Deutscher Gewerkschaftsbund

Themenschwerpunkt Arbeit 4.0

26.08.2016

Nachgefragt: Arbeit 4.0 – Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus?

Digitalisierung im Krankenhaus

Digitalisierung liegt im Trend und erobert Schritt für Schritt alle Bereiche der Gesellschaft und der Arbeitswelt. Das gilt auch für das Gesundheitswesen. Krankenhäuser werden zunehmend digitaler und stehen vor großen Herausforderungen, getrieben von Kosten, Qualität, Personal- und Patientenzufriedenheit.
Wir fragen Martin Sager, freigestelltes Personalratsmitglied des Uniklinikums Köln, welche Chancen und welche Risiken sich durch den digitalen Wandel ergeben.

Frage: Du bist ausgebildeter Krankenpfleger. Hat sich das Berufsbild seit Ende deiner Ausbildung durch die Digitalisierung verändert und wenn ja wie?

Martin Sager: Ja, das Berufsbild hat sich sehr deutlich verändert. Einerseits ist dies den verstärkten Anforderungen zur Dokumentation geschuldet, die automatisch zu einer verstärkten EDV-Nutzung bzw. Bedienung führen, andererseits wird auch die Planung und Organisation verstärkt mit Computerhilfe durchgeführt, was sich direkt auf den Arbeitsalltag auswirkt. Häufig muss direkt vor und nach Patientenkontakt etwas im PC nachgesehen oder eingetragen werden, ärztliche Anordnungen erfolgen digital und auch die Belegungs- und Therapieplanung wird online durchgeführt.

Frage: Wie macht sich die Digitalisierung im Klinikalltag bemerkbar?

Martin Sager: Die deutlich beschleunigte Informationsübermittlung führt zu wesentlich schnelleren und häufigeren Therapie- und Organisationsentscheidungen. Das bedeutet für die Pflege eine stark erhöhte Taktzahl bei der Arbeit. Durch Patientendatenmanagementsysteme werden auch therapeutische Entscheidungen zumindest vorgeschlagen, die das Gefühl, eigenständig zu handeln, sehr beeinträchtigen können. Zum Beispiel werden Dosisempfehlungen für Medikamente gegeben oder das System erinnert mich, dass ich einen Patienten jetzt umlagern muss. Außerdem stellen diese Systeme natürlich eine dauernde Leistungs- und Verhaltensdokumentation dar. Dies kann sich für den Patienten als verbesserte Sicherheit, für die Beschäftigten jedoch als schwerwiegender Stressfaktor auswirken.

Frage: Wie sieht die Zukunft aus? Wo geht die Reise hin? Kann man Chancen und Risiken abschätzen?

Martin Sager: Allein aufgrund des enormen ökonomischen Drucks im Gesundheitswesen wird es zu einer immer schneller fortschreitenden Einbindung digitaler Technologie in allen Bereichen der Kran-kenhäuser kommen. Für das nicht unbedingt technikaffine Pflegepersonal, vor allem unter älteren Kolleginnen und Kollegen, kann dies enormen Stress bedeuten. Andererseits können viele Wege verkürzt, Arbeiten erleichtert oder besser strukturiert werden. Wir müssen sehr aufmerksam sein, um sicherzustellen, dass der Nutzen für die Beschäftigten die Risiken überwiegt.

Frage: Die Digitalisierung wird die Prozesse im Krankenhaus künftig deutlich verändern. Was bedeutet das für die Patienten?

Martin Sager: Für die Patienten kann dies deutliche Vorteile bringen, ich brauche nur verlegte Röntgenbilder und unauffindbare Arztbriefe zu erwähnen. Eine EDV-gestützte Termin- und Belegungsplanung, elektronisch übermittelte Befunde, Diagnostik per Telemetrie können Liegezeiten für Patientinnen und Patienten deutlich verkürzen und Unannehmlichkeiten lindern. Natürlich muss ein entsprechend hoher Aufwand getrieben werden, um den Datenschutz sicherzustellen. Am wichtigsten ist aber, dass diese Technologie mit Verstand von empathischen Menschen eingesetzt werden muss, sonst werden Patientinnen und Patienten zu Werkstücken in einer Fabrik. Leider ist die elektronische Gesundheitskarte immer noch nicht verwirklicht, meiner Meinung nach wäre sie eine enorme Verbesserung vor allem für die Sicherheit der Patientinnen und Patienten.

Frage: Und was bedeutet das für die Beschäftigten? Ist Arbeit 4.0 im Krankenhaus auch gute Arbeit?

Martin Sager: Wichtig ist es, was man daraus macht. Ich kann mir sowohl Szenarien vorstellen, in denen das Personal zum Sklaven einer Technik wird, die eigenständig Prozesse steuert und Entscheidungen trifft, vielleicht sogar Personalentscheidungen. Es ist aber auch denkbar, die Technik so einzusetzen, dass diese den Menschen standardisierte Routinearbeiten abnimmt und den ihnen den Kopf und die Hände für das wirklich wichtige, nämlich den Kontakt mit den Patientinnen und Patienten, freihält.
Wohin die Reise geht, ist noch nicht entschieden.

Frage: Wo und wie kann der Personalrat die Prozesse des digitalen Wandels mit gestalten.

Martin Sager: Entscheidend ist, dass die Personalräte vorbereitet sind und sich nicht erst bei Vorlagen der Arbeitgeber mit dem Thema beschäftigen. Wir müssen nah bei den Kolleginnen und Kollegen in der Klinik sein, um ihre Expertise, ihre Einschätzung der Chancen und Risiken sowie ihre Erfahrungen mit der Technologie z.B. aus Pilotprojekten, zu nutzen. Die Personalräte müssen sich in allen Phasen der Einführung neuer Technologien einbringen, dies beginnt bei der Grundsatzentscheidung für eine Technologie, geht bei der Produktsuche und -auswahl weiter und bedeutet ebenso Mitwirkung bei Schulungskonzepten, bei der Einrichtung der Arbeitsplätze, der Planung und Einführung der neuen Arbeitsprozesse, Entwicklung von technologiebezogenen Gesundheitsschutzkonzepten. Auch die Themen Datenschutz, Arbeitssicherheit, Beschäftigtenqualifikation spielen natürlich eine wichtige Rolle. Das für Personalräte vielleicht eher langweilige Thema "Schon wieder 'ne neue EDV-Vorlage" kann für die Beschäftigten eine enorme Bedeutung in ihren Arbeitsalltag haben. Aufmerksame und vorbereitete Personalräte sind hier gefragt!


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