Deutscher Gewerkschaftsbund

13.07.2018

Nachgefragt mit Giovanni Pollice

„Gegen die Politik des Hasses, der Ausgrenzung und der Spaltung. Mit aller Kraft.“

Seit 10 Jahren ist Giovanni Pollice ehrenamtlicher Vorsitzender des bundesweiten gewerkschaftlichen Vereins gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtsextremismus „Mach meinen Kumpel nicht an! e.V.“ mit dem bekannten Symbol der Gelben Hand. Wir haben mit Giovanni Pollice über die Geschichte, das Engagement und Projekte des Kumpelvereins in der DGB-Region Köln-Bonn gesprochen und ihn zur aktuellen gesellschaftlichen Situation befragt.


Frage: Der Kumpelverein wurde 1986 von der Gewerkschaftsjugend gegründet und gehört damit zu den ältesten antirassistischen Organisationen in Deutschland. Wie ist die Gründung damals zu Stande gekommen? Gab es einen konkreten Anlass zur Vereinsgründung?

Mach meinen Kumpel nicht an! e.V.

Mach meinen Kumpel nicht an! e.V.

Giovanni Pollice: Die Ursprünge liegen in Frankreich. Anfang der 1980er Jahre gründete sich dort die  Initiative „SOS Racisme“ mit ihrer Kampagne „Touche pas à mon pote“, übersetzt „Mach meinen Kumpel nicht an“, ihr Symbol war die abwehrende Gelbe Hand. Anlass waren in Frankreich fremdenfeindliche Übergriffe auf Menschen, vor allem aus den Maghreb-Staaten. Auch in Deutschland wurden in den 1980er Jahren fremdenfeindliche Ressentiments, vor allem gegenüber türkischen Mitmenschen, immer stärker. Dem wollte die DGB-Jugend etwas entgegensetzen, sie fragte daher 1985 die französischen Kolleginnen und Kollegen, ob sie das Symbol, die Gelbe Hand, ebenfalls benutzen könnten. Nach derer Zustimmung gründete sie 1986 mit Unterstützung des DGB-Bundesvorstandes in Düsseldorf den Verein „Mach‘ meinen Kumpel nicht an! e.V.“

Frage: Wie bist Du zum „Kumpelverein“ gekommen?

Giovanni Pollice: Den Verein und das Symbol kenne ich schon seit meiner Tätigkeit als Betriebsrat in einer süddeutschen Papierfabrik, wo ich mich damals schon stark für die Rechte ausländischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Betrieb eingesetzt habe. Als ich dann 1988 als hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär zum DGB-Bundesvorstand in die  Abteilung „Ausländische Arbeitnehmer“ wechselte, und somit bundesweit für ausländische Kolleginnen und Kollegen zuständig war, veranstalteten wir immer wieder mit der DGB-Jugend und dem Kumpelverein gemeinsame Aktionen und Aktivitäten. Im Zuge meiner langjährigen gewerkschaftlichen Arbeit im Bereich der Migrations- und Antirassismuspolitik, später dann auch als Abteilungsleiter bei der IG BCE, wurde ich dann 2008 ehrenamtlicher Vorsitzender des Kumpelvereins. Somit feiere ich, wenn man so will, in diesem Jahr mein 10-jähriges Jubiläum als Vorsitzender.

Frage: Dann gratulieren wir Dir herzlich zum Jubiläum. Wie hat sich die Arbeit des Vereins in den letzten 30 Jahren verändert? Was macht der Verein heute konkret?

Giovanni Pollice: Zu Beginn war es vor allem eine große, öffentlichkeitswirksame Kampagne im gewerkschaftlichen Jugendmagazin „Ran“. Willy Brandt, Götz George (Schimanski), Nena, Udo Lindenberg, der Journalist Günter Wallraff – viele prominente Persönlichkeiten unterstützten in der Anfangszeit die Gelbe Hand, um ein starkes, gesellschaftliches Zeichen gegen Rassismus zu setzen. Das war wichtig, um die Botschaft in die breite Öffentlichkeit zu tragen. Mittlerweile ist der Verein auch stärker inhaltlich unterfüttert. Wir machen Bildungsarbeit, Workshops und Seminare in den Betrieben, wir sensibilisieren und wirken präventiv, um Diskriminierung in der Arbeitswelt zu verhindern. Wir stehen aber auch bei der Konfliktlösung und konkreten Vorfällen beratend zur Seite. In einem unserer Projekte, „Aktiv im Betrieb“, entwickeln wir mit Partnerbetrieben gerade antirassistische Unterrichtsmodule, um dieses Thema in der Ausbildung nachhaltig zu implementieren. 

Mittlerweile wird der Kumpelverein vom DGB und allen Mitgliedsgewerkschaften unterstützt und gefördert, so dass wir beim gewerkschaftlichen Engagement gegen Rassismus eine Art Scharnierfunktion einnehmen. Das ist wichtig, denn wir müssen – mehr denn je – die Kräfte bündeln. Daher vernetzen wir die aktiven Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter im Kampf gegen Rechts und unterstützen die Kolleginnen und Kollegen mit unseren Infomaterialien und Publikationen bei ihrer Arbeit vor Ort. Einmal im Monat erscheint unser Magazin, in dem wir über das betriebliche, gewerkschaftliche und gesellschaftliche Engagement gegen Diskriminierung berichten. Bundesweit hat der Verein mittlerweile rund 1800 Fördermitglieder – Tendenz steigend.

Eine unserer zentralen Aktivitäten, ist die jährliche Ausschreibung unseres Jugendwettbewerbs „Die Gelbe Hand“. Azubis, Berufsschülerinnen und –schüler sowie die Gewerkschaftsjugend sind jedes Jahr aufgerufen, sich kreativ mit Projekten gegen Rassismus und für ein solidarisches Miteinander in Vielfalt zu engagieren. Die besten Aktionen werden dann auf unserer Preisverleihung prämiert, die jeweils durch einen Ministerpräsidenten bzw. eine Ministerpräsidentin und einen Gewerkschaftsvorsitzenden bzw. eine Gewerkschaftsvorsitzende vorgenommen wird. So wollen wir vor allem das Engagement der Jugend in dem Bereich fördern.

Frage: Wie beurteilst Du die aktuelle gesellschaftliche Situation? Was ist aus Deiner Sicht zu tun, um die drängendsten Probleme zu lösen?

Giovanni Pollice: Die Situation in Deutschland ist wie in ganz Europa durchaus besorgniserregend. Wir erleben seit einigen Jahren das Erstarken rechtspopulistischer und rechtsextremer Kräfte und Bewegungen. Im Bundestag sitzt mittlerweile eine offen rassistische Partei, die Ängste und Ressentiments schürt und die Gesellschaft spaltet – ohne wirkliche Lösungen anzubieten. Ja, auch im reichen Deutschland gibt es soziale Schieflagen und Ungerechtigkeit, prekäre Lebensverhältnisse und Armut. Darum müssen gerade wir Gewerkschaften uns kümmern, Ängste nehmen und soziale Sicherheit und gute Arbeit gewährleisten. Soziale Probleme zu kulturalisieren, wie es die Rechten tun, ist keine Lösung! Digitalisierung und Globalisierung bedingen rasante Wandlungsprozesse, die Abstiegsängste befördern, da müssen wir mit unseren Kolleginnen und Kollegen in den Dialog gehen und unsere solidarischen und sozialen Antworten auf die Zukunftsfragen geben. Die Herausforderungen von Migration, Flucht und Asyl gilt es human und solidarisch zu gestalten. Dem Rassismus und der pauschalen Hetze gegen Geflüchtete und andere Minderheiten treten wir entschieden entgegen. Mit aller Kraft müssen wir uns einsetzen für Vielfalt, Akzeptanz und Teilhabe, für eine plurale, freiheitliche Demokratie, für eine moderne, gerechte und solidarische Einwanderungsgesellschaft - gegen die rückwärtsgewandte, nationalistisch-völkische, menschenfeindliche Politik des Hasses, der Ausgrenzung und der Spaltung. Mit aller Kraft. Mehr denn je.
 

Mach meinen Kumpel nicht an! e.V.

Mach meinen Kumpel nicht an! e.V.

Frage: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften?

Giovanni Pollice: Wie schon betont, arbeiten wir zu diesen Themen mit allen Gewerkschaften sehr gut zusammen. Im Kampf gegen Nationalismus, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus ziehen wir als Gewerkschaften an einem Strang. Zum einen schulen und vernetzen wir Multiplikatorinnen und Multiplikatoren auf unseren Tagungen, zum anderen unterstützen wir die gewerkschaftlichen Untergliederungen vor Ort, zum Beispiel mit Materialien bei Demos und Aktionen oder mit unserer Bildungsarbeit. Über das Engagement der Gewerkschaften berichten wir dann, um positive Good-Practice-Beispiele zu geben und weitere Menschen zu motivieren, aktiv zu werden.

Frage: Welche Projekte laufen derzeit in der DGB-Region Köln-Bonn? In welchen Betrieben seid Ihr eingebunden und aktiv?

Giovanni Pollice: Über Jahre pflegen wir zum Beispiel immer wieder eine gute Zusammenarbeit mit der Deutschen Post. Ob an ihrem „Tag der Menschenrechte“, den die Jugend- und Auszubildendenvertretung der Post jährlich organisiert, oder zu Workshops und Vorträgen, sowie bei den JAV-Versammlungen waren wir vor Ort. 
Auch mit der Jugend der Telekom Köln haben wir als Gelbe Hand schon kooperiert. Unser Referent wurde damals auf die JAV-Versammlung eingeladen und hat vor rund 150 Azubis zu Pegida und Hetze in sozialen Medien aufgeklärt und zusammen haben wir ein tolles Statement gegen Rassismus gesetzt.
Gemeinsam mit ver.di-NRW Süd hatten wir im letzten Jahr eine Podiumsdiskussion zum Thema Rechtpopulismus, wo es genau darum ging, das positive Engagement, in der Flüchtlingshilfe oder im Betrieb, sichtbar zu machen und zu würdigen.
Auf der Kundgebung am Tag der Arbeit in Bonn war ich im letzten Jahr auch Hauptredner. Das alles zeigt, die Kontakte in die Region Köln-Bonn sind sehr gut und wir sind aktiv. Das heißt aber nicht, dass wir das nicht gerne intensivieren und ausbauen können!

Auch sonst sind wir in NRW stark verankert. Zwei unserer Partnerbetriebe, bei dem wir die Unterrichtseinheiten für Auszubildende entwickeln sind zum Beispiel die Rheinbahn in Düsseldorf und die Evonik AG in Essen. Aber auch die Stadtwerke Düsseldorf, Bayer in Leverkusen und Dormagen oder die Evonik Niederkassel-Lülsdorf sind Betriebe, mit denen wir gemeinsame Aktionen durchführen.

Frage: Welche Möglichkeiten haben interessierte Kolleg/innen aus den Betrieben, wenn sie Projekte und Aktionen gegen Rassismus initiieren wollen? Welche Unterstützung könnt Ihr anbieten?

Giovanni Pollice: Die interessierten Kolleginnen und Kollegen können sich gerne an unsere Geschäftsstelle in Düsseldorf wenden. Je nach Interessenlage können wir Infomaterialien z.B. für Aktionsstände zukommen lassen. Wir beraten und unterstützen bei der Planung und Umsetzung von Maßnahmen im Betrieb bzw. vor Ort. Unser Team aus Referentinnen und Referenten, der Geschäftsführerin oder ich als Vorsitzender, kommen bei Bedarf auch gerne vorbei und bieten unser Know-How und unsere Fachkompetenz bei den Themen an. Sei es bei einem Workshop oder einem Vortrag. Doch nicht nur präventiv zur Sensibilisierung, sondern auch wenn es konkrete Vorfälle von Diskriminierung, rechten Parolen und Schmierereien im Betrieb gibt, stehen wir den Kolleginnen und Kollegen jederzeit beratend zur Seite.

Frage: Und wie kann man Euch unterstützen?

Giovanni Pollice: Neben einmaligen Spenden gibt es die Möglichkeit zur Fördermitgliedschaft, beginnend bei einem Mindestbeitrag von 36 Euro im Jahr. Als Fördermitglied bekommt man die Einladungen zu unseren Veranstaltungen und monatlich auch unser Magazin in Papierform nach Hause geschickt. Über den finanziellen Aspekt hinaus kann man uns unterstützen, indem man sich aktiv engagiert und die Gelbe Hand als gewerkschaftliches Symbol gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in die Betriebe, Verwaltungen und in die Gesellschaft trägt und ein Zeichen setzt für eine demokratische, solidarische und weltoffene Gesellschaft! Dafür müssen wir kämpfen – Tag für Tag!

Wir danken Dir für das Gespräch und wünschen Dir und der Gelben Hand weiterhin viel Erfolg.

Zur Person:

Giovanni Pollice wurde am 20.06.1954 im süditalienischen Capracotta geboren und kam 1966 im Alter von 12 Jahren nach Süddeutschland, in die Nähe von Baden-Baden. Nach der Lehre engagierte er sich zuerst als Jugendvertreter und dann als Betriebsrat in einer Papierfabrik und begann danach 1988 seine Laufbahn als hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär beim DGB-Bundesvorstand in Düsseldorf. Giovanni Pollice war anschließend bis 2014 Leiter der Abteilung Politische Schwerpunktgruppen, u. a. zuständig für Migration-, Integration- und Antirassismuspolitik beim Hauptvorstand der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie in Hannover. Seit 10 Jahren ist Pollice ehrenamtlicher Vorsitzender des bundesweiten gewerkschaftlichen Vereins gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtsextremismus „Mach meinen Kumpel nicht an! e.V.“ mit dem bekannten Symbol der Gelben Hand. Er ist auch Mitglied des Stiftungsrates der im Jahr 2014 gegründete Antirassismus Stiftung. 2016 erhielt er für sein jahrzehntelanges Engagement für eine diskriminierungsfreie Arbeitswelt, für seinen Kampf gegen Rassismus sowie für seinen gesellschaftlichen Einsatz für Integration, Vielfalt und Kultur das Bundesverdienstkreuz am Bande, verliehen vom damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck.

Hinweis: In der Reihe „Nachgefragt“ veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen ausführliche Stellungnahmen und Positionen von gewerkschaftlichen Experten/innen aus der Region Köln-Bonn. „Nachgefragt“ bietet nicht nur ausführliche Hintergrundinformationen, sondern spiegelt immer auch die persönliche Sichtweise der jeweiligen Experten/innen wieder. Die Texte können für Medienberichterstattungen genutzt werden.

Weitere Veröffentlichungen aus der Reihe „Nachgefragt“ finden Sie auf unserer Internetseite www.koeln-bonn.dgb.de. Dort können Sie „Nachgefragt“ auch als RSS-Feed abonnieren.

V.i.S.d.P. DGB-Region Köln-Bonn, Hans-Böckler-Platz 1, 50672 Köln
Tel. 0221 – 500032- 0, Fax: 0221-50003220; Mail: Koeln@DGB.de, Web: www.koeln-bonn.dgb.de


Nach oben