Deutscher Gewerkschaftsbund

15.06.2018

Nachgefragt mit Alberto Acosta

„Würdige Arbeit ist fundamental im Guten Leben“

Alberto Acosta stellt am 27. Juni 2018, im Bonner Gewerkschaftshaus, das Konzept des "Buen Vivir" vor, das in dem traditionellen Wissen der indigenen Völker wurzelt. Er entwickelte daraus Leitlinien mit dem Ziel des sozialen und solidarischen Wirtschaften und der Veränderung von Lebens- und Politikstil. Was ist das Gute Leben und wie passt es mit den gewerkschaftlichen Werten und Ideen zusammen? Was bedeutet es für uns vor Ort als Gewerkschafter/innen und Bürger/innen und für Gute Arbeit weltweit? Das möchten wir mit unseren Gästen und Euch/Ihnen diskutieren.
Dieser Zukunftsdialog findet statt am: Mittwoch, 27. Juni 2018, 18:30 Uhr im DGB-Haus Bonn (Endenicher Str. 127, Bonn). Der Eintritt ist frei.

Vortrag und Diskussion:
Alberto Acosta, Ökonom und ehemaliger Präsident der verfassungsgebenden Versammlung Ecuardors
im Dialog mit Jörg Mährle, Regionsgeschäftsführer der DGB Region Köln-Bonn
Musikalisch wird  „Grupo Sal“ mit  lateinamerikanischer Musik die Veranstaltung begleiten.
Anmeldungen bitte per Mail an: Bonn@DGB.de
Infos zur Veranstaltung unter: https://koeln-bonn.dgb.de/-/RO6 

Gutes Leben für alle – Buen Vivir – ist nur möglich, wenn die Natur vom Objekt wieder zum Subjekt wird, wenn Kooperation Konkurrenz und Suffizienz Effizienz als Grundprinzip ersetzen und die Beziehungen zwischen den Menschen – aus dem globalen Süden wie aus dem globalen Norden – auf Vertrauen und Respekt aufbauen. So umschreibt der ecuadorianische Intellektuelle Alberto Acosta im Gespräch mit Sonja Gündüz die Pfeiler eines Gesellschaftsmodells, in dem es nicht um eine alternative Entwicklung, sondern um eine Alternative zur Entwicklung geht.

Sonja Gündüz, Nord | Süd-Netz: Alberto, was ist Buen Vivir oder „Das Gute Leben“ wie es auf Deutsch heißt?

Alberto Acosta: Die Lebensweise, die Ideen des Buen Vivir wurden nicht an Universitäten entwickelt. Sie wurden auch nicht von einer politischen Partei entworfen. Sie kommen aus verschiedenen indigenen Gemeinschaften und haben eine lange Geschichte. Wie man in Harmonie miteinander und mit der Natur leben kann: Es gibt keine Modelle, keinen Masterplan, wie man das konstruieren soll. Buen Vivir ist keine Entwicklungsalternative sondern eine Alternative zur Entwicklung. In dieser Hinsicht sind die Ideen, die Werte, die Erfahrungen und vor allem die vielen Praktiken mehr ein Erleben als ein in sich geschlossenes theoretisches Konzept, sozusagen eine Philosophie ohne Philosophen, die im Verlauf der Jahrhunderte weiterentwickelt wurde – und sie wird immer noch praktiziert.

Der Entwicklungsgedanke ist eng mit Wachstum verbunden. Warum nennst du das Gute Leben eine Alternative zur Entwicklung?

Die Entwicklung wurde zum großen Projekt aller politischer Kräfte, von rechts bis links. Entwicklung wurde zur globalen Aufgabe, wir haben uns mit Entwicklungstheorien, Entwicklungsprojekten, -plänen, -hilfe, -zusammenarbeit beschäftigt. Als wir die ersten Probleme erkannt haben, haben wir der Entwicklung so etwas wie einen Vornamen gegeben: Wirtschaftsentwicklung, soziale Entwicklung, nachhaltige Entwicklung, lokale Entwicklung, globale Entwicklung.

Doch nun haben wir festgestellt, es sind nicht die Wege zur Entwicklung, die das Problem ist, es ist die Entwicklung selbst: Entwicklung liefert keine Antworten auf die drängenden Probleme – Klimawandel, globale Ungleichheit, Ungleichheit innerhalb der Gesellschaften, die zurückgehende Biodiversität und andere. Es gibt auch immer noch Hunger, obwohl es genug Nahrung für die Menschheit gibt.

Sollen wir das durch immer mehr Wachstum lösen? Wir müssen akzeptieren, dass ständiges Wirtschaftswachstum in einer Welt mit begrenzten Mitteln nicht möglich ist. Es ist Wahnsinn! Wir müssen das hinter uns lassen. Nicht alle Menschen können so viel konsumieren wie die Reichen dieser Welt. Dies ist der Rahmen, in dem wir uns mit dem Guten Leben beschäftigen.

Was sind die Grundprinzipien des Buen Vivir?

Für diese Weltanschauungen spielt die Mutter Erde eine wichtige Rolle und das Leben in der Gemeinschaft. Im Gegensatz zu sogenannter Entwicklung, die einen Anspruch auf Universalität hat, können diese Vorstellungen nicht auf ein einziges Modell reduziert werden, das ist ein entscheidender Punkt. Aber alle stellen das Prinzip des harmonischen Zusammenlebens mit sich und mit der Natur in den Mittelpunkt. Die Individuen, die Gesellschaft, Gesellschaften miteinander.

Was heißt das genau?

Die Grundsätze des Buen Vivir wurden in die Verfassungen von Bolivien und Ecuador aufgenommen. Zwar bedeutet das nicht, dass sie schon in der Politik umgesetzt werden, aber sie sind politisch ausformuliert. Ich schlage drei Punkte als Grundpfeiler vor: Verbundenheit mit der Natur. Der Mensch ist Natur und Teil der Natur, die Natur muss sich nicht dem Menschen unterordnen. Ein konkretes Beispiel: Mit der Vermarktung der Natur werden sich die Probleme nicht lösen lassen. Wenn wir die Natur kaputt machen, machen wir die Grundlagen unserer Wirtschaft, unserer Gemeinschaftsleben, unseres politischen Lebens kaputt. Wir haben die Rechte der Natur in der Verfassung verankert: Die Natur vom Objekt zum Subjekt gemacht. Wie gesagt, dies ist noch nicht in die Praxis umgesetzt worden. Aber wie lange hat es gedauert, bis die Länder die Menschenrechte akzeptiert haben?

Ein zweiter Punkt ist Gemeinschaftssinn, auf der Basis der Gemeinde. Natürlich gibt es globale Probleme und natürlich müssen sie global gelöst werden, aber bis die Mächtigen sich einigen und das umsetzen, können wir nicht zusehen wie die Welt zugrunde geht. Wir müssen uns organisieren, aber dafür brauchen wir andere Prinzipien, wie unsere Wirtschaft und Gesellschaft aussehen soll. Statt Egoismus Kooperation und Komplementarität; statt Wachstum Nachhaltigkeit; statt Profit Gegenseitigkeit, bessere Verteilung von Reichtum und Einkommen; nicht nur Effizienz, sondern auch Suffizienz, Maß halten: Wie viel ist genug, um gut zu leben, darüber müssen wir alle gemeinsam diskutieren. In der Politik auf internationaler Ebene gibt es auch Beispiele: Entscheidungsfindung durch Konsens treffen, und zwar durch alle Mitglieder einer Gesellschaft, nicht nur Expertengruppen. Die Entscheidungsfindung dauert viel länger, aber sie ist dauerhafter.

Der dritte Grundpfeiler: Die spirituellen oder geistigen Beziehungen. Das hat nicht unbedingt etwas mit Religion zu tun, sondern dreht sich um die Frage: Wie sollen die Beziehungen zwischen den Menschen aussehen? Sie müssen auf Respekt, auf Freundschaft, auf Vertrauen basieren. Konkret geht es hier auch um eine gemeinsame Arbeit der Menschen aus dem globalem Süden und globalem Norden, denn die Probleme sind global. Dabei dürfen die unterschiedlichen Kulturen nicht idealisiert werden, auch in den indigenen Gemeinschaften gibt es Kapitalismus. Der Kolonialismus ist nicht zu Ende gegangen, als die Spanier vor 200 Jahren Lateinamerika verlassen haben. Bis heute fordern sowohl die neoliberalen als auch die progressiven Regierungen das Voranschreiten des Extraktivismus, der verbunden ist mit Konflikten.

In einer vergleichsweise kleinen indigenen Gemeinschaft kann man sich das gut vorstellen. Aber wie soll das etwa in Deutschland funktionieren?

Kann man diese Praktiken einfach übertragen? Ganz eindeutig nein. Aber wir können lernen, was die Grundideen vom Guten Leben sind, und vielleicht können sie uns helfen, unsere Gesellschaften zu überdenken und ein Gutes Leben für alle aufzubauen.

Als erstes müssen wir uns von dieser Wachstumsreligion befreien, die uns nicht mehr erlaubt, sie zu hinterfragen; wir glauben, dass wir durch Wachstum alles lösen können. Das ist Quatsch! Ab einem bestimmten Punkt sind die Menschen nicht mehr glücklicher, wenn sie mehr haben. Das ist das sogenannte Wachstumsparadox. Auch müssen wir uns fragen: Können wir durch immer mehr Welthandel die Probleme lösen? Nein, wir müssen die Externalisierung der Kosten unserer Lebensweise berücksichtigen. Zum Beispiel bei der Produktion von Nahrungsmitteln. Eine Tomate aus Chile kostet wenige Cent, obwohl sie 13.000 Kilometer Transport hinter sich hat, die Ausbeutung der Arbeiter_innen wird nicht berücksichtigt, ebenso wenig die Ausbeutung der Natur.

Die Umverteilung ist ein wichtiger Aspekt. Ohne Verteilung des Reichtums geht es nicht. Wenn wir von einem Post-Extraktivismus und Postwachstum sprechen, verteidigen wir nicht die jetzigen sozialen Verhältnisse. Die große Kluft zwischen Arm und Reich muss sich grundsätzlich reduzieren. Dafür brauchen wir kein Wachstum. Ich gebe Dir ein Beispiel: Das Erdöl im Amazonasgebiet Yasuní-ITT soll ausgebeutet werden, weil Ecuador das Geld braucht. Die Regierung spricht von 18 Milliarden US-Dollar für die nächsten 20 bis 23 Jahre auf Realwert gerechnet. Würde man die Steuern für die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung um 3,6 Prozent erhöhen, hätte der Staat mehr als das.

Wahrscheinlich müssen wir auch die Arbeit besser verteilen. Das soll nicht heißen, dass die Rechte der Arbeiter_innen beeinträchtigt werden, sondern dass sie für gleiche Löhne weniger arbeiten. Früher haben die Leute auch 48 Stunden pro Woche gearbeitet, und wie wir in diesen Tagen in Deutschland sehen, geht die Tendenz weiter nach unten. Wir müssen sehen, dass strukturelle Unterdrückung Teil des Kapitalismus ist. So wie das Kapital die Arbeit ausbeutet, ist auch die Unterdrückung der Frauen und die Ausbeutung der Natur Teil der strukturellen Ausbeutung. Daher sollte jede Arbeiter_innenorganisation auch den Kampf für Gleichberechtigung sehr wichtig nehmen, ebenso die Ökologie.

Welche konkreten Beispiele gibt es für eine Umsetzung?

Es gibt in Deutschland eine Vielzahl von Gruppen, die sich organisieren und beispielsweise neue Verkehrskonzepte für die Städte entwickeln, oder Ernährungsräte, die darüber nachdenken, wie man die Ernährung in der Stadt re-lokalisieren kann, oder es werden „Tage des Guten Lebens“ organisiert. Auch gibt es viele Genossenschaften, die eine solidarische Wirtschaftsform sehr konkret umsetzen in vielen Bereichen. Es gibt eine Menge konkreter Projekte. Bisher spielt sich viel auf kommunaler Ebene ab, oder in kleinen ökologischen Gruppen, einer Art Hippies am Rande der Gesellschaft. Aber was könnte passieren, wenn sich diese vielen interessanten Ansätze verbreiten, die in verschiedenen Teilen der Welt zu finden sind?

Stichwort Genossenschaften. Die „solidarische Wirtschaft“ ist ein wichtiger Teil von Buen Vivir. Wie könnte man diese vorantreiben?

Auch im globalen Süden gibt es eine ganze Reihe von Genossenschaften, die sich auf einer solidarischen Basis organisiert haben. Man könnte beispielsweise eine Finanzpolitikvorantreiben mit besseren Bedingungen für Kredite – niedrigere Zinssätze und langfristigere Zahlungsziele –, die von Gemeinschaften aufgenommen werden, als von privaten Unternehmen. Oder auch eine öffentliche Beschaffung, die kleine Unternehmen und Genossenschaften fördert. So gab es beispielsweise in Brasilien den Ansatz, dass das Gemüse für das Schulessen landesweit von den Kleinbäuer_innen aus der Umgebung geliefert wurde.

Ist würdige Arbeit weltweit auch ein Aspekt des Guten Lebens?

Aber natürlich, würdige Arbeit ist fundamental im Guten Leben Eine würdige Arbeit an sich ist nicht nur die Basis für die wirtschaftlichen, sondern auch für die sozialen und die kulturellen Beziehungen einer Gemeinschaft. Aber Arbeit muss auch auf Reziprozität und guten Beziehungen mit der Natur beruhen. Und natürlich muss man auch berücksichtigen, dass es keine zu großen sozialen Unterschiede geben darf, und da gehören auch Löhne dazu: Die Löhne sollten auf einem relativ ähnlichen Niveau sein, auch etwa zwischen einem Unternehmensvorstand und einem Arbeitetenden, auf jeden Fall aber darf es keine Unterschiede zwischen Frauen und Männern geben. Und das erfordert natürlich bessere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen für die Arbeiter_innen weltweit.

In Deutschland wird ja zu Recht gefordert, dass man von seinem Lohn würdig leben kann. Arbeiter_innen in armen Ländern haben genau das gleiche Recht, und das müssen wir anpacken. Die Gewerkschaften sollten dabei international solidarisch sein, sich dafür einsetzen, dass auch andere Arbeiter_innen in anderen Ländern sich organisieren können. Als deutsche Gewerkschaft sollte man nicht nur sagen: „das sind meine Rechte“, sondern: „das sind die Rechte der Arbeiterklasse der ganzen Welt“. Die deutschen Gewerkschaften müssen eine weltweite Betrachtungsweise in ihre eigene Politik integrieren, man muss die weltweiten Zusammenhänge sehen. Das bedeutet auch, sich selbst zu hinterfragen, beispielsweise die Waffen- oder Autoindustrie.

Wir brauchen eine neue Welt, eine Welt, in der wir alle in Würde und angemessen leben können. Meine Schlussfolgerung: Wir brauchen einen großen Dialog, wir müssen Brücken schlagen zwischen den Gemeinschaften, zwischen globalem Süden und Norden, wir brauchen eine große Veränderung in der Welt. Und wir können nicht warten, dass sie irgendwann einmal geschieht, dass die Mächtigen sich irgendwann einmal einigen, sie muss heute und hier anfangen. Es geht um nichts weniger als um das Leben unserer Enkelkinder. Und das besser zu machen, werden wir nur erreichen mit mehr Demokratie, nie mit weniger.


Über Alberto Acosta

Alberto Acosta ist Wirtschaftswissenschaftler, Politiker und Intellektueller, vor allem aber ein wichtiger Impulsgeber in Deutschland für die Verbreitung der Ideen des Buen Vivir, des Guten Lebens: 1948 in Quito, Ecuador geboren, verbrachte er einen Großteil der 1970er Jahre in Deutschland, wo er unter anderem ein Studium als Diplom Volkswirt abschloss. Später übernahm er diverse diplomatische und politische Ämter in und für Ecuador, und war Präsident der Verfassunggebenden Versammlung. Die ecuadorianische Verfassung schreibt unter anderem das Gute Leben, die Rechte der Natur und eine Soziale und Solidarische Wirtschaft fest.


Quelle: https://www.nord-sued-netz.de/medien/download
Broschüre: Arbeiten und Wirtschaften in den Grenzen des Wachstums – Die Rolle der Gewerkschaften in einer ökologischen und sozialen Transformation (2017)

Das Nord-Süd-Netz des DGB Bildungswerk hat uns freundlicherweise das beigefügte Interview von Alberto Acosta zur Verfügung gestellt.


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