Deutscher Gewerkschaftsbund

08.10.2015

Nachgefragt Berufsschultour 2015

„Manchmal glaubt man sich ins Jahr 1850 zurückversetzt“

 

Vom 28. September bis zum 2. Oktober 2015 war die Kölner Gewerkschaftsjugend wieder auf Berufsschultour an Berufskollegs in der Region. Bei der Tour wird klar: Nur wer seine Rechte kennt, kann sich dafür stark machen, dass sie eingehalten werden. Leider erfolgt die Ausbildung in manchen Betrieben immer noch nach dem alten Motto: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ und Gesetzesbrüche sind an der Tagesordnung.  Wir haben Jariv Schönberg (Jugendsekretär der IG Metall Köln-Leverkusen) und Judith Gövert (Jugendsekretärin des DGB Köln-Bonn)dazu befragt und sie gebeten, die Situation vieler Auszubildenden anhand von Beispielen zu veranschaulichen.

Ihr geht jedes Jahr im Herbst mit einem Team aus jungen und engagierten Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter auf Berufsschultour. Was macht ihr an den Berufskollegs genau?

Judith Gövert: Ziel der Berufsschultour ist es, jungen Menschen mit Rat und Tat in Fragen der Ausbildung zur Seite zu stehen, ihnen bei Lösungen von Problemen zu helfen und sie über Rechte, Pflichten und Möglichkeiten der aktiven Beteiligung in Betrieb und Gesellschaft zu informieren.

Jariv Schönberg: Wir sind dabei mit einem Infostand auf den Schulhöfen der Berufskollegs präsent und ansprechbar für die interessierten Schülerinnen und Schüler. Außerdem bieten wir Unterrichtsmodule im arbeitsweltlichen und gesellschaftspolitischen Bereich der Lehrpläne. Diese enthalten anschauliche Informationen zu Rechten und Pflichten in der Ausbildung, zu Gewerkschaften und Tarifverträgen, sowie zu Interessenvertretung und Mitbestimmung.

Judith Gövert: Auf Tour sind aber nicht nur wir beiden! Wir werden von einem Team geschulter junger Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter unterstützt. Sie gehen zu zweit in die Klasse und erarbeiten gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern das nötige Know-how. Das Team hilft aber auch bei Rückfragen am Infostand – denn dort ist meistens viel los.

Gerade kommt ihr frisch aus den Schulen. Wie lief es dieses Jahr?

Judith Gövert: Insgesamt war die Tour ein voller Erfolg. Wir haben in der Woche rund 600 Schüler_innen in den Klassen und noch viel mehr über den Infostand erreicht. Das Interesse bei den Auszubildenden, mehr über ihre Rechte zu erfahren, ist sehr groß…

Jariv Schönberg: …und dringend notwendig.

Dringend notwendig? Gibt es viele Auszubildende, die ihre Rechte nicht kennen?

Jariv Schönberg: Zunächst einmal möchte ich festhalten, dass wir viele junge Menschen trafen, die zufrieden sind mit ihrer Ausbildung und keinerlei Probleme haben. Leider erzählen uns viele Auszubildende aber auch Erlebnisse und Situationen aus Ihrem Arbeitsalltag, die wirklich nicht akzeptabel sind. Manchmal glaubt man sich ins Jahr 1850 zurückversetzt.

Habt ihr konkrete Beispiele der diesjährigen Tour?

Judith Gövert: Klar. Die Palette war in diesem Jahr sehr breit. Es ging von der regelmäßigen Ausübung von ausbildungsfremder Tätigkeiten, über Geldstrafen bei Zuspätkommen, bis hin zu Verstößen gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz, das Arbeitszeitgesetz sowie der Unfallverhütungsvorschriften. Beispielsweise hat uns ein Auszubildender aus einem Betrieb, der nicht gewerkschaftliche organisiert ist, eine Betriebsvereinbarung vorgelegt, in der geregelt ist, dass die Azubis Geld von ihrer Vergütung abgezogen bekommen, wenn sie zu spät kommen. Das ist schon krass.

Jariv Schönberg: Beim Besuch einer Klasse von angehenden Tankwarten bin ich mit einem Fragebogen empfangen worden, auf dem die Azubis alle Fragen rund um ihre Ausbildung für uns zusammen getragen haben. Hier fanden sich Fragen zu Überstunden, Sonderleistungen, Urlaub, Jugendschutz und Lohn. Auf diese Art von Fragen stoßen wir bei den Berufsschultouren regelmäßig. Jedoch Fragen, ob der Chef schlagen oder beleidigen darf, haben mich sehr betroffen gemacht. Auf Nachfrage bei den jungen Menschen, stellten sich noch viel mehr Missstände heraus. Zum Beispiel dürfen Pausen nur gemacht werden, wenn keine Kundschaft da ist -  das kann dazu führen, dass keine Pausen gemacht werden. Offensichtlich stehen die Azubis mit ihren Fragen am Ausbildungsanfang oft recht allein da.

Judith Gövert: Ein Auszubildender berichtete, er habe 150 Bewerbungen geschrieben, wovon lediglich eine erfolgreich war: Die zum Tankwart. Es sei nicht sein Wunschberuf gewesen, er wollte jedoch nicht leer ausgehen. Der junge Mann hatte die mittlere Reife. Das passt nicht so gut in die derzeit weiterverbreiteten Klagen vieler Arbeitgebenden, sie fänden keine „ausbildungsreifen“ Jugendlichen für ihre Ausbildungsplätze und die jungen Menschen seien festgefahren in ihrer Berufswahl und unflexibel. Dass die Azubis viele Bewerbungen geschrieben haben, bevor sie in die Ausbildung gestartet sind, hören wir oft.

Jariv Schönberg: Ein KFZ-Mechatroniker für Nutzfahrzeuge zeigte mir seinen Ausbildungsvertrag auf dem Handy. Hier war vermerkt, dass er bei Erreichen der Volljährigkeit auf eine 47,5 Stundenwoche hochgesetzt wird. Bis dahin wird er 40 Stunden beschäftigt. Dies ist rechtlich zwar alles abgesichert, aber richtig ist es deshalb trotzdem nicht. Ein anderer Azubi zum KFZ-Mechatroniker erzählte uns, dass er 560 Überstunden im ersten Ausbildungsjahr für seinen Betrieb gemacht hatte, ohne Absprachen zur Vergütung oder Ausgleich. Er hat jedoch Angst, dem Arbeitgeber zu sagen, dass er keine Überstunden machen möchte, da er dann mit seiner Kündigung oder Isolierung im Betrieb rechnet.

Was macht ihr mit den Informationen, die ihr auf der Tour erhaltet? Könnt ihr den Auszubildenden weiterhelfen?

Judith Gövert: Das kommt ganz drauf an. Viele Fragen können wir direkt beantworten. Manchmal hilft den Auszubildenden ein einfacher Blick in unsere Broschüre „Deine Rechte in der Ausbildung“. Dort finden sich in komprimierter Form und in einfacher Sprache die relevantesten Regelungen aus dem Berufsbildungsgesetzt. In anderen Fällen müssen wir uns den Einzelfall anschauen. Das macht dann für das Mitglied die zuständige Gewerkschaft.

Jariv Schönberg: Richtig. Durch unseren Kontakt mit den Betriebsräten und Jugend- und Auszubildendenvertretungen in den betreuten Betrieben ist eine Klärung oft auf kurzem Dienstweg möglich. Bei Auszubildenden in Betrieben, wo keine Mitbestimmung vorhanden ist, müssen die Auszubildenden zu einer Beratung in die Verwaltungsstelle kommen und sämtliche Unterlagen mitbringen. Selbstverständlich steht dieses Angebot nur Mitgliedern der Gewerkschaft zur Verfügung.

Judith Gövert: In einigen Fällen ist die zuständige Kammer der richtige Ansprechpartner. Das kommunizieren wir dann und bieten an, Kontakt herzustellen. Wir machen aber auch verstärkt die Erfahrung, dass Auszubildende nicht ihren Betrieb nennen wollen, da sie Konsequenzen fürchten. Das macht es dann besonders schwer, etwas zu unternehmen. Mich sprach zum Beispiel eine angehende Maler- und Lackiererin an: Sie arbeite 6 Tage die Woche, bekäme aber für den Samstag weder eine Vergütung noch einen Ausgleich. Als ich ihr aufzeigte, dass das nicht rechtens ist und sie darüber informierte, was sie dagegen tun kann, machte sie schnell einen Rückzieher, da ihr das zu „heikel sei“. Sie befand sich in der Probezeit und hatte schlichtweg Angst, ihren Ausbildungsplatz zu verlieren.

Habt ihr auch ein positives Beispiel in Erinnerung?

Jariv Schönberg: Bei einer Gruppe von Technischen Systemplanern war ich positiv überrascht. Auch wenn es keinen Betriebsrat oder JAV in diesen Betrieben gab, erzählten uns die Auszubildenden, dass sie nur ausbildungsrelevante Tätigkeiten auszuführen haben, ein Ausbildungsplan vorhanden ist und auch das Gespräch mit dem Arbeitgeber gesucht werden kann. Diese Auszubildenden hatten auch eine gute Übersicht über ihre Rechte.

Habt ihr noch etwas, was ihr loswerden wollt?

Judith Gövert: Wir haben auch dieses Jahr für unseren Ausbildungsreport „Dr. Azubi“-Fragebögen dabei gehabt. An der Befragung haben rund 500 Auszubildende teilgenommen. Das freut uns sehr. Es zeigt aber auch, dass die jungen Menschen ein Bedürfnis haben, ihre Situation mitzuteilen. Der Ausbildungsreport NRW 2015 der DGB Jugend NRW erscheint übrigens im November.

Jariv Schönberg: Auch dieses Jahr bedanke wir uns bei dem ehrenamtlichen Team, das wieder eine sehr gute Arbeit gemacht hat. Die Antwort auf unser Infostand-Rätsel ist übrigens die Zahl 16 433. In der nächsten Zeit erhalten die Gewinnerinnen und Gewinner eine Benachrichtigung. Abschließend möchten wir noch einmal festhalten: Nur gemeinsam ist man stark!


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