Deutscher Gewerkschaftsbund

26.10.2021

31. Mahnwache in Bergisch Gladbach

DGB-Netzwerk Rhein-Berg

DGB-Netzwerk Rhein-Berg

Anlässlich der "Reichspogromnacht" vom 09.11.1938 erinnert das DGB Netzwerk Rhein-Berg gemeinsam mit dem Kooperationspartner VVN-VdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) an die Verbrechen des Nationalsozialismus. Die 31. Mahnwache findet traditionell in der Nähe des ehemaligen Stellawerks statt. Das Werk wurde 1933 von der SA als „wildes“ Konzentrationslager genutzt, in dem Oppositionelle und Juden gefoltert und bis zum Abtransport in ein Todeslager gefangen gehalten wurden.

  • Programm

    PROGRAMM:

    13. November 2021
    Beginn: 11:00 Uhr
    Ort: Lerbacher Weg 2, Bergisch Gladbach

    ERÖFFNUNG:
    Walborg Schröder, VVN-BdA

    GRUSSWORTE:
    Frank Stein, Bürgermeister der Stadt Bergisch Gladbach
    Kastriot Krasniqi, Integrationsrat

    REDEBEITRÄGE:
    Klara Tuchscherer, VVN-BdA
    Dr. Peter Winzen, Historiker - Erinnerung an Peter Walterscheidt
    Patrick Graf, DGB Rhein-Berg

    MUSIK:
    Friedrich Kullmann & Geo Schaller

    HINWEIS: Im Anschluss an die Mahnwache findet ein kurzer Schweigemarsch zur Gedenktafel am ehemaligen Stella-Werk statt.

  • Pressemitteilung

    Seit 31 Jahren erinnert in Bergisch Gladbach eine Mahnwache an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938, als in vielen deutschen Städten Synagogen und jüdische Geschäfte in Brand gesteckt wurden. „Der 9. November 1938 ist ein historischer Wendepunkt. Er markiert den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden hin zur systematischen Verfolgung und industriellen Vernichtung“, so Walborg Schröder von der VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten). „Was mit hasserfüllten Worten begann, endete in einer rassistischen Massenvernichtung.“

    Getragen wird die Gedenkveranstaltung vom VVN-BdA und dem DGB im Rheinisch-Bergischen-Kreis. Sie findet traditionell in der Nähe des ehemaligen Stellawerks statt. Das Werk wurde 1933 von der SA als „wildes“ Konzentrationslager genutzt, in dem Oppositionelle und Juden gefoltert und bis zum Abtransport in ein Todeslager gefangen gehalten wurden.

    In diesem Jahr beteiligt sich an der Mahnwache Dr. Peter Winzen. Der Historiker wird an den Ehrenbürger der Stadt Bergisch Gladbach Peter Walterscheidt (1881-1971) erinnern. Walterscheidt war ein Sozialdemokrat, Arbeitersekretär beim Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund und später wurde er Direktor des Arbeitsamtes in Bergisch Gladbach. In den dreißiger Jahren wurde er öfters von der SA verhaftet, erniedrigt und schwer misshandelt. Nach Kriegsende engagierte sich Walterscheidt wieder in der Kommunalpolitik und 1961 wurde er für seine Haltung und sozialpolitisches Engagement zum Ehrenbürger der Stadt ernannt.

    Der 9. November ist nach Auffassung des DGB aber auch eine Mahnung für die Gegenwart, denn Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus sind noch lange nicht überwunden. „Rechtspopulistische Parteien schüren Ängste, streuen Vorurteile und verbreiten Hass“, so Damian Warias, Gewerkschaftssekretär beim DGB Köln-Bonn. „Sie finden vor allem bei den Menschen Wiederhall, die unzufrieden mit der politischen Entwicklung sind, Angst vor der Zukunft haben und sich persönlich zurückgesetzt fühlen. Der beste Schutz vor Rechtspopulismus und Rassismus ist mehr soziale Gerechtigkeit. Dazu gehören vor allem gute Arbeitsbedingungen, bezahlbarer Wohnraum, Steuergerechtigkeit und Chancengleichheit. Die künftige Bundesregierung ist hier besonders gefordert.“

    Die Mahnwache findet am Samstag, dem 13. November 2021, von 11:00 Uhr bis ca. 12:00 Uhr, auf dem Gelände der Kirche St. Joseph, Lerbacher Weg 2, statt. Im Anschluss erfolgt ein kurzer Schweige­marsch zur Gedenktafel am ehemaligen Stellawerk.


    PROGRAMM

    ERÖFFNUNG:
    Walborg Schröder, VVN-BdA

    GRUSSWORTE:
    Frank Stein, Bürgermeister der Stadt Bergisch Gladbach
    Kastriot Krasniqi, Integrationsrat

    REDEBEITRÄGE:
    Klara Tuchscherer, VVN-BdA
    Dr. Peter Winzen, Historiker – Erinnerung an Peter Walterscheidt
    Patrick Graf, DGB Rhein-Berg

    MUSIK:
    Friedrich Kullmann - ts
    Geo Schaller – bs

  • Bilder

  • Rede von Walborg Schröder

    Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Mahnwache,
    sehr geehrter Herr Bürgermeister Stein,
    liebe Redner,

    ich freue mich, dass ich Sie im Namen der Veranstalter – der VVN-BdA – und des DGB zu unserer traditionellen, nunmehr 31. Mahnwache aus Anlass der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 begrüßen darf. Ich bin als  88-Jährige Bewohnerin in einem Seniorenheim in Kürten  von der 1. Mahnwache  an jedes Jahr dabei,  Der 9. November war das Signal der Nazis zur massenhaften industriellen Vernichtung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Die Erinnerung, die daran  immer wach gehalten werden muss, damit sich so etwas nicht wiederholen kann, hat einen Ort. Hier  ganz in der Nähe im ehemaligen Stellawerk, gab es ein „wildes“ KZ der SA, in dem  Menschen aus unserer Stadt –Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen – gefangen gehalten, misshandelt und in Konzentrationslager deportiert wurden.. So erinnert eine Gedenktafel an sie. Ich danke der Kirchengemeinde St. Joseph für die Möglichkeit, auf ihrem Gelände dieser Opfer zu gedenken, in der schwierigen  Zeit der Corona-Pandemie, die besondere Anforderungen an uns alle stellt.

    Wir begrüßen die Redner der heutigen Gedenkveranstaltung: Besonders unseren Bürgermeister Frank Stein, der zu uns sprechen wird. Klara Tuchscherer von der VVN musste, weil von Hochwasserschäden betroffen, leider  absagen, an ihrer Stelle spricht der Vorsitzende der VVN/BdA Köln, Peter Trinogga, ihm folgen Dr. Peter Winzen, Historiker, mit Erinnerungen an den Bergisch Gladbacher Sozialdemokraten und Antifaschisten Peter Walterscheid, Kastriot Krasniqi vom Integrationsrat der Stadt und Patrick Graf vom DGB Rhein-Berg. Die musikalische Begleitung übernehmen Friedrich Kullmann & Geo Schaller.

    Ich möchte in meinem Beitrag, der allen Opfern der Nazidiktatur gewidmet ist, besonders an die tapferen Frauen und Männer aus Bergisch Gladbach erinnern, die ihr leben nicht geschont haben und die von den Nazis ins KZ, in die Gefängnisse gesperrt, hingerichtet und in die  Emigration getrieben wurden. Ihr Kampf darf nicht umsonst gewesen sein. In dem 1979 von Karl Heinz Schröder herausgegebenem Buch „Antifaschisten aus Bergisch Gladbach berichten“ schildern sie ihre Erinnerungen an das grausame Geschehen, an die schlimme Zeit in der Emigration. Wie der jüdische Journalist Ismar Heilborn, die Kommunisten Hans Kroll, Carl Schlieper und Trautchen Hamacher, die von Heinrich Böll interviewt wurde, über ihre Zeit, die sie in Dunkelhaft im Gefängnis hinter dem Rathaus verbringen musste. Einige Menschen in unserer Stadt kümmern sich rührend um die Stolpersteine für ermordete Jüdinnen und Juden in den verschiedenen Stadtbezirken unserer Stadt. Ein großes Dankeschön! Das ist ein nicht hoch genug einzuschätzendes Bürgerengagement gegen den aufkommenden und verbreiteten Jugendhass.

    Als Zeitzeugin der Nazidiktatur mache ich mir große Sorgen wegen des Propagierens nazistischen Gedankengutes und hasserfüllter judenfeindlicher Demonstrationen alter und neuer Nazis. Das muss von uns Demokraten im täglichen leben aktiv bekämpft werden.

    Ich freue mich schon darauf, dass ich  am 27. Januar – dem zentralen Tag des Gedenkens an die in Auschwitz ermordeten Juden – in die IGP eingeladen worden bin, um als Zeitzeugin mit den Schülerinnen und Schülern über das unmenschliche Naziregime und meine persönlichen Erfahrungen zu sprechen. Aufklärung ist immer und immer wieder erforderlich. Es darf kein Vergessen geben. Mein Vater wurde 1933 als Lehrer entlassen, aus der Schulwohnung geworfen und in der Nazipresse wüst als „jüdisch-bolschewistischer Untermensch“ tituliert. Diesen Zeitungsausschnitt habe ich heute noch. Mein Vater war SPD-Mitglied.

    Die bitteren Erfahrungen aus meiner Kindheit mit Faschismus, Krieg, Angst, Hunger, Not und  Bomben, dem Verlust von lieben Menschen haben mich und viele meiner Zeitgenossen geprägt, sich für Frieden, gute Nachbarschaft und Freundschaft mit allen Völkern einzutreten. Nie wieder Krieg und Faschismus!

    Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Jetzt wird Bürgermeister Frank Stein zu Ihnen sprechen. Ihm folgen Peter Trinogga, Dr. Peter Winzen, Kastriot Krasniqi vom Integrationsbeirat und Patrick Graf vom DGB.

  • Rede von Peter Trinogga

    Sehr geehrter Herr Bürgermeister Stein,
    sehr geehrte Damen und Herren,
    liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten,

    unsere Mahnwache, die sich heute zum 31 . mal jährt, hat zwei feste Bezugsgrößen, Ankerpunkte könnte man sagen: Ihren Termin und ihren Ort. Zum Termin brauche ich nicht viel zu sagen – am vergangenen 9. November jährte sich der Tag der Reichspogromnacht,  dem ersten Höhepunkt des organiserten Terrors gegen die jüdische Bevölkerung Deutschlands im Jahre 1938. Die Nazis nannten ihren Angriff auf jüdische Gotteshäuser, Geschäfte und Praxen „Reichskristallnacht“, suggerierend, dabei sei lediglich das Kristall der angeblich reichen Juden zu Bruch gegangen. Dieser Begriff war jahrzehntelang auch in der Bundesrepublik gebräuchlich – ich bin mit ihm aufgewachsen und viele andere von uns wahrscheinlich ebenfalls. Erst langsam setzte sich die korrekte Bezeichnung „Pogrom“, also ein organisierter Überfall auf jüdische Menschen durch.

    Nur am Rande: Reichskristallnacht war eine Eigenbezeichnung der Nazis, genau wie der Begriff „Nationalsozialisten“, der sich als normal eingebürgert hat und selbst von seriösen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern benutzt wird, die alles andere als Nazis sind. Die deutschen Faschisten waren weder national, noch waren sie gar sozialistisch. Sie waren nationalistisch, sie waren chauvinitisch und sie waren antisozialistisch und vor allem antikommunistisch. Ihre Werbebezeichnung gedankelos zu übernehmen ist nicht viel anders, als wenn man das Gas „Zyklon B“, mit dem Millionen jüdischer Menschen ermordet wurde, in der Nazi-Diktion  „Schädlingsbekämpfungsmittel“ nennen würde.

    Unser zweiter Ankerpunkt ist der Ort, an wir uns versammelt haben: Wenige Meter von hier entfernt befand sich 1933 ein sogenanntes „wildes KZ“, in dem Antifaschisten gefangengehalten und geqält wurden, 1941 diente es als Sammellager für jüdische Menschen, die von hier aus in die Vernichtungslager getrieben wurden. Der Bergisch-Gladbacher Antifaschist und Widerstandskämpfer Hans Kroll berichtete darüber folgendes:

    „Im Laufe des Sommers 1933 flacerte Der Widerstand trotz vieler Verhaftungen und trotz Der brutalen Terrormethoden Der Nazis in allen Orten immer wieder auf. So wurden in Bensberg zahlreiche Flugblätter hergestellt und, weil das Verteilen von Haus zu Haus zu gefährlich war, mittels eines Motorrades gestreut. So auch in Bergisch Gladbach. Daraufhin verhaftete die SA alle ihr bekannten Kommunisten, die noch in Freiheit waren, aber auch einige, von denen sie nur annahm, sie seien Kommunisten. Sie machten eine große Aktion daraus und sperrten sie in die alten Gebäude einer stillgelegten Steinfabrik, dem Stellawerk in Der Richard-Zanders-Straße in Bergisch Gladbach. Tagelang wurden sie dort misshandelt und mit Knüppeln und Schaufelstielen verprügelt. Der parteilose Willi Laudenberg starb später an den Folgen Der Folterungen. Haupsächlich wurden misshandelt die Genossen Jean Kürten, dessen verkrüppelte Hände heute noch davon zeugen, Peter Lindlar, Peter Breuer, Wilhelm Hoffstadt, Hans Becker, Wilhelm Hochscherf u.a. aus Bergisch Gladbach, und aus Bensberg Adolf Eikel, Jean Wolter und einige andere.

    Jedoch die Nazis machten nicht bei den Kommunisten halt. Sie nahmen sich auch SPD-Leute und Gewerkschafter vor. So wurde zum Beispiel der Sekretär des Metallarbeiter-Verbandes Jülich erschlagen. Der Sozialdemokrat Peter Walterscheid wurde mit einem Schild `Ich bin ein Parteibuchbonze´ in Bergisch Gladbach herumgeführt, misshandelt und dann inhaftiert.“ (Zitat aus: Antifaschisten aus Bergisch Gladbach berichten, hrsg. von der DKP Ortsgruppe Bergisch Gladbach, 1979).

    Welche Inhalte vertraten die Nazis? Ich nenne hier nur die aus meiner Sicht wichtigsten:

    • Rassenwahn und Rassenhass
    • Kampf gegen die Arbeiterbewegung und alle demokratischen Kräfte
    • Chauvinismus und Krieg

    Diese Punkte sind nicht gegensätzlich, eigentlich bedingen sie sich: Da war die Rede vom jüdischen Bolschewismus, vom jüdisch bolschewistischen Untermenschen, mit der in den Köpfen der Menschen der Krieg im Osten vorbereitet wurde. Jüdische Menschen wurden zu Verantwortlichen für die wirtschaftliche und soziale Not vieler Menschen umgelogen, wurden zu Sündenböcken gemacht. Und die Arbeiterbewegung, zu deren Begründern nicht zuletzt auch Juden und Jüdinnen gehört hatten, sollte mit antisemitischen Verschwörungslügen diskreditiert werden. Leider hatte das durchaus Erfolg. Der große evangelische Theologe und Pfarrer der Bekennenden Kirche Martin Niemöller sagte dazu nach der Befreiung vom Faschismus:

    Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.

    Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschaftler.

    Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude.

    Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

    Hier in unmittelbarer Nähe des früheren Nazi-Folterkellers möchte ich heute auch an die ersten Opfer des Naziterors erinnern: die Frauen und Männer der Arbeiterbewegung, Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter. Sie wurden zum einen verfolgt, terrorisiert, gefoltert und ermordet weil sie den Kriegsplänen Hitlers und seiner Gefolgsleute im Weg standen. Denn der Weltkrieg, den wir den 2. nennen, begann zwar am 01. September 1939 mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen, wurde aber schon seit 1933 geplant und war Bestandteil der Naziideologie seit Gründung der NSDAP. Es ging um billige Rohstoffe, es ging um „Lebensraum im Osten“, es ging um Sklavenarbeit. Viele Männer und Frauen der Arbeiterbewegung aber hatten den 1, Weltkrieg und seine Folgen erlebt und wollten eine Wiederholung des Mordens verhindern. Schon zu Beginn der dreißiger Jahre hatte die KPD klarsichtig prophezeit; Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler! Wer Hitler wählt, wählt den Krieg! Leider hatte sie Recht!

    Der zweite Grund, aus dem die Nazis Linke, Angehörige der Arbeiterbewegung hassten, war das grundsätzlich unterschiedliche Menschenbild: Verkörperten die einen die Ideen der Aufklärung und der großen Französischen Revolution, den Wunsch nach Freiheit, wirklicher

    Gleichheit und Brüderlichkeit – heute sagen wir richtigerweise Geschwisterlichkeit, wollten die anderen, die Braunen das genaue Gegenteil: Für die waren die Menschen von Natur aus ungleich, gab es eine ewige Kontinuität von Unterdrückern und Unterdrückten und es war klar, wozu die Nazis gehören wolten. Für sie gab es Rassen – keine Gleichheit, unwertes Leben, das ausgelöscht werden musste -  aber keine Geschwisterlichkeit. Und diese menschenfeindliche Ideologie wollten sie durchsetzen und zwar im wahrsten inn des Wortes mit aller Gewalt.

    Auch heute sind das die prinzipiellen, nicht auslöschbaren und nicht zu überbrückenden Unterschiede zwischen Antifaschisten und Faschisten: Die Forderung nach Frieden und das unbedingte Eintreten für die Gleichberechtigung und das Glück aller Menschen – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion (oder keiner)und sozialer Stellung. Um noch einmal ein Zitat zu bringen, diesmal vom deutschen Schriftsteller jüdischer Herkunft Erich Fried:

    Ein Faschist, der nichts ist, als ein Faschist, ist ein Faschist.
    Aber ein Antifaschist, der nichts ist, als ein Antifaschist, ist kein Antifaschist.

    Heute steht in unserem Land der Faschismus nicht vor der Tür – aber vieles muss uns Sorgen machen:

    • Im Jahr 2020 gab es an Rhein und Ruhr 198 rechte Gewalttaten gegen mindestens 267 direkt betroffene Menschen.
    • Verstärkt werden im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie irrationale Wahnvorstellungen und Verschwörungslügen, im Netz und auf den Straßen propagiert – auch wieder mit antisemitischen Untertönen und mit Unterstützung offener Nazis und Rassisten
    • Armut und Ausgrenzung sind ein Nährboden für solche Haltungen (was nicht als Entschuldigung gemeint ist). Und doch sind die sozialen Menschenrechte, das Recht auf Arbeit, eine menschenwürdige Wohnung, auf gesundheitliche Fürsorge für alle noch lange nicht verwirklicht.
    • Und nicht zuletzt: Die internationalen Spannungen nehmen zu – das Feindbild Russland scheint aktuell zu sein wie eh und je. Es wäre deshalb dringend notwendig, wenn die neue Bundesregierung sich aktiv für Abrüstung einsetzen würde, gegen die immer weitere Erhöhung der Militärausgaben und für Frieden und Entspannung.

    Die Männer, die 1933 hier in den Räumen der ehemaligen Stella-Werke gefangengehalten und gequält wurden, hatten aktiv gegen die Nazis Widerstand geleistet. Auch wir Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, Antifaschistinnen und Antifaschisten, Demokratinnen und Demokraten mussten in den vergangenen Jahren immer wieder gegen Fahcisten und Rassisten auf die Straße gehen – erinnert sei beispielsweise an die Aktionen gegen den Parteitag der AfD oder davor immer wieder mal gegen pro Köln. Durch gewaltlosen Widerstand, durch friedliche Sitzblockaden war es vor einigen Jahren möglich, den sogenannten Antiislamisierungskongress der europäischen Rechten, der auf dem Kölner Heumarkt stattfinden sollte, gemeinsam zu verhindern. Derzeit wird im Landtag ein neues Versammlungsgesetz vorbereitet, dass solche Blockaden und sogar das Üben dieser friedlichen Widerstandsform unter Strafe stellen soll. Aus meiner Sicht, aus Sicht der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten heißt antifaschistisches Engagement heute auch, aktiv gegen solche Pläne einzutreten – da sollten wir aus der Geschichte gelernt haben.

  • Erinnerung an Peter Walterscheidt

    Walterscheidt war von 1919 bis 1933 die unumstrittene Führungsfigur in der Bergisch Gladbacher SPD. Er wurde am 18. Juli 1881 in Mülheim am Rhein geboren, als erster Sohn des Heizers Peter Walterscheidt. Kindheit und Jugend waren entbehrungsreich, da er in einer 19-köpfigen, zuweilen mittellosen Arbeiterfamilie aufwuchs.

    Nach der Volksschulentlassung erlernte er das Schmiedehandwerk. Am 1. Mai 1906 trat er in die SPD ein und schloss sich noch im gleichen Jahr dem Deutschen Metallarbeiterverband an. Im April 1909 übernahm er den Vorsitz des gerade erst gegründeten SPD-Ortsvereins Bergisch Gladbach. 1912 verlagerte er mit seiner Familie den Wohnsitz von Mülheim nach Bergisch Gladbach. In der ausgehenden Kaiserzeit widmete er sich fast ganz der Gewerkschaftsarbeit, war zweieinhalb Jahre lang Arbeitersekretär beim Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund. Nach dem Sturz der Monarchie übernahm er sofort politische Verantwortung und zog als Spitzenkandidat der Orts-SPD in das Stadtparlament ein. Bis zum Herbst 1924 konzentrierte sich W. auf seine politische Tätigkeit (Wahl zum ehrenamtlichen Beigeordneten am 10.02.1920). Danach widmete er sich ganz seiner beruflichen Laufbahn.

    Als Mitglied der freien Gewerkschaften wurde er nach seinem freiwilligen Ausscheiden aus dem Rat mit der Geschäftsführung des Kreisarbeitsnachweises betraut, eines Vorläufers des städtischen Arbeitsamts. Danach (1928) wurde er Direktor des nun unter städtischer Regie stehenden Arbeitsamts Bergisch Gladbach mit seinen insgesamt 34 Mitarbeitern. Zwar legte er 1929 aus gesundheitlichen Gründen den Ortvereinsvorsitz nieder, nahm aber im September 1929 noch einmal ein Stadtratsmandat für die SPD an und ließ sich zugleich zum ehrenamtlichen Beigeordneten wählen. Nach einem Nervenzusammenbruch im Mai 1931 schied er aus der Politik aus. Hintergrund dieses Schrittes waren ständig zunehmende Agitationen von rechten und linken Gruppierungen gegen seine Person.

    Angesichts der wachsenden Arbeitslosigkeit avancierte der sozialdemokratische Arbeitsamtsdirektor schon seit Ende 1929 für Kommunisten und Nationalsozialisten gleichermaßen zum Buhmann der Stadt. Das Kesseltreiben gegen W. erreichte seinen Höhepunkt am 13. März 1933, als mit Billigung von Gladbachs Bürgermeister Franz Weber der Ortsgruppenleiter der SA mit vier Begleitern sein Büro stürmte, ihn schwer misshandelte und anschließend in „Schutzhaft“ nahm. Zunächst wurde er in eine Gefängniszelle hinter dem Rathaustrakt gebracht, dann wurde er unter Musikbegleitung durch die Stadt vom Rathaus bis zum Arbeitsamt und zurückgeführt, vor sich ein Schild tragend mit der Aufschrift: „Ich bin ein Parteibuch-Bonze“.

    Sein Martyrium im Kölner Klingelpütz endete erst am 11. April 1933. W. lebte zunächst zurückgezogen von der Wohlfahrtsunterstützung. Im Februar 1935 wurde er erneut verhaftet und sechs Monate in Untersuchungshaft genommen „wegen Vorbereitung zum Hochverrat“. Nach seiner Freilassung begann er 1936 in seinem Wohnhaus an der Mülheimer Straße mit der Tätigkeit als selbstständiger Reparaturschuhmacher. Nach Kriegsende wurde er von der britischen Militärregierung erneut als Arbeitsamtsdirektor eingesetzt; zudem engagierte er sich wieder in der Kommunalpolitik.

    Anlässlich seines 80. Geburtstags verlieh ihm der Rat am 18. Juli 1961 einstimmig die Ehrenbürgerschaft der Stadt Bergisch Gladbach.

    Peter Winzen


Nach oben