Deutscher Gewerkschaftsbund

09.07.2010

Nachgefragt: Integration ist keine Einbahnstraße

Integration, Gleichstellung, Chancengleichheit – das sind gesellschaftliche Kernforderungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Um diese Ziele in der Stadtgesellschaft zu erreichen, hat sich der DGB in Köln intensiv an der Entwicklung des Integrationskonzeptes der Stadt Köln beteiligt. In der Arbeitswelt ist es mittlerweile normal, dass Menschen mit Migrationshintergrund auch in Betriebs- und Personalräten mitwirken. Ein Beispiel: Servet Köksal, der als Beamter Mitglied des Personalrats ist.

Frage: Wie siehst Du den Stand der Integration?

Servet Köksal: Rund 15 Millionen Menschen in Deutschland haben bereits einen Migrationshintergrund , d.h. jeder Fünfte! Tendenz ist steigend. Dabei liegt die Arbeitslosenquote bei Migrantinnen und Migranten um ein vielfaches höher. Die Zahl der Schüler mit guten Abschlüssen hingegen um ein vielfaches niedriger. Laut dem Forschungsbericht des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge fühlen sich jedoch lediglich 5% der Ausländer wenig bis gar nicht mit Deutschland verbunden, d.h. 95% der Ausländer fühlen sich mit Deutschland verbunden! Aber wie viel Prozent der Deutschen von Deutschland fühlen sich denn mit den Ausländern verbunden?

Frage: Wenn ich das richtig verstehe, gibt es noch viel zu tun. Was kann der einzelne für die Verbesserung des Integrationsprozesses tun? Was können Politik, Verwaltung, Gewerkschaften und Parteien tun?

Servet Köksal: Bevor ich etwas dazu sage, möchte ich kurz etwas über meine persönlichen Integrationserfahrungen berichten. Als Sohn einer türkischen Arbeiterfamilie habe ich mit 14 Jahren angefangen zu jobben und miterlebt, wie meine Mutter während meiner Kindheit neben einer Vollzeitstelle noch 2 Nebenjobs hatte. Mittlerweile hat sie sich erwerbsunfähig bzw. kaputt gearbeitet. Während ihrer letzten Beschäftigung bei einer Zeitarbeitsfirma bzw. einem modernen Sklavenhändler mit dem Ziel der Ausbeutung von menschlicher Arbeitskraft lag ihr Verdienst für Knochenharte Arbeit bei 3,50 Euro Brutto die Stunde. Ich bin in einem sozialen Brennpunkt groß geworden. Einige der Jugendlichen sind dort damals auf die schiefe Bahn gerutscht. Dank der bildungspolitischen Entscheidung der NRW Politik für Gesamtschulen, bin ich jedoch in den Genuss gekommen, Abitur zu machen und Jura zu studieren. Nachdem ich mein Studium aus gesundheitlichen Gründen abbrechen musste, konnte ich einen der begehrtesten Ausbildungsplätze erhalten und bin jetzt seit sechs Jahren Kommunalbeamter der Stadt Köln.

Servet Köksal

Andrea Mährle, Bonn

Frage: Was bedeutet denn eigentlich Integration?

Servet Köksal: Das Wort stammt vom lateinischen „Integratio“ ab und bedeutet in der Soziologie der AUFBAU einer Wertegemeinsamkeit und Lebensgemeinschaft durch gegenseitige Annäherung, Kommunikation, Finden von Gemeinsamkeiten und der Übernahme gemeinschaftlicher Verantwortung zwischen Menschen mit Migrationshintergründen und der anwesenden Mehrheitsbevölkerung. Integration meint somit nicht reine Anpassung wie ein Chamäleon. Integration ist deshalb auch keine Einbahnstraße sondern ein wechselseitiger Prozess, bei dem beide Seiten mit Respekt und Beibehaltung ihrer eigenen Identität aufeinander zugehen. Das Fundament für Integration bildet die Verfassung! Sie muss zweifelsohne von jedem als Basis für das Zusammenleben uneingeschränkt geachtet werden!

Frage: Seit wann sprechen wir in Deutschland eigentlich über Integration?

Servet Köksal: Seit die Arbeitsmarktintegration vieler Migranten zu einem echten Problem geworden ist! Damit hat sich nämlich die strukturelle Schwäche der Migranten in Deutschland offenbart! Ich meine damit, dass der Arbeitsmarkt für gering qualifizierte Tätigkeiten für Menschen mit Migrationshintergrund zwar geöffnet wurde, aber das Ziel einer langfristigen gesellschaftlichen Gesamteinbettung der Migranten in allen Bereichen überhaupt nicht verfolgt wurde!

Frage: Was bedeutet das z.B. für die Stadt Köln?

Servet Köksal: In Köln leben Menschen aus über 150 Ländern mit verschiedensten Weltanschauungen, Religionen, Behinderungen und sexuellen Identitäten. Diese Menschen haben mit ihrer Arbeitskraft und ihrer Persönlichkeit dazu beigetragen, Köln aufzubauen und zu dem zu machen, was es heute ist, eine der weltweiten Spitzenmetropolen. Die vorhandenen kulturellen und persönlichen Vielfältigkeiten dürfen deshalb nicht als ein Virus oder eine Gesellschaftskrankheit angesehen werden, sondern als unser gemeinsamer gesellschaftlicher Reichtum und unser Erbe an unsere Nachwelt! Ein passendes Zitat von Gandhi lautet: „Du und ich: Wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen.“. In Köln gehen wir bereits mit gutem Beispiel für die anderen Städte in Deutschland voran. Wir sollte das unbedingt beibehalten und gemeinsam ausbauen.

Frage: Aber dennoch siehst Du noch Defizite?

Servet Köksal: Wir können uns den Integrationsprozess wie eine mehrspurige Autobahn vorstellen auf der sich alle Menschen in Deutschland bewegen! Manche sind etwas langsamer unterwegs und manche auf der Überholspur. Es gibt natürlich auch auf beiden Seiten welche, die liegen geblieben sind und Hilfe benötigen, um weiterzukommen. Und es gibt aber auch welche, die komplett neben der Spur sind, sog. Geisterfahrer bzw. geistige Brandstifter. Ich treffe immer noch Menschen, die der Meinung sind, dass auch ich nicht richtig und nicht ganz integriert bin. Obwohl ich hier geboren wurde und verbeamtet bin. Obwohl ich in die Personalvertretung der Stadt Köln gewählt wurde und mich dort insbesondere für die Belange meiner verbeamteten Kollegen engagiere. Obwohl ich Fan einer Bundesligamannschaft bin und auch Karneval feiere. Obwohl ich mich ehrenamtlich engagiere und auch nichts dagegen habe, wenn jemand aus meiner Familie sich für einen deutschen Lebenspartner entscheidet. Und obwohl ich ab einem 14-tägigem Auslandsurlaub die deutschen Tagesthemen und Tageszeitungen vermisse. Dennoch reicht das alles für manche nicht. Insbesondere für manche CDU/CSU Politiker bin ich nicht so richtig und nicht so ganz integriert und integrationswillig.

Frage: Warum ist das Deiner Meinung nach so? 

Servet Köksal: Weil ich neben der deutschen auch die positiven Seiten der türkischen Kultur für mich gewonnen habe und achte, weil ich mich gerne auch auf türkisch unterhalte, weil ich als Moslem auch mal in die Moschee gehe, weil ich in meiner Wohnung mehr mit Hausschuhen rumlaufe und für meine Gäste auch welche bereitstelle, weil ich nichts dagegen hätte, wenn jemand aus meiner Familie ein Kopftuch trüge, weil ich meinen Kindern auch die türkische Sprache beibringen würde, weil ich auch das Zuckerfest gerne feiere und weil ich kein Schweinefleisch esse UND weil ich mich nicht nur für Rosa Luxemburg,  sondern auch für Nazim Hikmet begeistere. Ich und alle anderen Menschen, die eine ähnliche Lebensweise und Einstellung haben, sind z.B. in den Augen von Herrn Roland Koch nicht so ganz und nicht so richtig integriert! Warum? Ich frage mich diese Frage seit Jahren: W-A-R-U-M? Weil Herr Koch zwar von Integration spricht aber etwas völlig anderes meint, nämlich Assimilation! Entweder benutzt er das Wort Integration bewusst falsch oder er hat in der Schule nicht so richtig aufgepasst. Beides schlimm. Denn Assimilation und Integration sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht!

Frage: Kannst Du das genauer erklären?

Servet Köksal: Assimilation ist ein Vorgang der kompletten Übernahme von kulturellen Traditionen und Wert- und Verhaltensmustern, bei dem die eigenen Herkunftsbezüge und somit auch ein Teil der eigenen Identität komplett aufgegeben werden müssen. Assimilation ist ein Gegensatz zu einem kulturellen und ethnischen Pluralismus wie es unser Grundgesetz vorschreibt! Alle die sich nicht wie ein Chamäleon anpassen wollen, werden mit Ausgrenzung bestraft! Die Devise lautet: Werde wie ich, dann gibt es keine Unterschiede und somit auch keine Interessenkonflikte und folglich auch keine Probleme zwischen uns! Die Assimilation zu fordern, verstößt deshalb gegen Menschenrechte und gegen das Grundrecht aus Art. 3 des GG über das allgemeine Persönlichkeitsrecht auf freie Entfaltung. Die Forderung, dass Migranten sich zu assimilieren haben, führt bei mir und den allermeisten anderen Migranten die ich kenne, zu einer riesigen Frustrationswolke, die immer größer und größer wird. Es frustriert, dass immer noch Politik- und Gesellschaftsgrößen keinen Willen zeigen, Menschen mit Migrationshintergründen als die ihre zu akzeptieren. Da hilft es auch nicht, wenn Frau Merkel – aufgrund des umarmenden Auftrittes des türkischen Ministerpräsidenten Erdogans unter Druck geraten - erklärt, auch die Kanzlerin der türkischstämmigen Menschen in Deutschland zu sein. Diese Aussage von Frau Merkel ist zwar richtig, aber viele Menschen mit Migrationshintergrund haben sich ein solches offenes Bekenntnis früher gewünscht.

Frage: Du hast jetzt sehr viel über die Mehrheitsgesellschaft und die deutsche Politik gesprochen. Wie sieht es aber bei den Migranten/innen aus?

Servet Köksal:  Es ist Fakt, dass es leider immer noch zu viele Menschen unter uns gibt, die die deutsche Sprache nicht beherrschen, obwohl sie bereits seit Jahren hier leben. Bei näherer Betrachtung der Zuwanderungsgeschichte ist das auch nicht verwunderlich! Im Zuge der Anwerbung in den 1960er Jahren sind keine Akademiker, sondern insbesondere Personen aus wirtschaftlich unterentwickelten Gebieten und aus Sozialstrukturen mit relativ niedrigem Bildungsprofil ins Land geholt worden! Im Generationenverlauf hat sich dieses Bildungsdefizit fortgesetzt. Diese Abwärtsspirale muss durchbrochen werden! Wie? Durch Bildung, aber in einem Bildungssystem, das nicht bereits ab der 4. Klasse selektiert, sondern ein gemeinsames Lernen bis zum Schluss ermöglicht!

Frage: Und was können Migranten/innen selber machen?

Servet Köksal:  Jeder einzelne von uns muss sich weiterhin für den Integrationsprozess mit allen Kräften einsetzen. Bildung und Sprache muss für jeden von uns genauso wichtig sein, wie Luft zu atmen und Wasser zu trinken. Unsere Gastfreundschaften, Mentalitäten und verschiedene Küchen von Griechisch über Italienisch bis Türkisch kennen die meisten unserer deutschen Brüder und Schwestern ohne Migrationsgeschichte bereits sehr gut. Wir müssen aber noch deutlicher zeigen, dass wir sehr viel mehr Seiten und Facetten haben. Wir müssen uns noch stärker in der Gesellschaft engagieren, beispielsweise in der Freizeit Ehrenämter wahrnehmen. Es gibt hunderte von Vereinen zu verschiedensten Themen, seien es Künstlergruppen oder Dichtergruppen, seien es Tierfreunde oder unterschiedliche Sportvereine. Es gibt für jeden eine Möglichkeit! Am effektivsten eignen sich für das Thema „Verbesserung des Integrationsprozesses“ politische Parteien und Gewerkschaften. Und diejenigen, die bereits in Vereinen aktiv sind, können eine Multiplikatorenfunktion einnehmen. Diese Menschen sollten bitte ihre Vereinsmitglieder auf die Wichtigkeit der Sprach- und Bildungsqualifikation immer wieder und wieder ansprechen! Sie sollten versuchen in ihren Vereinen Nachhilfeunterricht und Sprachunterricht anzubieten! Sie sollten unbedingt  „Tage der offenen Türen“ durchführen und, genauso wichtig, auch selber an anderen teilnehmen! Vor allem die zahlreichen Moscheevereine könnten und sollten es zur Tradition machen, bei jeder wöchentlichen Freitagspredigt einen kurzen Teil der Redezeit des Imams AUSSCHLIEßLICH für das Thema Sprach- und Bildungsqualifikation und gesellschaftliche Teilhabe zu widmen! Alle Vereine sollten ihre Nachbarn und Bekannten über ihre Arbeit auf dem Laufenden halten, frei nach dem Motto „Tue Gutes, und rede darüber!“.

Frage: Du arbeitest im öffentlichen Dienst, Du bist Gewerkschafter, Du engagierst Dich in einer Partei – und hast damit Deine Aktionsmöglichkeiten gefunden. Was muss in den drei Bereichen verbessert werden?

Servet Köksal:  Ein enorm großes Stück Verantwortung trägt in der Integrationsdebatte auch der öffentliche Dienst, die Gewerkschaften und die politischen Parteien. Alle drei haben eine Vorbildfunktion! Sie müssen versuchen, mit gutem Beispiel voranzugehen und die Chancengleichheit beim Zugang zu Arbeitsstellen in ihre eigenen Reihen zu fördern. Das heisst sowohl die Verwaltungen, aber auch die politischen Parteien, als auch die Gewerkschaften und Gewerkschaftsverbände müssen sich kritisch hinterfragen lassen, warum noch immer die Zahl ihrer hauptamtlich Beschäftigten sowie Spitzenpositionen nicht das Gesellschaftsbild und somit den Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund wiedergibt. Insbesondere der Öffentliche Dienst, Gewerkschaften und Parteien dürfen sich hierbei nicht auf Alibi-Posten beschränken und sich darauf ausruhen, sondern müssen sich interkulturell öffnen!


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