Deutscher Gewerkschaftsbund

25.10.2017

Nachgefragt: Vorsitzende der DGB-Hochschulgruppe stellen sich vor

Mitte September gründete sich die neue DGB-Hochschulgruppe in Köln. Zum Vorsitz wählten die Studierenden Nuria Cafaro und Jonas Becker. Nuria studiert Philosophie, Geschichte und Germanistik. Jonas macht seinen Master in den Regionalstudien China und Sozialwissenschaften. Hier stellen sich die beiden kurz vor und geben Einblick in die Pläne der Hochschulgruppe.

Frage: Wie seid ihr politisiert worden?
Nuria:
Ich glaube, erstmals das Gefühl mich an politischen Prozessen beteiligen zu müssen, hatte ich - ich bin ja in Solingen aufgewachsen - nach einer Gedenkveranstaltung zum Brandanschlag. Darüber hinaus haben mich die großen Bildungsstreikbewegungen ab 2008 begeistert, in denen ich mich dann auch einbrachte. Der Elan und die Selbstbestimmung, die Schüler_innen bewiesen, indem sie für ihre Interessen und für eine gute Bildung für alle auf die Straße gingen und dafür auch Fehlstunden in Kauf nahmen, hat mich sehr beeindruckt. Parallel dazu haben wir eine Bezirksschüler_innenvertretung aufgebaut und ich wurde in den Jugendstadtrat gewählt. In all diesen Zusammenhängen habe ich Mitbestimmung als wesentliches Thema erlebt. Wahrscheinlich hat mich auch meine Familie politisiert, weil ich, unter anderem an dem Bildungsweg meiner Mutter gesehen habe, dass die Chancengleichheit für die Kinder von „Gastarbeiter_innen“ nicht gegeben war. Leider spielen ähnliche Themen heute immer noch eine wesentliche Rolle.

Jonas: Bei mir muss das im Jahr 2008 gewesen sein, als die Wirtschaftskrise ihren Höhepunkt nahm. Ich begann gesellschaftliche Realitäten zu hinterfragen und in linken Gruppierungen aktiv zu werden - anfangs vor allem in Bürgerinitiativen gegen die Privatisierung öffentlichen Eigentums. Ich engagierte mich in der Bildungsstreikbewegung und bin nach wie vor stolz darauf, wie wir damals maßgeblich zur Abschaffung der Studiengebühren und den Kopfnoten beitrugen.

Frage: Warum engagiert ihr euch gewerkschaftlich?
Jonas:
Gewerkschaften sind die bündelnde Vertreterorganisation abhängig Beschäftigter, verteidigen dafür tagtäglich Rechte - und bauen sie aus. Nicht nur für die Vertretung am Arbeitsplatz vor Ort, sondern auch in Bündnissen und auf Demonstrationen sind der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften wichtig. Diese Tatsachen - und nicht zuletzt auch mein Elternhaus - haben mich schließlich gewerkschaftlichem Engagement nähergebracht.

Nuria: Durch die politische Arbeit in Bündnissen hatte ich natürlich Anknüpfungspunkte in den DGB und gesehen, welche wichtige Rolle er in den Bewegungen einnimmt und, dass er auf der richtigen Seite steht. Nach meiner Zeit in der Schüler_innenvertretung war mir klar, dass ich weiter Interessenvertretung machen möchte. Also bin ich mit 16 in die ver.di eingetreten und mit Beginn meines Lehramtsstudiums dann in die GEW.

Frage: Welche Erfahrungen bringt ihr für eure Arbeit bei der DGB Hochschulgruppe mit?
Jonas:
Ich habe meinen Bachelor in Münster gemacht und war da bereits für ein paar Jahre in der gewerkschaftlichen Hochschulpolitik aktiv. Dort haben wir gute Basisarbeit gemacht, mit dem Personalrat der Hochschule zusammengearbeitet, zwei Jugendbündnisse aufgebaut und dadurch die politische Landschaft ein wenig verändern können. Darauf bin ich stolz – das will ich hier weiterführen. 

Nuria: Ich habe, wohl auch zu Lasten der Nerven meiner Lehrer_innen, Komitees und Schüler_innen-Interessenvertretungen aufgebaut und koordiniert sowie durch die Arbeit in antifaschistischen und Antiprivatisierungs-Bündnissen Erfahrungen sammeln können und vor allem gemerkt, dass es wichtig ist, gemeinsam Erlebnisse auszutauschen und Politik zu erarbeiten. Ich hoffe dazu beitragen zu können, möglichst viele Studierende für unsere gemeinsamen Interessen zu mobilisieren und gewerkschaftliche Inhalte auch in die Uni zu tragen.

Frage: Warum erachtest du es als wichtig, dass der DGB auch Studierende vertritt?
Nuria:
Vor allem aus zwei Gründen: Erstens, weil Studierende nicht wie Auszubildende an die Gewerkschaft angebunden werden und Berührungspunkte oft komplett fehlen. Zweitens, weil gerade an den Hochschulen prekäre Beschäftigung der Normalfall ist, Studentische Hilfskräfte (SHK) meist nur in Monatsverträgen angestellt werden und häufig nicht das verdienen, was ihren Qualifikationen entspricht. Wir meinen also, dass es wichtig ist, gegen das neoliberale Lügenmärchen den neoliberalen Mythos anzukämpfen, dass wir Studierenden keine gewerkschaftliche Interessenvertretung bräuchten, da in den Hochschulen ohnehin nur die Führungskräfte von Morgen säßen.

Frage: Welche Ziele wollt ihr mit der Hochschulgruppe erreichen?
Jonas:
Wir haben zunächst zwei Schwerpunkte: Zum einen werden wir uns bei den kommenden Uniwahlen zur Vertretung der Studentischen Hilfskräfte aufstellen lassen, damit sich in dem Gremium nötige gewerkschaftliche Positionen wiederfinden. Zum anderen werden wir im kommenden Sommersemester ein anrechnungsfähiges Seminar im Rahmen des Studium Integrale zu Gewerkschaften im modernen Kapitalismus organisieren. Das Seminar wird Referate und Diskussionen mit unterschiedlichen Fachkundigen und eine Betriebsbesichtigung beinhalten.

Nuria: Auch werden wir uns zu aktuellen Entwicklungen in der Hochschulpolitik äußern. Derzeit beobachten wir die von der neuen Landesregierung angekündigten Neuerungen mit Sorge und positionieren uns deutlich gegen jede Form von Studiengebühren oder Anwesenheitspflichten, die große Probleme für lohnabhängige Studierende darstellen.


Hinweis: In der Reihe „Nachgefragt“ veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen ausführliche Stellungnahmen und Positionen von gewerkschaftlichen Experten/innen aus der Region Köln-Bonn. „Nachgefragt“ bietet nicht nur ausführliche Hintergrundinformationen, sondern spiegelt immer auch die persönliche Sichtweise der jeweiligen Experten/innen wieder. Die Texte können für Medienberichterstattungen genutzt werden.

Weitere Veröffentlichungen aus der Reihe „Nachgefragt“ finden Sie auf unserer Internetseite www.koeln-bonn.dgb.de. Dort können Sie „Nachgefragt“ auch als RSS-Feed abonnieren.

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