Deutscher Gewerkschaftsbund

05.05.2017

Redebeitrag 1. Mai Bergisch Gladbach

Maike Eyring, BR-Vorsitzende und Sozialarbeiterin

Liebe Maike Eyring,

Vielleicht stellst du Dich kurz selber vor:

Ich bin Mitglied im Ortsverein der Verdi, Betriebsratsvorsitzende und Sozialarbeiterin hier in Bergisch Gladbach bei der Kette e.V. Wir haben verschiedene Bereiche in denen verschiedene Berufsgruppen hauptsächlich der „sozialen Arbeit“ tätig sind, unter anderem auch Pflegekräfte.

Wie sehen Sie / siehst Du die Entwicklung der Arbeitsbedingungen in der sozialen Arbeit?

Die allgemeine Entwicklung in der sozialen Arbeit ist meiner Meinung nach zumindest bedenklich. Mit neuen Gesetzten, wie dem Bundes-Teilhabe-Gesetz, das neben der Umsetzung der Ziele der UN-Behindertenrechtskonvention aus dem März 2009 auch eine Kostendeckelung erreichen soll, verändern sich die Grundlagen für soziale Dienstleistungen bedeutend. Ich möchte klar sagen, dass meiner Meinung nach das Ziel Teilhabe und Inklusion für Menschen mit Behinderung und / oder Beeinträchtigung zu Gewährleisten, nicht zu erreichen ist, wenn gleichzeitig eine Kostendeckelung angestrebt wird.

Das musst Du uns näher erläutern.

Viele soziale Dienstleister sind non Profit Organisationen, sowie die Kette auch, deren Ziel nicht ein monitärer Gewinn, sondern eine qualitativ hochwertige Unterstützung ist. Aber auch wir möchten am Ende des Monats unseren Lohn bekommen und es müssen Kosten refinanziert werden. Diese Refinanzierung wird nun in verschiedenen Bereichen immer schwieriger.

Teilweise ist sie nur durch eine Mischkalkulation überhaupt machbar.

Was bedeutet, das dies nur durch eine Mischkalkulation machbar ist?

In der sozialen Arbeit kann man in der Regel wohl nicht mehr von dem Grundsatz „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ ausgehen. Die erfahreneren Kolleginnen und Kollegen, die teilweise noch zu BAT-Bedingungen eingestellt wurden, verdienen  bedeutend mehr als die Jüngeren, die Glück haben, wenn sie überhaupt nach Tarif bezahlt werden und / oder noch Sonderleistungen, wie Weihnachtsgeld erhalten. Das Erbringen einer Dienstleistung wie beispielsweise dem ambulant betreuten Wohnen ausschließlich mit ehemaligen BAT-Beschäftigten, die schon über viele Jahre beim gleichen Arbeitgeber sind, ist nicht kostendeckend machbar. 

Der Verdienst kann leider wenig verlocken, beruflich in die soziale Arbeit oder auch die Pflege einzusteigen.

Ein großes Problem ist jetzt schon der Mangel an gut qualifizierten Fachpersonal und damit meine ich nicht im IT-Bereich, sondern vor allen Dingen in der Pflege. Und dieser Mangel wird sich durch einen höheren Bedarf und die Unattraktivität der Rahmenbedingungen dieses Berufs zunehmend verschärfen.

Aber da müsste doch die Politik dagegen steuern.

Leider höre ich aber selten von Plänen der Politik diesem absehbaren Problem entgegenzuwirken. Die Situation der Pflege und Pflegekräfte ist übergreifend, also sowohl in hauptsächlich pflegerischen Einrichtungen, wie Pflegeheimen als auch in Krankenhäusern prekär. Und nicht nur für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, sondern für jeden Bürger und jede Bürgerin, die das Unglück hat, schwer zu erkranken oder das Glück hat, trotzdem sehr alt zu werden.

Was sind hier Ihrer / Deiner Meinung nach die vorrangigsten Probleme?

Die Kolleginnen und Kollegen sind häufig bei ihren Diensten so unterbesetzt oder gerade so besetzt, ich will es so sagen, sie können hoffentlich so eben die Pflicht, aber sicherlich nicht die Kür absolvieren. Was heute eine Regelbesetzung ist, war 1992 noch eine Notbesetzung. Hier kann es doch nicht mehr um die gute ganzheitliche Versorgung und Betreuung von Menschen gehen.

Mit anderen Worten, wir haben heute 25 Jahre später eine dauernde Notbesetzung?

Ich will dies mit einem Beispiel aus einer Stichprobe 2015 in 238 Krankenhäusern auf 3791 Stationen die für rund 90.000 Patienten zuständig waren verdeutlichen. Hier waren rund 2/3 der Pflegekräfte alleine im Dienst.

76,8% der Einzelbesetzungen gaben an, teilweise erforderliche Leistungen aufgrund des Personalmangels nicht erbracht haben zu können.

Häufiges Einspringen, keine Zeit für Pausen und kaum oder nicht zu schaffende Arbeitsbelastung sind oftmals eher die Regel als die Ausnahme. Daher ist ein bundesweiter verbindlicher und gesichert refinanzierter Personalschlüssel unbedingt erforderlich!

Ja aber, es kann doch nicht angehen, dass gerade in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen häufig gegen den Gesundheits- und Arbeitsschutz verstoßen wird?

Die Kolleginnen und Kollegen in der Pflege leisten eine wertvolle und schwere Arbeit. Häufig ist hier Beruf auch Berufung, so dass sie Leistungen über ihr eigenes gesundes Maß hinaus erbringen und dennoch ihren Beruf nicht befriedigend ausführen können. So sind bei allen Beteiligten, den Patienten, den Angehörigen und den Pflegekräften Frustrationen vorprogrammiert.

Eine Studie der AOK aus 2016 belegt, dass Pflegekräfte sowohl psychisch als auch physisch deutlich höheren Belastungen ausgesetzt sind als der Durchschnitt der Beschäftigten.

Das Engagement und das Einfühlungsvermögen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer darf nicht weiterhin so ausgenutzt werden. Diese verantwortungsvolle, psychisch und physisch belastende Tätigkeit muss angemessen entlohnt werden. Zusätzlich müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die es erlauben, Bestimmungen von Arbeits- und Gesundheitsschutz einzuhalten und der Tätigkeit im Sinne des Erfinders nachzukommen.

Man muss sich doch nur einmal selbst fragen, wie man betreut werden möchte, wenn man selbst einmal der Pflege bedarf.

2010 waren rund 4,2 Millionen Menschen über 80 Jahre, 2050 werden über 10 Millionen Menschen über 80 Jahre sein. Nun ist nicht jeder über 80 jährige Mensch pflegebedürftig und nicht jeder Pflegebedürftige ist im Seniorenalter. Gerade nach der Umstellung auf Pflegegrade und der Erweiterung des Pflegebegriffs haben nun mehr Menschen mit verschiedensten gesundheitlichen Problemlagen Anspruch auf Pflegeleistungen. Im Dezember 2015 waren rund 2,9 Millionen Menschen pflegebedürftig, schätzungsweise werden dies 2030 schon 3,4 Millionen sein.

Die Politik ist daher nicht nur aufgefordert für die heutigen strukturellen Probleme Lösungen zu finden, sondern sie muss Lösungen finden die dauerhaft und in die Zukunft tragfähig sind.

Nachdem was geschildert wurde, muss ich feststellen, ist also besonders im Bereich der Pflege bundeseinheitlich und auch einheitlich bei den Dienstleistern dringend eine erhebliche Verbesserung der Entlohnung des Pflegepersonals erforderlich. Nur so können hier wieder Menschen für die Berufe der Pflege gewonnen werden.

Meike, Danke für Deinen Beitrag

 

Aus aktuellem Anlass möchte noch etwas sagen, was nicht mehr selbstverständlich zu sein scheint.

Bitte ja doch

Ein jeder Mensch, ob alt oder jung, mit Behinderung oder ohne, ungeachtet seiner Herkunft, seines Glaubens und seiner sexuellen Orientierung hat ein Recht darauf mit Würde behandelt zu werden, am gesellschaftlichen, sozialen und beruflichen Leben unter Berücksichtigung seiner Bedürfnisse teilzuhaben und in seine Beeinträchtigungen und Barrieren ausgleichend unterstützt zu werden.

Idioten, Menschen die sich nicht an rechtsstaatliche Grundsätze und gesellschaftliche Umgangsformen halten und Systeme ausnutzen gibt es überall. Dies ist kein spezielles Kennzeichen einer einzelnen Menschengruppe. Darum lassen sie sich uns gemeinsam für Vielfalt, gegenseitige Achtung und Toleranz und gegen Diskriminierung und Rassismus einsetzten. Wenn die Klügeren immer nachgeben, regieren die Dummen die Welt. Darum lassen sie mich abschließend sagen, hier muss dem Klügeren nachgegeben werden.


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