Deutscher Gewerkschaftsbund

16.12.2016

Nachgefragt: Minijob – Fluch oder Segen?

Minijobs sind weit verbreitet und erscheinen durch die sogenannte Abgabenfreiheit für Arbeitgeber - aber auch für einige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer - als eine attraktive Beschäftigungsform. Rund 7,3 Mio. Menschen bundesweit arbeiten in einem Minijob. Doch sind diese Jobs wirklich attraktiv? Was gilt es also zu beachten? Wie viele Menschen arbeiten in der Region Köln-Bonn in einem Minijob? Was sind Vor- und Nachteile? Wir haben dazu Judith Gövert, Gewerkschaftssekretärin des DGB in der Region Köln-Bonn, befragt.

Frage: Was ist ein Minijob?

Judith Gövert: Eine geringfügige Beschäftigung, auch Minijob genannt, ist ein Beschäftigungsverhältnis, das entweder geringfügig entlohnt wird, d.h. seit 2013 mit maximal 450,- Euro pro Monat, oder nur von kurzer Dauer ist. In diesem Fall kann das Entgelt von Monat zu Monat schwanken. Die Höhe des Verdienstes ist aber auf maximal 5.400,- Euro pro Kalenderjahr begrenzt.

Frage: Was heißt kurzfristige Beschäftigung konkret?
Judith Gövert: Der Fachausdruck dafür ist die „Zeitgeringfügigkeit“. Hier gibt es zwei Möglichkeiten: Der Job dauert im Kalenderjahr nicht länger als 70 Tage (Tage-Regel) oder drei Monate (Monats-Regel) - dann ist das eine sogenannte kurzfristige Beschäftigung. Die Zeitgrenze bezieht sich immer auf das Kalenderjahr.

Frage: Wie viele Menschen in der DGB Region Köln-Bonn arbeiten in einem Minijob?
Judith Gövert: Eine detaillierte Aufstellung dazu wird von der Bundesagentur für Arbeit jährlich veröffentlicht. Die folgenden Angaben stammen aus der Statistik zum Stichtag des 30. Juni 2015.
Nach dem Arbeitsortprinzip arbeiten in der Region Köln-Bonn insgesamt 313.598 Menschen in geringfügig entlohnter Beschäftigung. Diese Zahl setzt sich zusammen aus den Minijobbenden des Rheinisch-Bergischen-Kreises (25.982), des Rhein-Erft-Kreises (42.072), der Stadt Bonn (37.808), der Stadt Köln (112.571), der Stadt Leverkusen (12.744), des Rhein-Sieg Kreises (53.776) und des Oberbergischen Kreises (28.645).

 


1 = Rhein Berg
2 = Rhein-Erft
3 = Stadt Bonn
4 = Stadt Köln
5 = Stadt Leverkusen
6 = Rhein-Sieg
7 = OBK

Quelle: Statistik der Bundesagentur für Arbeit, „Geringfügig entlohnte Beschäftigte (GeB) nach Wohn- und Arbeitsort, Stichtag 30. Juni 2015.

Frage: Sind das alles Menschen, die ausschließlich von einem Minijob leben?
Judith Gövert: Nein, die Zahl beinhaltet alle Minijobbenden, unabhängig davon, ob sie ausschließlich in einem Minijob arbeiten oder dies nur im Nebenjob tun. Von diesen 313.598 Minijobbenden in der DGB Region, sind 210.256 ausschließlich in geringfügiger Beschäftigung, 103.342 sind nebenberuflich im Minijob. Diese 103.342 haben also entweder mehrere Minijobs, weil sie keine reguläre Beschäftigung finden oder mindestens einen Minijob als Zusatzjob. Die Beschäftigten suchen Hinzuverdienstmöglichkeiten, um sich und ihre Familien über die Runden zu bringen und nicht den Weg zum Jobcenter antreten zu müssen. Ständig wird in der Öffentlichkeit betont, dass es den Menschen in diesem Land nie zuvor besser gegangen sei, als derzeit. Schwer nachvollziehbar, für diejenigen, die trotz Arbeit arm sind. Es muss sich dringend etwas ändern, damit alle Beschäftigten von ihrem Einkommen leben können oder nicht davon abhängig sind mehrere Minijobs zu machen, mit denen sie eine Fahrtkarte in die Altersarmut lösen.  

Geringfügig entlohnte Beschäftigte nach ARBEITSORT

 

Rheinisch
Bergischer
Kreis

Rhein-Erft-Kreis

Bonn

Köln

Leverkusen

Rhein-Sieg-Kreis

OBK

DGB Region Köln-Bonn/ insgesamt

Insgesamt

25 982

42 072

37 808

112 571

12 744

53 776

28 645

313 598

Ausschließlich Minijob

17 350

27 856

25 881

75 417

8 877

35 976

18 899

210 256

Im Nebenjob Minijob

8 632

14 216

11 927

37 154

3 867

17 800

9 746

103 342

Quelle: Statistik der Bundesagentur für Arbeit, „Geringfügig entlohnte Beschäftigte (GeB) nach Wohn- und Arbeitsort, Stichtag 30. Juni 2015.
1 = Ausschließlich geringfügig Beschäftigte, 2 = Beschäftigte, die im Nebenjob geringfügig beschäftigt arbeiten
Quelle: Statistik der Bundesagentur für Arbeit, „Geringfügig entlohnte Beschäftigte (GeB) nach Wohn- und Arbeitsort, Stichtag 30. Juni 2015.

Frage: Wie bewertest du Minijobs?
Judith Gövert: Minijobs reichen nicht zum Leben und bieten wenig Perspektiven. Sie machen eigentlich nur für ganz wenig Menschen Sinn, z.B. für Schülerinnen und Schüler, die Zeitungen austragen, oder für Studierende, die sich neben ihrem Studium in geringem Umfang etwas dazu verdienen wollen, oder für Rentnerinnen und Rentner. Für alle anderen Menschen sind Minijobs problematisch, weil sie keine bzw. nur eingeschränkte Ansprüche in der gesetzlichen Sozialversicherung erwerben. Insbesondere, wenn sie zu den in unser Region 210.256 abhängig Beschäftigten gehören, die neben dem Minijob keine weitere Beschäftigung haben. Altersarmut ist dann vorprogrammiert, denn: Minijobs haben einen Klebeeffekt und nicht selten klebt das Etikett „Minijob gleich Aushilfe“ lange an den geringfügig Beschäftigten. Außerdem müssen viele Menschen, die ausschließlich geringfügig beschäftigt sind, aufstocken. 

Frage: Stimmt es, dass viele Frauen in Minijobs arbeiten?
Judith Gövert: Es ist kein Geheimnis, dass Frauen weitaus häufiger in Teilzeit oder Minijobs beschäftigt sind: Minijobs sind weiblich! Der Anteil an Frauen in Minijobs liegt seit Jahren über dem der Männer. Im März 2016 waren von 1.792.089 geringfügig Beschäftigter in Nordrhein-Westfalen über 60% der Minijobbenden Frauen. Hinzu kommt, dass von den 1.240.481 Menschen in Nordrhein-Westfalen, die ausschließlich geringfügig beschäftigt sind und keiner weiteren Arbeit nachgehen, auch 786.237 Frauen sind, das sind über 63%.[1]

Frage: Warum sind besonders viele Frauen in geringfügiger Beschäftigung?
Judith Gövert: Die Wippermann-Studie „Frauen im Minijob“ von 2012 gibt dazu viele Antworten. Das wohl wichtigste Motiv für verheiratete Frauen einen Minijob einzugehen, ist demnach die Vereinbarkeit von Beruf und Familienaufgaben. Die steuer- und sozialrechtlichen Anreize spielen keine vordergründige Rolle, bedingen jedoch die Entscheidung, bei dieser Erwerbsform zu bleiben. Die Studie kommt auch zum Ergebnis, dass viele Frauen den Minijob als Einstieg nutzen wollen, um später die Arbeitszeit aufzustocken. Ein Trugschluss! Ein Minijob führt nur selten in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Er ist keine Brücke in ein Normalarbeitsverhältnis, sondern ein Armutsrisiko.

Frage: Warum haben Arbeitgeber Interesse daran Menschen in Minijobs zu beschäftigen? Haben sie dadurch Vorteile?
Judith Gövert: Auch das ist ein Trugschluss! Im Gegenteil: Unternehmen sparen sofort, wenn sie Beschäftigte sozialversichert einstellen, statt im Minijob. Sie zahlen ab 450,01 Euro Verdienst nur noch ca. 20% Abgaben für den sozialversicherten Job, statt 30% Abgaben im Minijob. Die Dokumentationspflicht entfällt dann auch, außer bei Branchen, die im Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetz genannt werden. Die vielverbreitete Annahme, dass Minijobbende weniger Rechte besitzen, ist auch nicht richtig: Sie haben die gleichen Arbeitsrechte wie alle anderen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auch. Sie haben also auch Anspruch auf bezahlten Urlaub, Mutterschutz, Kündigungsschutz und Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall.

Frage: Aber müssen Minijobbende nicht flexibler in ihren Arbeitszeiten sein?
Judith Gövert: Auch das ist falsch! Für sie gelten die gleichen Rechte und Regeln wie für alle Teilzeitbeschäftigten auch. Für alle Formen von Beschäftigung gilt: „Arbeit auf Abruf“ muss immer schriftlich geregelt werden, außerdem muss die wöchentliche Arbeitszeit festgelegt und mindestens 4 Tage vorher über Ort und Zeit informiert werden.

Frage: Urlaubsanspruch, Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall und Co.
Wird das in der Realität denn auch so gelebt?
Judith Gövert: Eine IAB-Studie zeigt: Jede und jeder Dritte in einem Minijob erhält keinen bezahlten Urlaub, fast die Hälfte keine Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall.[2] Ja, leider kommt es zu Verstößen gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz. Viele Beschäftigte und Betriebe, die von der Nichtgewährung von Arbeitnehmerrechten berichten, kennen die Rechtslage nicht. Deshalb ist Aufklärung sehr wichtig.
 
Frage: Ab wann lohnt sich denn eine sozialversicherte Beschäftigung für die Arbeitnehmenden?
Judith Gövert: Es lohnt sich immer! Für die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen gilt: Schon ab 15 Wochenstunden zum Mindestlohn von 8,50 Euro haben sie in einer sozialversicherten Beschäftigung netto mehr als im Minijob – trotz aller Abzüge; bei der Lohnsteuerklasse V ab 17 Stunden und dazu natürlich die volle eigenständige soziale Absicherung. Im Vergleich: In einem Minijob sind maximal 12,2 Wochenstunden bei 8,50 Euro Mindestlohn möglich.
Klar ist: Minijobs machen in der Regel keinen Sinn. Deswegen sollten möglichst viele dieser Jobs in sozialversicherte Arbeit umgewandelt werden. Davon profitieren beide Seiten.

Frage: Wie kann die Situation von Minijobbenden verbessert werden?
Judith Gövert: Einerseits sind mehr Angebote der aktiven Arbeitsmarktpolitik nötig, insbesondere die berufliche Qualifizierung und Umschulungen müssen weiter voran gebracht werden, um mehr Menschen in sozialversicherte Arbeit zu bringen. Dies ist besonders wichtig für diejenigen, die neben der Beschäftigung Sozialleistungen beziehen, also aufstocken müssen. Aber insgesamt ist es wichtig, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen verändert werden.

Frage: Was heißt das konkret?
Judith Gövert: Der DGB hat verschiedene Vorschläge gemacht und ein Reformkonzept vorgelegt. Dazu gehört, dass Minijobs ab dem ersten Euro Einkommen voll in die Sozialversicherung einbezogen werden müssen. Die pauschale Besteuerung der Einkommen aus Minijobs ist ein Kern des Problems. Deshalb sollten die Minijobs in das allgemeine Besteuerungssystem eingegliedert werden. Nicht zuletzt ist die Gleichbehandlung bei den Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Minijobs müssen besser kontrolliert werden, damit sich dort kein rechtsfreier Raum etabliert.
Neben den bereits skizzierten gleichstellungspolitischen Aspekten, begünstigt das Festhalten gut qualifizierter Fachkräfte in geringfügiger Beschäftigung nämlich Fachkräfteengpässe und fördert Schwarzarbeit. Altersarmut ist vorprogrammiert. Es muss sich also dringend etwas ändern!

Raus aus der Armutsfalle - DGB-Reformkonzept Minijobs: http://www.dgb.de/-/gnu
DGB-Reformkonzept Arbeitsplatz Privathaushalt: Gute Arbeit ist möglich: http://www.dgb.de/-/hW1


[1] Statistik der Bundesagentur für Arbeit, „Ausschließlich geringfügig Beschäftigte nach ausgewählten Merkmalen, Nordrhein-Westfalen“, März 2016.

[2] IAB: Situation atypisch Beschäftigter und Arbeitszeitwünsche von Teilzeitbeschäftigten, 2015.


Hinweis: In der Reihe „Nachgefragt“ veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen ausführliche Stellungnahmen und Positionen von gewerkschaftlichen Expert/innen aus der Region Köln-Bonn. „Nachgefragt“ bietet nicht nur ausführliche Hintergrundinformationen, sondern spiegelt immer auch die persönliche Sichtweise der jeweiligen Experten/innen wieder. Die Texte können für Medienberichterstattungen genutzt werden.

Weitere Veröffentlichungen aus der Reihe „Nachgefragt“ finden Sie auf unserer Internetseite www.koeln-bonn.dgb.de. Dort können Sie „Nachgefragt“ auch als RSS-Feed abonnieren.

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