Deutscher Gewerkschaftsbund

Fakten statt Zerrbilder

20.03.2017

Fehlende Vollzeitstellen und mangelnde Kinderbetreuung führen zum »Teilzeit-Wunsch«

Es darf bezweifelt werden, dass Teilzeitbeschäftigte ihre Arbeitszeit immer frei wählen. Auffällig ist, dass in Deutschland die Diskrepanz bei der Arbeitszeit von Männern und Frauen besonders groß ist. Das deutet darauf hin, dass Teilzeit oft unfreiwillig kurz ist oder falsche Anreize – wie z. B. bei Minijobs – Beschäftigte in besonders kleine Teilzeitarbeitsverhältnisse abdrängen. Diese kurzen Arbeitszeiten ermöglichen es den Arbeitgebern, die Beschäftigten sehr flexibel einzusetzen. Vor allem im Dienstleistungsbereich wird dies als ein wichtiges Argument für Teilzeit angeführt. Die Wünsche der Arbeitgeber decken sich dabei in vielen Fällen nicht mit den Wünschen der Beschäftigten.

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hat in einer umfangreichen Studie die Arbeitszeitwünsche der Beschäftigten erhoben. Danach würden 55 Prozent der Vollzeitbeschäftigten gerne ihre Arbeitszeit reduzieren. Über ein Drittel der Teilzeitbeschäftigten würde gerne länger arbeiten (35 Prozent) und 18 Prozent würden gerne kürzer arbeiten (vgl. Wöhrmann et al. 2016).

Hauptgründe für die Arbeit in Teilzeit sind »sonstige persönliche oder familiäre Verpflichtungen« (46%) oder »eine Vollzeittätigkeit war nicht zu finden« (25%). Dies unterstreicht, dass es sich in den »allermeisten Fällen« nicht um freiwillige Teilzeit handelt, wie es die BDA formuliert. Fehlende Vollzeitstellen und unzureichende Möglichkeiten der Kinderbetreuung spielen hier eine zentrale Rolle.

Der Wunsch von Teilzeitbeschäftigten, die eigene Arbeitszeit zu verlängern, wird mit sinkenden Arbeitszeiten größer. Von den Beschäftigten, die bis 20 Stunden pro Woche arbeiten, wünscht sich fast jede/r Zweite eine Verlängerung um mindestens fünf Stunden. In der Gruppe, die 20 bis 34 Stunden pro Woche arbeitet, sind es immer noch über 28 Prozent (vgl. Seifert et al. 2016).

Für eine partnerschaftliche Aufgabenverteilung zwischen Männern und Frauen werden Teilzeitmodelle mit hohem oder vollzeitnahem Zeitvolumen gewünscht. In Deutschland werden aber vor allem niedrige Teilzeit oder geringfügige Teilzeit angeboten. Über sieben Mio. Minijobs, in denen mehrheitlich Frauen arbeiten, bieten kaum Perspektiven für eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Zwei Drittel aller Frauen können ihre Existenz nicht eigenständig sichern, weil sie Kinder erziehen oder Angehörige pflegen. Sie bezahlen das mit einem höheren Risiko, im Alter arm zu sein (vgl. Deutsche Rentenversicherung 2016).

Ein weiterer Trend ist, dass Arbeitgeber immer öfter Teilzeit anbieten, obwohl Bedarf für mehr Beschäftigung vorhanden ist. Die schon eingeplante oder absehbare Mehrarbeit wird in Form von Überstunden geleistet. Auch wenn die Überstunden bezahlt werden, muss der Arbeitgeber bei Urlaub und Krankheit weniger zahlen. Die Risiken einer schwankenden Auftragslage tragen ebenfalls die Beschäftigten.

In keinem anderen Land Europas sind die Arbeitszeitunterschiede zwischen Männern und Frauen so groß wie in Deutschland (vgl. Seifert et al. 2016). Auch die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen (genderpay-gap) nehmen mit 21,6 Prozent einen unrühmlichen Spitzenplatz in Europa ein. (vgl. Klenner et al. 2016).

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