Deutscher Gewerkschaftsbund

#SonntagIstFreizeit

28.11.2017

Arbeitsbedingungen im Einzelhandel

Die Arbeitsbedingungen im Einzelhandel haben sich seit 2000 drastisch verschlechtert. Ein Grund: Die Auflösung der sogenannten Sozialpartnerschaft mit „Verwüstungsdynamik“ und „Rutschbahn nach unten“.

Die Studie „Faire Arbeit – Fairer Wettbewerb. Der Einzelhandel der Zukunft“ ist erschütternd. Die Arbeitsbedingungen im Einzelhandel haben sich seit 2000 drastisch verschlechtert. Hier einige zentrale Aussagen:

  • Der deutsche Einzelhandel gehört mit über 3 Mio. Arbeitnehmern und über 400.000 Einzelhandelsunternehmen zu den beschäftigungsstärksten Branchen und gilt als „Jobmotor“.
  • Gemessen am Umsatz und an der Wertschöpfung gehört er zu den bedeutendsten Bereichen der deutschen Wirtschaft.
  • Es herrscht ein äußerst hart geführter Wettbewerb, der durch die Online-Konkurrenz noch verschärft wird.
Dieser harte Wettbewerb hat maßgeblichen Einfluss auf die Arbeitsbedingungen. Zentrale Befunde der Studie „Faire Arbeit – Fairer Wettbewerb. Der Einzelhandel der Zukunft“ sind:

  • Die Einkommensverhältnisse der Beschäftigten haben sich im Vergleich zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung deutlich verschlechtert.
  • Der Niedriglohnsektor im Einzelhandel expandiert. 37,5% der Beschäftigten arbeiten für einen Stundenlohn von unter 9,- Euro. Dabei gilt: Eine berufliche Qualifikation schützt nicht vor einem Niedriglohn.
  • Nur 43% haben eine Vollzeitstelle.
  • Der Anteil von Mini-Jobbern (450,--Euro-Kräfte), von Teilzeit und Befristungen ist überdurchschnittlich hoch.
  • Es existiert faktisch keine Sozialpartnerschaft mehr, da immer mehr Unternehmen Tarifflucht begehen.
  • Das Image des Einzelhandels als Arbeitgeber hat sich zunehmend verschlechtert.
Bundesregierung bestätigt Prekarisierung des Einzelhandels (BT-Drs. 18/6993). Für den Zeitraum von 1994 bis 2014 beschreibt der Bericht der Bundesregierung folgende Entwicklung:

  • Rückgang der Vollzeitstellen um 22%.
  • Zunahme von Teilzeit um 22%.
  • Mittlerweile arbeiten 49% der Beschäftigten in Teilzeit.
  • Anteil der geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse hat sich fast verdreifacht. Damit ist fast jeder Fünfte geringfügig beschäftigt.
  • Die Schichtarbeit hat um 278% zugenommen.
  • Drei Viertel der Beschäftigten arbeiten regelmäßig samstags.
Ein Grund: Auflösung der Sozialpartnerschaft mit „Verwüstungsdynamik“ und „Rutschbahn nach unten“.

  • Bis zum Jahr 1999 war die Welt im Einzelhandel – zumindest für Beschäftigte – weitgehend in Ordnung. Die Tarifverträge im Einzel- und Großhandel wurden überwiegend für allgemeinverbindlich erklärt, da bei Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften der Konsens herrschte, mit der Allgemeinverbindlichkeit die „schwarzen Schafe“ der Branche zu disziplinieren.
  • Dieser Konsens wurde 2000 von der Arbeitgeberseite aufgekündigt. Gleichzeitig wurde eine „OT-Mitgliedschaft“ eingeführt, d.h. Unternehmen konnten weiter dem Arbeitgeberverband angehören, ohne dessen Tarifverträge anzuwenden.
  • Die Folge: Immer weniger Beschäftigte des Einzelhandels werden nach Tarifvertrag bezahlt. Prekäre Beschäftigung auf Mindestlohnniveau nimmt zu. Prof. Dr. Stefan Sell spricht von einer „Verwüstungsdynamik“ und einer „Rutschbahn nach unten“.
Wie sehen die Beschäftigten ihre Situation? Ver.di hat hierzu in Hamburg eine Beschäftigtenbefragung durchgeführt. Die Ergebnisse:

  • Nur 4% der Beschäftigten haben nach eigener Auffassung "Gute Arbeit".
  • 59% sind mit den Arbeitsbedingungen ganz unzufrieden.
  • Gründe für die negative Bewertung sind: geringes Einkommen, hohe Arbeitsintensität, schlechte berufliche Zukunftsaussichten und geringe Arbeitsplatzsicherheit.
  • 45% beklagen eine hohe oder sehr hohe Arbeitshetze.
  • 27% geben an, dass das Gehalt zum Leben nicht ausreicht.
  • 58% geben an, dass das Gehalt so gerade reicht.
  • 67% schätzen ein, dass die spätere Rente nicht ausreichen wird.
Wie geht es der Branche?

  • Sie steht unter erheblichen Wettbewerbsdruck: Im Preiskampf untereinander und durch den Online-Handel.
  • Durch die ständige Steigerung der Verkaufsfläche wird der Wettbewerbsdruck untereinander weiter verstärkt.
  • Der Umsatz des Einzelhandels ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen von 428 Mrd. Euro in 2000 auf über 500 Mrd. in 2017.
  • Der Anteil des Online-Handels am Gesamtumsatz liegt bei ca. 10%.
  • Die Liste der „Reichsten Deutschen“ zeigt, dass sich mit dem Einzelhandel gutes Geld verdienen lässt. Zumindest die Besitzer der Branchen-Riesen gehören zum Club der Superreichen.
  • Laut Fachgewerkschaft ver.di erreichten die Gewinne der Handelsunternehmen in den vergangenen Jahren Spitzenwerte.
  • Die Umsatzrendite liegt nach Auskunft von ver.di bei 3,5%.
  • Die Personalkosten-Gewinn-Relation liegt bei ca. 31%.
  • Der Einzelhandel ist - wie wir alle – von den extremen Kostensteigerungen bei Mieten und Mietnebenkosten sowie bei den Energiekosten betroffen. Diese Kosten nehmen einen immer höheren Anteil an den Gesamtkosten ein.
Was ist zu tun?

  • Wir brauchen keine weitere Deregulierung im Einzelhandel  - auch nicht bei den Öffnungszeiten. Der Kostendruck darf nicht weiter auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden.
  • Wichtig sind vielmehr klare Leitplanken, die den Abwärtstrend bei den Arbeitsbedingungen stoppen. Hierzu zählen z.B. die Durchsetzung der Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen, ein Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit, ein Verbot von sachgrundlosen Befristungen oder stärkere Regulierungen bei der Arbeitnehmerüberlassung (Leiharbeit) und bei Werkverträgen.
  • Aber nicht nur die Beschäftigten im Einzelhandel sind mit Niedriglöhnen oder (erzwungener) Teilzeit betroffen. Die Abwärtsspirale bei den Arbeitsbedingungen hat auch gesellschaftliche Folgen. Wir alle zahlen über unsere Steuern Transferleistungen, wenn das Gehalt – oder später die Rente - nicht zum Leben reicht.
  • Warum nicht über eine Art „Mietpreisbremse“ für Gewerbeimmobilien nachdenken?
  • Warum nicht über kommunale Einzelhandelskonzepte und das Planungsrecht die ständige Ausweitung der Verkaufsfläche wirksam verhindern?
Quellen:

PCG – Projekt Consulting GmbH: Faire Arbeit – Fairer Wettbewerb. Der Einzelhandel der Zukunft. Im Auftrag des Ministeriums für Arbeit, Integration und Soziales des Landes NRW, der Hans-Böckler-Stiftung und von ver.di.

Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke „Arbeitsbedingungen im Einzelhandel“ (BT-Drs. 18/6993).

Prof. Dr. Stefan Sell: Tarifbindung mit Schwindsucht und die Allgemeinverbindlichkeit als möglicher Rettungsanker, der aber in der Luft hängt. Veröffentlicht am 9. Mai 2017 auf https://aktuelle-sozialpolitik.blogspot.de

Prof. Dr. Stefan Sell: Jenseits der Einzelfälle. Veröffentlicht am 5. August 2015 auf https://aktuelle-sozialpolitik.blogspot.de

Ver.di: Arbeitsbedingungen im Handel, 2013.Geht es der Branche schlecht?

Ver.di-Brancheninformationen: Tarifrunde 2017 im Handel.


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