Deutscher Gewerkschaftsbund

Fakten statt Zerrbilder

17.03.2017

Flexibilität auf Kosten der Arbeitnehmer/innen

Nicht jede Form atypischer Beschäftigung ist prekär, aber sie birgt große Risiken für die Beschäftigten, weil klassische Schutzmechanismen wegfallen, Mitbestimmungsrechte nicht wahrgenommen werden und Einkommen sinken. Deshalb lohnt es sich genauer hinzuschauen.

Besonders stark eingeschränkt sind die Gestaltungsspielräume von Beschäftigen bei der Arbeit auf Abruf. In Deutschland leisten rund fünf Prozent der Beschäftigten Arbeit auf Abruf (Sozio-ökonomisches Panel, SOEP). Beschäftigte können hierbei je nach Arbeitsanfall eingesetzt werden und verfügen deshalb über keinerlei Zeitsouveränität. In Betrieben mit mehr als zehn Beschäftigten nutzen sogar 13 Prozent diese Arbeitszeitform (IAB) (Arbeitsmarkt aktuell 6/2016, DGB 2016b).

Die Solo-Selbständigkeit zeigt beispielsweise, dass atypische Beschäftigung häufig dazu missbraucht wird, bestehende Schutzstandards zu umgehen. Das IAB (2017) schätzt, dass ca. 430.000 Solo-Selbständige scheinselbständig sind und Arbeit erledigen, die entweder vorher in abhängiger Arbeit erbracht wurde oder die der Arbeitgeber auch in normaler Beschäftigung  ausführen könnte.

Leiharbeit, Werkverträge, Befristung oder Minijobs sind für Arbeitgeber/innen flexible Arbeitsformen, für Arbeitnehmer/innen aber eher prekäre Beschäftigung. Die Arbeitnehmer/innen tragen nicht nur zusätzliche Risiken, sondern verdienen oft weniger als andere Beschäftigte. Sie können ihre Rechte nicht durchsetzen, weil es keinen Betriebsrat gibt oder sie noch keinen Kündigungsschutz erworben haben und schnell entlassen werden können. Oft werden ihnen Arbeitnehmerrechte – wie Urlaub oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall – vorenthalten, wie es z.B. häufig bei Minijobbern/innen der Fall ist. Weil atypisch Beschäftigte selten einer Gewerkschaft angehören, sind sie in der Interessenvertretung unterrepräsentiert und können ihre Interessen deshalb weniger gut durchsetzen (vgl. Keller 2017). Auch wenn Minijobber/innen oder befristet Beschäftigte formal die gleichen Rechte wie Normalbeschäftigte haben, werden sie in der Praxis seltener wahrgenommen. Oft kennen sie ihre Rechte nicht oder haben Angst, ihre Arbeit zu verlieren (z. B. Seifert 2017).

Auf der anderen Seite schüchtert prekäre Beschäftigung die Stammbelegschaft ein. Ihr wird vor Augen geführt, dass sie ersetzbar ist. Auf diesen »Disziplinierungseffekt« weist auch die Bundesregierung in ihrem 5. Armutsund Reichtumsbericht hin (BMAS 2016, S. 81f). Er macht Belegschaften gefügig und verhindert Solidarisierung im Betrieb. Betriebliche  Interessenvertretungen haben es schwerer, die Interessen der Beschäftigten durchzusetzen.

Der Verfall sozialer Standards kann sich negativ auf ganze Branchen auswirken. Die DGB-Mitgliedsgewerkschaften erleben täglich, dass z. B. in Bereichen des Baugewerbes und der Landwirtschaft (IG BAU), des Gastgewerbes (NGG) oder der privaten Pflege (ver.di) ein Großteil der Arbeitnehmer/innen durch illegale Arbeitnehmerüberlassung in Form von Schein-, Werk- und Dienstverträgen sowie Unterlaufen des Mindestlohns um ihren fairen Lohn gebracht wird.

Die aktuellen Zahlen zeigen ein weiterhin hohes, verfestigtes Ausmaß atypischer und prekärer Beschäftigung (s. Grafi k S. 8). Auch wenn atypische Beschäftigung nicht mehr so stark steigt wie in den letzten Jahren: Sie geht auch nicht wesentlich zurück. Atypische Beschäftigung ist für viele Arbeitsnehmer/innen ein Dauerzustand und keineswegs eine Brücke in den Arbeitsmarkt. So bleiben z.B. Beschäftigte, die ausschließlich im Minijob beschäftigt sind, in der Mehrzahl über Jahre in dieser  Beschäftigungsform. Über ein Drittel ist länger als zehn Jahre im Minijob beschäftigt, 55 Prozent mindestens sechs Jahre und über drei Viertel länger als drei Jahre (BMFSFJ 2012).

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