Deutscher Gewerkschaftsbund

03.05.2019

Bernd Weede: Warum wir hier stehen

Rede gehalten anlässlich der Demonstration von Bonn stellt sich Quer am 03.05.2019.

+++ Es gilt das gesprochene Wort +++

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Liebe Freundinnen und Freunde,

ich bedanke mich herzlich, hier heute als Vertreter der Gewerkschaften reden zu können. Ich freue mich auch deshalb, weil ich hier viele Menschen wiedertreffe, die noch vorgestern auf der Demonstration und Kundgebung zum ersten Mai anwesend waren. Das großartige daran ist, dass uns die Zeiten offensichtlich wieder näher zusammenbringen. Wir finden uns gleichberechtigt wieder in Bündnissen für soziale Gerechtigkeit, Frieden und einem klaren Bekenntnis gegen jede Form von Rassismus, Sexismus und Ausgrenzung oder einfach in einem klaren Bekenntnis gegen rechts.

Und das freut mich um so sehr, weil diese Annäherung unsere einzige Chance ist, diese Welt besser zu machen und vor Schlimmerem zu bewahren.

Wir sind hier nicht zusammengekommen, weil uns Demonstrationen und Protest Spaß machen. Das wäre zu billig und dazu ist mir meine Zeit auch zu schade. Wir sind zusammengekommen, weil wir ein erhebliches Störgefühl haben, wenn sich eine rechtspopulistische, menschenfeindliche und im Kern völkische Partei im Herzen von Bonn in einer Einrichtung der Volksbildung trifft.

Die Volkshochschulen sind ein Kind der Arbeiterbewegung. Geboren aus dem Gedanken, dass dem Elend der Massen durch Bildung entgegengewirkt werden muss. Und wenn ich Arbeiterbewegung sage, dann meine ich das ganz im Geiste der Einheitsgewerkschaften. Es geht um die soziale Bewegung, in der sich sowohl christliche als auch bürgerliche, kommunistische und sozialdemokratische Kräfte engagiert haben. Es waren Menschen, die von dem Willen beflügelt waren, den Menschen, die diese Welt auf- und bebauen, Stimme, Würde und Gewicht zu verleihen.

Zu oft hat diese Bewegung den Fehler gemacht, sich von ideologischen Fragen entzweien zu lassen. Als ich neulich bei einer Recherche die Wahlergebnisse der Reichstagswahlen von 1930 angesehen habe, war ich erstaunt, wie ähnlich sie den Ergebnissen von 2018 sind. Und drei Jahre später, 1933 wurde die NSDAP als stärkste Partei GEWÄHLT! Sie wurde nicht an die Macht geputscht, sie wurde gewählt. Insofern war es keine Katastrophe, kein Schicksal, kein Unfall, dass Deutschland getroffen hat. Es war der mehrheitliche Wille der Wählerschaft und die Schwäche derer, die sich dagegengestemmt haben.

Am 2. Mai 1933, kein halbes Jahr später, stürmten die braunen Horden die Gewerkschaftshäuser.

Am 3. Mai wurde die Arbeiterwohlfahrt zerschlagen. Am 10. Mai brannten die Bücher im ganzen Reich, auch hier um die Ecke auf dem Bonner Marktplatz. Fünf Jahre später brannten die Synagogen und Geschäfte jüdischer Mitbürger, auch hier in Bonn, und bald darauf mordete man die Menschen. Auch hier aus Bonn wurden Menschen deportiert. Zahlreiche Mahntafeln und Stolpersteine erinnern daran.

Als die einzelnen Teile der Sozialen- und Arbeiterbewegung 1945 aus den Konzentrationslagern befreit wurden, da war allen klar: Nie wieder Faschismus – Nie wieder Krieg.

Und heute, 2019, stehen wir wieder hier und müssen uns mit einer Partei auseinandersetzen, die Menschen gegen Menschen ausspielt. Eine Partei, die sich gegen Eliten wehrt und doch selbst nicht elitärer sein könnte.

Da fallen mir dann wieder die Worte von Bert Brecht in seinem Theaterstück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui „ein:

„Ihr aber lernet, wie man sieht statt stiert
Und handelt, statt zu reden noch und noch.
So was hätt einmal fast die Welt regiert!
Die Völker wurden seiner Herr, jedoch
Daß keiner uns zu früh da triumphiert –
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Und dieser Schoß streckt sich gerade wieder empfängnisbereit den sogenannten Protestwählern, Politikverdrossenen und Unzufriedenen entgegen, denen, die Angst vor einem sozialen Abstieg haben und denen, die glauben, sie seien besser oder mehr wert als andere. Und deswegen ist es unerträglich, dass sich diese Partei heute hier im Haus der Bildung trifft.

Eine Partei, die Rassisten in ihren Reihen duldet ... nicht als Einzelfälle, sondern vielfach und in führenden Positionen. Eine Partei, die sich gerne als Opfer darstellt ... aber zum Teil an die Rhetorik der Täter in der NS-Zeit erinnert. Eine Partei, die kritische Medien pauschal als „Lügenpresse“ tituliert, aber Fake News, Vorurteilen, Vermutungen und Verdächtigungen hemmungslos in die Welt setzt und damit das politische Klima vergiftet. Eine Partei, die sich gerne als „Saubermann“ darstellt, aber durch illegale Spenden und verdeckte Finanzierungen auffällt.

Eine demokratische Partei, die sich hier Verantwortung für das Gemeinwesen bewusst ist, sieht anders aus!

Und darum liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Mitstreiter*innen ist es gut, dass wir heute hier zusammen sind. Wir werden es nicht verhindern können, dass die sich da drinnen zusammenrotten. Wir können aber denen und der Welt zeigen, dass unsere Demokratie - anders als die Weimarer Republik - wachsam und wehrhaft ist.

Lasst uns nicht nur zusammen protestieren, sondern auch gemeinsam die Ursachen von Rechtsextremismus und Nationalismus bekämpfen.

Reden wir mehr darüber, wie wir der zunehmenden sozialen Spaltung begegnen können.

Reden wir darüber, was wir der Entsolidarisierung entgegensetzen müssen.

Reden wir darüber, was jeder im Kampf gegen den alltäglichen Rassismus, den alltäglichen Sexismus, und das ewige: “Ich bin ja kein..., aber...” machen kann.

Demokratie ist kein Selbstläufer. Sie muss jeden Tag verteidigt werden. Heute hier vor dem Haus der Bildung, morgen am Stammtisch, im Verein, bei der Arbeit ... und am 26. Mai bei der Europa-Wahl.

Glück auf!


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