Deutscher Gewerkschaftsbund

12.11.2010

Literaturhinweis: Karl Küpper - Ein kritischer Kölner Karnevalist

Nach eineinhalbjähriger Forschungsarbeit ist dieses Buch über Karl Küpper entstanden, der als einziger Kölner Karnevalist in der NS-Zeit die Nazis verhöhnte, den Hitlergruß lächerlich machte und über NS-Organisationen sowie NS-Größen herzog.

In sechs Zeitabschnitten läßt der Autor das Leben Karl Küppers von 1905 bis 1970 Revue passieren: Kindheit und Jugend / Erste Auftritte / Die NS-Zeit / Erste Nachkriegsjahre / Die 1950er Jahre / Die 1960er Jahre.

Es folgen im Anhang 13 Texte von Karl Küpper, neun Reden, drei Gedichte und ein Lied, darunter die Rede „Der Filmstar“ wegen der 1939 ein lebenslanges Redeverbot gegen ihn verhängt wurde. Beschlossen wird das mit 65 Bildern illustrierte Buch mit einer Auflistung von 61 Texten von Karl Küpper – Reden, Lieder, Gedichte, Zeitungsartikel – mit Quellenangaben. Bei zwei Texten ist aus Tageszeitungsberichten bekannt, dass sie vorgetragen wurden, die Texte selbst sind jedoch nicht mehr auffindbar.

Küpper

Karl Küpper hat die alte Tradition des Karnevals wieder aufleben lassen, sich zeitweise von Konvention, Moral und der Herrschaft zu lösen, indem man über sie herzog. Diese Tradition war in der Franzosenzeit, in der preußischen Zeit und der Weimarer Republim in Köln immer mehr verloren gegangen. Dies hing auch damit zusammen, dass die bestimmenden Kräfte, die Meinungsführer des Karnevals aus dem Bürgertum und dabei hauptsächlich aus dem Besitz- und Bildungsbürgertum kamen.

Mit seinen politischen Reden – die erste stammt schon aus dem Jahre 1931 – musste Karl Küpper zwangsweise in der Nazi-Zeit anecken. Er war der einzige Kölner Büttenredner, der die Nazis lächerlich machte. Alle anderen passten sich an oder transportierten zu großen Teilen die NS-Ideologie. So gab es in allen Rosenmontagszügen von 1934 bis 1939 – im Krieg ging kein Rosenmontagszug – antisemitische Wagen der Karnevalsgesellschaften, oft ergänzt durch antisemitische Fußgruppen.

Seit 1935 enthielten die Sitzungen antisemitische Reden renommierter Kölner Karnevalisten, so 1935 Aloys Hoegen (Juden sind eine „Plage“), Toni Ebeler(er nannte den russischen Botschafter, ein Jude,  Litwinow-Finkelstein „Liwinow-Pinkelstein“, den ein „deutscher Schäferhund anpinkelte“), Jean Schlösser („haben se den Juden .. mit dem Vorschlaghammer .. de Finstere geputz“, für die Reichspogromnacht), Jean Schmitz („der mieseste Stern ist der Davidstern“) und Toni Brecher redete 1940 von „jüdischen Halunken und Schiebern“.

Auch andere Positionen der Nationalsozialisten fanden sich zu Hauf in den Büttenreden: Volk ohne Raum / Werbung für das Winterhilfswerk (WHW) /  Forderung nach Kolonien / Verächtlichmachung des Völkerbundes.

Auch Karl Küpper war nicht ganz frei davon, so gibt es in einer Rede einen antisemitischen Kalauer und den Völkerbund machte er auch lächerlich.
Es überwogen aber die NS-kritischen bzw. lächerlich machenden Passagen. Zudem kritisierte er in seiner Rede die deutschen und italienischen Faschisten indem er sie „lumpazi vagabundis faschista“ nennt.

„Der Filmstar“ (1938 und 1939): In dieser Rede verspottete Karl Küpper die Sammelwut der Nazis und den Zwang, Abzeichen des Winterhilfswerks (WHW) zu kaufen: „Auf einmal war die Straß wie leergefegt. Alles war weg. Auf de Bäum ware se geklettert. In de Kellerlöcher erein. E paar verübten Selbstmord. Un ganz langsam mitten auf d´r Straß kam ene Mann un wollt m´r en Abzeichen verkaufen.“ Er übte auch Kritik an Hermann Göring, dem „dicken Hermann“, … nit mit dem Gewehr, nein mit dem Boge, nit im Teutoburger Land, nein in der Schorfheimer Heide.“ Damit nahm er Bezug auf den Posten Görings als Reichsforst- und Reichsjägermeister und als Gutsbesitzer in der Schorfheide, wo er in seinem Landsitz „Carinhall“ ein 60.000 Hektar großes Waldgebiet besaß. Er gab sogar noch einen Hinweis auf seine Verhaftung: „Ich ben jo froh dat ich hier setze. Et is m´r ja schließlich egal wo ich sitze. Aber m´r muß doch e bisge vorsichtig sein.“ Außerdem macht er sich über die verbotene Kritik am Führer lustig: „Einer von uns hat vorige Woche eso miserabel d´r König Heinrich gesunge, dä habe se wege Majestätsbeleidigung angezeig. Dat kann mir ja nich passiere. Ich singe jo kein Partie von Könige. Ich singe nor noch: SOS – Schweig oder sitz!“

Dies letzte Rede führte zu einem lebenslangen Redeverbot. Als er diese am 12. Januar 1939 im Börsensaal hielt, wusste er, dass er dran war. Die ersten drei Reihen waren mit NS-Uniformträgern besetzt. Er setzte dann noch einen drauf.
In der Börse erzählte er, dass er einmal in einem Hotel war, wo ein Engländer und er an der Rezeption dem Portier mitteilten, dass sie am nächsten Morgen geweckt werden wollten. Die Namen hatte der Portier am nächsten Morgen vergessen. Da stellte er sich ins Treppenhaus und schrie: „Deutschland erwache!“ Das war zuviel, da bekam er das Verbot. Dabei muss man wissen, dass der Ruf „Deutschland erwache!“ die Überschrift eines Gedichtes von Kurt Tucholsky ist, der darin schon 1930 vor den Nazis warnte.

Am nächsten Tag überbrachten ihm zwei Gestapobeamte den schriftlichen Bescheid über das gegen ihn verhängte lebenslange Redeverbot. Außerdem wurde gegen ihn nun ein Gerichtsverfahren am Sondergericht Köln eingeleitet. Am 22. August 1939 wurde er durch das Sondergericht Köln, Claudiusstraße 1, nach § 2 des Heimtückegesetzes wegen folgender angeblicher Verfehlungen verurteilt: Verächtlichmachung:
1. Des „Deutschen Grußes“,
2. der Person Görings,
3. der Person Leys durch Nachäffen seiner heiseren Stimme,
4. der Achse Rom–Berlin,
5. von Kriegseinrichtungen und
6. des Winterhilfswerks.

Insbesondere im letzten Punkt wurde auf die „Abessinienrede“ verwiesen, in der Karl Küpper auf die Verschwendung von Wohlfahrtsgeldern für Parteizwecke und private Vergnügungen eingegangen war. Karl Küpper wurde zu lebenslangem Redeverbot verurteilt. Er durfte nach dem Urteil nie mehr öffentlich auftreten. Außerdem musste er sich täglich morgens in der Gestapo-Zentrale Köln im EL-DE-Haus melden.

Auch nach 1945 blieb Karl Küpper politisch. Dabei teilte er gegen Rechts und gegen Links aus. Dies missfiel den Karnevalsoberen in Köln. Am 1. Januar 1952 kam es zum Eklat. Auf der traditionellen Herrensitzung der Lyskirchener Junge im Sartory-Festsaal trug er seine Rede „D´r verdötschte Funk-Reporter“ vor. Er begann sie – wie vor 1939 – mit dem Hitlergruß: „Et eß ald widder am rähne!“ Dies war ein deutlicher Hinweis auf die Gefahr, dass durch die Rückkehr der alten Eliten und deren Einflussnahme auf die Inhalte der Karnevalsreden die Zustände jener Zeit wiederaufleben könnten. In dieser Rede machte er die hohen Wiedergutmachungsanträge insbesondere der Vertriebenen lächerlich: „Der Verein ehemaliger Großagrarier und Rittergutbesitzer hat sich hier in Köln niedergelassen […] Schade. Dass sie hier nicht allein sind. Et sinn noch zovil Kölsche do.“ Er kritisierte auch die britische Besatzungspolitik, außerdem verspottete er König Faruk und die Sperrung des Suezkanals. Die Bauern und ihre Ablieferungen von Lebensmitteln sowie die mangelnde Kohlenversorgung waren weitere Themen, die er satirisch verarbeitete. Das war zuviel Politik in seiner Rede. Bürgermeister Robert Görlinger und mehrere Stadtverordnete verließen empört die Sitzung, da „führende Politiker des In- und Auslandes“ herabgewürdigt worden seien. Dadurch habe Küpper der jungen Demokratie geschadet. Es wurde eine Sondersitzung des Bürgerausschusses Kölner Karneval einberufen. Schon am 4. Januar 1952 hatte die Mitgliederversammlung des Festausschusses Kölner Karneval getagt. Dort teilte der Vorsitzende Bodde mit, „daß gegen die am Neujahrstag erfolgten Reden Küppers und Simons von Seiten der Stadtvertretung und Stadtverwaltung Einspruch erhoben wird und daß von Seiten des Festausschusses nicht geduldet werden darf, führende Politiker und Staatsmänner in Karnevalsreden zu verunglimpfen. Bodde bittet vorläufig, von einer Verpflichtung der Vorgenannten für Sitzungen Abstand zu nehmen,“ so die Niederschrift über die Mitgliederversammlung am 4. Januar. Immer wieder erinnerte Küpper seine Zuhörer an die NS-Zeit. Das verbaute ihm auch den Weg ins Fernsehen. Man hatte ihm Fernsehauftritte in Aussicht gestellt, aber nur, wenn er die Politik aus dem Spiel lassen würde. Das wollte er nicht. Das berührte sein Selbstverständnis als Karnevalist. In der Zeit des Nationalsozialismus hatte er trotz Androhung von Gewalt die Politik – insbesondere die Kritik an den Herrschenden – nicht aus seinen Reden entfernt. Umso weniger war er jetzt bereit, diesem Ansinnen nachzukommen. Es ging sogar so weit, dass aus aufgezeichneten Reden Karl Küppers für spätere Radiosendungen politische Passagen einfach herausgestrichen wurden.

Karl Küpper war kein Widerstandkämpfer, so sah er sich selbst auch nicht. Aber er nutzte die ihm zustehende „Narrenfreiheit“ bis an die Grenze. Seine Texte waren oft verdreht, fast kafkaesk mit einem Wortwitz und Wortspielereien, die an Karl Valentin erinnern. Er hat wie Werner Finck gezeigt, dass es möglich ist, auch in schwierigen Zeiten bei seiner Grundeinstellung zu bleiben ohne sich anzupassen. Zu Recht wird er heute im gleichen Atemzug wie der große Kabarettist genannt. Bis heute haben weder die Kölner Karnevalsoberen noch die Stadt Köln diesen aufrechten Karnevalisten und sein Verhalten in der NS-Zeit gewürdigt. Noch nicht einmal eine Straße erinnert an ihn. Dies ist ein Armutszeugnis für seine Vaterstadt, die sich ansonsten vieler Traditionen rühmt.

(Anmerkung: Der Text stammt vom Autor des Buches, Fritz Bilz)


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Literaturhinweise zur Gewerkschafts- und Sozialgeschichte in der Region Köln-Bonn

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