Deutscher Gewerkschaftsbund

19.09.2017

Nachgefragt: DGB Frauen: Für Gleichstellung und wirtschaftliche Unabhängigkeit.

DGB Region Köln-Bonn

DGB Region Köln-Bonn

Zur Bundestagswahl 2017 formulieren die Vorsitzenden der DGB-Frauen Köln, Eva Pohl (ver.di) und Helma Skiba (GdP), gleichstellungspolitische Anforderungen an die Parteien und machen deutlich, was sie von der neuen Bundesregierung erwarten. 

Frage: Wie kann die Gleichstellung der Frauen am Arbeitsmarkt gelingen? 

Eva Pohl: Frauen verdienen noch immer im Durchschnitt rund 21 Prozent weniger als Männer. Die Gründe sind vielfältig: Frauen arbeiten in schlechter bezahlten Berufen, sie haben weniger Karrierechancen, sie gehen aufgrund familiärer Pflichten öfter in Teilzeit und unterbrechen häufiger und länger ihre Berufstätigkeit. So vielfältig wie die Gründe sind auch die Ansätze, diese zu verändern. Wer Gerechtigkeit zwischen Frauen und Männern erreichen will, muss dafür sorgen, dass die Ursachen ernsthaft angegangen werden und endlich die Entgeltlücke geschlossen wird! Wir erwarten von der neuen Bundesregierung gesetzliche Regelungen, die Betriebe und Dienststellen verpflichten, ihre Entgeltpraxis zu überprüfen und Entgeltdiskriminierung zu beseitigen. 

Helma Skiba: Außerdem brauchen Frauen über alle Hierarchieebenen echte Chancen zum beruflichen Aufstieg. Leider haben sich die bisherigen Instrumente zur Frauenförderung als nicht wirkungsvoll erwiesen. Ohne klare gesetzliche Regelungen, verbunden mit Controlling, Zielvorgaben und gegebenenfalls auch wirkungsvolle Sanktionen, wird es nicht gehen.

Selbst der öffentliche Dienst, der eigentlich Vorbild sein sollte bei der Vergabe von Führungsfunktionen gemäß dem Anteil der weiblichen Beschäftigten, hinkt weit hinterher. Hier muss sich was ändern.

Auch bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen an die Privatwirtschaft könnte man zum Beispiel den Faktor „Frauenförderung in den Betrieben“ mit einbeziehen.

Weitere Maßnahmen sind denkbar. Nur das Verharren auf dem Bisherigen reicht nicht aus, um qualifizierte Mitarbeiterinnen zu halten und zu motivieren. Da geht sonst viel Potenzial verloren. Die skandinavischen Länder machen vor, wie es gehen könnte. 

Frage: Was muss sich sonst noch ändern? 

Helma Skiba: Ganz klar: Das Steuerrecht. Das Ehegattensplitting behindert die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern am Erwerbsleben und die partnerschaftliche Verteilung von Familienarbeit. Es fördert nicht die Familie, sondern Ehen mit ungleichen verteilten Einkommen. Vor allem die Steuerklasse V macht mit ihrer übermäßigen Belastung reguläre Beschäftigung für Frauen unattraktiv und treibt sie in Minijobs. Tragen Ehepartnerinnen und Ehepartner in gleichem Maße zum Familieneinkommen bei, haben sie keine Splittingvorteile - auch nicht, wenn sie Kinder erziehen. Der Steuerfreibetrag für Kinder muss den realistischen Kosten für deren Lebenshaltung angepasst werden, sodass auch Alleinerziehende, die ohnehin häufig Benachteiligung am Arbeitsmarkt erleben, Entlastung erfahren.  

Eva Pohl: Die Lösung wäre die Abschaffung der Steuerklassenkombination III/V zugunsten der Einstufung beider Partner in die Steuerklasse IV, mit Faktorverfahren. Ziel ist es, den Splittingvorteil innerhalb von zehn Jahren abzuschmelzen und die Ehegatten unter Berücksichtigung eines übertragbaren  Grundfreibetrages individuelle zu besteuern.

Außerdem führen die derzeitigen steuerlichen Regelungen dazu, dass sehr viele Frauen, insbesondere Mütter, den Minijob als Zusatzeinkommen reizvoll finden. Dieser bietet allerdings, wie wir wissen, keine soziale Absicherung und auch  keine Möglichkeit, verantwortliche Positionen im Betrieb zu erhalten. Der Minijob ist eine Sackgasse. 

Frage: Was ist nötig, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern? 

Eva Pohl: Bei der Kindererziehung, der Pflege von Angehörigen und Hausarbeit leisten Frauen täglich 52 Prozent mehr unbezahlte Arbeit für andere als Männer. Mit der Familiengründung gewinnt die Teilzeitbeschäftigung bei Frauen mehr an Bedeutung, während bei Männern das Interesse dann eher rückläufig ist. Die Lücke bei den wöchentlichen Erwerbsarbeitszeiten von Frauen und Männern liegt bei 8,2 Stunden. Sie trägt maßgeblich zur Entgelt– und Rentenlücke  zwischen den Geschlechtern bei. Wir brauchen deshalb Arbeitszeiten, die sich an die wechselnden Anforderungen im Lebenslauf anpassen lassen. 

Helma Skiba: Dafür sind rechtliche Rahmenbedingungen notwendig, die Männern und Frauen die gleiche Teilhabe an Erwerbs- und Reproduktionsarbeit ermöglichen und Arbeitszeitreduzierungen sozial absichern. Auf befristete Teilzeit sowie auf die Rückkehr aus Teilzeit muss es einen Rechtsanspruch geben. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen ihre Arbeitszeit nach Bedarf aufstocken können bis hin zur Vollzeitbeschäftigung, auch in Unternehmen mit weniger als 15 Beschäftigten. 

Frage: Das Wahlrecht für Frauen ist gerade 100 Jahre alt geworden. Gibt es einen Appell, den ihr an Frauen richten möchtet? 

Eva Pohl: Klar, das ist für mich eindeutig: wählen gehen! Natürlich nur demokratische Parteien, die die Gleichstellung von Frauen und Männern ernst nehmen und nicht in alte Rollenmuster zurück fallen.

Wir dürfen niemals vergessen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir in einer Demokratie leben. Demokratie ist kein Selbstläufer. Sie braucht bürgerschaftliches Engagement. Unabdingbar ist in meinen Augen, das Wahlrecht als bürgerliche Pflicht auch anzunehmen. 

Helma Skiba: Da kann ich Eva nur beipflichten: Wählen gehen!

Aber Achtung: Vorsicht bei der Wahl rechtspopulistischer Parteien. Die kommen bieder mit vermeintlicher Familienförderung daher. Die haben aber rein gar nichts mit Frauenunterstützung - das Wort Förderung mag ich hier gar nicht nennen - zu tun. Nach meiner Meinung geht es denen aber nur um die Zementierung von althergebrachten und konservativen Rollenmustern. Das steht jedoch im klaren Widerspruch zur Lebenswirklichkeit und auch den Vorstellungen vieler Frauen. Frauen brauchen keine Vorschriften für ihre individuellen Lebensentwürfe. 

Weiter Informationen zum Thema unter http://frauen.dgb.de/

 

 

Hinweis:  In der Reihe „Nachgefragt“ veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen ausführliche Stellungnahmen und Positionen von gewerkschaftlichen Experten/innen aus der Region Köln-Bonn. „Nachgefragt“ bietet nicht nur ausführliche Hintergrundinformationen, sondern spiegelt immer auch die persönliche Sichtweise der jeweiligen Experten/innen wieder. Die Texte können für Medienberichterstattungen genutzt werden.

Weitere Veröffentlichungen aus der Reihe „Nachgefragt“ finden Sie auf unserer Internetseite www.koeln-bonn.dgb.de. Dort können Sie „Nachgefragt“ auch als RSS-Feed abonnieren.

 

V.i.S.d.P. DGB-Region Köln-Bonn, Hans-Böckler-Platz 1, 50672 Köln
                               Tel. 0221 – 500032- 0, Fax: 0221-50003220
                               Mail: Koeln@DGB.de, Web: www.koeln-bonn.dgb.de

 

 


Nach oben

DGB-Region Köln-Bonn

Zuletzt besuchte Seiten