Deutscher Gewerkschaftsbund

02.05.2014
DGB-Jugend Köln

1. Mai 2014 in Köln: Rede von Antonia Rabente

Es gilt das gesprochene Wort

 „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“

Liebe Kolleginnen und Kollegen! So sah es angeblich schon Sokrates schon vor über 2000 Jahren: Aber ich sage euch: Jugend ist vielfältig, Jugend ist politisch, Jugend ist engagiert und Jugend ist vor allem keine homogene Masse, die sich mit pauschalen Unterstellungen abspeisen lässt.

Das Finanzsystem ist zusammengebrochen und Spekulationen haben ganze Volkswirtschaften kollabieren lassen. Doch: Wer sind die Verursacher und Verursacherinnen der Banken- und Finanzkrise? Die Jugend ist es jedenfalls nicht! Aber wer bezahlt dafür? Meine Generation, liebe Kolleginnen und Kollegen. Die Jugendarbeitslosigkeit in Europa entwickelt sich dramatisch, alle Initiativen blieben erfolglos. Wie kann es sein, dass eine ganze Generation im Stich gelassen wird? Wie kann es sein, dass die Zukunft meiner Generation so mit Füßen getreten wird? Die Folgen sind untragbar, persönlich für den Menschen UND für die Gesellschaft. Jugend ist vielerorts aus dem System ausgeschlossen.

Faktencheck: Zur Bankenrettung wurden 700 Milliarden Euro mobilisiert, zur Bekämp-fung der Jugendarbeitslosigkeit in Europa gerade mal 6.  Quer durch Europa liegt die Jugendarbeitslosigkeit zwischen 20-60%.

Wer denkt, in Deutschland wäre die Situation entspannt, verschließt die Augen vor der Realität. Auch hier finden nicht alle Jugendliche eine Ausbildung. Sie hängen dann oft in sogenannten Warteschleifenmaßnahmen fest. Wir sagen: Wer laut über den angeblichen Fachkräftemangel jammert, muss auch genügend qualitativ, hochwertige Ausbildungsplätze anbieten! Jugend gehört nicht auf das Abstellgleis!

Faktencheck:. 2012 gab es fast 10.000 betriebliche Angebote weniger als 2011. Über 280.000 Jugendliche hofften vergeblich auf einen Ausbildungsplatz.

Praktikantinnen und Praktikanten dürfen nicht als billige Arbeitskräfte missbraucht werden! Das ist auch keine Ausnahme, das hat System. Es wird die Hoffnung junger Menschen ausgenutzt, einen Ausbildungsplatz und eine sichere Existenz zu finden. Wir fordern den Gesetzgeber auf, hier einen Riegel vorzuschieben! Praktika müssen bezahlt werden! Sie sind Lern- und keine Arbeitsverhältnisse!

Faktencheck: Laut der Befragung Generation Praktikum von 2011 sind 40 Prozent der Praktika nach Studienabschluss unbezahlt. Nur 22 Prozent der Praktikantinnen und Praktikanten erhalten ein Übernahmeangebot.

Der Mindestlohn soll gesetzlich regeln, dass sittenwidrige Löhne unterbunden werden und ALLE Arbeitnehmenden davon leben können! 8,50 Euro sind ein erster Schritt in die richtige Richtung! Was aber unsere Arbeitsministerin sich in ihrem Gesetzentwurf darunter vorstellt, ist für uns nicht tragbar! Die grandiose Idee jungen Menschen keinen Mindestlohn zu gewähren, begründet Ministerin Nahles, mit der Behauptung: ein Mindestlohn für Jugendliche würde eine Berufsausbildung weniger attraktiv machen. Schon heute verdienen nicht ausgelernte Menschen in Arbeitsverhältnissen oft mehr als Jugendliche während ihrer Ausbildung. Ich sage: Das Problem sind nicht angeblich ausbildungsUNwillige Jugendliche – das Problem sind zu wenige Ausbildungsplätze, liebe Frau Nahles! Wir fordern: einen flächendeckenden Mindestlohn von mindestens 8,50 € - OHNE Ausnahmen. Zudem muss gelten: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit – unabhängig vom Alter.

Faktencheck: Das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz besagt in Paragraph 1, dass niemand aufgrund des Alters benachteiligt werden darf.

Im OECD-Ländervergleich ist Deutschland im unteren Drittel was die Ausgaben für Bildung angeht. Ich frage: Wie kann das sein bei einem so reichen Land wie Deutschland? Außerdem hängt in kaum einem anderen Land der Bildungserfolg so stark vom Elternhaus ab wie hier. Das ist KEINE Chancengerechtigkeit. Im dreigliedrigen Schulsystem wird massiv nach Herkunft ausgesiebt! Aber auch an den Hochschulen wird aussortiert. Kinder mit mindestens einem studierten Elternteil, studieren viel häufiger als Kinder aus einem Arbeiter_innenhaushalt. Die Bologna-Reform und G8 haben zur Folge, dass die Zeit, zum Lernen und zur Persönlichkeitsentwicklung weg rationalisiert wird, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Wir brauchen eine Jugend, die sich entfalten kann, die die Freiheit bekommt sich zu engagieren, die Solidarität erfährt und weitergeben kann. Dafür brauchen wir generationsübergreifenden Respekt und Unterstützung!

Liebe Kolleginnen und Kolleginnen, uuuuuh, Entschuldigung. Ich meine natürlich auch die Herren. In keinem gesellschaftlichen Bereich haben Frauen und Mädchen so aufgeholt wie in der Bildung. Sie erreichen im Durchschnitt höhere und bessere Abschlüsse, sie gehen öfter auf das Gymnasium und erlangen häufiger das Abitur als Männer. Doch: Nach wie vor verdienen Frauen im Durchschnitt bis zu 23% weniger als Männer. Das Märchen, dass nur Leistung für Erfolg verantwortlich sei, ist neoliberaler Unfug. Da in den Führungsetagen meist nur weiße, alte Männer sitzen, ist die Folge, dass auch nur die nach oben gelassen werden, die auch mal alte, weiße Männer werden. Sexismus ist ein nützliches Instrument diese Machtverhältnisse aufrecht zu erhalten. Chancengerechtigkeit, Quoten und ein Aufmischen der Verhältnisse in Deutschland ist überfällig und eine Notwendigkeit.

Faktencheck: Jede dritte Frau in Nordrhein Westfalen bezieht einen Niedriglohn. Im Vergleich: Bei den Männern ist es jeder 7. In den Vorständen der 200 umsatzstärksten Unternehmen liegt der Frauenanteil bei gerade mal 4 %.

Anfang der 90er Jahre wurden mehrere Brandanschläge von Nazis begangen, be-feuert von einem pöbelnden Mob „stolzer Deutscher“ aus der so genannten Mitte der Gesellschaft. Damals wurden Menschen ermordet - ermordet, verletzt, in Gefahr gebracht und im Stich gelassen. Was passierte dann? Anstatt die Täterinnen und Täter zur Verantwortung zu ziehen und die gesellschaftlichen Ursachen zu hinterfragen, wurde die Asylgesetzgebung massiv verschärft. Wir meinen: Kein Mensch ist illegal! Wenn dieses Land, als drittgrößter Waffenexporteur der Welt agiert, muss es sich nicht über Geflüchtete beschweren und Schutz gewähren! Eine Partei wie Pro-NRW hat aktuell auf ihren Wahlplakaten stehen: „EU & ASYL: WER BETRÜGT, DER FLIEGT“. Das sind geistige Brandstifterinnen und Brandstifter, liebe Kolleginnen und Kollegen. Das sind die gleichen Lügen, die vor 20 Jahren zu Morden geführt haben. Keine Stimme für Nazis! Nie wieder Rostock-Lichtenhagen, Solingen oder Mölln.

Faktencheck: Über 180 Todesopfer durch rechte Gewalt zählt die Amadeu-Antonio-Stiftung seit der Wende in Deutschland. Darunter 10 Menschen, die durch die NSU ermordet wurden. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen.

In den letzten Jahren entwickelt sich europaweit ein Rechtsruck. Wenn die Zeiten schwierig sind, sehnen sich die Menschen nach scheinbar einfachen Lösungen. Die gibt es nicht, liebe Kolleginnen und Kollegen. Doch eins sage ich euch: Gegen die Schwächsten unserer Gesellschaft zu hetzen, ist ein fataler Weg. Wir müssen Solidarität zeigen. Nur wer sich bewegt, spürt seine Ketten!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, empört euch, engagiert euch! Lasst uns gemeinsam die Ballons steigen lassen! Für Solidarität, für Bildungsgerechtigkeit, gegen Nazis und für ein soziales Europa!  3-2-1 – gooooooo! Danke an Oskar Hasenfuß für die Fakten aus dem off.


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Dieser Artikel gehört zum Dossier:

1. Mai 2014 in der Region Köln-Bonn

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