Deutscher Gewerkschaftsbund

18.01.2024
Nachgefragt mit Stephan Somberg

„Lasst uns weiter machen. Planvoll und gemeinsam.“

Björn Kietzmann

Björn Kietzmann

Beschäftigte von United Parcel Service am Flughafen Köln/Bonn und Spich (UPS CGN, Spich) bauen seit 2023 unterstützt durch ver.di Strukturen im Betrieb auf. Wir haben nachgefragt bei Stephan Somberg, Gewerkschaftssekretär im Fachbereich Postdienste, Spedition und Logistik im ver.di Bezirk Köln-Bonn-Leverkusen zu der Tarifbewegung bei UPS CGN, Spich.

Frage: Stephan, du unterstützt die Kolleg:innen bei UPS am Flughafen Köln/Bonn. In der Nacht vom 12.12. zum 13.12.2023 führten Kolleg:innen bei UPS CGN, Spich einen ersten erfolgreichen Warnstreik im Rahmen der Manteltarifrunde durch. Was sind deine Eindrücke?

Stephan Somberg: Der UPS-Standort ist für den US-amerikanischen Konzern das europäische Drehkreuz und hat somit einen besonderen Stellenwert. Der Standort am Flughafen hat rund 3.500 Beschäftigte und die meisten Beschäftigten arbeiten in der Nacht. Es sind ein Dutzend Hallen, mit jeweils mehreren Etagen. Es kommt einer Kleinstadt nahe. Einfach ein fetter Laden.

Bei den Kolleg:innen hat sich viel Frust angestaut. Eine Corona-Prämie gab es nur für das Management, im Rahmen ihrer Bonuszahlungen. Für die Arbeitnehmenden gab es einmalig zwei Urlaubstage.

Dabei hat UPS gerade in der Coronazeit richtig Geld verdient. Trotz anhaltender Preissteigerung und höherer Inflation gab es bspw. keine Inflationsausgleichprämie für alle. Es fehlt also an Wertschätzung für die Beschäftigten, für die geleistete Arbeit in den schwierigen Corona-Jahren.

Frage: Gab es Lohn- und Gehaltserhöhungen für die Beschäftigten?

Stephan Somberg: Der Arbeitgeber UPS CGN, Spich hat im Jahr 2021 eine Lohn- und Gehaltserhöhung ausgezahlt von +2,0%. In 2022 +3,0% und in 2023 +2,6%. Das ist bei der anhaltenden Preissteigerung zu wenig.

Frage: Welche Rolle spielt ver.di im Betrieb?

Stephan Somberg: In den letzten Monaten haben wir seitens ver.di viel ausprobiert und allen Beschäftigten das Angebot gemacht sich zu beteiligen. Zuletzt sammelten die ver.di-Aktiven insgesamt 1.027 Unterschriften bei den Beschäftigten. Gefordert werden höhere Zuschläge, vor allem für die Nachtarbeit, 3 Tage mehr Urlaub und die Erhöhung des Urlaubsgelds auf ein 14. Monatsentgelt.

Frage: Was muss sich aus deiner Sicht noch ändern?

Stephan Somberg: Die Manteltarifverträge der Speditions-, Logistik-, und Transportwirtschaft müssen aus meiner Sicht deutlich aufgewertet werden. Die Kolleg:innen erwarten, dass sich gute Arbeit auch im Portemonnaie bemerkbar macht.

Ver.di unterstützt die Kolleg:innen nun beim Aufbau einer starken, lebendigen Struktur im Betrieb. Und seit Dezember 2023 sind die Kolleg:innen mit einem ersten erfolgreichen Warnstreik im Arbeitskampf.

Frage: Arbeitskampf – was folgte nach dem ersten Warnstreik?

Stephan Somberg: Die Kolleg:innen haben durch ihre gute Beteiligung am Warnstreik klar gemacht, dass sie entschlossen sind für Verbesserungen zu kämpfen. Mehr als 700 Beschäftigte haben sich an dem 24-stündigen Ausstand beteiligt. Knapp 200 Kolleg:innen sind an diesen Tagen Mitglied geworden.

Der Arbeitgeber hat ganze Hallen geschlossen und Personal teils zusammengezogen. Als UPS bemerkte, dass das Tagesvolumen nicht erreicht werden konnte, wurde produktionswirtschaftlich ein künstlicher Schnitt gemacht: Das Tagesvolumen wurde mit einer geringeren Anzahl bemessen. In der Außendarstellung konnte daraufhin behauptet werden, dass sie (ausgehend vom verringerten Produktionsvolumen) fast alles abgearbeitet hatten. Aus meiner Sicht ist das ein einfacher Taschenspielertrick um die öffentliche Wahrnehmung im eigenen Sinne zu beeinflussen.

Ich denke das macht deutlich, dass die Kolleg:innen erfolgreich sind.

Frage: Wie hast du den Umgang der UPS-Verantwortlichen mit den Streikenden und ver.di empfunden?

Stephan Somberg: Bei der Warnstreikversammlung selbst waren die Geschäftsführung, die Personalleiterin, der Produktionsleiter und zahlreiche weitere Manager anwesend. Ich erkundigte mich nach dem Grund für ihre Anwesenheit. Daraufhin kam die Rückmeldung von der Personalchefin: „man sei ja neugierig gewesen und wolle Mal schauen.“ Ich begegnete, dass dies natürlich kein Problem ist, sie das ja jetzt getan haben und jetzt gehen könnten, um Einflussnahme und Druckaufbau zu vermeiden. Als Reaktion erntete ich Gelächter und Sprachlosigkeit. Sie blieben noch weitere vier Stunden vor Ort und wollten nach meiner Einschätzung mit ihrer Anwesenheit auf die Streikenden Druck ausüben. Zudem wurde die mittlere Führungsebene (sog. Supervisor oder Manager) so eingeteilt, dass diese die ankommenden Kolleg:innen auf dem Parkplatz direkt ansprechen. Dies fand teils in einem sehr schroffen Ton statt, so dass sich Kolleg:innen unter Druck gesetzt fühlten. Doch die Kolleg:innen standen solidarisch zusammen, so dass es nicht gelang die Warnstreikmaßnahmen zu beeinflussen.

Frage: Hatte die Aktion Konsequenzen für die organsierten Kolleg:innen?

Stephan Somberg: In den Tagen nach dem Warnstreik ging der Arbeitgeber planvoll gegen die streikenden Kolleg:innen vor und übertrat dabei eine „rote Linie“. Beispielsweise bei der Schichtverschiebung, Veränderungen von Beginn und Ende der Schicht sowie (gezielte) Umplanung von Schichten zu Lasten der Streikteilnehmer:innen.

Konkret erklärt: Dass die Sonntagsarbeit verbunden ist mit den höchsten Zulagen, ist sicher nachvollziehbar. Deshalb sind die Beschäftigten auch bereit an den Tagen zu arbeiten. Besonders die Kolleg:innen, die das Geld gut brauchen können. Die mittlere Führungsebene zieht nun Kolleg:innen, die gestreikt hatten, von diesen ergiebigeren Schichten ab und besetzt diese mit Kolleg:innen, die nicht gestreikt haben.

Außerdem werden Kolleg:innen vereinzelt versetzt an andere Arbeitsorte, obwohl sie in den letzten sieben Jahren immer am selben Arbeitsort gearbeitet haben. Darüber hinaus werden Kolleg:innen die stets um 21:00 Uhr Dienstbeginn hatten und um 4:00 Uhr Feierabend neuerdings erst um 23:00 Uhr beginnen und um 7:00 Uhr Feierabend haben. Man muss wissen, dass gegen 4:00 Uhr in den meisten Hallen nix mehr zu tun ist. Die Hallen sind dann leer. Die Umplanungen sind deshalb aus betrieblichen Gründen nicht nachvollziehbar.

Unsere Haltung von ver.di ist dabei klar: Das werden wir nicht einfach durchgehen lassen und eine entsprechende Antwort geben. Wir fordern, dass der Arbeitgeber unmittelbar aufhört Machtmissbrauch zu begehen und Kolleg:innen ungleich zu behandeln.

Dass der Arbeitgeber heute so vehement und planvoll vorgeht, zeigt, wie streikanfällig der Betrieb ist. Dies werden wir nutzen.

Frage: Was möchtest du den Kolleg:innen bei UPS CGN, Spich jetzt sagen?

Stephan Somberg: Lasst uns weiter machen. Planvoll und gemeinsam. Lasst euch nicht einseifen vom Arbeitgeber und seinen Gefolgsleuten. Diese vertreten keine Arbeitnehmer:inneninteressen. Ihr habt klare Forderungen erhoben und ey, ihr seid verdammt nochmal erfolgreich.

Wir stehen mit den ver.di-Aktiven in einem engen Austausch, dokumentieren und bewerten die Gesamtsituation genau. Aktuell gibt’s keinen Betriebsfrieden und ihr kämpft für eure berechtigten Forderungen. Deshalb sag ich auch an dieser Stelle, dass ver.di weitere Warnstreikmaßnahmen nicht ausschließt und es daher in Kürze weitere Aufrufe geben wird.


Weitere Infos – Links
Erster Warnstreiks vom Dezember 2023: https://psl-nrw.verdi.de/tarif/flaeche-spedition-logistik/kauw-upgrade/++co++0d2f07de-a0c0-11ee-8481-ad740b91156b

Die Forderungen für einen modernen Manteltarifvertrag: https://psl-nrw.verdi.de/tarif/flaeche-spedition-logistik/kauw-upgrade/++co++bb046476-7f1e-11ee-9ca1-001a4a160111

Ansprechpartnerin für das Format „Nachgefragt: Judith Gövert, 0171-8658353
Ansprechpartner zur Tarifbewegung bei UPS CGN, Spich: Stephan Somberg, 0175-1855702


Hinweis: In der Reihe „Nachgefragt“ veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen ausführliche Stellungnahmen und Positionen von gewerkschaftlichen Expert*innen aus der Region Köln-Bonn. „Nachgefragt“ bietet nicht nur ausführliche Hintergrundinformationen, sondern spiegelt immer auch die persönliche Sichtweise der jeweiligen Expert*innen wider. Die Texte können für Medienberichterstattungen genutzt werden.

Weitere Veröffentlichungen aus der Reihe „Nachgefragt“ finden Sie auf unserer Internetseite www.koeln-bonn.dgb.de/nachgefragt. Dort können Sie „Nachgefragt“ auch als RSS-Feed abonnieren.

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