Deutscher Gewerkschaftsbund

04.02.2020

DGB Köln diskutierte mit Bernd Ulrich und Anja Weber

Nachlese zur Diskussion am 30.01.2020 von Witich Roßmann, DGB Köln

Zukunftsdialog

Witich Roßmann

Vollbesetzter Großer Saal des DGB am Hans-Böckler-Platz. Bei der gemeinsamen Veranstaltung  "Klima, Arbeit, Gesellschaft - Alles wird anders - Ein Zukunftsdialog" des Kiepenheuer&Witsch Verlages und des DGB Köln diskutierten die Vorsitzende des DGB NRW, Anja Weber, und der Autor sowie stellvertretende Chefredakteur der ZEIT, Bernd Ulrich, über dessen aktuelles Buch: „Alles wird anders. Das Zeitalter der Ökologie“.

Bernd Ulrichs zentrale Thesen: Der Klimawandel ist Physik. Er verträgt keine Kompromisse. Jegliches Verschieben von weitreichenden Maßnahmen vergrößert die Folgen. Der deutsche Bannfluch gegen „Radikalität“, die ständige Suche nach der Mitte, nach Konsens und Kompromiss – die auch Bernd Ulrich lange Zeit ebenso wie die entsprechende Politik Angela Merkels unterstützt hat – muss zugunsten eines radikalen Umbruchs in der Klimapolitik überwunden werden. Urlich sieht die Verantwortung bei den oberen Einkommensklassen, den „CO2-Bonzen“, deren ökologischer Fußabdruck mit Flugreisen, SUV ans Ende gekommen ist.

Anja Weber spricht dagegen, die Klimafragen zu privatisieren: Gesellschaftliche Lösungen für Energie- und Industriepolitik sind ebenso nötig wie eine schnelle Mobilitätswende. „Da müssen wir in der Tat ein anderes Tempo reinbringen“. Sie sieht im gleichzeitigen Kernkraft- und Kohlausstieg eine große Herausforderung für die betroffenen Arbeitnehmer/innen. Die gemeinsame Kommission von Umweltschützern, Unternehmen, Gewerkschaften, Wissenschaft und regionalen Politikvertretern, die den Kohleausstieg im Konsens formuliert haben, sieht Anja Weber als ein hervorragendes Beispiel, wie Klimapolitik auch in anderen Gesellschaftsbereichen (Verkehr-Mobilität, Ernährung-Landwirtschaft-Chemie) organisiert werden kann. Wichtig dabei: In einer Demokratie müssen Arbeitnehmer/innen am Prozess beteiligt werden. Ihre Interessen an guter Arbeit, gutem Klima und gesunder Ernährung müssen ernst genommen werden.

Bernd Ulrich fordert von den Gewerkschaften eine provokativere Politik, damit nicht im „Schalltoten Raum“ bleiben. Der Tatbestand, dass das untere Drittel der Gesellschaft 10 Jahre früher stirbt, muss zu einem Aufschrei der Gewerkschaften führen, muss ein radikales Gegenprogramm provozieren.

Mehrfach verweist Ulrich auf das Thema Klimagerechtigkeit: Das untere Drittel der Gesellschaft wird oft diffamiert, ob ihres Konsum billiger Nahrungsmittel ob ihrer alten Dieselfahrzeuge. Insgesamt hat dieser Teil der Gesellschaft aber einen besseren CO2-Fussabdruck als das obere Drittel, das bei Biolebensmitteln und Mülltrennung vorne liegt, aber auch bei Flugfernreisen, Verkehrskilometern etc.

Witich Roßmann verweist am Ende der zweistündigen Diskussion auf die Vorschläge des Kölner DGB zur Mobilitätswende: Schnell den Umstieg in E-Mobilität umsetzen, wo dies sinnvoll und weitgehend problemlos möglich ist: Kleine E-Fahrzeuge für Pendler/innen, die ihre Fahrzeuge nachts problemlos laden können, und für Handwerks- und Logistikfahrzeuge, die innerstädtisch unterwegs sind und nachts auf dem Betriebshof geladen werden können. Eine ewige Grundsatzdebatte über Verbrennungs-, Elektro- und Wasserstoffantriebe hilft nicht weiter. Wichtig ist es, den Umstieg schnell voranzutreiben, aber ohne Fahrverbote für alte Dieselmotoren. Klimapolitik muss immer die sozialen Interessen der Arbeitnehmer/innen mitdenken, das ist Aufgabe der Gewerkschaften in der Klimadebatte.

Wissenschaft, Medien und Gewerkschaften haben unterschiedliche Aufgaben in der Klimadebatte: Die einen müssen aufklären und radikal denken; die anderen müssen helfen, dass Reformen schnell und sozial in der Politik umgesetzt werden, damit Arbeitnehmer/innen sie auch akzeptieren können. Das Buch von Bernd Ulrich „Alles wird anders“ gibt viele Anregungen für diese Diskussion.


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