohl die Ausbildungsquote als auch die Ausbildungsbetriebsquote, also der Anteil der Betriebe mit mindestens einem Auszubildenden bezogen auf alle Betriebe mit einem Beschäftigten, liegen mit 4,3 Prozent.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich möchte noch auf einen weiteren Punkt eingehen, der mir persönlich sehr, sehr wichtig ist und den ihr in eurem Arbeitsprogramm selbst aufgreift: Den Kampf gegen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus.
Zeitgleich zu eurer Unterbezirksdelegiertenkonferenz findet momentan der Landesparteitag der AfD in Troisdorf statt. Unterstützt von Parteien, Kirchen und vielen anderen Institutionen, rufen wir als Gewerkschaft zu einer bunten und friedlichen Demonstration für einen offenen, toleranten und demokratischen Rhein-Sieg-Kreis auf. Wir zeigen, wie wir uns unser Zusammenleben vorstellen.
Als DGB-Jugend werden wir uns gemeinsam mit unseren Bündnispartner_innen entschieden gegen rechtspopulistische Hetze entgegenstellen und fordern jede Demokratin und jeden Demokraten auf, uns zu begleiten - auch und vor allem in Hinblick auf den kommenden Bundesparteitag der AfD in Köln.
In diesem Jahr stehen zwei bedeutsame Wahlen an: Im Mai die Landtagswahl in NRW, im September die Bundestagswahl. In beiden Fällen ist es leider durchaus möglich, dass mit der sogenannten „Alternative für Deutschland“ erstmals eine rechtspopulistische und offen fremdenfeindliche Partei in die Parlamente einziehen wird - was sehr besorgniserregend ist.

Wir Gewerkschaften setzen uns seit jeher für Vielfalt, Respekt und Solidarität ein, egal ob am Arbeitsplatz, in der Öffentlichkeit oder im privaten Umfeld. Unter Tage war es vollkommen selbstverständlich, dass Deutsche, Türken, Kurden und Polen erfolgreich zusammengearbeitet haben und keine Konflikte auftraten. Die Herkunft hat hier keinerlei Rolle gespielt.
Doch mit Sorge beobachten wir, dass Teile der Gesellschaft diese Offenheit und Werte zunehmend in Frage stellen. Populist_innen schüren Ängste und Hass gegen Flüchtlinge, den Islam und Andersdenkende. Im Internet beobachten wir eine Verrohung des zwischenmenschlichen Umgangs, Hetze und Verschwörungstheorien sind an der Tagesordnung. Aber es bleibt nicht bei verbalen Attacken, die Zahl von Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte ist so hoch wie nie zuvor.

Rechtspopulist_innen geben gerne vor, die "kleinen Leute" zu repräsentieren und sich für eine Verbesserung der Lebensumstände von Beschäftigten einzusetzen. Aber machen Sie das? Sozialpolitische und arbeitsrechtliche Forderungen sind innerhalb der AfD kaum zu vernehmen. Wenn sie überhaupt Erwähnung finden, werden Arbeitnehmer_innenrechte als bürokratische Hindernisse dargestellt.
Stattdessen schwadronieren Politikerinnen und Politiker der AfD über eine angebliche „Pinocchio-Presse“, plädieren für Abschottung Deutschlands statt ein Recht auf Asyl und fordern allen Ernstes eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad, damit den Opfern des Nationalsozialismus nicht mehr gedacht und an die Verbrechen der Nazis erinnert werden soll. Nein, liebe Kolleginnen und Kollegen, eine solche Partei kann niemals die Interessen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern repräsentieren.
Mit unserer Kampagne „Unsere Alternative heißt Respekt und Solidarität“ möchten wir als DGB-Jugend genau darauf aufmerksam machen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

lasst uns gemeinsam für gute Ausbildungsbedingungen kämpfen und lasst uns gemeinsam zeigen, dass die AfD In Köln nicht willkommen ist.

Ich wünsche euch noch eine erfolgreiche Konferenz und viel Kraft für den Wahlkampf!

Glück auf!


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