Deutscher Gewerkschaftsbund

12.07.2010

Nachgefragt: Ausbildungsplatzmangel trotz freier Stellen?

Kammern und Arbeitsagentur melden zurzeit, dass es noch viele unbesetzte Ausbildungsstellen gibt. Diese Ausbildungsstellen könnten derzeit nicht besetzt werden, weil passende Bewerber/innen fehlen. Damit entsteht der Eindruck, dass sich die Lage auf dem Ausbildungsmarkt weitgehend entspannt hat.

Frage: Hat sich die Situation auf dem Ausbildungsmarkt trotz Wirtschaftskrise verbessert?

Jörg Mährle: Die Frage ist mit einem klaren Nein zu beantworten. Nach wie vor suchen Jugendliche noch Ausbildungsplätze, landen in Warteschleifen oder gehen nach der allgemeinbildenden Schule weiter zum Berufskolleg. Alleine in Köln werden jährlich rund 2.000 Maßnahmeplätze durch die Agentur für Arbeit finanziert, damit Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, eine berufliche Vorqualifizierung erhalten. Von allen Jugendlichen, die bei der Agentur für Arbeit als Bewerber/in registriert sind, werden nur knapp 50 Prozent in Ausbildung vermittelt. Von einem ausgeglichenen Ausbildungsmarkt sind wir daher weit entfernt. Diese Situation hat sich nicht verbessert.

Frage: Also stimmen die Angaben nicht?

Jörg Mährle: Ich gehe fest davon aus, dass die Aussagen der Kammern und der Arbeitsagentur stimmen. Es gibt Ausbildungsplatzangebote, die nicht besetzt werden. Die entscheidende Frage ist aber, warum auf der einen Seite Ausbildungsstellen nicht besetzt werden und auf der anderen Seite Jugendliche noch Ausbildungsplätze suchen. Und hierfür gibt es mehrere Erklärungen: Zum einen ist ein Teil der Ausbildungsplätze für Jugendliche nicht attraktiv – von der Bezahlung, von der Tätigkeit, von der Arbeitszeit, vom Image. Hier haben es die Arbeitgeber selber in der Hand, durch eine Attraktivitätssteigerung mehr Bewerber/innen zu gewinnen, um ihren Fachkräftebedarf zu decken.

Frage: Und was ist der zweite Grund?

Jörg Mährle: Die Qualifikationen der noch suchenden Jugendlichen passen nach Auffassung der Arbeitgeber häufig nicht zum Anforderungsprofil der offenen Stellen. Hier spiegelt sich also die leidige Diskussion wieder, inwieweit Jugendliche Reif für einen Ausbildung sind. Mangelnde schulische Qualifikationen und Probleme im Sozialverhalten werden dann oft ins Feld geführt. Ich teile die Kritik der Arbeitgeberseite, dass es dem Schulsystem nicht gelingt, alle Schüler/innen ausreichend auf die Arbeitswelt vorzubereiten. Deswegen haben wir in der Region Köln-Bonn im Vorfeld der Landtagswahl ja auch eine Kampagne zum Thema „Bildungspolitik in NRW – Zeit für Veränderungen“ initiiert. Schule muss besser werden. Die Arbeitgeber müssen sich aber vorhalten lassen, dass sie in denn letzten 20 Jahren betriebliche Stützungssysteme für schwächere Auszubildende aus Kostengründen abgebaut haben. Sie suchen daher vor allem Jugendliche, die problemlos während der Ausbildung funktionieren, weil – auch aus Rationalisierungs- und Kostendruck – immer weniger Zeit für Ausbilder bleibt, sich intensiv um die Auszubildenden zu kümmern. Und ein letzter Punkt, der hier auch noch hingehört: Einfachere Tätigkeiten wurden im Zuge der Technisierung mehr und mehr abgebaut. Die beruflichen Anforderungen steigen. Das führt dazu, dass Jugendliche mit geringen formalen Qualifikationen, die vor 20 oder 30 Jahren noch einen Ausbildungsplatz gefunden haben, heute kaum noch eine Perspektive haben.

Jörg Mährle

Jörg Mährle

Frage: Das hört sich nach einem geteilten Ausbildungsmarkt an: Gute Schüler/innen finden eine Ausbildung, schlechte eher nicht?

Jörg Mährle: Ja, unsere Erfahrungen zeigen! Schüler/innen mit guten Abschlüssen finden meist problemlos einen Ausbildungsplatz. Sie können sogar teilweise unter mehreren freien Stellen wählen. Mittlerweile gibt es auch Kombi-Ausbildungen – Studium und duale Ausbildung – um junge Nachwuchskräfte zu gewinnen. Verlierer sind hingegen die Schüler/innen mit formal schlechteren Qualifikationen oder aus sozialen Brennpunkten. Für sie ist es schwierig bis unmöglich. Hier engagieren sich zwar das Handwerk und einige überwiegend gewerblich-technische Betriebe, doch die 2.000 Maßnahmeplätzen in Köln zeigen, dass es noch nicht reicht. Betriebe müssen mit den Jugendlichen klarkommen, die auf dem Ausbildungsmarkt zur Verfügung stehen, um den Fachkräftebedarf zu decken und müssen notfalls mehr Zeit in Ausbildung investieren.

Frage: Wollen Jugendliche überhaupt noch eine Ausbildung machen? Die Zahlen für Köln sind doch eindeutig: Der Wunsch nach Ausbildung nimmt bei den Schulabgänger/innen ab.

Jörg Mährle: Ja, die in Köln regelmäßig durchgeführten Schulabgängerbefragungen deuten darauf hin, dass Jugendliche verstärkt  weiter die Schule besuchen wollen, als eine Ausbildung zu beginnen. Unklar sind die Motive für diese Einstellung, da sie bisher nicht untersucht wurden. Von der Arbeitgeberseite kommt unter dem Schlagwort „Schonraum Schule“ in diesem Zusammenhang häufig der Hinweis, dass Jugendliche kein Interesse an einer Ausbildung haben und lieber in der Schule bleiben, weil sie dann wissen, was sie erwartet. In dieser Argumentation steckt eine unterschwellige Schuldzuweisung gegenüber den Jugendlichen. Mir fallen auf Anhieb ganz andere Gründe ein, warum der Wunsch nach einer Ausbildung in den letzten Jahren in Köln abgenommen hat. Es könnte auch zum einen daran liegen, dass Jugendliche einen höheren Schulabschluss anstreben, weil sie erkennen, dass sich die beruflichen Chancen mit zunehmender Qualifikation verbessern. Ein weiterer Grund  könnte sein,  dass sich die Arbeitsbedingungen in den letzten Jahren in Bezug auf Arbeitsverdichtung, Arbeitszeit, einseitige Flexibilisierung und Arbeitsplatzsicherheit verschlechtert haben. Arbeitnehmer/innen in werden in den öffentlichen Aussagen von DAX-Konzernleitern fast nur als Kostenfaktoren gesehen  Arbeit unter den Bedingungen der Globalisierung wird in Billiglohnländer verlagert und immer mehr prekäre Arbeitsverhältnisse entstehen. Mit anderen Worten: Arbeit verliert an Wert in dieser Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund bekommt der Begriff „Schonraum Schule“ einen ganz anderen Zungenschlag. Und schließlich könnte es auch daran liegen, dass Jugendliche einfach aufgeben. Aufgeben, weil sie wissen, dass sie keine Chance auf dem Ausbildungsmarkt haben. Aufgeben, weil nach 30 erfolglosen Bewerbungen auch die Motivation nachlässt. Aufgeben, weil der Weg in prekäre Beschäftigung vorgezeichnet ist.

Frage: Mit anderen Worten: Die Arbeitgeber sind schuld?

Jörg Mährle: Es geht mir nicht um eine einseitige Schuldzuweisung. Auch Arbeitgeber handeln zum großen Teil aus Sachzwängen. Ich will aber weg davon, dass die Schuld allein den jungen Menschen zugeschrieben wird. Jugendliche sind als schwächstes Glied Opfer einer verfehlten Bildungspolitik. Sie spüren bei der Ausbildungsplatzsuche den Kostendruck oder das Gewinnstreben von Unternehmen oder – um es noch allgemeiner zu formulieren – die Kommerzialisierung der Gesellschaft. Gerade deswegen ist der Widerspruch „Ausbildungsplatzmangel trotz freier Stellen“ überhaupt erst möglich. Mit einer kurzfristigen betriebswirtschaftlichen Sichtweise macht es Sinn, eher einen Ausbildungsplatz unbesetzt zu lassen, als einen Auszubildenden zu nehmen, der stärker angeleitet werden muss. Volkswirtschaftlich gesehen ist das großer Irrtum,  da die Kosten der Warteschleifen oder Transferkosten, dennoch gezahlt werden müssen – von uns allen.

Frage: Wie lässt sich die Situation verändern?

Jörg Mährle: Es geht heute um den Ausbildungsmarkt und nicht um große gesellschaftliche Entwürfe. Daher will ich den Jugendlichen, die noch einen Ausbildungsplatz suchen, einen Tipp geben: In Nordrhein-Westfalen gibt es seit Jahren den sogenannten Ausbildungskonsens unter Leitung der Landesregierung. Dort wurde vereinbart, dass alle ausbildungswilligen und ausbildungsfähigen Jugendlichen ein Ausbildungsplatzangebot erhalten, wenn sie zum Stichtag – dem 30. September eines Jahres – noch bei der Agentur für Arbeit als unversorgte Bewerber geführt werden. Unversorgt heißt dabei, dass die Jugendlichen auch noch keine schulische Alternative haben oder bei einer berufsvorbereitenden Maßnahme angemeldet sind. Sie erhalten dann ein Ausbildungsplatzangebot – notfalls als außerbetriebliche Ausbildung. Alle Jugendlichen, die wirklich eine berufliche Ausbildung beginnen wollen, aber bisher keinen Platz gefunden haben, sollten diese Chance nutzen.


Nach oben

Zuletzt besuchte Seiten