Deutscher Gewerkschaftsbund

31.01.2020
Ingo Degenhardt, Regionsgeschäftsführer DGB-Region Südwestfalen

Erinnerung an Gottfried Schmitz anlässlich des Bonner Neujahrsempfangs am 31.01.2020

Ingo Degenhardt

Ingo Degenhardt

Meine liebe kleine Gemeinde!

„Wie ist mir doch so wohl ums Herz, dass ich heute nicht mehr in der Fron stehe, eine ebenso visionäre wie auch launig-frivole Neujahrsbotschaft aufsagen zu müssen.“ Dieses Zitat würde auch gut zu mir passen – dem ist aber nicht so. Es stammt aus dem Munde des Mannes, den es heute in besonderer Weise zu ehren gilt und der diese Worte bei seinem letzten öffentlichen Auftritt hier an dieser Stelle am 20. Januar 2006 gesprochen hat – Gottfried Schmitz.

Am 13. Januar - also vor wenigen Tagen - wäre unser ehemaliger Kollege 73 Jahre alt geworden. Über 28 Jahre hat er hier dem DGB vorgestanden – zuerst „nur“ in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn, später kamen der Rhein-Sieg-Kreis und der oberbergische Kreis hinzu. Wir wollen kurz innehalten und seiner gedenken.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen. Gottfried Schmitz hat viele, viele Jahre zu Beginn eines jeden Neuen von diesem Pult aus zu der hier im Raum versammelten „kleinen Gemeinde“ gesprochen und in einer Art und Weise, wie es nur ein Gottfried Schmitz konnte. Viele haben seine Ansprachen förmlich geliebt (ich gehörte auch stets dazu) – andere wiederum konnten seinen speziellen Humor nur schwer ertragen. Aber gekommen sind sie doch immer alle – naja fast alle. Schließlich war Gottfried Schmitz wohl derjenige, der die Tradition von Neujahrsempfängen in dieser Stadt erfunden bzw. eingeführt hat. So die Legende alter Weggefährten. Und an Legenden ist von jeher schon immer etwas dran gewesen. Jemand sagte mir einmal, „Gottfried war doch schon zu Lebzeiten eine Legende“.

Zur Erklärung: Eine Legende meinte in ihrer ursprünglichen Bedeutung eine Lesung aus dem Leben und Wirken eines Heiligen, die zumeist an seinem Jahrestag vorgetragen wurde. Nun ja – allzu eng sehen wir das heute nicht mehr. Doch auf gewisse Parallelen komme ich später noch zurück.

Neujahrsempfänge im Bonner DGB-Haus waren immer etwas Besonders. Und so freut es mich, dass wir ausgerechnet heute mit der Namensgebung für diesen Saal hier einen Menschen und Kollegen ehren, der sich über mehr als ein viertel Jahrhundert um diese Stadt und um diese Region verdient gemacht hat. - und der stets die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sozial Schwächeren und die ungerecht Behandelten in den Blick genommen und sich für sie eingesetzt hat. Und wenn er in den vielen Netzwerken, zu Sitzungen oder Veranstaltungen unterwegs war, sprach der über seine Gesprächspartner immer liebevoll von den „üblich Verdächtigen“. Manchmal wurde sich gleich mehrmals täglich in der gleichen Konstellation nur zu unterschiedlichen Themen und Anlässen getroffen. Da hätte man doch auch Fahrgemeinschaften bilden oder gleich eine WG aufmachen können, so schon mal eine seiner Randbemerkungen.

Viele Schritte eines großartigen Kollegen durfte und konnte ich aus der Nähe mitverfolgen. Unsere erste gemeinsame Zeit war für mich jedoch schon etwas schwierig und ich hätte fast die Zelte abgebrochen. Musste mich halt erst an seine - sagen wir mal - spezielle Art von Humor und Umgangsweise gewöhnen. Aber ich bin geblieben.

Und nun wird es im Bonner Gewerkschaftshaus ab heute einen „Gottfried Schmitz-Saal“ geben und wir stehen mitten drin. Als die Überlegung der Namensgebung verbunden mit der Anfrage, ob ich denn die Laudatio halten würde an mich herangetragen wurde hatte ich gleich viele Bilder im Kopf. Und die ersten Bilder waren natürlich welche von diesen Neujahrsempfängen und ich freue mich, dass ich heute noch einmal selbst hier an diesem Pult stehen kann und stehen darf. Das hat mir in meinen Bonner Jahren immer viel bedeutet. Es war eine wertvolle, eine ereignisreiche, eine beziehungsreiche (gemeint sind hier die vielen Netzwerke), es war eine lehrreiche und erfolgreiche Zeit. Ich hab mich wohlgefühlt und es ist schön wieder einmal hier zu sein.

Es geht heute jedoch nicht um den Laudator sondern um den Laureaten – dieses Wort kannte ich bisher noch gar nicht. Gottfried Schmitz ist in Werthoven aufgewachsen und dort in die katholische Volksschule gegangen und er musste als Kind schon jeden Juli zum heiligen Apollinaris nach Remagen pilgern. Das scheint sehr prägend gewesen zu sein. Als ich Gottfried kennenlernte hatte er jedoch mit Kirche und schon überhaupt mit der katholischen Kirche so gar nichts mehr am Hut. Und doch waren in seinen Reden immer diese Zitate aus dem alten und dem neuen Testament. Die Frage nach dem Warum hat mich dann beim Nachdenken und Schreiben dieser Worte nicht losgelassen. Kann es vielleicht etwas mit seinem Namen, den ihm seine Eltern gaben, zu tun haben, fragte ich mich.

Warum heißt Gottfried Gottfried und was bedeutet dieser Name? Ich fing an zu googlen. Fündig wurde ich beim Geburtsdatum – 13. Januar, welches gleichzeitig der Namenstag von Gottfried ist. Aha, die erste Erklärung. Früher gab man den Kindern schon mal ihre Namen anhand des Namenstages der auf den Geburtstag fiel. Zweite Erklärung: Das Datum 13. Januar geht auf den Todestag des westfälischen Grafen und Heiligen Gottfried von Cappenberg zurück. Dieser Gottfried wandelte, nachdem ihn die Predigten des Norbert von Xanten so sehr begeistert und aufgerüttelt hatten, sein Schloss in ein Kloster um und trat dort selbst als Mönch ein. (Das war bereits im elften Jahrhundert.) Und - der Name Gottfried bedeutet: Gottes Schutz, göttlicher Friede. Dritte Erklärung. Im Übrigen gehört der Nachname Schmitz zum rheinischen Landadel – das passt dann auch an dieser Stelle. Und da gab es noch den fränkischen Reichs-Ritter Gottfried – genannt Götz von Berlichingen. Dem wird ja so ein berühmtes Zitat zugesprochen. Da dachte ich mir, irgendwie fügt sich das ganz gut zusammen. Vielleicht bestand ja doch ein gewisser Kontakt „nach oben“ und das Ganze könnte auch ein wenig dem Thema Legendenbildung dienen.

Wobei Gottfried’s Erklärung zum Thema „Bibelsprüche“ ganz schlicht ausgefallen ist: Er habe vor Jahren mal eine dieser „Gideon-Bibeln“ geklaut, die immer in Hotelzimmern auf den Nachtkästen herumliegen. Aber egal, ob meine Erklärungsversuche in die richtige Richtung gehen, oder die seinige Version stimmt, viele haben die „unbeholfenen Ansprachen“ - wie er selbst stets über seine Worte zu sagen pflegte – mit den Vergleichen und Zitaten genossen und konnten sich das ein und andere Schmunzeln nicht ver-kneifen. Als gelernter Werkzeugmacher und auf dem zweiten Bildungsweg studierter Diplom-Volkswirt hat Gottfried Schmitz nie vergessen, wo er herkam und das die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von zentraler Bedeu-tung sind und man sich für diese einsetzen muss. Und das hat ebenfalls etwas mit seiner Biographie zu tun.

In den Neunzehnhundertfünfziger Jahren hatte sein Vater im Herbst oft Angst, dass die Fabrik, in der er arbeitete, ihn rausschmeißt. Das war damals so üblich, um das Weihnachtsgeld einzusparen. Er musste jedes Mal um die Weihnachtsgeschenke bangen. Möglicherweise hat sich schon damals ein bleibendes Gerechtigkeitsgefühl eingestellt. Sein Wunsch war es bereits als junger Mensch in der Gewerkschaftsbewegung zu arbeiten. Das ist ihm ja dann auch gelungen – und mit sehr viel Erfolg.

Übrigens, wir reden hier auch über einen begnadeten Musiker. Die wenigsten wussten oder wissen, dass Gottfried im ersten Leben in einer Band Gitarre gespielt hat. Er war auch als Liedermacher unterwegs. Ich erinnere mich an ein privates Ständchen aus Anlass des 25jährigen Dienstjubiläums und somit zu Ehren einer sehr liebenswerten Kollegin. Gottfried war u.a. Fan von Franz-Josef Degenhardt, Hannes Wader, Gerd Polt und der bayrischen Kultband „Biermösl Blosn“ und er mochte Leonard Cohen sehr gern – der hat dann auch mich inspiriert.

Wenn es wichtig war, war ein Gottfried Schmitz immer zur Stelle und hat sich mit Wort und Tat eingesetzt. Und er konnte manchmal auch sehr unbequem sein, hatte jedoch stets den richtigen Wertekompass in der Hand. Als engagierter Gewerkschafter standen für ihn Frieden, gesellschaftlicher Zusammenhalt, soziale Gerechtigkeit und der Kampf gegen Nationalismus und Rechtsextremismus stets im Vordergrund.

Am 10. Oktober 1981 fand auf der Bonner Hofgartenwiese mit über 300.000 Teilnehmern eine der größten Friedensdemo’s, gegen den Nato-Doppelbeschluss statt. Zuvor hatte der DGB-Bundesvorstand seinen Unterorganisationen verboten, zur Teilnahme an der Demonstration aufzurufen. In einem Interview gegenüber dem Bonner Generalanzeiger äußerte sich Gottfried damals wie folgt. “Ich treffe mich mit meinen Freunden und Kollegen am Sammelpunkt.“ Das nenne ich Haltung. Die ganze Aktion brachte ihm jedoch viel Ärger ein – ein Jahr später dann än-derte der DGB seine Position.

Gottfried hat auch eine Besetzung des Gewerkschaftshauses durch Bonner ÖTV-Frauen zugelassen. Das war 1991 anlässlich des damaligen Golfkrieges. Wie von anderen Gewerkschaftern gefordert kam es zu keiner Räumung, sondern zur friedlichen Aufgabe im Rahmen von Verhandlungen. Und - ohne Gottfried Schmitz würde hier nicht diese informative und interessante Ausstellung zur Bonner Gewerkschaftsgeschichte hängen.

Nach dem Bonn-Berlin-Umzugsbeschluss hat Gottfried Schmitz die regionalen Aktivitäten und Initiativen im Rahmen des Strukturwandels aktiv mitbegleitet und war ebenso am Aufbau der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg mit beteiligt. Der Erhalt des produzierenden Gewerbes in der Region war ihm immer eine wichtige Sache. Er sprach beständig vom Sprengel, der wirtschaftlich seit Jahrzehnten stark vom Dienstleistungsbereich geprägt sei – 2001 waren es bereits 70 Prozent. (Mitte 2017 liegt der Anteil der Beschäftigten im Dienstleistungssektor bereits bei 91,9 Prozent.). Bei jeder sich bietenden Gelegenheit machte Gottfried darauf aufmerksam, dass eine Wirtschaftsregion nicht ohne produzierenden Sektor auskommt. „Unser Wirtschaftsstandort muss auch ein Industriestandort bleiben.“, waren stets seine mahnenden Worte.

Gottfried hatte zu weilen seinen eigenen Humor, den andere manchmal ertragen mussten und er sprach schon mal davon, dass er in seiner Jugend und auch darüber hinaus ein „Störenfried“ war. So hat sich bei so mancher Gelegenheit und besonders in Sitzungsterminen sein Handy gemeldet. Damals konnte man sich bereits Musik als Klingelton auf die Geräte speichern. Und so kam es schon mal vor, dass mitten in Terminen plötzlich „Die Internati-onale“ laut und deutlich erklang. Ich war zwar nie selbst dabei, weil ich bereits im Vorfeld immer schon die Instruktionen bekam, wann ich zu welcher bestimmten Uhrzeit – sozusagen aus dem Back-Office heraus – seine Nummer zu wählen hatte. Das war also alles nie zufällig. An sowas hatte er seinen Spaß.

Auch machte er schon mal in Sitzungen, die ein oder andere Bemerkung, um etwas zur Erheiterung beizutragen. Ich hab das dann später übernommen. Und bin eigentlich ganz gut damit gefahren – zumindest hier im Rheinland. Im Sieger- und im Sauerland hat das bisher noch nicht so recht gefruchtet. Gottfried hat nie Ehrungen angenommen und er würde auch heute sicherlich keine Ehrung entgegennehmen. Aber diesem Festakt hier und jetzt kann er sich dann doch nicht entziehen. Sein Name wird nun sichtbar und in großen Lettern geschrieben für immer mit seiner Wirkungsstätte und besonders mit dem „großen Sitzungssaal“ im Bonner DGB-Haus – wie diese Räumlichkeit bisher genannt wurde – verbunden sein. Es gibt auch eine kleine Gedenktafel mit Foto. Man hätte auch gleich das ganze Haus nach ihm benennen können, denn es war seine Idee und seine Initiative dieses Gewerkschaftshaus zu bauen – beziehungsweise bauen zu lassen. Aber auf jeden Fall mit Aufzug und Tiefgarage. Auch hier heißt es der Legende nach: In Ermangelung von Parkplätzen am alten Gewerkschaftshaus am Hauptbahnhof brauchte man eine neue Bleibe.

Gottfried Schmitz war eine herausragende Persönlichkeit, ein Vollblutgewerkschafter, ein guter Zuhörer, ein Ratgeber, ein scharfer Analytiker - manchmal auch ein Zyniker, aber auch ein Mensch mit Herz und viel Humor. Er war ein begnadeter Redenschreiber und Redner – zuweilen mit scharfer Zunge, ein sehr, sehr kollegialer Kollege – der sich immer vor seine Mannschaft gestellt hat. Er war ein Liedermacher und Musiker, ein ausgesprochen guter Hobbykoch und für den einen und den anderen ein treuer Freund. Und sein Gedächtnis – man konnte fragen was man wollte, Zahlen und Daten waren immer sofort präsent. Er war eine anerkannte Persönlichkeit und konnte jedoch gelegentlich auch ein wenig nervig sein, mit seinen vielen Mails zu politischen und so manch anderen Themen, die er Nächten‘s an ausgewählte Gruppen-Mailverteiler versendete.

Ich bin mir sicher, dass er uns - von wo aus auch immer - jetzt zuschaut mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht, welches in sein lautes und markantes Lachen übergeht.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, ich habe mit den ersten Worten von Gottfried’s letzter Rede begonnen. Und ich möchte mit den letzten Worten aus dieser Rede anlässlich seiner Verabschiedung schließen: „Danke für die schönen Worte, lieber Ingo, die Du für mich gefunden hast! Würden meine Eltern noch leben und Dich gehört haben: Mein Vater hätte sich gefreut und meine Mutter hätte es geglaubt.“ Ich wünsche Ihnen und Euch eine gute und erfolgreiche Zeit. Bleiben Sie gesund, heiter und gelassen - aber auch neugierig auf das was uns das erste Jahr in einem neuen Jahrzehnt noch so alles zu bieten hat.

Glück Auf und Danke für Eure Aufmerksamkeit


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