Deutscher Gewerkschaftsbund

03.09.2019

Nachgefragt: Eva-Maria Zimmermann stellt sich vor.

"Lasst uns alle gemeinsam nach vorne kämpfen und zeigen, wie lebendig und aktiv Gewerkschaft sein kann!"

 

Seit dem 1. Juli 2019 ist Eva-Maria Zimmermann (37) Geschäftsführerin des GEW-Stadtverbandes Köln. Die Diplom-Mathematikerin und Musikerin übernimmt die Aufgabe von Angela Bankert, die sich Ende September nach 5 Jahren erfolgreicher Arbeit als Geschäftsführerin in den (Un-)Ruhestand verabschiedet. Vor ihrem Wechsel zur GEW hat sich Eva-Maria Zimmermann besonders für die Arbeitsbedingungen der freiberuflichen Dozent*innen an der Rheinischen Musikschule (RMS) Köln engagiert.

 

Eva-Maria Zimmermann

Eva-Maria Zimmermann

 

Frage: Eva, was hat Dich bewogen, Mitglied in einer Gewerkschaft zu werden?

Eva-Maria Zimmermann: Obwohl ich von Hause aus gar nicht gewerkschaftlich sozialisiert wurde, habe ich ein hohes Unrechtsbewusstsein entwickelt, was Ungerechtigkeiten in der Arbeitswelt angeht. An vielen Stellen habe ich persönlich oder in meinem Umfeld erfahren, welch gravierende Auswirkungen die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes für viele Beschäftigte mit sich gebracht hat. So war es auch an der RMS Köln, an der ich jahrelang – wie 67,5% meiner damaligen Kolleg*innen – als Honorarkraft beschäftigt war, mit aller Unsicherheit, die das bedeutet. Während derartige Arbeitsverhältnisse ursprünglich dazu gedacht waren, Auftragsspitzen abzuarbeiten oder zeitlich begrenzte Projekte zu stemmen, wird damit heutzutage zunehmend der laufende Betrieb aufrechterhalten. Von immer mehr Arbeitgeber*innen werden sie gezielt dazu genutzt, Lohnkosten zu senken, sich tarifvertraglichen Regelungen zu entziehen und die Beschäftigten an innerbetrieblicher Mitbestimmung zu hindern. Dass selbst Kommunen, die als öffentliche Hand eigentlich einen Vorbildcharakter haben sollten, eine derartige Tarifflucht begehen und ihre Haushalte auf Kosten von Beschäftigten sanieren, fand ich dermaßen dreist, dass ich nicht länger tatenlos zusehen konnte. Zusammen mit meinen Kolleg*innen bin ich dann in die Gewerkschaft eingetreten, was für uns wie ein Licht am Ende des Tunnels war: Auf einmal wich die Hilflosigkeit der Vereinzelung der unglaublichen Kraft der Solidarität – und das ist für mich Gewerkschaft.

Frage: An welche Momente erinnerst Du Dich besonders gerne, wenn Du an Deine bisherige Gewerkschaftsarbeit denkst?

Eva-Maria Zimmermann: Als Sprecherin des Forums für Honorarkräfte der RMS Köln habe ich zusammen mit meinen Kolleg*innen und den Gewerkschaften GEW und ver.di einen engagierten Arbeitskampf geführt. Es war ein unglaubliches Gefühl, nach über eineinhalb Jahren hartnäckiger und enorm zeitaufwendiger ehrenamtlicher Arbeit die Früchte all dessen zu sehen: Wir haben 19 neue TVöD Stellen sowie eine Honorarerhöhung der im Honorarverhältnis verbleibenden Lehrkräfte um 40% erkämpft. Wenn man sich jahrelang völlig machtlos gefühlt hat, sind solche Verbesserungen, die selbst die Musikschulleitung als „historisch“ bezeichnet hat, enorm bewegend. Besonders gefreut hat mich, als Kolleg*innen, die zu Beginn teils sehr skeptisch waren, ob wir einen solchen Arbeitskampf wagen sollten, voller Motivation bekräftigt haben, dies sei jetzt alles nur der erste Schritt gewesen und jetzt müsse es weitergehen. Dass sich die Freude an Gewerkschaftsarbeit in unserem Team so ausgebreitet hat und mittlerweile sogar schon auf Landesebene weitergeht, hat mich riesig gefreut.

 

Frage: Was hat Dich bewogen, Deine Arbeit als Dozentin bei der RMS Köln aufzugeben und bei der GEW anzufangen?

Eva-Maria Zimmermann: Während unseres Arbeitskampfes habe ich gesehen, welch großen Mehrwert Gewerkschaft bietet und wie wichtig dafür auch engagierte hauptamtliche Unterstützung ist. So ist in mir der entschlossene Wunsch herangereift, in einer Gewerkschaft arbeiten zu wollen und Beschäftigte tatkräftig in ihren Kämpfen und Anliegen zu unterstützen. Anknüpfungspunkte an Bildungsbereiche habe ich mehrere: Ob als wissenschaftliche Hilfskraft während meiner Studien, als Lehrbeauftragte an einer Hochschule, als Mathematiklehrerin am Köln Kolleg sowie einer Realschule Plus, als Kooperationskoordinatorin eines Projekts der Musikschule mit einer Gesamtschule oder in der Zusammenarbeit mit den Dozent*innen der VHS während unseres Arbeitskampfes - ich hatte aus unterschiedlichen Richtungen Einblicke in verschiedene Bildungsbereiche und habe gesehen, dass da einiges im Argen liegt. Ich finde es ein unerträgliches Armutszeugnis, wenn an Bildung gespart wird und Finanzierungslücken auf dem Rücken von Beschäftigten gestopft werden. Sowas macht mich enorm wütend, und in der GEW kann ich zusammen mit all unseren Aktiven entschieden dagegen ankämpfen. Auch den gesellschaftspolitischen Auftrag von Gewerkschaften finde ich sehr wichtig und freue mich sehr zu sehen, dass sich die GEW dabei so lebendig einbringt.

So sehr ich auch Musikschullehrerin aus Leib und Seele war, so sehr haben mich die vielfältigen und abwechslungsreichen Aufgaben als geschäftsführende Gewerkschaftssekretärin der GEW gereizt. Nach den ersten zwei Monaten kann ich sagen, dass es eine sehr gute Entscheidung war, ich fühle mich hier sehr wohl und die Arbeit macht große Freude.

Frage: Was sind aus Deiner Sicht die nächsten Herausforderungen, denen sich die GEW stellen muss?

Eva-Maria Zimmermann: Es wurmt mich immer, wenn man über uns sagt, wir seien die „Lehrergewerkschaft“ – ja, historisch gesehen ist das der Bereich, aus dem die GEW entstanden ist und natürlich organisieren wir viele Lehrer*innen. Aber unser Aufgabenbereich geht deutlich darüber hinaus und umfasst alle Bildungsbereiche von KiTas über Schulen, von Hochschulen bis zur Weiterbildung. Wir sind die Bildungsgewerkschaft und wir sollten daran arbeiten, dass wir immer mehr als ebendiese gesehen werden mit allem, was dazu gehört. In diesem Sinne stehen wir vor der Herausforderung, in all diesen Bildungsbereichen als gestaltende, aktive Kraft aufzutreten.

Im Schulbereich sehe ich eine große Chance darin, die Vertrauensleutearbeit zu stärken, da diese als Multiplikator*innen das A und O der Mitgliedergewinnung, -aktivierung und –bindung darstellen. Auf diese Weise können wir auch einen guten Personalratswahlkampf 2020 bestreiten. Im Offenen Ganztag ist es unser Ziel, die bisher so gut wie nicht vorhandene Tarifbindung deutlich zu erhöhen sowie Qualitätsstandards durchzusetzen. Obwohl es diesen seit mittlerweile 15 Jahren gibt, wird er innerhalb des Schulsystems grob vernachlässigt, was finanzielle, räumliche und personelle Ausstattung betrifft, und die Beschäftigten tragen die Folgen der fehlenden Verantwortung seitens der Länder und Kommunen. Darüber hinaus wollen wir die Sozial- und Erziehungsberufe aufwerten, unter anderem auch in der Tarifrunde kommendes Jahr, wo wir zusammen mit ver.di versuchen werden, einen guten Abschluss zu erzielen. Die prekäre Beschäftigung im Weiterbildungssektor muss ein Ende haben, ebenso im Bereich der Forschung und Lehre an Hochschulen, wo sich derzeit rund 90% der Mitarbeiter*innen von Befristung zu Befristung hangeln. Ganz konkret unterstützen wir derzeit das Bündnis gegen die Kürzungen an der Uni Köln und wollen zusammen mit Beschäftigten und Studierenden für eine ausreichende Grundfinanzierung seitens des Landes kämpfen.

Frage: Gibt es irgendetwas, was Du besonders als Geschäftsführerin der GEW erreichen möchtest?

Eva-Maria Zimmermann: Da ich gerade selbst aus einem aktiven Arbeitskampf komme, bin ich noch ganz nah dran an denjenigen, die wir organisieren wollen und weiß noch sehr genau wie es sich anfühlt, unzufrieden zu sein und keine Perspektive zu sehen. Dies möchte ich dazu nutzen, glaubwürdig und authentisch für Gewerkschaftsarbeit zu werben. In diesem Sinne wünsche ich mir, dass es mir zusammen mit unseren engagierten Ehrenamtler*innen gelingt, den Menschen die unglaubliche Kraft der Solidarität wieder erfahrbar zu machen, ihnen Lust auf Gewerkschaft zu machen und dass sie daraus den Mut schöpfen, entschlossen für ihre Belange zu kämpfen.

Auf eine Sache, der sich meiner Ansicht nach alle Gewerkschaften stellen müssen, möchte ich dabei einen besonderen Fokus setzen: Ich finde, wir brauchen eine Nachwuchsoffensive. Gerade Leute meiner Generation oder noch jünger haben Gewerkschaft nicht mehr so auf dem Schirm und haben teilweise kein so großes Vertrauen mehr in Gewerkschaften wie dies in älteren Generationen einmal der Fall war. Da die Unzufriedenheit mit der Beschäftigungssituation und den Arbeitsbedingungen aber nicht geringer ist als früher, gibt es da jede Menge unausgeschöpftes Organisierungspotential. Daher sollte man unbedingt überlegen, wie man all diese jungen Leute heute erreichen kann. Neben attraktiven Mitmachangeboten, einer basisdemokratischen und transparenten Grundstruktur sowie guten Tarifabschlüssen sollten wir uns trauen, kreative, interaktive Formate zu entwickeln, mit denen man gezielt auch junge Leute aktivieren kann.

Zur Mitgliedergewinnung und -aktivierung möchte ich meine Erfahrungen aus meiner Ausbildung zur Organizerin einbringen und diesen Ansatz hier in der GEW weiter ausbauen. Organizing setzt auf Selbstermächtigung statt auf Stellvertreterpolitik und dient dazu Menschen zu aktivieren für ihre Belange wirkungsmächtig einzustehen – also genau das, was eine lebendige, aktive Gewerkschaft ausmacht. Mithilfe dieses Ansatzes ist es möglich, dass auch Menschen, die es gar nicht gewohnt sind sich zu engagieren und daher oft hilflos und alleine mit ihrem Unmut sind, im wahrsten Sinne des Wortes ein gewerkschaftliches „Selbst-Bewusstsein“ und eine neue, kämpferische Stärke entwickeln.

Besonders wichtig ist mir auch eine gute und sich gegenseitig inspirierende Zusammenarbeit mit anderen Gewerkschaften. In diesem Sinne freue ich mich sehr auf unsere gemeinsame Arbeit im DGB. Lasst uns alle gemeinsam nach vorne kämpfen und zeigen, wie lebendig und aktiv Gewerkschaft sein kann!

 

Wir danken Dir für das Interview und wünschen Dir viel Erfolg für Deine neue Aufgabe. 


 

Hinweis: In der Reihe „Nachgefragt“ veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen ausführliche Stellungnahmen und Positionen von gewerkschaftlichen Experten/innen aus der Region Köln-Bonn. „Nachgefragt“ bietet nicht nur ausführliche Hintergrundinformationen, sondern spiegelt immer auch die persönliche Sichtweise der jeweiligen Experten/innen wieder. Die Texte können für Medienberichterstattungen genutzt werden.

Weitere Veröffentlichungen aus der Reihe „Nachgefragt“ finden Sie auf unserer Internetseite www.koeln-bonn.dgb.de. Dort können Sie „Nachgefragt“ auch als RSS-Feed abonnieren.

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