Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 19/20 - 05.08.2020
Gemeinsame Pressemitteilung GEW Köln und DGB-Region Köln-Bonn:

Forderungen von Lehrer*innen, Erzieher*innen und pädagogischen Fachkräften an die neue Stadtspitze sowie den neuen Rat

Stadt als Schulträger und Arbeitgeberin im Bildungsbereich

Anlässlich der anstehenden Kommunalwahl haben DGB und GEW in Köln Anfang Juli 2020 eine anonyme Online-Befragung unter GEW-Mitgliedern durchgeführt. Die Stadt ist Träger von Schulen, Kitas oder anderen Bildungseinrichtungen. Sie ist verantwortlich für die Gebäude und Ausstattungen der Schulen und eigenen Kitas. Sie ist Arbeitgeberin oder Auftraggeberin bei VHS und Musikschulen. Sie setzt Standards beim Offenen Ganztag … und noch viel mehr.

GEW Köln und DGB Köln wollten von gewerkschaftlichen Bildungsexperten*innen wissen, welche zentrale Anforderung oder Erwartung sie an die neue Stadtspitze und den neuen Rat haben. Was muss die Stadt konkret ändern? Welches konkrete Problem muss besonders schnell angegangen werden?

Über 100 Bildungsexperten*innen aus allen Bildungsbereichen haben sich beteiligt und ihre Einschätzungen abgegeben. Hier eine Auswahl der Antworten / Vorschläge / Forderungen, die sich besonders an die Stadt richten:


Die meisten Rückmeldungen gab es zum Sanierungsstau:

„Unser Schulgebäude stammt aus den 50er Jahren. Die Fenster sind ebenfalls aus dieser Zeit. Im Winter frieren wir (es zieht durch alle Ritzen), im Sommer ist keine ausreichende Durchlüftung möglich und kein Sonnenschutz von außen vorhanden, so dass wir morgens um 8 Uhr schon Temperaturen um die 28 Grad in einigen Räumen haben.“

„Seit 2004 ist bei uns an der Schule eine lange fällige Sanierung der Chemieräume noch immer nicht durchgeführt worden, obwohl sie immer wieder versprochen wurde. Die Ausreden der Verschiebungen sind sehr verschieden, führen aber immer zum selben Ergebnis. Die Bedingungen in unseren Sporthallen sind katastrophal.“

„Corona hat gezeigt, wie marode unsere Schulen sind. Kinder brauchen eine gute Lernatmosphäre und keinen Abrissbau. Es kann nicht sein, dass sich Kinder teilweise stundenlang nicht aufs Klo trauen, weil die Sanitäranlagen derart ekelhaft sind, dass man sie vermeiden möchte, ohne Seife, Toilettenpapier und Papierhandtücher. Alle Kinder haben eine gute Lernatmosphäre und gute Bildung und Ausstattung ihrer Schule verdient, nicht nur die in den schicken Vierteln und die an Gymnasien.“

„Prozesse, wie Reparaturen, Bestellungen und Instandhaltungen dauern viele zu lange. Beispiel: Unserem Berufskolleg wurde der Einsatz von Bildschirmen auf den Fluren zur Stundenplanorganisation aus Brandschutzgründen verboten und der zeitnahe Austausch mit brandschutzsicheren Geräten zugesagt. Nach 1 1/2 Jahren ist  immer noch nichts passiert. Auf Nachfrage kann nichts in Aussicht gestellt werden. ....  Zuständigkeiten sind völlig diffus.“

„Es muss ein Hausmeisterersatzdienst eingerichtet werden, damit in den Ferien dringende Bauarbeiten erledigt werden können!“


Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie spielte die digitale Ausstattung eine zentrale Bedeutung:

„Die digitale Unterversorgung der Grundschulen wurde in Corona-Zeiten überdeutlich. Beispiel: Unsere Schule hat seit 2017 einen Antrag auf digitale Ausstattung entsprechend unseres Medienkonzeptes gestellt. Im Mai sind nun endlich die Schränke für die Tablets gekommen, jedoch ohne Tablets.“

„Digitale Whiteboards für alle Klassenräume aller Grundschulen zusätzlich zur Tafel.“

„Experten für die Digitalisierung an die Schulen holen, damit sich Lehrer*innen auf den Unterricht konzentrieren können.“

„Digitalisierung, technische Ausstattung sowie Einsatz von IT-Personal an Schulen vorantreiben, verbessern und kontrollieren.“

„Digitale Endgeräte für Schüler*innen.“


Die allgemeine Ausstattung und der Zustand von Schulen und Kitas wurden immer wieder thematisiert:

„Durch den Ausbau des Ganztages verbleiben auch Lehrkräfte ganze Arbeitstage in der Schule. Aber die Infrastruktur ist die gleiche, wie vor 30 Jahren. Also balgen sich in den stetig wachsenden Lehrerkollegien wiederum erwachsene Menschen um zu wenige Sitzplätze im Lehrerzimmer!“

„Räume für Vorbereitungszeiten oder Elterngespräche fehlen“

„Überfüllte Klassen, weil zu wenig Räume.“

„Im Bereich der Schulmensaküchen muss es endlich möglich sein, auch für Frischküchen zu bauen. Die Flächenverordnung sieht nur kleine Wärmeküchen vor.“

„Das Schulessen ist seinen Preis nicht Wert, meistens geschmacklich eine Katastrophe.“

„Die Schulen verdrecken!“

„Schutz bei großer Hitze in den Gruppenräumen.“ sowie „Lüftungsanlagen“.

„Kind- und Lehrer*innen-gerechtes Mobiliar“

„In Köln hat man auf die knappen Schulplätze für Eingangsklassen durch vermehrte Zweitstandorte reagiert. Nun verbringen Lehrkräfte ihre Pausen damit, zwischen den beiden Schulstandorten zu pendeln.“


Die Arbeitsbedingungen von Selbständigen und Honorarkräften sowie bei Trägern, auf die die Stadt direkten Einfluss nehmen kann, spielten ebenfalls eine wichtige Rolle:

„VHS-Dozent*innen, die den grundständigen Betrieb sichern, endlich festanstellen! Für alle anderen, die im Honorarverhältnis bleiben: Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Aufwertung der Honorare um den Arbeitgeberanteil an den Sozialversicherungen & einen Rahmenvertrag!“

„Sichere Arbeitsverträge für Arbeitnehmer*innen an Volkshochschule, Musikschule, im OGS- und Übermittags-Bereich vergeben, statt prekäre Verhältnisse verfestigen.“

„Die Mitarbeiter*innen im OGS haben langsam die Schnauze voll!“

„Tarifverträge für die OGS-Mitarbeiter*innen!“

„Die Stadt Köln soll nur mit OGS Trägern zusammenarbeiten, die Tariflohn nach TvÖD zahlen!“

„Ich würde mich freuen, wenn der Offene Ganztag und damit mein Arbeitsumfeld endlich die Anerkennung bekommt, die sie verdienen. Wir machen wertvolle pädagogische Arbeit und keine Kaffeerunde.“

„Wir benötigen mehr Sozialarbeiter*innen an unseren Schulen. Sie leisten eine wirklich großartige Arbeit.“

„Aufbau von Unterstützungsnetzwerken für zugewanderte Schüler*innen“


Viele Rückmeldungen betrafen auch das Thema Inklusion:

„Inklusion ja, aber pädagogisch sinnvoll! Zurzeit werden aus bestehenden Systemen der Förderschulen Lehrer*innen zwangsabgeordnet; selten möchte jemand sein lange erarbeitetes und gut geführtes pädagogische Feld in der Förderschule verlassen, um in einem anderen System Flickschusterei betreiben zu müssen. […] Das ist pädagogisch absolut nicht sinnvoll.“

„Setzen Sie inklusiven Unterricht entsprechend der UN-Konventionen um!“

„Wer Inklusion erfunden hat, hoffte bestimmt auf etwas Gutes. Aktuell gibt es aus meiner Sicht kaum ein größeres Desaster!“

„Inklusion ist ein Sparmodell und es fehlen Lehrer*innen“.


Daneben wurde auch der Gesamtschulnotstand in Köln thematisiert. Hier wurde vielfach ein schneller Ausbau gefordert, um den Willen von Eltern und Schüler*innen künftig zu erfüllen.


Landespolitische Fragestellungen wurden ebenfalls häufig angesprochen, da Bildungspolitik eine zentrale Aufgabe der Landespolitik ist und Lehrer*innen beim Land angestellt sind. Bemängelt wurden vor allem die unterschiedlichen Gehälter von Angestellten und Beamten*innen, die personelle Situation an Schulen (Mangel an Lehrkräften, zu große Klassen, Belastbarkeitsgrenze), die unterschiedliche Bezahlung innerhalb der verschiedenen Schulformen, die finanzielle Wertschätzung von Berufen im Sozial- und Erziehungsbereich, die finanzielle Ausstattung des Bildungssystems.

Auch allgemeinpolitische Themen wurden angesprochen wie Mobilitätswende (z.B. bessere Taktung des ÖPNV, leistungsfähigerer ÖPNV, günstigere Preise, 365-Euro-Ticket, sichere Fahrradinfrastruktur), Klimawandel (mehr Grün, Umstellung auf erneuerbare Energien bei öffentlichen Gebäuden, kein Versiegelung von Flächen) und bezahlbarer Wohnraum (Mietpreisbremse, städtisches Bauen statt Investorenwahnsinn, Vorrang für sozialen Wohnungsbau).

„Insgesamt bestätigen die GEW-Bildungsexperten*innen die Kritik am Bildungssystem, die von gewerkschaftlicher Seite immer wieder geäußert wird. Und sie unterstreichen die Forderungen der Kölner Gewerkschaften zur Kommunalwahl 2020“, fasst Eva-Maria Zimmermann, Geschäftsführerin des GEW-Stadtverbands Köln, die Ergebnisse zusammen.

Jörg Mährle, Geschäftsführer der DGB-Region Köln-Bonn, ergänzt: „Klar ist: Die Umfrage ist nicht repräsentativ. Sie gibt aber gute Hinweise und Ansatzpunkte für notwendige Veränderungen und Verbesserung. Sie zeigt, an welchen Stellen Rat und Verwaltung genauer hinsehen müssen. Sie zeigt aber auch, dass es sinnvoll ist, die Kompetenz der Bildungsbeschäftigten besser zu nutzen, um Missstände abzubauen und das Bildungssystem weiterzuentwickeln. Anspruch an das System und Wirklichkeit müssen endlich in Einklang gebracht werden.“

Die GEW Köln prüft eine neue Initiative. Dazu Eva-Maria Zimmermann: „Die gute Rücklaufquote hat uns gefreut und zeigt, dass die Beschäftigten im Bildungssystem ihre Expertise gerne zur Verfügung stellen. Über die sogenannten gewerkschaftlichen Vertrauenskörper werden wir jetzt prüfen, ob sich eine Beschäftigten-orientierte Bestandserhebung für einzelne Schulen durchführen lässt, um den Handlungsstau an einzelnen Schulen zu dokumentieren. Der neue Rat und die neue Stadtspitze bekämen damit ein praxisorientiertes Arbeitspaket für die kommenden fünf Jahre.“


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Dieser Artikel gehört zum Dossier:

Kom­mu­nal­wahl 2020 in Köln

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