Deutscher Gewerkschaftsbund

26.02.2018

Nachgefragt mit Rainer Bohnet: „Ich möchte den Dialog zwischen den unterschiedlichen Protagonisten der Region ausbauen“

Die Gewerkschaften haben Ende Januar im Bonner DGB-Haus einstimmig zwei stellvertretende Vorsitzende für den DGB-Kreisverband Bonn/Rhein-Sieg gewählt: Christophe Hassenforder (57) von der Industriegewerkschaft Metall und Rainer Bohnet (59) von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft. Wir haben mit Rainer Bohnet über seinen Weg zur Gewerkschaft, seine Pläne und seine Themenschwerpunkte gesprochen.

Frage: Wie bist du zur Gewerkschaftsarbeit gekommen?

Rainer Bohnet: Am ersten Tag meines Berufslebens wurde ich Gewerkschaftsmitglied. Das war eine Selbstverständlichkeit, die es in der heutigen Zeit nicht mehr gibt. Mein Vater war ebenfalls Gewerkschaftsmitglied und für mich war es völlig klar, es ihm gleich zu tun. Nach meiner Ausbildung zum Beamten bei der Deutschen Bundesbahn habe ich mich erstmals in den Örtlichen Personalrat beim Bahnhof Bonn Hbf wählen lassen. Anlass war die Unzufriedenheit mit dem amtierenden Personalrat. Unser Wahlslogan lautete deshalb: "Frischer Wind im ÖPR!" Später wurde ich in den Bezirkspersonalrat bei der Bundesbahndirektion Köln berufen und war dort für die sozialverträgliche Transformation von über 30.000 Eisenbahnerinnen und Eisenbahnern zuständig, die im Rahmen der Bahnreform von der Deutschen Bundesbahn zur Deutschen Bahn AG überwechselten. Dies war einer der größten Umstrukturierungsprozesse in der Geschichte Deutschlands. Nach der Bahnreform habe ich deutschlandweit Betriebsräte beraten. Seit Oktober 1987 bin ich ununterbrochen Vorsitzender der Bonner Organisation der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), die in dieser Zeit mehrmals ihren Namen wechselte.


Frage: Welches sind die prägendsten Stationen deines Lebens gewesen?

Rainer Bohnet: Meine Mutter verstarb, als ich 11 Jahre alt war. Das hat mich hart getroffen. Aber gleichzeitig wurde mir klar, dass ich mich weitgehend selbst behaupten musste. Ich hatte immer ein Ziel vor Augen, wollte so schnell wie möglich eigenes Geld verdienen und die Abhängigkeit von anderen Menschen beenden.

Das zweite einschneidende Erlebnis war mein Ausscheiden aus dem Beamtendienst. Nach 24 Jahren schied ich 1999 freiwillig bei der Deutschen Bahn AG aus, um ein Unternehmen zu gründen. Dieses private Eisenbahnunternehmen habe ich anschließend 15 Jahre verantwortlich aufgebaut und geleitet. Das war äußerst risikobehaftet, aber auch sehr spannend. Besonders deshalb, weil ich als Arbeitgeber mit Gewerkschaftsmitgliedschaft stets darauf achtete, dass meine Beschäftigten einen sicheren und gut bezahlten Arbeitsplatz haben. Das klingt zwar banal, aber wenn ein aktiver Gewerkschafter auf die Arbeitgeberseite wechselt, ist das oftmals keine Selbstverständlichkeit.


Frage: Welche Themen liegen dir besonders am Herzen?

Rainer Bohnet: Mir liegt eine umweltverträgliche Verkehrspolitik besonders am Herzen. Außerdem sind für mich die Beseitigung von Kinder- und Familienarmut, die Schaffung von bezahlbaren Wohnungen, eine sichere Rente und die Bekämpfung von prekären Arbeitsverhältnissen zentrale Themen. Darüber hinaus kämpfe ich für die Weiterentwicklung der Demokratie und für weltweiten Frieden und eine Kooperation der Staaten. Zielführend ist für mich die Zusammenführung diverser Politikfelder, wie z.B. Wohnungs- und Verkehrspolitik oder Renten- und Arbeitsmarktpolitik. Das kann man vor Ort praktizieren, auch wenn viele politische Akteure von der Sinnhaftigkeit eines integrierenden Politikansatzes noch überzeugt werden müssen.


Frage: Du bist Experte für verkehrspolitische Fragen. Was sind deine konkreten Vorstellungen in dem Themenfeld für Bonn/Rhein-Sieg?

Rainer Bohnet: Ich möchte mich dafür einsetzen, dass sinnvolle Verkehrsprojekte wie die Bonner Seilbahn oder eine S-Bahn zwischen Köln und Bonn viel schneller realisiert werden. Es darf nicht sein, dass über solche Verkehrsprojekte jahrzehntelang diskutiert wird, während sie immer teurer werden und letztendlich am fehlenden Geld, an mangelnden Planungskapazitäten oder am Bürgerprotest scheitern. Unsere konkreten Positionen haben wir als DGB Kreisvorstand Bonn/Rhein-Sieg im letzten Jahr in dem Positionspapier „Mobilität und Verkehrsinfrastruktur in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis - Die Mobilität der Zukunft beginnt jetzt“ formuliert und in einer Konferenz in die Öffentlichkeit getragen. Diese Infos finden sich hier: www.koeln-bonn.dgb.de/mobilitaet  


Frage: Vor welchen Herausforderungen steht aus deiner Sicht Bonn und der Rhein-Sieg-Kreis?

Rainer Bohnet: Die Stadt Bonn und der Rhein-Sieg-Kreis müssen primär den prognostizierten Einwohnerzuwachs bewältigen. Dazu zählt der Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV), die Schaffung von mindestens 30 Prozent sozialen Wohnungsbaus, die gemeinsame Vermarktung von Gewerbeflächen, die Stärkung der freien Kulturszene und die Sanierung von Problemvierteln mit hohem Migrationsanteil (Tannenbusch, Medinghoven). Bonn ist zwar reich und bietet viele akademische Arbeitsplätze in Behörden und Nichtregierungsorganisationen. Auf der anderen Seite gibt es viel zu wenige Arbeitsplätze für Geringqualifizierte. Eine Folge davon sind über 20 Prozent Kinderarmut und sehr viele prekäre Jobs, deren geringes Lohnniveau in die Altersarmut führt. Und exakt hier muss Gewerkschaftspolitik aktiv eingreifen, weil dieses Szenario gesellschaftspolitische Verwerfungen produziert. Verbunden mit Frust und Ausgrenzung, Stigmatisierung und der Stärkung rechtspopulistischer Parteien.


Frage: Ziehen Bonn und der Rhein-Sieg-Kreis an einem Strang, um die Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen?

Rainer Bohnet: Die Zusammenarbeit zwischen Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis ist in der Theorie durchaus gut, in der Praxis allerdings stark ausbaufähig. Das betrifft alle oben genannten Bereiche. Die gemeinsame Vermarktung von Gewerbeflächen ist zwischen Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis vereinbart. Diese gebietskörperschaftsübergreifende Kooperation sollte m.E. auf den Bau von Wohnungen ausgeweitet werden, denn in der gesamten Region fehlen öffentlich finanzierte Wohnungen. Ein weiteres Kooperationsfeld ist die Kulturpolitik. Bonn hat eine Oper, deren Eintrittskarten mit öffentlichen Geldern subventioniert werden. Was spricht dagegen, dass sich der Rhein-Sieg-Kreis an der Finanzierung der Oper beteiligt?

Im Bereich der regionalen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik gibt es ebenfalls erhebliche Verbesserungsmöglichkeiten. So fehlt ein gemeinsamer sozialer Arbeitsmarkt für Langzeitarbeitslose. Im Bonner Stadtteil Tannenbusch könnte an der Grenze zur Stadt Bornheim eine Kinderstadt entstehen, an der sich beide Kommunen beteiligen. 

Und natürlich ist die Verkehrspolitik ein Thema, dass sinnvoll nur regional angegangen werden kann. Der Bau einer neuen Rheinbrücke zwischen Niederkassel und Wesseling ist hierfür ein plastisches Beispiel, von dem die Stadt Bonn indirekt profitieren würde. In Kombination mit der geplanten rechtsrheinischen Rheinuferbahn zwischen Bonn, Niederkassel und Köln wäre dies ein Paradebeispiel und eine interkommunale Kooperation. Konkret könnten die überlangen Planungs- und Bauzeiten für sinnvolle Verkehrs- und Infrastrukturprojekte verkürzt werden.


Frage: Was hast du in deinem neuen Amt im Vorsitz des DGB Kreisverband Bonn/Rhein-Sieg vor? Was willst du bewegen?

Rainer Bohnet: Ich möchte den Dialog zwischen den unterschiedlichen Protagonisten der Region ausbauen. Es muss gelingen, die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den Mittelpunkt aller politischen Entscheidungsprozesse zu rücken. Hierbei spielt die gesellschaftspolitische Kraft des DGB und der Einzelgewerkschaften eine entscheidende Rolle. Konkret stehen Gespräche mit den verkehrspolitischen Sprechern der diversen Fraktionen und Parteien auf dem Programm. Und der Aufbau einer Wohnungsbauallianz zwischen dem DGB und dem Mieterbund, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, den Verkauf von kommunalen Grundstücken zu verhindern und die Privatisierung des Wohnungsmarktes rückgängig zu machen. 

Darüber hinaus verstehe ich mich auch als Mittler und Mediator zwischen dem DGB und den Einzelgewerkschaften. Deren unterschiedliche Interessen unter einen Hut zu bringen, ist die vornehmste Aufgabe des DGB.  


Wir danken Dir für das Gespräch und wünschen Dir viel Erfolg für deine neue Aufgabe.


Hinweis: In der Reihe „Nachgefragt“ veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen ausführliche Stellungnahmen und Positionen von gewerkschaftlichen Experten/innen aus der Region Köln-Bonn. „Nachgefragt“ bietet nicht nur ausführliche Hintergrundinformationen, sondern spiegelt immer auch die persönliche Sichtweise der jeweiligen Experten/innen wieder. Die Texte können für Medienberichterstattungen genutzt werden.

Weitere Veröffentlichungen aus der Reihe „Nachgefragt“ finden Sie auf unserer Internetseite www.koeln-bonn.dgb.de. Dort können Sie „Nachgefragt“ auch als RSS-Feed abonnieren.

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