Deutscher Gewerkschaftsbund

20.09.2008

Rede von Claudia Wörmann-Adam für die Kölner DGB Gewerkschaften am 20.09.08

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

„Wir stellen uns quer!“  ist das Motto dieses Tages. Unser 1. Erfolg ist, dass wir ! heute hier vor dem Dom stehen und nicht die, die sich fälschlicherweise „pro Köln“ nennen! „Wir stellen uns quer“ :unser Aufruf und das Engagement vieler Beteiligter hat bewirkt, dass heute in ganz Köln viele Menschen Flagge zeigen:

• gegen Rassismus
• gegen Ausgrenzung
• gegen die Verharmlosung des Holocaust
• für Toleranz
• für kulturellen und interreligiösen Dialog

Als wir uns das erste Mal im April zusammengesetzt haben, hätte sich
keiner von uns träumen lassen, welch breites Bündnis heute zusammenkommt:

•  über Partei- und
•  Religionsgrenzen hinweg,
•  Arbeitgeber und Gewerkschaften,
•  Künstlerinnen und Künstler,
•  Medienschaffende
•  der Kölner Sport
•  die Wissenschaft
•  und viele Bürgerinnen und Bürger

Dieser Tag geht in die Kölner Geschichte ein, wie das legendäre Arsch huh – Konzert vor 16 Jahren am Chlodwigplatz.  Ein solche breites Bündnis über alle Gesellschaftsschichten hinweg, hat es in Köln noch nie gegeben. Und das ist gut so. Im Alltag haben wir oft Differenzen. Aber heute und hoffentlich auch noch morgen und übermorgen verbindet uns: Das Eintreten für ein friedliches und respektvolles Miteinander aller in Köln lebenden Menschen. Das Eintreten für religiöse Toleranz, wie sie in der Allgemeinen Deklaration der Menschenrechte der Vereinten Nationen gefordert wird. Dazu gehört auch, dass alle Menschen das Recht haben, ihre Religion in würdigem Rahmen auszuüben. Dazu gehört auch, das Recht sich für eine andere oder gar keine Religion zu entscheiden.

Wir wollen heute gemeinsam ein Zeichen setzen, wenn wir sagen: „Wir stellen uns quer“! Wir kennen unsere Stadt und ihre über 2000 jährige Geschichte und wissen von den vielen Menschen aus unterschiedlichsten Ländern und mit unterschiedlichsten Religionen und Weltanschauungen, die unsere Stadt gegründet und geprägt haben und die Köln zu dem gemacht haben, was sie heute ist und wofür wir sie mögen.

Köln hat den Ruf, bunt, vielfältig und tolerant zu sein.  Dafür müssen wir was tun und deshalb sind wir hier! Denn wir wissen auch, dass Köln von 1933 bis 1945 eben nicht bunt, nicht vielfältig, nicht tolerant war. Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Behinderte, Obdachlose, Gewerkschafter, Sozialdemokraten, Kommunisten wurden  ausgegrenzt, diskriminiert, verfolgt, misshandelt und ermordet. Das soll und darf nie wieder geschehen!

Köln steht heute:

• für kirchliche
• und volkstümliche Feste
• für Karneval
• für Ringfest
• und Christopher Street Day,
• für Leben und Leben lassen.

Wir stehen für bunte Vielfalt  und gegen braune Einfalt! Wir wissen es zu schätzen, dass in Köln Menschen aus über 180 Nationen leben. Aus eben soviel Ländern kommen jedes Jahr 100.000/e Menschen nach Köln, die uns besuchen, die sich die Stadt ansehen, die unsern Dom und die Museen besuchen, die in den Läden einkaufen, die auf unseren Messen ausstellen oder sie besuchen und die hier ihre Geschäfte machen. Das freut uns und das soll so bleiben! Und wir freuen uns, dass wir heute Unterstützung bekommen von Menschen aus anderen Ländern,  und aus unseren Partnerstädten, die die gleiche Einstellung haben wie wir:

Herzlich willkommen! Welcome! Bienvenu! Benvenuto! Bienvenido! Welkom!

Wir respektieren, dass die Menschen die hier in Köln leben unterschiedliche Religionszugehörigkeiten haben. Mit uns leben Christinnen und Christen, protestantisch und katholisch, orthodox und freikirchlich, Buddhisten und Buddhistinnen, Jüdinnen und Juden,  Muslimas und Moslems, sunnitisch, schiitisch, allevitisch, Hindus, Sikhs, Bahai’s. Anhängerinnen und Anhänger von - so schätzt man  - 150 verschiedenen Religionen und ebenso auch Atheistinnen und Atheisten.

Für uns spielt es keine Rolle, ob, und wenn ja, welche Religionszugehörigkeit ein Mensch hat; maßgebend ist ausschließlich, was den jeweiligen Menschen ausmacht: sein Charakter! Mann oder Frau ist nicht extremistisch, oder terroristisch, weil er oder sie Moslem, Christ oder Jude ist, sondern weil er oder sie schlicht kriminell sind. Wir machen uns das Menschenbild von Martin Luther King zu eigen, der in seiner berühmten Rede sagte: „Ich habe einen Traum, dass meine vier Kinder in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt.“

Wir stehen quer: Für Toleranz und gegen Rassismus und deshalb stehen wir quer gegen „Pro Köln“ und  deren Anhänger und Sympathisanten und die von ihnen eingeladenen Gäste!

Wer sind die Gründer von „Pro Köln“? Markus Beisicht und Manfred Rouhs, die führenden Köpfe, haben eine lange rechtsextreme Vergangenheit: Ihr Weg führte sie von den „Jungen Nationaldemokraten“, der Jugendorganisation der NPD, über die sogenannten „Republikaner“ und der „Deutschen Liga für Volk und Heimat“ zur
Gründung von  „Pro Köln“. Nach außen gibt man sich bieder. Aber es ist bekannt, dass der Kontakt führender „Pro Köln“ Funktionäre zur NPD, zur DVU und zu neofaschistischen Kameradschaften weiterhin besteht und gepflegt wird.

Wir stehen quer: Gegen jede Form von Rechtsextremismus und Neofaschismus!

Bezeichnend ist wen sie eingeladen haben zu ihrem sogenannten „Anti-Islamisierungs-Kongress“. Aus Frankreich kommen Vertreter vom Front National und seiner Abspaltung MNR –Mouvement National Républicain- man hätte gern - Jean Marie Le Pen, für den der Holocaust nur „ein Detail in der Geschichte ist“ hier sprechen lassen; wir sind froh, dass er nicht kommt!

Und wir rufen seinen Anhängern zu: „Vous n’ etes pas bien venu à Cologne!“: Sie sind hier nicht willkommen! Wir stellen uns quer gegen Holocaust- Verharmlosung und Antisemitismus! Eingeladen wurde: Mario Borghezio von der „Lega Nord“; im Oktober 2005 zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er in Turin Zelte von Immigranten anzündete. Max Frisch’s Lehrstück vom Biedermann und den Brandstiftern – auf wen kann es mehr zutreffen? Und wir sagen: Signor Borghezio: lei è non benvenuto a Colonia! : Herr Borghezio, Sie sind in Köln nicht willkommen!

Die Lega Nord, und die ebenfalls eingeladene postfaschistische Alleanza Nazionale,  forderten z. B. im Stadtrat von Verona:  die Kastration von Schwulen und in einem Atemzug, dass sich Frauen nicht der Arbeitswelt zuwenden sollen, sondern dem Gebären, wie - so wörtlich - alle anderen Tiere auch!

Wir stellen uns quer: gegen die Diskriminierung von Menschen wegen deren sexueller Orientierung!

Wir stellen uns quer: gegen jede Diskriminierung und Bevormundung von Frauen!
Von wem und unter welchem Vorwand auch immer sie gefordert wird!

Ebenso sind eingeladen: der Vlaams Belang – aus Belgien, deren Vorgängerorganisation  Vlaams Blok wg. dauerhafter Anstachelung zur Spaltung der Bevölkerung und des Rassismus in Belgien rechtskräftig verurteilt wurde und die aus ihrer Sympathie für die Nazis noch nie einen Hehl machten.

Eingeladen sind die Mitglieder der extrem rechten, rassistischen und faschistischen
British National Party BNP; sowie Vertreter, der als rechtspopulistisch und Holocaust-verharmlosend sattsam bekannten FPÖ aus Österreich.

Ihnen allen sagen wir: You’re not welcome! : Ihr seid hier unerwünscht!

Wir wissen in Europa aus leidvoller Erfahrung, dass auch große Religionen nicht davor gefeit sind, dass ihre Mitglieder zu Extremisten werden. Stellvertretend sei hier der jahrzehntelange Bürgerkrieg in Nordirland genannt, in dem Katholiken gegen Protestanten und Protestanten gegen Katholiken standen.

„Pro Köln“ sucht sich, wie das bei rechtsextremen und rechtspopulistischen Parteien üblich ist, „Sündenböcke“: Waren es früher pauschal „die Ausländer“ oder „die Asylanten“ sind es heute pauschal „die Moslems“, die als Problem bezeichnet und alle in eine extremistische und terroristische Ecke gedrängt werden.

Wir aber stellen uns quer: für religiöse Toleranz und gegen die pauschale Verunglimpfung hier mit uns friedlich lebender Menschen moslemischen Glaubens.

Wir fordern von den politisch und gesellschaftlich Verantwortlichen, von unseren gewählten Vertretungen im Stadtrat, Landtag und Bundestag:

  • sorgt dafür, dass der Nährboden für rechtsextreme Parteien entfällt:
  • nehmt die Sorgen und Ängste der Menschen ernst;
  • beteiligt sie, wo immer es möglich ist an politischen Entscheidungen;
  • lasst nicht zu, dass unsere Gesellschaft mehr und mehr aufgespalten wird in arm und reich,
  • sorgt dafür, dass Kindern aus sozial schwachen Schichten und aus
    Migrantenfamilien so gefördert werden, dass sie in unserer
    Gesellschaft wirklich ankommen:
  • dass sie Schulabschlüsse machen,
  • dass sie Lehrstellen finden,
  • dass sie studieren können

Das alles trägt dazu bei den Rechtsextremisten und –Populisten die Grundlage zu entziehen. Lasst den guten Reden endlich  und schnell Taten folgen!

Wir alle wollen eine solidarische Gesellschaft in der soziale und regionale Herkunft, Geschlecht, Behinderung, sexuelle Orientierung und Religion keine Rolle spielen! Seit kurzem müssen Ausländerinnen und Ausländer, die die deutsche Staatsbürgerschaft erwerben wollen einen Einbürgerungstest machen. Wir sehen das kritisch. Aber: Wenn die Mitglieder und Anhänger von „Pro Köln“ einen Einbürgerungstest machen müssten, um den Kölsch-Pass zu erwerben, würden sie die Prüfung nicht schaffen!Denn Artikel 1 des kölschen Grundgesetzes heißt:  „Jede Jeck ist anders“ – das zu respektieren und zu praktizieren ist Grundvoraussetzung für jeden echten Kölschen und jeden naturalisierten Imi der hier mit uns leben will!

Deshalb gibt es: deutsche, italienische und türkische Kölsche, jüdische, christliche, muslimische, buddhistische und atheistische Kölsche. Wir stehen quer!  Dafür, dass das so bleibt. Und benennen „Pro Köln“ um in „Kontra Köln“ oder „Anti Köln“!

Und ja, auch für uns ist der heutige Tag der Auftakt für den Kommunalwahlkampf
im kommenden Jahr: Lasst uns / lassen sie uns dieses Bündnis fortsetzen und noch erweitern über Partei- und Religionsgrenzen, über die Grenzen der Zugehörigkeit
zur Arbeitgeber- oder Arbeitnehmerseite hinweg – hin zu einem großem buntem Bündnis, dessen gemeinsames Ziel es ist, den Wiedereinzug von  „Pro Köln“ in den Kölner Stadtrat 2009 zu verhindern! Dazu können wir alle beitragen, in dem wir dafür werben, dass alle wirklich auch ihr Wahlrecht nutzen und wählen gehen!

Bei den letzten Wahlen haben in Köln weniger als die Hälfte aller Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Wenn zur nächsten Kommunal-Wahl der Anteil der Wählerinnen und Wähler genauso hoch ist wie bei den Bundestagswahlen, haben „Pro Köln“ und NPD keine Chance! Das ist unser Ziel für das wir gemeinsam kämpfen und einstehen sollten!

Und zum Abschluss für heute: Lasst uns/ lassen Sie uns gleich gemeinsam  eine große undurchdringliche Menschenkette bilden, die den Heumarkt umschließt und ein Eindringen von „Pro Köln“ verhindert, mindestens aber erschwert!

Wir lassen uns nicht provozieren: Wir singen, demonstrieren, tanzen, stehen und sitzen gemeinsam und friedlich gegen „Pro Köln“ und seine Gäste.

Lassen Sie uns / lasst uns friedlichen Widerstand üben bis hin zu zivilem Ungehorsam, wie es uns unser großer humanistischer Kölner Dichter, Heinrich Böll, vorgelebt hat! Er wär’ dabei das ist sicher!

Wir stellen uns quer!
Arsch huh! Zäng ussenander!


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Dieser Artikel gehört zum Dossier:

Köln stellt sich quer 2008

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