Deutscher Gewerkschaftsbund

03.03.2011
Gewerkschaften haben viele Gesichter

Josef Thomas

JT

DGB-Region Köln-Bonn

Josef Thomas (1945), Köln
Karosserie und Fahrzeugbauer / Kfz-Lackierer
Mitglied in der IG Metall seit 1976

ehem. Mitglied Tarifkommission der IG Metall,
ehem. ehrenamtlicher Arbeitsrichter,
Mitglied im Berufsbildungsausschuss der Handwerkskammer zu Köln,
ehem. Betriebsratsvorsitzender bei BMW Hammer
... und noch viel mehr

Warum bist du in die Gewerkschaft eingetreten?

Mein Vater war über 50 Jahre Gewerkschaftsmitglied und erklärte mir, was es bedeutet, in einer Gewerkschaft aktiv zu sein. Nämlich die Interessen der „kleinen Leute“ zu vertreten, das Anwenden der Schutzgesetze und das Stärken des solidarischen Grundsatzes. Für mich war klar, dass ich bei der Gewerkschaft sicher aufgehoben bin sobald ich mich in der Arbeitswelt befinde. Ich wollte etwas verändern und zwar für die Kolleginnen und Kollegen. So brachte ich mich schnell in die Gewerkschaftsarbeit ein.

Wie bist du auf die Gewerkschaft aufmerksam geworden?

Als ich bei den FORD Werken anfing, wurde ich gefragt, ob ich in der Gewerkschaft aktiv werden möchte. Ich engagierte mich in der Gewerkschaftsjugend und lernte die innerbetriebliche Mitbestimmung und gewerkschaftspolitische Meinungsbildung kennen. Was mich überzeugte, war das Prinzip der Einheitsgewerkschaft. Es geht darum, die Interessen der Arbeitnehmer/innen durch zu setzten und dies überparteilich.

Warum sind Gewerkschaften aus deiner Sicht wichtig?

Gute Tarifverträge gibt es nur, wenn der Organisationsgrad einer Gewerkschaft hoch ist. Wir bekommen nichts geschenkt und müssen für die Höhe der Löhne der Arbeitnehmer/innen und für Arbeitnehmerrechte streiten und kämpfen. Im Betrieb habe ich mich gerade bei der Sicherheit am Arbeitsplatz eingebracht. Des Weiteren liegt mir die Aus- und Weiterbildung von Jugendlichen am Herzen. Es war für mich selbstverständlich, dass junge Erwachsene spätestens in der Ausbildung mit der Gewerkschaft in Kontakt getreten sind.

Wie hat sich Gewerkschaftsarbeit aus deiner Sicht verändert?

Die Gewerkschaftsarbeit hat sich kolossal verändert. Die Gewerkschaft ist in allen Gremien der Gesellschaft sowie im Beruf, Ausbildung, Schule, Arbeitsrecht oder Migration vertreten. Das Abdecken dieser Vielfalt an Themen war damals schon gut und ist heute noch besser geworden. Ich als Gewerkschafter werde von Kollegen und Kolleginnen angesprochen und kann mit Rat und Tat zur Seite stehen. Das macht mir Spaß! Die Gewerkschaft bewegt sich nur durch das einzelne Mitglied. Viele junge Kollegen/innen, denen ich die Gewerkschaft nahe bringe, begreifen welche wichtige Rolle diese in der Gesellschaft und natürlich bei Arbeitskämpfen hat. Viele Firmen üben Druck auf die Kollegen/innen aus. Solange wir gemeinsam mit der Gewerkschaft vorgehen, erkennt auch die Geschäftleitung, dass man am Tisch einvernehmliche Regelungen treffen muss. 

Den Arbeitgebern ist heute in den meisten Fällen klar, dass es sich positiv auf das Betriebsklima auswirkt, wenn sie mit den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sprechen und die sozialen Komponenten berücksichtigen. Wenn man Probleme gemeinsam angeht und Lösungsmöglichkeiten findet, schafft man die Bereitschaft der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, sich für das Unternehmen ein zu setzten. Die Verbindung zwischen betrieblicher Interessenvertretung, Gewerkschaft und der Betriebsleitung ist damals wie heute von größter Wichtigkeit, da man auf diesem „kurzen Dienstweg“ sozial tätig sein kann. Das Gut der Mitbestimmung ist ein sehr hohes und gilt für beide Betriebsparteien. 

Wie sähe die (Arbeits-)Welt ohne Gewerkschaften aus?

Ohne Gewerkschaften könnte jeder Arbeitsgeber/in machen, was er/sie will. Gerade in der heutigen Zeit würden die Betriebe die „Sau durchs Dorf treiben“ und Arbeitnehmerrechte außer Acht lassen. Man müsste zusehen, wie man die Familie ernährt und mit den steigenden Ansprüchen der Wirtschaft Schritt hält. Der Lohn würde nach dem „Nasen-Prinzip“ ausgegeben werden, und das Wort Mindestlohn bräuchten wir gar nicht erst in den Mund nehmen. Die Zeit- und Leiharbeit schlägt solch eine Richtung ein. Das dies am Ende der Wirtschaft und dem Sozialstaat sowie dem Allgemeinwohl schadet, liegt auf der Hand. Eine (Arbeits-)Welt ohne Gewerkschaften ist für mich einfach unvorstellbar.

JT 02

Handwerkskammer zu Köln

Warum engagierst du dich in den „Praxisstationen“ mit Jugendlichen?

In den Praxisstationen haben wir mit dem 8., 9. und 10. Schuljahr angefangen, die Grundlagen im Metallhandwerk, der Zweiradmechanik und der Elektrik - z.B. Steckdosen setzten, Kabel verlegen, Messen, technisches Zeichnen - beizubringen. Zudem müssen die Jugendlichen bei uns ein Berichtsheft führen. Begonnen haben wir in einem leeren Raum der Kurt-Tucholsky-Schule und mit dem Anspruch, praktisch mit Jugendlichen zu arbeiten. Nachdem wir den Raum mit einer Drehbank, Kantbänken und einem Schweißgeräte eingerichtet hatten, entstand eine komplette Metallwerkstatt. Die Jugendlichen lernen bei uns, Verantwortung zu übernehmen aber auch, dass sie von uns Unterstützung erhalten. Bis heute erhalten wir keine finanzielle Förderung für dieses Projekt. Ob dies politischer Wille ist, kann ich an der Stelle nicht deuten. Unterstützt werden wir durch die Kollegen/innen der ConAction, die Firma Metall Werheit und die Firma Blech-Center-Köln (BCK Köln).  

Mir ist aufgefallen, dass in meinem alten Betrieb, in dem ich 25 Jahre gearbeitet habe, überwiegend Jugendliche eine Ausbildung begonnen haben, die einen Real- oder Gymnasialabschluss haben. Um Hauptschüler hat sich zu der Zeit keiner gekümmert. Seit 10 Jahren engagiere ich mich gerade für Hauptschüler/innen, um ihnen das Handwerk zu zeigen und nahe zu bringen. Den Schüler/innen der 10. Klasse, die ein Praktikum oder eine Lehrstelle suchen, helfen wir bei der Vermittlung in die Betriebe. Mittlerweile machen wir das in Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer zu Köln und der Kölner Metallinnung. In diesem Jahr haben wir eine 100% Erfolgsquote: von 32 Jugendlichen haben 32 eine Ausbildung gefunden. Die Schule weist mittlerweile eine Mitarbeit in der Praxisstation im Schulzeugnis aus.

Was wünschst du dir?

Wir suchen für unsere Praxisstationen ehrenamtliche Kolleginnen und Kollegen welche im Handwerksbereich tätig waren, z.B. Schweißer, Schlosser, Dreher, Feinwerkmechaniker oder Entspanner und die mit Freude mit Jugendlichen arbeiten möchten. Man wird an dieser Stelle sehen, dass die Jugend gute Arbeit leistet, wenn man es ihnen beibringt. Ich kann nur sagen, dass man eine große Dankbarkeit erfährt. Je mehr Unterstützung wir in dem Projekt erhalten, desto eher könnten wir einen „Ausbildungscampus“ für alle Gewerke des Handwerks einrichten. Hierbei wollen wir nicht in Konkurrenz mit dem Ausbildungszentrum des Butzweiler Hofes stehen. Sondern die Jugendlichen für das Handwerk interessieren und auf die Ausbildung vorbereiten.


DGB-Region Köln-Bonn

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