Deutscher Gewerkschaftsbund

1. Mai 2018

01.05.2018

1. Mai 2018 in Köln: Rede von Christiane Benner

Zweite Vorsitzende der IG Metall

DGB Köln

DGB Köln

1. Mai 2018: „Solidarität, Vielfalt, Gerechtigkeit“
Rede auf der Kundgebung zum 1. Mai 2018 in Köln

Es gilt das gesprochene Wort!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich freue mich, heute bei Euch in Köln zu sein.

Vielfalt. Solidarität. Gerechtigkeit. So lautet das Motto unserer heutigen
Veranstaltung. Das sind drei zentrale gewerkschaftliche Werte!

Köln steht auf ganz besondere Weise für Vielfalt.
„Jeder Jeck ist anders!“ – das ist mehr als ein herrliches Motto.

Das ist Euer lebendiges und fröhliches Lebensgefühl.
Ihr habt eine warmherzige Willkommenskultur entwickelt. Und das ist gut so!
Eure Aktionen unter dem Motto „Arsch huh“ oder „Köln stellt sich quer“ sind
bundesweit bekannt.

Wie sollen wir denn bitte mehr Gerechtigkeit durchsetzen, wenn jede und jeder nur
für sich selbst kämpft? Oder für die eigene kleine Gruppe? Das ist absurd!
Wir Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter stehen fest zusammen!

Liebe Kolleginnen und Kollegen
von der IG Metall, von ver.di, von der IG BCE, der IG BAU, der NGG, der EVG,
der GEW und von der GDP:
Hallo, ich freue mich, dass Ihr heute da seid!

Ich bitte jetzt mal alle diejenigen, die in diesem Jahr einen hervorragenden
Tarifabschluss durchgesetzt haben, laut zu johlen! … Danke.

Und jetzt johlen bitte alle, die gerade noch für ihren Tarifabschluss kämpfen!

Witich stellt vorher die Einzelgewerkschaften mit Schildern vor. Geht auch mit Mikro
ins Publikum. Dann kannst Du aufrufen.

BCE läuft aktuell chemische Industrie;
BAU-Bauhauptgewerbe am 24.4. offiziell gescheitert; Tageszeitungs-Journalist/innen
gescheitert, schon Warnstreiks. Danke.
Ich bin sicher, Ihr holt auch gute Ergebnisse!

Insgesamt habt Ihr in den letzten Wochen sehr gute Tarifergebnisse durchgesetzt!
Wir haben das geschafft, weil wir zusammengehalten haben!
Um bei unserem DGB-Motto zu bleiben: Mehr Gerechtigkeit lässt sich nur
durchsetzen, weil wir vielfältig sind und solidarisch zusammenstehen!

Belegschaften lassen sich nicht spalten, schon gar nicht von rassistischer Hetze!
Wer das versucht, zerstört unsere Einheit und Solidarität!
Das nützt am Ende ausschließlich den Arbeitgebern!

Das haben unsere Kolleginnen und Kollegen bei den Betriebsratswahlen erkannt.
Begleitet von großen Zeitungsartikeln sind rechtsradikale Splittergruppen angetreten.
Und wisst ihr wie viele Sitze sie im Bereich der IG Metall geholt haben? Nicht mal 20
Mandate von knapp 80.000! Sie wollten als Tiger starten und sind als lädierte
Gummiente auf dem Pflaster gelandet!

Weil die Beschäftigten wissen: Unsere Solidarität ist unser Erfolgsgarant Nummer 1!
Frauen, Männer, Jüngere, Ältere, ohne oder mit Migrationshintergrund, Gewerbliche
oder Angestellte – alle tragen zu den guten Tarifergebnissen bei!

Wir sind stark durch Vielfalt! Wer da einen Keil reintreiben und uns schwächen will,
ist unser politischer Gegner! Da gibt es keinen Dialog! Es bleibt dabei: Nie wieder
Hass und Faschismus! Und nie wieder Krieg!

Ich unterstütze ausdrücklich Eure Initiative „Keine zwei Prozent“, die Witich vorhin
angesprochen hat. Mehr Rüstung ist doch keine Antwort auf die Probleme in dieser
Welt! Und Abschottung auch nicht!

Ich gehe noch weiter: Es ist eine Katastrophe, wenn jetzt lauter selbst ernannte
Alpha-Männer mit dicker Hose Politik wie vor 100 Jahren machen wollen!

Auch manche Frauen sind vor Irrtümern leider nicht gefeit. Der Brexit ist ebenfalls
eine Katastrophe! Abschottung und Krieg führen immer zu Elend und Zerstörung.
Damit muss Schluss sein!

Uns reichen zwei Weltkriege, die wir angezettelt haben.
Das wollen wir nie, nie wieder erleben!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
lasst uns nicht in vordemokratische Politik zurückfallen. Sondern lieber wunderbare
Jahrestage feiern!

Vor 100 Jahren haben die Menschen in Deutschland die Demokratie und das
allgemeine Wahlrecht durchgesetzt! Die Weimarer Republik, die sie gegründet
haben, war noch nicht stabil. Erst nach dem Nationalsozialismus haben wir in
Deutschland eine stabile Demokratie aufgebaut.
Aber die Menschen haben 1918 den Grundstein für diese Demokratie gelegt!
Damals ist in Deutschland auch das Frauenwahlrecht durchgesetzt worden.

Liebe Kolleginnen, jetzt will ich Euch mal hören! Danke.
Ihr wisst es, und ich weiß es auch: Gleichstellungspolitik ist wirklich harte Arbeit!

Aber wir lassen nicht locker. Wir werden weiter dafür kämpfen, die Entgeltlücke
zwischen Männern und Frauen zu verringern.
Den Kampf um faire Bezahlung müssen wir unvermindert weiter führen!
Es gibt immer noch eine durchschnittliche Lohnlücke von 21 Prozent.

Dann schlage ich vor: Ab morgen sind auch die Preise für Frauen um 21 Prozent
niedriger! Das passiert leider nicht. Stattdessen belehren uns neunmalkluge
Arbeitgeber. Ja, sagen sie. Frauen wählen eben die falschen Berufe.
Zum Beispiel Pflegearbeit, Sozialarbeit, Erziehung.

Oh! Entschuldigung, liebe Arbeitgeber. Sorry, dass wir uns kümmern! Was sollen
denn Eure Sprüche? Im Pflege- und Sozialberuf zu arbeiten, das ist knüppelharte
Arbeit! Deshalb: Es muss mehr Geld ins Sozial- und Pflegesystem! Und Frauen
müssen besser bezahlt werden, anstatt sie für ihre Berufswahl zu diffamieren! Man
darf ihnen auch nicht vorwerfen, dass sie häufiger in Teilzeit gehen als Männer.
Das führen die Arbeitgeber auch immer an, wenn sie die Entgeltlücke klein rechnen
wollen.

Ja, Teilzeit, ist zu oft ein Karriereknick und eine Sackgasse! Die sehr viel Geld kostet:
Ab 18 Monaten Pause verlieren Frauen im Schnitt 6 Prozent, bei mehr als drei
Jahren fast 12 Prozent Einkommen. Aber dafür darf man Frauen doch keine
Vorwürfe machen! Sondern Arbeitgeber und die Politik müssen endlich handeln!
Es ist schon lange überfällig, dass das Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit
gesetzlich verankert wird!

Das ist eines der großen Gleichstellungs- und Gerechtigkeitsprojekte unserer Zeit!
Das Gesetz muss jetzt endlich kommen! Unbedingt, aber ohne Schwellenwerte!
Hunderttausende Frauen und auch Männer warten darauf!
An die Politik sage ich klar und deutlich: Macht das jetzt!

Und ich warne die Arbeitgeber. Hört endlich auf, dieses wichtige Gesetz zu
torpedieren! So schließt man die Entgeltlücke, nicht mit faulen Ausreden!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich bitte Euch: lasst uns auf vielen Feldern engagiert gegen Ungerechtigkeit
kämpfen! Unser Ziel ist eine gerechtere Verteilung des Reichtums – weltweit und in
diesem Land!

Wir dürfen beispielsweise nicht aufgeben, für faire Steuern zu kämpfen.
Die Steueroasen der Superreichen müssen ausgetrocknet werden!
Und die Googles und Facebooks dieser Welt müssen hier endlich überhaupt mal
Steuern bezahlen! Wir geben nicht auf, das einzufordern!

Wenn wir beharrlich sind, haben wir oft Erfolg!
Das habt Ihr Kölnerinnen und Kölner bewiesen.
Ihr habt die wichtige Bewegung für volle Parität bei der gesetzlichen
Krankenversicherung ins Leben gerufen. Ihr habt klargestellt: Die Arbeitgeber sollen
sich gefälligst wieder zu 50 Prozent beteiligen! Der Gesetzentwurf liegt jetzt so auf
dem Tisch. Und das ist richtig so. Danke, liebe Gewerkschafterinnen und
Gewerkschafter aus Köln! Jetzt müssen wir nur darauf achten, dass die Arbeitgeber
ihn nicht wieder verwässern!

Auch die Rentenpolitik muss sich ändern. Wir brauchen eine gesetzliche Rente, von
der alle leben können! Und wir bleiben dabei: Die Rente mit 67 ist ein Irrweg!
Ein würdiges Leben im Alter haben alle Menschen verdient!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
wir brauchen auch große Investitionen in Bildung! Unsere Gesellschaft steht vor
einem großen Umbruch. Die Digitalisierung verändert alles. Davor sollten wir keine
Angst haben. Ich glaube nicht, dass Arbeitsplätze massenhaft wegfallen. Es
entstehen auch neue. Aber es werden sich sehr viele Arbeitsplätze verändern!
Diesen Übergang zu gestalten, das muss ein großes Gemeinschaftsprojekt von
Staat, Arbeitgebern und uns Gewerkschaften werden.

Und selbstverständlich muss die Politik das flankieren! Etwa mit breit angelegten
Qualifizierungsprogrammen. Die Devise heißt Bildung, Bildung, Bildung!
Vor allem die Arbeitgeber müssen Verantwortung übernehmen!
Das tun sie aber nicht! Über zwei Drittel der Manager haben keinerlei Ahnung, wozu
die Digitalisierung in den Betrieben führt. Das haben sie selbst in einer Umfrage
zugegeben!

Ich sage dazu: Das ist fahrlässig! Das ist ein Spiel mit dem Feuer!
Das ist ein Spiel mit der Zukunft unserer Kolleginnen und Kollegen!

Und deshalb fordern wir: Es braucht in jedem einzelnen Betrieb einen genauen
Strategieplan für Digitalisierung!

Jede und jeder Beschäftigte muss wissen, was auf sie oder ihn zukommt!
Und wir Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter müssen mit an den Tisch!
Man muss Vertrauen bei den Menschen aufbauen.
Die Botschaften müssen sein: Ihr werdet nicht alleine gelassen!
Auch Ihr habt in Zukunft einen sicheren Arbeitsplatz.
Es wird sich viel verändern. Aber wir nehmen Dich mit!
Der Mensch gehört in den Mittelpunkt! Nicht zuerst als Kunde für digitale
Geschäftsmodelle. Nicht als Datenspender für Facebook. Nein, als mündiger Bürger
und als Arbeitnehmerin oder Arbeitnehmer. Mit einem anständigen Einkommen!

Und mit fairen Chancen auf Qualifizierung für den Wandel!

Gute Arbeit und möglichst viele Gewinner - das ist wichtig für unsere Demokratie und
für den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft!
Dafür werden wir kämpfen! Wir lassen die Arbeitgeber nicht aus der Verantwortung!

Kolleginnen und Kollegen, aber auch der Staat muss seiner Verantwortung
nachkommen. Er muss Weiterbildung unterstützen!

Und die Arbeitsagentur muss zu einer Agentur für Arbeit und Qualifizierung werden!
Eine Agentur, die Hilfestellungen gibt und Angebote macht. Eine Agentur für Arbeit
und Qualifizierung, die das Qualifizierungsniveau der Beschäftigten absichert.
Der Erhalt und Ausbau von Qualifikationen müssen Vorrang vor schneller
Vermittlung haben!

Es kann doch nicht angehen, dass Menschen, die in Arbeitslosigkeit geraten, jede
Arbeit annehmen müssen! Deshalb fordern wir einen Qualifizierungsschutz.
Und die Zumutbarkeitsregeln müssen überarbeitet werden!

Ich begrüße deshalb die aktuelle politische Debatte um Hartz IV. Sie ist richtig und
auch längst überfällig. Seit Jahren sagen wir Gewerkschaften: Sanktionen sind der
falsche Weg und die Regelsätze sind zu niedrig. Von 416 Euro im Monat kann
niemand leben! Es muss Schluss sein, mit der Unterfinanzierung! Wir brauchen mehr
Geld im System! Das muss in einem reichen Land wie Deutschland doch möglich
sein!

Es muss auch eine neue Regelung der Vermögensfreibeträge geben.
Es geraten auch viele Kolleginnen und Kollegen unverschuldet in Arbeitslosigkeit,
die jahrzehntelang in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt haben!
Das sind Leistungsträgerinnen und Leistungsträger! Die immer hart gearbeitet
haben. Und nur einmal Pech haben mussten, weil der Betrieb umstrukturiert oder
ganz zu macht. Da kann es doch nicht angehen, dass er oder sie erst einmal die
Ersparnisse aufbrauchen muss! 150 Euro Grundfreibetrag pro Lebensjahr, das ist ein
Witz! Ich fordere die neue Bundesregierung auf: Ändert das!

Das ist nicht nur sozialpolitisch wichtig! Es schafft auch wieder Vertrauen in die
Politik! Sie muss zeigen, dass sie Politik für die Menschen macht und gestaltet!
Dass sie sich aktiv um Herausforderungen wie die Digitalisierung kümmert!
Und die Menschen nicht alleine lässt, wenn sie unverschuldet in Not geraten!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich bitte Euch: Lasst uns weiter zusammen für mehr Gerechtigkeit kämpfen!

Ich habe jetzt nur einige wichtige Vorhaben angesprochen.

Ganz generell gilt: Wir erreichen nur etwas, wenn wir ordentlich Druck auf die
Regierung und auf die Arbeitgeber machen!

Die letzten Monate haben gezeigt: Wir können viel schaffen!
Für Gerechtigkeit. Mit Solidarität. Und mit Vielfalt.

Das hat auch eine andere bekannte Persönlichkeit so gesehen.
Sie war jahrelang in Köln politisch aktiv. Viele wichtige Schriften, die unsere
Gewerkschaftspolitik bis heute prägen, sind hier entstanden.

Wir feiern in diesem Jahr den 200. Geburtstag von Karl Marx!

Er hat diesen wunderbaren Satz gesagt: „Die Philosophen haben die Welt
verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern!“

In diesem Sinn – Danke und Glückauf!


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