Deutscher Gewerkschaftsbund

14.01.2020

Nachgefragt mit Bernd Weede

„Gewerkschaftsarbeit ist immer politisch!“

Bernd Weede

Bernd Weede

Bernd Weede, Vorsitzender des DGB-Kreisvorstandes Bonn/Rhein-Sieg, wird bei der Kommunalwahl 2020 auf Listenplatz 2 der Bonner SPD kandidieren. Wir sprachen mit ihm über die Hintergründe seiner Kandidatur und seine Ziele.


Frage: Deine Kandidatur für den Stadtrat hat Außenstehende sicherlich überrascht. Wie ist es dazu gekommen?


Bernd Weede: Aus der Tatsache, dass ich seit Jahren SPD-Mitglied bin und einen guten Kontakt zu meiner Partei pflege, habe ich nie einen Hehl gemacht. Denn: Gewerkschaftsarbeit ist immer auch politisch. Außerdem ist es überhaupt nicht ungewöhnlich, dass aktive Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter Mitglied einer Partei sind. Während des parteiinternen Abstimmungs- und Diskussionsprozesses der Bonner SPD wurde ich dann von verschiedenen Seiten gefragt, ob ich zu einer Kandidatur bereit bin. Nach reiflicher Überlegung und nach Rückkopplung mit meinen DGB-Vorstandskolleginnen und Kollegen - aber auch mit meiner Familie - habe ich mich dann entschieden, für den Stadtrat zu kandidieren. Dabei geht es mir vor allem um die Stärkung von Gewerkschaftspositionen in der Kommunalpolitik.

Frage: Wie kam es zum Listenplatz 2?

Bernd Weede: Während der Diskussion über die Aufstellung der Kandidatinnen und Kandidaten hatte ich immer wieder betont, dass ich es für ein falsches Signal halte, als Direktkandidat eines Wahlkreises zu kandidieren. Direktkandidatinnen und –kandidaten vertreten primär die Interessen ihres Wahl­kreises. Meine Kandidatur hat einen anderen Charakter: Ich kandidiere als “Stimme“ der Arbeit­nehmerinnen und Arbeitnehmer in Bonn, unabhängig davon, wo sie wohnen. Deswegen kann ich nur über die Liste in den Stadtrat einziehen. Der Listenplatz 2 hat mich selbst überrascht - aber auch sehr geehrt. Er zeigt, welche Bedeutung es für die SPD hat, einen aktiven Gewerkschafter in der Fraktion und im Rat zu haben.

Frage: In der heißen Wahlkampfphase wird sicherlich die Frage thematisiert, ob sich ein Ratsmandat mit der Rolle eines DGB-Kreisvorsitzenden verträgt. Wie siehst Du das?

Bernd Weede: Die Frage habe ich mir vor der Kandidatur selber gestellt. Eigentlich sind es zwei Fragen. Erstens: Reichen meine Zeit und meine Kraft aus, um beide Ämter auszu­fül­len? Dazu habe ich viele Gespräche im Vorfeld geführt. Zuerst mit meiner Familie, denn ich weiß, dass sie am meisten zurückstecken wird. Ich bin sehr froh, dass meine Frau mir den Rücken stärkt und bereit ist, den Entschluss mit zu tragen. Im zweiten Schritt habe ich mit meinen haupt- und ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen des DGB gesprochen. Wir haben gemeinsam festgestellt, dass es Optimierungspotential gibt. Vielleicht tut es der Organisation ganz gut, Prozesse, Abläufe und Verantwortlichkeiten zu durchleuchten und zu vereinfachen. Auch hier bin ich sehr dankbar, dass meine Kolleginnen und Kollegen die Entscheidung unter­stützen. Und natürlich weiß auch die Partei, worauf sie sich einlässt. Die zweite große Frage ist eher inhaltlicher Natur: Passen die beiden Ämter inhaltlich zusammen oder können sie zu Konfliktsituationen führen. Auch darüber habe ich lange nachgedacht. Ein Interessenskonflikt kann nur entstehen, wenn politische Entscheidung der SPD diametral gegen die Interessen des DGB steht. Das kann ich mir im kommunalpolitischen Kontext kaum vorstellen. Aber selbst, wenn es dazu käme, bleibt noch der Mensch Bernd Weede, der nach seinem Gewissen und seinen Werten entscheiden muss. Diese Entscheidung werde ich dann gegenüber beiden Seiten vertreten.

Frage: Aber wie verträgt sich die Kandidatur mit der Überparteilichkeit des DGB als Einheits­gewerkschaft?

Bernd Weede: Meines Erachtens hat das eine wenig mit dem anderen zu tun. Dass aktive Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter gleichzeitig auch Parteimitglieder sind, heißt nicht, dass der DGB zu einem sozial­de­mo­kratischen, grünen, linken oder christlichen Wahl­verein wird. Es geht darum, Gewerkschafts­po­si­tionen in Parteien zu tragen – und nicht um­gekehrt. Ich kandidiere nicht als Sozialdemokrat für den DGB-Kreisvorsitz, sondern als Kreis­vor­sitzender für die SPD. Deswegen möchte eine überparteiliche Diskussionsplattform für kommunalpolitisch aktive Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter sowie Betriebs­rätinnen und Betriebsräte schaffen, damit wir beraten können, welche gewerkschaftlichen Projekte wir gemeinsam auf den Weg bringen können.

Frage: Hinter jeder Kandidatur stehen Ziele, die einen besonders bewegen und antreiben. Was bewegt Dich besonders?

Bernd Weede: Ich habe gelernt, man müsse Visionen positiv formulieren, als seien sie schon erreicht. Ich will 2025 sagen können: Bonn ist eine Stadt, in der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie ihre Familien gut leben, arbeiten und lernen können. Daraus lassen sich die Themen ableiten, um die ich mich besonders kümmern werde. Ich skizziere sie nur mit wenigen Schlagworten, denn jedes wäre ein eigenes „Nachgefragt“ wert.

  • Soziale Gerechtigkeit ist mein Leitthema, dem alle anderen folgen. Dabei geht es vor allem um den Abbau von Langzeitarbeitslosigkeit und die Bekämpfung prekärer Arbeits­ver­hält­nisse. Die Stadt und ihre Töchter muss Vorbild sein. Und sie muss bei Beschaffung und Vergabe konsequent Tariftreue einfordern und überwachen.

  • Soziale Teilhabe: Wenn wir von Barrierefreiheit sprechen, dürfen wir nicht nur an körperliche und psychische Barrieren denken, sondern auch an soziale und finanzielle. Die Angebote der Daseins­vorsorge – ÖPNV, Sport, Kultur, Bildung – sind der soziale Kitt der Gesellschaft.

  • Wohnen: Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit sind längst keine Rand­er­scheinungen mehr. Über 20.000 bezahlbare Wohnungen fehlen in Bonn. Die Stadt muss über eine andere Grundstücksvergabe und eine schnellere Bearbeitung stärker als bisher dafür sorgen, dass mehr bezahlbarer Wohnraum entsteht.

  • Mobilität: Bonn hat insgesamt fast 200.000 Ein- und Auspendler. Wir stehen vor einem Verkehrs­kollaps, was uns auch als Standort für neue Arbeitgeber unattraktiv macht. Viele Straßen und Brücken sind marode. Der ÖPNV ist teuer, unattraktiv und langsam. Das alles hat auch ökologische Folgen. Wir brauchen eine radikale Mobilitätswende in der gesamten Region.

  • Gute Arbeit ist unbefristet, sozialversichert, tarifgebunden und mitbestimmt an gesundheits­fördernden Arbeitsstätten. Wie schaffen wir für eine moderne und effiziente öffentliche Ver­waltung auch moderne und effiziente Arbeitsplätze, bei denen nicht, im wahrsten Sinne des Wortes, die Mäuse auf den Tischen tanzen?


Was da auf mich zukommt, sehe ich als eine unheimlich spannende Herausforderung. Ich freue mich auf jeden Fall auf den Wahlkampf und die nachfolgende Ratsarbeit.


Wir danken Dir für das Interview und wünschen Dir viel Erfolg.

 


Hinweis:  In der Reihe „Nachgefragt“ veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen ausführliche Stellungnahmen und Positionen von gewerkschaftlichen Experten/innen aus der Region Köln-Bonn. „Nachgefragt“ bietet nicht nur ausführliche Hintergrundinformationen, sondern spiegelt immer auch die persönliche Sichtweise der jeweiligen Experten/innen wieder. Die Texte können für Medienberichterstattungen genutzt werden.

Weitere Veröffentlichungen aus der Reihe „Nachgefragt“ finden Sie auf unserer Internetseite www.koeln-bonn.dgb.de/nachgefragt. Dort können Sie „Nachgefragt“ auch als RSS-Feed abonnieren.


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Dieser Artikel gehört zum Dossier:

Kommunalwahl 2020 Bonn/Rhein-Sieg

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