Deutscher Gewerkschaftsbund

19.05.2011
DGB-Region Köln-Bonn

Wirtschaftsdialog Automotive 2011

Was bringt die Zukunft?

Region Köln/Bonn e.V. Unter der Überschrift „Was bringt die Zukunft?“ hatten in Kooperation die Rheinisch-Bergische Wirtschaftsförderungsgesellschaft mbH, rhein-bergautomotive, Handwerkskammer zu Köln, die Industrie- und Handelskammern zu Köln und Bonn/Rhein-Sieg, Automotive Rheinland, DGB-Region Köln-Bonn, IG Metall Köln-Leverkusen und der Region Köln/Bonn e.V. zum „Wirtschaftsdialog Automotive“ in die Bundesanstalt für Straßenwesen nach Bergisch Gladbach eingeladen. Namhafte Vertreter aus Politik, großen Automobilkonzernen, wie auch kleinen und großen Automobilzulieferbetrieben aus der Region diskutierten unter der Moderation von Journalist Tom Hegermann über die Zukunft in der Automobilbranche.

„Die Region Köln/Bonn eignet sich bestens für den Blick auf die Zukunft des Automobilbaus, kann sie doch inzwischen auf 135 Jahre automobile Erfahrung zurückblicken“, so Dr. Hermann Hollmann, Vizepräsident der IHK Köln und auch Mitglied der Geschäftsführung der Ford-Werke GmbH in seinem Grußwort. „Wir wünschen uns natürlich, dass sich diese Erfolgsgeschichte fortsetzt“. Für die Automobilwirtschaft sei der Standortvorteil dieser Region eindeutig: Dieser Wirtschaftsraum liege inmitten einer der kaufstärksten Regionen der Europäischen Union. Im Umkreis von 500 km wohnen und arbeiten ein Drittel aller Verbraucher der EU, mit insgesamt der Hälfte der Kaufkraft der EU. „Mit rund 350 Zulieferern und über 30.000 Beschäftigten stellt die Region Köln/Bonn eine bedeutende Automobilregion dar und damit ist das Rheinland einer der wichtigsten Standorte für den Automotive-Sektor.“

Nur: So richtig werde dies von außen nicht wahrgenommen, kritisierte nicht nur Hollmann an dem Abend. Daher freute sich der rheinisch-bergische Landrat und auch Vorstandsmitglied im Region Köln/Bonn e.V. Rolf Menzel in seinem Grußwort, dass die Veranstaltung ihren Beitrag dazu leisten werde die Zusammenarbeit zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zu intensivieren und damit auch die strategische Ausrichtung der Regionalentwicklung verstärke. „Mit der geballten Kraft der Gebietskörperschaften, Kammern und Gewerkschaften wird so auf diese für die Region so wichtige Branche der Automotive aufmerksam gemacht und man zieht gemeinsam an einem Strang. Auch der Rheinisch-Bergische Kreis und eine Wirtschaftsförderungsgesellschaft RBW sehen die Branche als ein starkes Kompetenzfeld.“

„Ein zentraler Punkt in unserer Koalitionsvereinbarung ist es neben Umweltschutz, Ressourcenschutz und Sicherheit auch die alternativen Antriebe zügig voranzutreiben“, erklärte Staatssekretär Dr. Günther Horzetzky aus dem NRW-Wirtschaftsministerium. „Die Landesregierung werde daher alle sich ihr bietenden Chancen nutzen, die Spitzenstellung des NRW-Fahrzeugbaus weiterhin sicherzustellen“. Bis 2015 wolle die Landesregierung 100 Millionen Euro für den "Masterplan Elektromobilität“ bereitstellen, bis 2020 sollen „mindestens 250 000 Fahrzeuge mit innovativem Antrieb“ auf den Straßen fahren. Allgemein herrschte unter den Talk-Gästen die Meinung, dass die Automotive-Branche in der Region derzeit noch sehr gut aufgestellt ist und diese Branche auch sehr viele Arbeitsplätze bereitstelle.

Um jedoch auch zukünftig gut aufgestellt zu sein, müsse der technische Wandel im Auge behalten werden. „Wir sind ein alter Standort“, erklärte Dr. Witich Roßmann, 1. Bevollmächtigter der IG Metall. Zulieferer seien dementsprechend mit einer eher konventionellen Produktpalette in der Region zu Hause. Als Beispiel nannte er Kolbenringhersteller für Dieselmotoren. „Was ist, wenn das Auto der Zukunft so etwas nicht mehr braucht?“, fragte er. Früher gab es in der Region mehrere namhafte Batteriehersteller, heute jedoch nicht mehr. Aber gerade diese würden eventuell zukünftig für den Einbau in Elektroautos benötigt anstatt Kolbenringe. Ein Wandel müsse sich Vollziehen. „Wir haben gravierende Schwächen in der Region. Die Wirtschaftsförderung muss hier gezielt Unternehmen ansiedeln“, forderte Roßmann.

Michael Hedderich von Federal Mogul aus Burscheid, einer der großen Automobilzulieferer, wies auch in diese Richtung. „Für innovative Start-up-Unternehmen muss die Region beste Startchancen bieten.“ Andernfalls bleibe das Rheinland auf der Strecke. Wenn sein Unternehmen beispielsweise eine innovative Firma kaufe, werde diese nicht zum Unternehmenssitz in Burscheid umgesiedelt. „So etwas klappt nicht.“ Besorgt zeigten sich die kleinen Zulieferer über die zunehmende Konzentration auf dem Automarkt. Einige wenige Autohersteller würden immer größer und bauten Autos für die ganze Welt. Diese Unternehmen arbeiteten lieber mit ebenfalls global aufgestellten Zulieferern zusammen, da diese an alle Werke weltweit liefern könnten, als mit Unternehmen vor Ort.

„Hier entscheidet klar die Wirtschaftlichkeit“, so Wolfgang Müller-Pitralla, Entwickler bei Volkswagen. „Aber die Industrie arbeitet mit Hochdruck an neuen Antriebstechnologien“ versicherten Müller-Pitralla und Dr. Andreas Schamel, Entwickler bei Ford. Favorit der Autobauer: der Hybrid, beziehungsweise Plug-in-Hybrid, der neben dem aufladbaren Elektromotor einen zweiten Verbrennungsantrieb besitzt. „Durch die zweite Antriebstechnik, dem klassischen Verbrennungsmotor, sei zumindest eine große Übergangszeit gesichert in der auch noch beispielsweise Kolbenringe benötigt werden. Neue Materialien spielen dabei ebenso eine Rolle wie die innovative Entwicklung wie von Batterien für E-Autos. Eigentlich der ideale Markt für Zulieferer die mitgehen wollen.“

Frank Schmitz von der Kronenberg Profil GmbH aus Leichlingen wünscht sich eine durch die Wirtschaftsförderer organisierte "Zuliefererbörse“, bei denen auch kleine Betriebe Kontakt mit Entwicklern der großen Autobauer bekämen. “Neue Ideen scheitern häufig an den Vorgaben der Einkäufer. Der Kontakt mit Entwicklern wäre da vielversprechender.“ Dies bestätigte auch Rossmann der appellierte: „Viele Krisen könnten bewältigt werden, wenn Banken und Wirtschaftsförderung im entscheidenden Moment zusammenarbeiten, um Unternehmern über Engpässe zu helfen.“ Ein weites Feld also, in dem sich die Automotive als Kontaktbörse verstärkt einbringen möchte.

Wolfgang Grahn von der Josef Keller GmbH in Overath beklagte als kleines Unternehmen den derzeitigen „existenziellen Fachkräftemangel“. „Weil es auf dem Markt keine geeigneten Fachkräfte gibt bilden wir unsere Fachkräfte derzeit selber aus.“ Geplant ist auch zukünftig mit Hochschulen zusammenzuarbeiten. Einige machen dies bereits. „Aber dafür muss man auch erst Kapazitäten haben“. Fachkräftemangel beginne nicht erst mit dem Ausbildungsniveau des Ingenieurs. „Wir suchen gar nicht mehr nach dem Mitarbeiter mit Supernoten und perfektem Lebenslauf“, sagte Frank Schmitz. „Vielen jungen Ingenieuren ist beispielweise gar nicht bewusst, was für eine starke Automobilregion wir sind“, sagte Hedderich. Roßmann verwies in diesem Zusammenhang auf viele arbeitslose ältere Arbeitnehmer, die in der Wirtschaftskrise in Beschäftigungsgesellschaften ausgegliedert worden seien und sich nun arbeitslos meldeten. Dort sei noch viel Potenzial. Er plädierte aber auch dafür, Arbeitsplätze so zu gestalten, dass sie von jungen Menschen leichter bedient werden könnten – beispielsweise von der Funktionsweise her wie eine ihnen bekannte Playstation oder Handymenüführung. „An derartigen Arbeitsplätzen finden sich junge Menschen deutlich schneller zurecht und seien produktiver.“

Autor: Thomas Wolter, Verein Region Köln-Bonn


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