Deutscher Gewerkschaftsbund

03.05.2019
Hans-Böckler-Preis der Stadt Köln

Preisträger 2019: Günter Wallraff & "Liefern am Limit"

Am Vorabend des 1. Mai lud die Stadt Köln zum traditionellen Empfang für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ein. In diesem Jahr hat sie den Empfang mit der Verleihung des Hans-Böckler-Preises verknüpft.

Ausgezeichnet wurden Günter Wallraff und „Liefern am Limit“. Laudator: Georg Restle. Über 300 Teilnehmer/innen nahmen am Empfang und Preisverleihung im historischen Rathaus teil. Zusätzlich unterstützte die Hans-Böckler-Stiftung fünf Kölner Schulen mit jeweils 2000,- Euro für besonders gelungene Intregrations- und Inklusionsprojekte.

DGB Köln

DGB Köln

  • Rede von Witich Roßmann, Vorsitzender des DGB Köln

    +++ Es gilt das gesprochene Wort +++

    Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,

    sehr geehrte Damen und Herren des Beirats und Kuratoriums des Hans-Böckler-Preises,

    liebe Preisträger und Preisträgerinnen,

    liebe Kolleginnen und Kollegen,

    Traditionen spielen in einer alten Stadt wie Köln eine große Rolle. Zu diesen Traditionen ge­hört in Köln der Empfang am Vorabend des 1. Mai. Diese über alle politischen Konjunkturen ungebrochene Tradition nehmen wir nicht als Selbstverständlichkeit. Deshalb zunächst der Dank an die Stadt Köln, den Rat und an Sie, Frau Oberbürgermeisterin Reker als Repräsen­tantin dieser Stadt, für die Einladung.

    Traditionen können aber auch zu mühsamen Routinen verkommen. Insofern gilt der zweite Dank ebenfalls der Stadt Köln und Ihnen, Frau Oberbürgermeisterin, dass die Idee, den Arbeitnehmerempfang und die Verleihung des Hans-Böckler-Preises der Stadt Köln heute Abend gemeinsam zu veranstalten, unkompliziert aufgenommen wurde.

    Mein dritter Dank gilt dem Kuratorium und Beirat des Hans-Böckler-Preises, die trotz des engen Zeitdiktats in intensiven Beratungen einen Hans Böckler wie dem 1. Mai überaus würdigen Vorschlag präsentiert haben. Und mein vierter Dank gilt allen Anwesenden, gilt Euch allen, die damit gleichermaßen ihre Wertschätzung des Arbeitnehmerempfangs der Stadt Köln wie den PreisträgerInnen des heutigen Tages zum Ausdruck bringen.

    Mit Hans Böckler, dem Namensgeber des Preises, mit Günter Wallraff, mit Sarah Jochmann, Orry Mittenmeyer, Keno Böhme, David Paulussen sind drei Generationen markiert, die für die Geschichte wie Zukunft der Arbeit in unserer Bundesrepublik Deutschland markante Zeichen gesetzt haben, Zeichen setzen.

     

    Hans Böckler mobilisierte als alter Mann, nach zwölfjähriger barbarischer Zeit des Faschis­mus, inmitten eines völlig zerstörten Köln, eines in Besatzungszonen getrennten Landes eine ungeheure Lebensenergie,  um aus einer politisch, beruflich, religiös zersplitterten, vom Faschismus demoralisierten Arbeiterschaft eine moderne Industrie- und Einheitsgewerkschaft aufzubauen, die mit europäischem Blick noch heute beispielgebend ist.  Und er rang als Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes dem Kölner Konrad Adenauer als Bundeskanzler die Montanmitbestimmung ab.

    Günter Wallraff investierte als junger Mann eine nicht minder große Arbeitsenergie. Mit seinen „Industriereportagen“ enthüllte er mitten im Wirtschaftswunderland der 60er Jahre eine industrielle Klassengesellschaft  als die offizielle Soziologie in Deutschland vom „Ende des Proletariats“, von der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ sprach. Seine respektlose Offenheit – vom damaligen Chefredakteur der IG Metall Zeitung vielfältig gefördert und publiziert, befeuerte die Gewerkschaften intellektuell und publizistisch in ihrer zweiten Mit­bestimmungsoffensive in den frühen 70er Jahren. Willy Brandt „Mehr Demokratie wagen“ einforderte, enthüllte Günter Wallraff – häufig mit seinem Weggefährten Bernt Engelmann – antidemokratische Einstellungen in der deutschen wie Kölner Wirtschaftselite – am Beispiel Hans Gerling -, die heute unter rechtspopulistischen und rechtsextremen Parteien fatale Wiederaufstehung feiern. Und sein „Ali“ erinnerte auch Gewerkschafter an ihre Aufgabe, in einer inzwischen multinational gewordenen Arbeitswelt dem Kampf gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, für faire Integration  ebenso als gewerkschaftliche Aufgabe zu begreifen wie Tarifpolitik. Sein Blick für prekäre Arbeitsverhältnisse hat uns als Gewerk­schaften immer wieder unsere „offenen Wunden“ gezeigt, uns mit Herausforderungen an unsere Arbeit konfrontiert. 

    Nicht minder gilt dies für das Projekt „Liefern am Limit“. Was als flexible Kombination von Freizeitsport mit Geldverdienen erscheinen mag, haben Sarah Jochmann, Orry Mittenmeyer, hat das Projekt „Liefern am Limit“ als Kombination modernster digitaler Plattformökonomie mit Arbeitsverhältnissen des 19. Jahrhunderts enthüllt. Und sie haben uns als Gewerk­schaf­ten nicht nur die neuen Themen und Herausforderungen präsentiert, sondern entwickeln auch gemeinsam mit uns neue Strategien für Mitbestimmung in der digitalen Ökonomie. Sie haben erstmalig in dieser Branche Betriebsräte in Köln etabliert, ihre Initiativen strahlen aber schon jetzt gleichermaßen bundesweit und europäisch aus.

    Günter Wallraff wie das Projekt „Liefern am Limit“ erinnern uns heute, wo der Rückgang der Arbeitslosigkeit, die Zunahme von Arbeitsplätzen gefeiert wird, dass es auch immer um die Qualität der Arbeit, um gute, gesunde, fair bezahlte und mitbestimmte Arbeit geht.

     

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    die Stichworte der letzten Wochen und Monate in Köln:

    Der geplante Abbau von 3.800 Arbeitsplätzen bei Ford

    Der Umzug der Kaufhofzentrale nach Essen

    Drohende Dieselfahrverbote für Köln, die Neuorganisation der urbanen Mobilität

    Steigende Wohnungsmieten und der Notstand an bezahlbarem Wohnraum in Köln

    Umbau der Kliniklandschaft in Köln,

    und die tiefgreifende Neuorganisation unserer Energieversorgung

    zeigen:

    Eine Großstadt wie Köln steht im Schnittpunkt aller globalen Trends, Umbrüche und Heraus­forderungen.

    Es ist hier nicht der Ort, sondern morgen bei der Maikundgebung auf dem Heumarkt, unsere Forderungen und Positionen an die Politik in der Stadt und im Bund zu präsentieren.

    Aber lassen sie mich zumindest auf zwei Aspekte hinweisen, die sie, Frau Oberbürger­meisterin, thematisiert haben:

    Wir stehen als DGB zu den Pariser Klimazielen und zu den vereinbarten Grenzwerten der EU. Wir stehen deshalb zu jedem Dialog mit der Stadt und allen beteiligten Institutionen, Orga­nisationen und Unternehmen bereit über die Organisation urbaner Mobilität.

    Wir werden uns dabei dafür einsetzen, dass Mobilität nicht diejenigen ausgrenzt, die aus ökonomischen Gründen nicht schnell genug von Diesel, Benzin auf E-Mobilität, öffentlicher Nahverkehr oder Fahrrad umsteigen können und gleichwohl in vertretbarer Lebenszeit ihre Arbeitsplätze, ihre Orte für Einkauf, Kultur und Leben erreichen müssen.

    Mobilität darf ebenso wenig wie bezahlbares Wohnen  zum Privileg von Reichen werden!

    Und wir müssen und können dabei die Chancen des Kölner Standortes nutzen: Ford und Streetscooter bieten E-Mobilität für City Logistik und Handwerker-Mobilität.

    Und wir sollten die Arbeitnehmervertreter wie das deutsche Management in Einsatz unterstützen, das der US-Konzern mit seiner Produktstrategie den Pendlern dieser Region bezahlbare E-Mobilität bietet, die den Standort ebenso wie die Grenzwerte sichert. Köln kann seine kommunalen Stadtwerke Unternehmen als starke Player für neue E-Mobile Infrastruktur einbringen, die Leuchtturmqualität hat.

    Unsere Forderung, dass Köln und die Region zu einem Zentrums für die Entwicklung, Produktion, Verteilung, Wiederaufarbeitung und Entsorgung von Speichertechnologien wird, können wir nur bekräftigen, denn Umstieg auf elektrische Antriebstechnik bedroht in Deutschland 100.000, in der Kölner Region direkt über 5.000 industrielle Arbeitsplätze.

    Wir begrüßen die Fortschritte im Kölner Wohnungsbau, so unzureichend sie angesichts der notwendigen Zahlen sind. Nach Analysen der Hans-Böckler-Stiftung fehlen in Köln 86.000 bezahlbare Wohnungen. Wir begrüßen, dass dem Missbrauch von Wohnraum durch AirBnB noch entschiedener entgegengetreten werden soll.

    Die Stadt Köln ist jetzt gefordert, bei den großen neuen Wohnprojekten wie dem Deutzer Hafen, dafür Sorge zu tragen, dass 70 % des Wohnraums bezahlbar und in öffentlich-rechtlichem oder genossenschaftlichem Eigentum liegen. Eine schnelle Entscheidung über die Einführung des Erbbaurechts in Köln kann dafür hilfreich sein.

    Wir begrüßen, das sich die Stadt Köln und sie Frau Oberbürgermeisterin sich die Heraus­forderung stellen, die höchste Wahlbeteiligung bei den Europawahlen zu erzielen.

    Wir unterstützen das als DGB und rufen im großen Bündnis mit „Köln stellt sich quer“, Arsch Huh, den Kölner Kirchen, Seebrücke, den Kölner Asten und den „Friday for Future“- Aktivisten zu einem großen Sternmarsch unter dem Motto: „Ein Europa für alle. Deine Stimme gegen Nationalismus“

    Und wenn wir am Ende nicht die höchste Wahlbeteiligung in Köln haben, aber dafür die wenigsten Stimmen für Nationalisten und Rassisten, dann werden wir das sicher auch gemeinsam feiern

    Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.

  • Laudatio von Georg Restle zur Verleihung des Hans-Böckler-Preises

    +++ Es gilt das gesprochene Wort +++

    Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, liebe Preisträger, liebe Gäste.

    Was hält eine demokratische Gesellschaft in ihrem Innersten zusammen? Ihre politischen Institutionen? Ihre Verfassung? Ihre Regeln und Gesetze? Ja sicher, ohne die würde es nicht funktionieren. Und doch wäre all dies nichts wert, ohne die Menschen, die sich tagtäglich dafür einsetzen, dass es in diesem Land gerechter, demokratischer, humaner zugeht. Die nicht nur sich selbst, sondern das Große und Ganze im Blick behalten, ihre Umwelt und ihre Mitmenschen - und die für ihr Engagement Anfeindungen in Kauf nehmen, manchmal sogar blanken Hass oder berufliche Nachteile. Und manche setzen sogar ihre eigene Gesundheit aufs Spiel. Auf solche Menschen, auf solche Kämpfer und Kämpferinnen, kommt es in einer demokratisch verfassten Gesellschaft an – und deshalb freue ich mich sehr, dass genau solche Menschen heute hier geehrt werden und dass ich sie ehren darf.

    Man mag eine solche Ehrung für eine Selbstverständlichkeit halten, und das wäre es ganz sicher auch in Zeiten, in denen sich eine freiheitliche Gesellschaft ihrer Grundwerte und –freiheiten sicher ist. Aber die Zeiten sind eben nicht ganz so. Wenn der Begriff „Gutmensch“ bei vielen nur noch als Schimpfwort gilt. Wenn ein Bekenntnis zum Humanismus als „Hypermoralismus“ verunglimpft wird. Und wenn die größte Oppositionspartei im deutschen Bundestag wichtige Errungenschaften der Zivilgesellschaft in Frage stellt. Dann wird eine solche Preisverleihung auch zu einem politischen Statement. Ein Statement für die Unantastbarkeit der Menschenwürde, für die Unteilbarkeit der Solidarität und für die kulturelle Vielfalt in diesem Land.

    Für all dies steht Günther Wallraff ganz sicher in herausragender Weise. Und ich freue mich sehr, dass mit ihm zum ersten Mal ein Journalist mit dem Hans-Böckler-Preis ausgezeichnet wird. Ein ganz besonderer natürlich. Einer, der Vorbild geworden ist für viele – aber auch Feindbild für nicht wenige:

    Weil er einen Journalismus verkörpert, der heute mehr denn je in der Kritik steht und den es umso dringlicher zu verteidigen gilt: Ein Journalismus, der aufdeckt und enthüllt, was die Mächtigen in diesem Land unter Verschluss halten wollen, ob als Hans Esser bei der BILD oder als türkischer Industriearbeiter Ali in „Ganz unten“.  Ein Journalismus, der sich nicht scheut, Position zu beziehen und sich mandatorisch an die Seite der Benachteiligten und Entrechteten zu stellen.

    Ein Journalismus, der aus seiner Haltung keinen Hehl macht, weil Grundwerte wie die Menschenwürde eben niemals zur Disposition gestellt werden dürfen. Insoweit war und ist Günter Wallraff immer ein Kämpfer und sein Journalismus immer ein kämpferischer im Sinne der Menschenrechte. Einer der sich ganz bewusst gemein gemacht hat mit vielen, die sonst keine Stimme gehabt hätten, seien es ausgebeutete Arbeiter, misshandelte Obdachlose oder entrechtete Flüchtlinge. In diesem Sinne steht Günter Wallraff für einen engagierten Journalismus, wie ihn Egon Erwin Kisch verstanden hat. Ein Journalismus, der eben nicht nur abbildet, was ihm in den Notizblock diktiert wird, sondern selbst an die Brennpunkte dieser Gesellschaft vordringt; da wo es weh tut – und das ist in Günter Wallraffs Fall durchaus wörtlich zu verstehen.   

    Dabei ging es ihm immer darum, Missstände nicht als zufällige Einzelfälle, sondern als gesellschaftlichen Zustand erkennbar werden zu lassen - einer Gesellschaft da den Spiegel vorzuhalten, wo sie in ihrer kaschierten Ungerechtigkeit, ihrem verkappten Rassismus, ihrer verschleierten Menschenfeindlichkeit eben nur dadurch erkennbar wird, indem man sie und die in ihr Herrschenden mit allen Regeln der journalistischen Kunst demaskiert.   

    Joseph Pulitzer hat das einmal so ausgedrückt: „Es gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keinen Trick, keinen Schwindel, kein Laster, das nicht von Geheimhaltung lebt. Bringt diese Heimlichkeiten ans Tageslicht, beschreibt sie, macht sie vor aller Augen lächerlich. Und früher oder später wird die öffentliche Meinung sie hinwegfegen.“

    Das mag heute in Zeiten der tausendfachen Sender im Internet sehr optimistisch klingen – aber methodisch klingt es bei Günter Wallraff ganz ähnlich:

    „Ich wählte das Amt des Mitwissers, um ein Stück weit hinter die Tarnwand von Verschleierung, Dementis und Lügen Einblick nehmen zu können. Die Methode, die ich wählte, war geringfügig im Verhältnis zu den rechtsbeugenden Maßnahmen und illegalen Erprobungen, die ich damit aufdeckte.“

    Man mag dies als ein journalistisches Verhältnismäßigkeitsprinzip bezeichnen; als geeignetes, erforderliches, ja notwendiges Mittel, um Machtmissbrauch zu enttarnen. Aber es ist eben auch ein flammender Appell an die Wahrhaftigkeit, der heute wichtiger ist denn je. Denn es gibt keine Wahrhaftigkeit ohne Meinungsfreiheit und keine Meinungsfreiheit ohne Journalisten, die sich mutig dafür einsetzen. Gegen die „Lügenpresse“-Krakeeler vom rechten Rand, die unter Wahrheit nur ihre eigene Wahrheit verstehen. Gegen Politiker der AfD oder der FPÖ, die Journalisten, die ihnen nicht in den Kram passen, aus allen Funktionen entfernen wollen. Gegen Rechtsextremisten, die Journalisten auf die Straße zerren oder gleich verbrennen wollen, die sie auf offener Straße jagen und verprügeln  und dafür von braven Bürgern Applaus bekommen. In solchen Zeiten, in denen Lügen zu alternativen Fakten werden und unbequeme Wahrheiten zu Fake News, braucht es Journalisten wie Günter Wallraff – und deshalb erhält er heute diesen Preis für sein Lebenswerk völlig zurecht.

    Ich möchte die Gelegenheit heute aber auch zu einem persönlichen Dank nutzen. Denn welcher Journalist kann schon von sich behaupten, dass ein Urteil nach ihm benannt wurde, das heute quasi Gesetz geworden ist? Die so genannte „Lex Wallraff“ macht es Journalisten wie mir heute wesentlich leichter, investigativen Journalismus zu betreiben, ohne stets den Atem des Staatsanwalts im Nacken zu spüren.

    Wie oft schon haben wir bei MONITOR davon profitiert, dass da einer mal den Mut, die Kraft und die Ausdauer hatte, vor Gerichten durchzukämpfen, was damals eben nicht selbstverständlich war: Dass Journalisten und Journalistinnen Schutz brauchen, wenn sie ihren Job richtig gut machen wollen. Dafür meinen Dank, auch im Namen meiner Redaktion und vieler Journalisten und Journalistinnen, die sich heute tagtäglich auf den steinigen Weg investigativer Recherchen machen.

    Aber es wäre zu wenig, Günter Wallraff heute nur als Journalisten zu ehren. In seinem humanistischen Engagement ist er weit über das hinausgegangen, was zur  gängigen Berufsbeschreibung eines Journalisten oder Schriftstellers gehört. Sein Einsatz für die Geflüchteten und Verfolgten dieser Welt machte vor seiner eigenen Haustüre nicht Halt. Und auch das ist durchaus wörtlich zu verstehen.

    Ob Salman Rushdie oder andere: Für Günter Wallraff war der Einsatz für die Unterdrückten und Geächteten nie nur berufliches Interesse, sondern Lebensaufgabe. In diesem Sinne kann man ihn ganz sicher als ganzheitliches humanistisches Gesamtkunstwerk bezeichnen, dabei immer streitbar, niemals angepasst und den Mächtigen stets unbequem. Leider sind Typen wie er unter heutigen Journalisten etwas aus der Mode gekommen.

    Deshalb verstehe ich diese Preisverleihung an ihn heute auch als Appell vor allem an jüngere Kollegen und Kolleginnen, sich an ihm ein Beispiel zu nehmen. In diesen Zeiten haben wir Vorbilder wie Günter Wallraff dringend nötig. Und auch deshalb: Meine Hochachtung für Ihr Lebenswerk und herzlichen Glückwunsch Günter Wallraff zur Verleihung des Hans-Böckler-Preises!

    Und damit komme ich zu den zweiten Preisträgern von heute Abend. Zunächst muss man der Jury zu dieser Wahl gratulieren; weil es wohl kaum eine bessere Kombination hätte geben können.  Eine Organisation, die sich „ganz unten“ dafür einsetzt, dass sich der digitale Raubtierkapitalismus nicht noch tiefer in die Mitte der Gesellschaft vorfrisst.

    Günter Wallraff hat in seinem Vorwort zu „Ganz unten“ geschrieben: „Ich habe mitten in der Bundesrepublik Zustände erlebt, wie sie eigentlich sonst nur in den Geschichtsbüchern über das 19. Jahrhundert beschrieben werden.“ Ziemlich genau so könnte man auch die Arbeitswelt der Menschen beschreiben, für die sich „Liefern am Limit“ einsetzt.

    Wer kennt sie nicht, die Essenskuriere auf ihren Fahrrädern mit dem schweren Gepäck auf dem Rücken, die bei jedem Wetter unter enormem Zeitdruck durch die Innenstädte kurven – und dass das auf Kölner Straßen und Radwegen alles andere als ein Vergnügen ist, liebe Frau Reker, sei hier nur am Rande angemerkt. Denn eigentlich geht es um etwas anderes. Es geht darum, dass der globale Plattformkapitalismus mit seinen prekären Arbeitsbedingungen nicht zum arbeitsrechtlichen Role Model der digitalisierten Arbeitswelt wird: Dezentrale, befristete Beschäftigungsverhältnisse ohne jegliche Mitbestimmung – bei ständiger Überwachung durch den Arbeitgeber. Keine Arbeitskleidung, mickrige Entlohnung. Gegen all das wehrt sich eine mutige junge Truppe mit ganz neuen Kampfmethoden:

    Ob über die sozialen Medien, mit deutschlandweiten Aktionstagen oder mit Flashmobs: „Liefern am Limit“ zeigt, was Solidarität auf der Straße heute immer noch bewirken kann. Dass Mitbestimmung gegen alle Widerstände von Unternehmen durchgesetzt werden kann. Wie hartnäckig diese Widerstände allerdings sein können, auch das mussten die heutigen Preisträger am eigenen Leib erfahren. Die scheinbar so hippen Startups halten nämlich wenig von selbstbewussten Angestellten, Betriebsräten und Gewerkschaften – und wehe dem, der da aufbegehrt,  der ist seinen Job schnell los.

    „Es war ein verzweifelter Hilferuf und wir waren uns nicht einmal mehr sicher, ob er irgendwen erreichen würde. Aber wir hatten nichts mehr zu verlieren.“ So startete die Initiative vor gerade mal einem Jahr. In dieser kurzen Zeit  haben sie es mit ihrem „Hilferuf“ erstaunlich weit gebracht: bundesweit in die Medien, in die Parlamente, sogar bis ins Arbeitsministerium und die Internationale Arbeitsorganisation. Damit haben sie auf beeindruckende Art und Weise dazu beigetragen, dass der brachiale Abbau von Arbeitnehmer/innen-Rechten in der digitalen Arbeitswelt eben nicht geräuschlos über die Bühne gebracht werden kann. Dafür haben sie Anfeindungen ihrer Arbeitgeber, ja sogar den Verlust ihrer Jobs in Kauf genommen. Die Härte, mit der diese Unternehmen gegen ihre eigenen Angestellten vorgehen, sobald diese von ihren Rechten Gebrauch machen wollen, lässt einen dabei erschaudern.

    Da feiert ganz offensichtlich ein „Herr-im-Haus“-Denken Wiederauferstehung, wie wir es von Großunternehmern des 19. Jahrhunderts kennen, die Streiks ihrer Mitarbeiter als Majestätsbeleidigung begriffen haben.

    Dass die Preisträger von heute sich von all dem nicht haben entmutigen lassen, ihren Kampf für andere weiter geführt haben und damit auch dafür gesorgt haben, dass das Thema auf der politischen Tagesordnung blieb, dafür haben sie allen Respekt und alle Anerkennung verdient.

    Aber es geht nicht nur darum, sondern um viel Grundsätzlicheres: Die Initiative „Liefern am Limit“ kämpft dafür, dass die politischen Auseinandersetzungen, die Kämpfe und Streiks von Gewerkschaften, von Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen nicht umsonst waren; dass wir nicht zurückkehren in die Rechtelosigkeit der Industrialisierung; dass Flexibilität eben nicht gleichgesetzt werden darf mit Ausbeutung.

    „Liefern am Limit“ führt diesen Kampf nämlich nicht nur für sich selbst, sondern stellvertretend für alle, die als Paketboten, bei Fahrdiensten oder in Call-Centern die düsteren Schattenseiten der boomenden Plattformökonomie erleben und erleiden.

    Und auch das ist wichtig: sie führen diesen Kampf nicht nur in Deutschland sondern gemeinsam mit Mitstreitern und Mitstreiterinnen in ganz Europa.

    Das ist gelebte internationale Solidarität, das sind wahrhaft gewerkschaftliche Tugenden im Sinne von Hans Böckler oder - wie es einer der Preisträger von heute sagte: „Gewerkschaft ist, was man selbst draus macht“. Genau so ist das: Mit ihrer Initiative „Liefern am Limit“ machen sie all denen Mut, die sich in der Vereinzelung und Vereinsamung der unschönen neuen digitalen Arbeitswelt verloren fühlen. Sie zeigen, wie es geht, dass es anders geht und wie man die eiskalten Kapitalisten der Plattformökonomie gemeinsam das Fürchten lehrt. Für mich sind sie damit die wahren Helden und Heldinnen der Straße.

    Für die Initiative „Liefern am Limit“ erhalten Sarah Jochmann, Orry Mittenmayer, Keno Böhme und David Paulussen dafür heute den Hans-Böckler-Preis. Dazu meinen ganz herzlichen Glückwunsch – und machen Sie weiter so!

  • Rede zur Vergabe von 5 Integrationspreisen an Kölner Schulen

    +++ Es gilt das gesprochene Wort +++

    Es ist mir eine besondere Ehre, im Namen der Hans-Böckler-Stiftung des DGB, die ihren Sitz in Düs­sel­dorf hat, fünf ausgewählten Kölner Schulen und ihren Projekten zur Förderung von Integration und Inklusion jeweils einen Scheck über 2.000 € überreichen zu dürfen.

    Die Initiative geht auf den Geschäftsführer der Böckler-Stiftung, Michael Guggemos, im Rahmen unserer gemeinsamen Kuratoriumssitzungen zur Verleihung des Hans-Böckler-Preises zurück.

    Die Gelder dieser Stiftung kommen im Wesentlichen aus den Aufsichtsratsvergütungen, die die ge­werkschaftlich organisierten Arbeitnehmervertreter an die Hans-Böckler-Stiftung ab­führen. Ich sehe auch hier im Saal viele Kölner Arbeitnehmer­ver­treter/innen, die schon viele 10.000de, gar hundert­tausende Euro überwiesen haben. Wir wollen damit deutlich machen, dass unser Engagement in der Unternehmensmitbestimmung nicht materiellen, sondern ideellen Motiven folgt. Und die Böckler-Stiftung finanziert damit Studenten ein Studium, finanziert wissenschaftliche Studien zur Mi­tbe­stim­mung und sozialen Themen, finanziert damit in die Qualifizierung von Arbeitnehmervertretern in Aufsichtsräten.

    Und angesichts des 100-jährigen Jubiläums der Universität Köln erlauben sie mir auch die kleine historische Anmerkung: Hans Böckler initiierte 1920 zusammen mit der jungen Kölner Universität und ihren Dozenten das „Freigewerkschaftliche Seminar“, eine Abend-Akademie in der Betriebsräte das 1x1 der Volks- und Betriebswirtschaft, des Arbeitsrechts und der Mit­bestimmung büffelten nach Verabschiedung des Betriebsrätegesetzes 1920. Und die posi­tiven Erfahrungen mit diesem Seminar wiederum motivierten Hans Böckler 1946/47 zum Aufbau des Wirtschafts- und Sozialwissen­schaft­lichen Instituts des DGB in Köln Braunsfeld, das heute Teil der Hans-Böckler-Stiftung ist.

    In Zusammenarbeit mit der Stadt und hier insbesondere mit dem Amt für Schulentwicklung und In­klusion wurden als Preisträger folgende Schulen und Projekte ausgewählt:

    Kurzporträts der Preisgewinner:

    Adolph-Kolping-Schule, Hauptschule im Stadtteil Kalk:

    • … hat Projekte zur Integration entwickelt, besonders:
    • Hauptschule mit Deutschem Sprachdiplom,
    • Teilnahme am bundesweiten Vorlese-Wettbewerb,
    • Beteiligung am Fotowettbewerb MülheimArt 2018,

    Katholische Grundschule Langemaß in Mülheim:

    • Die Schule ist geprägt durch multikulturelle Vielfalt mit unterschiedlichen Sprachen und legt besonderen Wert auf die Sprachförderung in Kleingruppen,
    • Im Anschluss an den Vormittagsunterricht findet auch Unterricht in den Herkunfts­sprachen Türkisch, Italienisch und Arabisch statt.

    Gemeinschaftsgrundschule Konrad-Adenauer Straße in Finkenberg:

    • Initiativen zum Unterricht in mehreren Herkunftssprachen,
    • Pfiffikus-Konzentrationstraining für Kinder mit Schulschwierigkeiten,
    • Percussion Projekt: musikalische Aus- und Weiterbildung der Kinder an Instrumenten; der soziale Aspekt des Klassenmusizierens steht dabei im Vordergrund,
    • im Mai 2018 gewann die Schule den Kölner Ehrenamtspreis.

    Katholische Grundschule Kapitelstraße in Kalk:

    • … hat ein umfassendes Lesekonzept entwickelt, um Kindern im Unterrichtsalltag viele Möglichkeiten einzuräumen, ihr Lesespektrum zu entwickeln, auszubauen und zu nutzen,
    • Projekt zur Medienpädagogik
    • Teilnahme am Kölner Leselauf

    Ursula-Kuhr-Schule in Heimersdorf, Gemeinschaftsgrundschule:

    • … hat innovative Initiative zur beruflichen Qualifikation entwickelt: Einstellungssimulationstag, Praxisorientierte Tage im Butzweilerhof, Bau - dein Ding, Bewerbungstraining mit ExpertInnen, Handwerkerinnenhaus, My Finance Coach, Los geht's - das kann ich schon
    • Teilnahme in 2019 am Pulheim-Marathon, erstmals war auch eine gemischte Staffel aus Lehrerinnen, Schülerinnen und Schülern am Start.

    Witich Roßmann


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