Deutscher Gewerkschaftsbund

17.06.2016

Nachgefragt: Omer Semmo ist neuer Jugendbildungsreferent

DGB Köln

Der DGB Köln-Bonn hat einen neuen Jugendbildungsreferent. Omer Semmo studierte Politik- und Sozialwissenschaften in Duisburg und Düsseldorf. Im Anschluss arbeitete er im Bereich der politischen Erwachsenenbildung und in der Kommunalpolitik als Fraktionsgeschäftsführer der SPD im Kreistag Heinsberg. DGB Köln

Frage: Omer, Du hast die ersten 30 Tage beim DGB hinter dir. Macht dir dein Job Spaß? Was macht die DGB-Jugend?

Omer Semmo: Definitiv, mein Job macht mir sehr viel Spaß! Er beinhaltet eine breite Palette an Aufgaben und Möglichkeiten. Als DGB-Jugend beziehen wir Stellung zu gesellschaftspolitischen und sozialen Themen und setzen uns für die Entwicklung von Perspektiven von jungen Leuten ein. Unser Angebot insgesamt ist sehr breit gefächert. Wir sind regelmäßig auf Berufsschultour, um die jungen Leute über Ihre Rechte und Pflichten in der Ausbildung, aber auch über Tarifverträge und Mitbestimmung zu informieren. In Köln gehen wir Ende September wieder auf Tour. Außerdem widmen wir uns verstärkt der gewerkschaftlichen Studierendenarbeit. Wir bieten Vorträge rund um den Berufseinstieg, Qualifizierungsprogramme für ASten und Fachschaften, Veranstaltungen zu einer Vielzahl gesellschaftspolitischer Themen und Beratung rund um arbeits- und sozialrechtliche Fragen im Studium an.

In Köln treffen wir uns einmal im Monat mit den Delegierten der Gewerkschaftsjugend. Dort entstehen immer wieder neue Ideen. So finden in den DGB-Regionen Fortbildungen, Diskussionsrunden oder andere Veranstaltungen zu verschiedenen gewerkschaftlichen und gesellschaftspolitischen Themen statt. Es entstehen Kooperationen mit anderen Jugendverbänden oder Organisationen. Auch die Mitarbeit in Bündnissen ist keine Seltenheit. Je nach politischer Lage und Interessenschwerpunkten der Mitglieder, der DGB-Jugend vor Ort und der ehrenamtlich Aktiven können wir sehr frei und abwechslungsreich gestalten.

Frage: Deine Eltern sind als Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Libanon nach Deutschland geflohen. Du bist hier geboren, aufgewachsen, hast das deutsche Bildungssystem bis zur Universität durchlaufen und bist nun Jugendbildungsreferent beim DGB Köln-Bonn. War dieser Lebensweg für Dich vorhersehbar?

Omer Semmo: Keineswegs! Eigentlich sprach alles genau dagegen. Ich bin in einer Hochhaussiedlung groß geworden, in einer Gegend mit sehr viel Arbeitslosigkeit, Kriminalität und einen hohen Anteil an ausländischer Bevölkerung. Meine Eltern sind beide Analphabeten und sprachen in den ersten Jahren kaum ein Wort Deutsch. Entsprechend schlecht waren meine eigenen Deutschkenntnisse als ich in den Kindergarten kam. Hinzu kam der jahrelange unsichere Aufenthaltsstatus - ich war fast 13 Jahre lang staatenlos in diesem Land. Ich habe von klein auf erlebt, was es heißt, nirgendwo dazuzugehören und sozial ausgegrenzt zu werden.

Meine schulischen Leistungen waren auch miserabel. Bildung war für meine Eltern sehr wichtig. Meine vier jüngeren Geschwister und ich wurden zum Lernen angehalten - aber helfen konnten sie uns dabei nicht. Auf der Realschule bin ich in der achten Klasse einmal sitzen geblieben, als ich dann in meine neue Klasse kam, hatte ich schon nach sechs Monaten meine erste Klassenkonferenz, wo über mein Schulverweis diskutiert wurde.

Du hattest also ziemlich schwierige Startbedingungen. Wie hast Du es dennoch geschafft, für Dich die Kurve zu bekommen?

Omer Semmo: Ich habe mir irgendwann die Frage gestellt: Was willst du aus Deinem Leben machen? Viele meiner Freunde aus Kindheitstagen sind direkt nach der Grundschule auf der Hauptschule gelandet. Sie sahen für sich keine Zukunft und sind bis heute in Arbeitslosigkeit oder prekärer Beschäftigung gefangen. Manche sind sogar mit dem Gesetz in Konflikt geraten oder wurden mitsamt ihrer Familie irgendwann abgeschoben.

Ich wusste ganz genau: Wenn ich mir dieses Schicksal ersparen möchte, muss ich jetzt an mir arbeiten. Dann habe ich mich ins Zeug gelegt und meine Mittlere Reife und mein Abitur gemacht. Danach habe ich mich bewusst für ein Politikstudium entschieden - eine ungewöhnliche Wahl, denn viele Migranten_innenkinder gehen auf Nummer sicher und studieren lieber Jura, Medizin oder technische Fächer, als „brotlose“ Gesellschafts- oder Geisteswissenschaften.Aber meine Sozialisation hat mich davon überzeugt, dass ich nichts ändern kann, wenn ich mich nicht politisch einbringe. Oder wie Rosa Luxemburg es einmal gesagt hat: „Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht!“ Wenig später bin ich dann auch parteipolitisch aktiv geworden.

Frage: Hast Du auf Basis Deiner eigenen Biografie politische Handlungsfelder bzw. Themen ausgemacht, die Dir gerade besonders am Herzen liegen?

Omer Semmo: Zum einen die politische Interessenvertretung und Gremienarbeit im Raum Köln-Bonn, zum anderen die Anti-Rassismus-Arbeit und das Themenfeld Integration. Schließlich ist gerade für meine Generation das Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft schon längst Realität. Leider erleben aber immer noch viele Migrant_innen Ausgrenzung im Alltag - sei es in der Schule, im Betrieb oder in der Universität. Da reicht es schon den „falschen“ Namen oder die „falsche“ Hautfarbe zu haben, um nicht die passende Note oder den passenden Ausbildungsberuf zu bekommen. Viele stecken dann den Kopf in den Sand und geben sich viel zu schnell auf. Als Gewerkschaftsjugend gilt es dieser Entwicklung entgegenzuwirken!

Frage: Du hast gerade die Benachteiligung junger Migrant_innen angesprochen. Im September veröffentlichte die DGB-Jugend NRW den Ausbildungsreport 2015, der sich mit dem Themenschwerpunkt Azubis mit Migrationshintergrund befasst hat. Was genau ist der Ausbildungsreport? Und was waren die zentralen Ergebnisse?

Omer Semmo: Seit 2006 befragt die DGB-Jugend NRW Auszubildende in NRW nach ihrer Zufriedenheit in der Ausbildung. Der nächste Bericht erscheint im Oktober. In dem Ausbildungsreport wird die Qualität der Ausbildung anhand verschiedener Kriterien untersucht, wie zum Beispiel den Arbeitszeiten, der Vergütung und der fachlichen Anleitung. Die Ergebnisse des Ausbildungsreports 2015 machen u. a. deutlich, dass überlange Arbeitszeiten und fest eingeplante Überstunden für viele Auszubildende zum Alltag gehören. Fast 40 Prozent (38,1) der Auszubildenden leisten regelmäßig Überstunden, und zwar im Schnitt 4,3 Stunden je Woche. Über 15 Prozent bekommen dafür keinen Ausgleich, obwohl dies vorgeschrieben ist. Knapp ein Drittel aller Auszubildenden (31,1 Prozent) wird nicht regelmäßig von ihren Ausbilder_innen betreut. Und selbst im dritten Ausbildungsjahr wissen immer noch mehr als 44 Prozent nicht, ob sie nach der Ausbildung übernommen werden.

Bei Azubis mit Migrationshintergrund sieht es noch schlechter aus: Sie haben nicht nur einen schlechteren Zugang zur dualen Ausbildung. In gut bewerteten Berufen sind sie auch deutlich unterrepräsentiert. Nur knapp über 14 Prozent von ihnen zählen zu den angehenden Bankkaufleuten oder Mechatroniker_innen. Überdurchschnittlich stark vertreten sind Migrant_innen dagegen in jenen Berufen, die bei der Bewertung der Ausbildungsqualität tendenziell schlechter abschneiden: 50 Prozent der zahnmedizinischen Fachangestellten haben einen Migrationshintergrund, in der Friseurausbildung sind es 40 Prozent.

Der DGB-Ausbildungsreport ist ein jährlicher Gradmesser für die Qualität in der Ausbildung. Er zeigt, was gut läuft und wo es noch Schwierigkeiten gibt. Der Ausbildungsreport zeigt auch, welche Branchen eine gute Ausbildung bieten und wo es Nachholbedarf gibt. Die Auswertung erfolgt professionell durch ein wissenschaftliches Institut.Für repräsentative Aussagen benötigen wir ausreichend ausgefüllte Fragebögen und freuen uns über jede Unterstützung! Besonders Lehrerinnen und Lehrer an Berufskollegs können die DGB-Jugend bei ihrer Umfrage unterstützen, indem sie in ihren Klassen die Fragebögen ausfüllen lassen. Der Ausbildungsreport NRW 2015 findet sich als Download auf der Seite der DGB-Jugend NRW.

Frage: Immer mehr junge Menschen entscheiden sich nach Ihrer Schullaufbahn für ein Studium. Gleichzeitig haben sich die nordrhein-westfälische Hochschullandschaft und die Studienbedingungen durch die Bologna-Reform in den letzten Jahren rapide verändert. Wie tragt Ihr als Gewerkschaftsjugend dieser Veränderung Rechnung?

Omer Semmo: Die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge und die wachsende Sorge darum, unter welchen Bedingungen Bachelor- und auch Master-Absolvent_innen in das Berufsleben einsteigen, spiegelt sich verstärkt in unserer gewerkschaftlichen Studierendenarbeit wider und ist in mehreren Säulen aufgeteilt. So bieten wir in Zusammenarbeit mit unseren Mitgliedsgewerkschaften regelmäßig Veranstaltungen rund um den Berufseinstieg an – in der Vergangenheit beispielsweise für Chemiker_innen, Ingenieur_innen und Journalist_innen.  Die Idee hinter diesem Veranstaltungsformat ist denkbar einfach: Die Mitgliedsgewerkschaften des DGB sind die unbestrittenen Expert_innen für Berufsbilder jeder Art. Sie kennen die Arbeits- und Berufseinstiegsbedingungen in ihren Branchen ganz genau, sind über Einstiegsgehälter und Aufstiegsmöglichkeiten bestens informiert und können diese Informationen an die Studierenden weitergeben.

Weiterhin bieten wir in Zusammenarbeit mit den ASten oder den Fachschaften Vorlesungen, Filmvorführungen, Diskussionsrunden und kreative und kurzweilige Aktionen zu einer Vielzahl an gesellschaftspolitischen Themen (Sexismus, Anti-Rassismus, Homophobie etc.) an.

Als Gewerkschaftsjugend wollen wir zudem Fachschaften, ASten und Hochschulgruppen dabei unterstützen, sich für eine demokratische und offene Hochschule einzusetzen, ihre Qualifikationen auszubauen und sich möglichst wirksam und kreativ einzumischen. Wir möchten Studierende dazu ermutigen, sich einzubringen und ihre Studienbedingungen aktiv mitzugestalten. Hierzu gibt es von uns Seminare zur Gremienkompetenz und zum Kampagnen- und Projektmanagement.

Eine weitere Säule umfasst die Beratung rund um arbeits- und soziallrechtliche Fragen im Studium. So gibt es zentrale Broschüren und Ratgeber, die wir in der Arbeit vor Ort verwenden und deren Benutzung wir allen Aktiven und allen Gewerkschaften empfehlen. Fast alle Broschüren können beim DGB-Bestellservice (https://www.dgb-bestellservice.de/besys_dgb/) bestellt werden und sie sind dort in der Regel auch als PDF erhältlich.

Frage: Welche Sachen habt Ihr als DGB-Jugend in deinem ersten Monat schon gemacht? Was steht in den nächsten Wochen konkret an?

Omer Semmo: Anfang Mai war eine Delegation der DGB Jugend NRW bei unseren Freund_innen des Gewerkschaftsbundes ‎Histadrut zu Gast in Israel. Kolleg_innen aus Köln waren Teil der Delegation und haben uns wenig später über Ihre Eindrücke von der Reise berichtet. An den Hochschulen hatten wir gut besuchte Veranstaltungen zur sozialen Durchlässigkeit an Universitäten, zum Berufseinstieg in den Journalismus und zu Karriere- und Mitbestimmungsmöglichkeiten im Ingenieursbereich. Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Gremien- und Netzwerkarbeit. Als Gewerkschaftsjugend sind wir beispielsweise Teil des Kölner Jugendrings, wo wir gegenwärtig über Möglichkeiten diskutieren, die Jugendbeteiligung in Köln zu stärken, umso auch nicht-organisierte junge Menschen zu erreichen.

Als nächstes steht unsere Teilnahme beim CSD am 03. Juli an. Wie in den Jahren zuvor, werden wir auch diesmal wieder eine bunte Fußtruppe bilden, um gegen die Diskriminierung und Stigmatisierung von Menschen aufgrund der sexuellen Orientierung, der Identität oder des Geschlechts zu demonstrieren. Zwei Tage später veranstalten wir in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e.V. eine Fachtagung, die sich mit rechtsextremistischen Einflüssen in der Popmusik beschäftigt. Anmeldungen zur Veranstaltung sind immer noch möglich (http://www.fes.de/…/2044…/F1895147392/Anmeldung_05.07.16.pdf). Ein Thema was demnächst anstehen wird, ist die Novellierung des Berufsbildungsgesetzes (BBIG). Hierbei handelt es sich um das zentrale Gesetz für die berufliche duale Ausbildung in Deutschland. Wichtige Fragen rund um die Ausbildung – die Rechte von Auszubildenden, die Eignung von Ausbildungsstätten bis hin zu Ordnungsverfahren – sind hier geregelt. Wichtige Forderungen aus unserer Sicht sind dabei eine gesetzliche Ausbildungsgarantie, eine Übernahme aller Kosten, die im Zusammenhang mit der Ausbildung entstehen durch den Ausbildungsbetrieb bzw. des Ausbildungsträgers und ein Eignungsnachweis für Betriebe und Ausbilder_innen.

 

Hinweis: In der Reihe „Nachgefragt“ veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen ausführliche Stellungnahmen und Positionen von gewerkschaftlichen Experten/innen aus der Region Köln-Bonn. „Nachgefragt“ bietet nicht nur ausführliche Hintergrundinformationen, sondern spiegelt immer auch die persönliche Sichtweise der jeweiligen Experten/innen wieder. Die Texte können für Medienberichterstattungen genutzt werden.

Weitere Veröffentlichungen aus der Reihe „Nachgefragt“ finden Sie auf unserer Internetseite www.koeln-bonn.dgb.de. Dort können Sie „Nachgefragt“ auch als RSS-Feed abonnieren.

 

V.i.S.d.P. DGB-Region Köln-Bonn, Hans-Böckler-Platz 1, 50672 Köln
Tel. 0221 – 500032- 0, Fax: 0221-50003220
Mail: Koeln@DGB.de, Web: www.koeln-bonn.dgb.de


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