Deutscher Gewerkschaftsbund

20.01.2011
DGB Region Köln-Bonn

Nachgefragt: 2011 - Eine Generation ist in Bewegung

Was macht die DGB- Jugend?

Interview mit Stephan Otten, Jugendbildungssekretär der DGB Region Köln-Bonn, über die Arbeit der Jugendorganisation des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

Frage: Welche Aufgaben hat die DGB-Jugend? Wie ist sie aufgebaut?

Stephan Otten:
Die DGB-Jugend ist eine Jugendorganisation, die sich um die Interessen junger Menschen im Zusammenhang mit Ausbildung, Praktikum und Job kümmert.  Als Interessenvertretung junger Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beantwortet die DGB-Jugend alle Fragen, die sich um das Thema Arbeit und Ausbildung drehen. Die DGB-Jugend setzt sich bei Unternehmen und in der Politik zum Beispiel dafür ein, dass es Ausbildungsplätze und Jobs für junge Menschen gibt. Ziel ist, dass diese unter fairen Bedingungen ablaufen und angemessen entlohnt werden. Als Dachverband vereint die DGB-Jugend alle jungen Gewerkschaftsmitglieder. Mitglied bei uns sind junge Menschen bis 27 Jahre aus den DGB-Gewerkschaften. Das sind zurzeit in der Region 16.000 junge Menschen mit steigender Tendenz. In den Gewerkschaften kann man in Projekt- und Aktionsgruppen aktiv werden. Auszubildende, Schülerinnen und Schüler, Studierende, Praktikantinnen und Praktikanten, junge Menschen, die arbeitslos sind - alle haben die Möglichkeit, Mitglied zu werden und sich an der Arbeit der Gewerkschaftsjugend zu beteiligen. Wir beziehen Stellung in gesellschaftspolitischen und sozialen Fragen und Problemen. Wir entwickeln politische Perspektiven und wirken bei der Gestaltung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Jugendlichen mit - die Interessen von SchülerInnen, Auszubildenden und StudentInnen immer fest im Blick. Partizipation, Demokratie und Mitbestimmung, darin sehen wir nicht nur unsere Grundsätze, sondern auch unsere Ziele. Zum Selbstverständnis der DGB-Jugend gehört, dass wir uns aktiv gegen jede Form von Rassismus, Nationalismus und Rechtsextremismus wenden.

Die Gewerkschaftsjugend kämpft für einen wirksamen Jugendarbeitsschutz. Dazu gehört auch, dass die Betroffenen ihre Rechte kennen und auf deren Einhaltung pochen.

Frage: Was bedeutet das Motto „ eine Generation ist in Bewegung“?

Stephan Otten: Eine Generation ist in Bewegung – das ist 2011 der Leitsatz für uns als Gewerkschaftsjugend. Wir wollen, dass sich Schülerinnen und Schüler, Azubis, Studierende, junge Beschäftigte aktiv beteiligen, mitreden und letztendlich auch mitbestimmen.

In den letzten Jahren haben wir uns bereits intensiv mit der Situation unserer Generation auseinandergesetzt. Um als Gewerkschaftsjugend aber noch besser zu wissen, an welchen Stellen wir ansetzen können, fragen wir nach: Wie wollt ihr leben, wovon träumt ihr, wo drückt euch der Schuh am meisten? So können wir die relevanten Themen angehen und die Jugendlichen davon überzeugen, dass es sich für sie lohnt, bei den Gewerkschaften und in Jugend- und Auszubildendenvertretungen mitzumachen.

Die Voraussetzungen sind gut: Denn mehr als 60 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren finden Gewerkschaften und Betriebsräte wichtiger denn je.
Im Gegensatz zur Politik, Parteien, Kirchen, Banken und großen Wirtschaftsunternehmen haben sie ein solides Vertrauen zu uns.

Presse Stephan

DGB Region Köln-Bonn

Stephan Otten: "Jugendliche haben ein solides Vertrauen in Gewerkschaften und die Protestbereitschaft nimmt zu. Der überwiegende Teil der Jugendlichen ist bereit, sich politisch zu engagieren." 

Frage: Wie bewertet die DGB-Jugend die Situation für junge Menschen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt?

Stephan Otten: Die Jugendarbeitslosigkeit in der DGB Region Köln-Bonn steigt und das Angebot der betrieblichen Ausbildungsplätze führen nicht dazu, dass wir einen ausgeglichenen Ausbildungsmarkt haben. Somit werden wir als Gewerkschaftsjugend weiterhin Druck machen und uns für neue betriebliche Ausbildungsplätze einsetzten. Aber auch der öffentliche Dienst muss hier weiter in die Verantwortung genommen werden. Ebenso wird das Thema „Übergang Schule-Beruf“ von der DGB-Jugend in den Jugendhilfeausschüssen und Jugendringen der Kommunen eingebracht.
Gemeinsam mit vielen Bündnispartnern hat der DGB seinen Protest gegen die unsoziale Sparpolitik und für soziale Gerechtigkeit in der Kommune, dem Land und dem Bund zum Ausdruck gebracht. Wir wenden uns gegen Kürzungen in der Jugendverbandsarbeit und die Zerschlagung von Strukturen.
 
Frage: Warum steigt die Unzufriedenheit junger Menschen mit dem Wirtschaftssystem und den politischen Entscheidungsträgern?

Stephan Otten: Die Lebens- und Arbeitssituation vieler junger Menschen wird immer schwieriger. Ausbildungs- und Berufsbiographien von jungen Menschen werden immer prekärer. Die Lebensrealität vieler junger Menschen sieht doch so aus: Ein großer Teil der jugendlichen Schulabgänger findet immer noch keinen betrieblichen Ausbildungsplatz oder sie müssen sich mit einer schlechten Alternative zufrieden geben.
Überdurchschnittlich oft müssen sie in unsicheren Verhältnissen arbeiten und finden sich in Leiharbeit, Schein-Selbstständigkeit oder unfreiwillige Teilzeit wieder. Sie werden in langen Praktikaphasen als billige Arbeitskräfte ausgenutzt und arbeiten oftmals zu Niedriglöhnen, die kaum zur Befriedigung alltäglicher Bedürfnisse ausreichen.

In Zahlen heißt das: Jedes Jahr verschwinden fast 400.000 Jugendliche nach der Schule in Warteschleifen und Maßnahmen – ohne Aussicht auf eine qualifizierende Ausbildung. Etwa 1,5 Millionen Menschen zwischen 20 und 29 haben keine abgeschlossene Ausbildung – das entspricht etwa 17 Prozent dieser Altersgruppe. Knapp 40 Prozent der Beschäftigten zwischen 15 und 24 Jahren arbeiten in atypischen Beschäftigungsverhältnissen und mehr als 30 Prozent der Erwerbstätigen unter 35 Jahren arbeiten zu prekären Bedingungen.

Junge Beschäftigte sind somit die unfreiwilligen Vorreiter einer immer flexibler werdenden Berufswelt. Sie bezahlen den Preis für eine jugendfeindliche und einseitige Politik der letzten Jahre.

Aber – und das ist gut: Die Protestbereitschaft nimmt zu. Der überwiegende Teil der Jugendlichen ist bereit, sich politisch zu engagieren. Allein eine viertel Million Schülerinnen, Schüler und Studierende beteiligten sich am Bildungsstreik 2010. 47 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 12 und 25 Jahren sind bereit, sich persönlich politisch auf unterschiedliche Weise zu engagieren.
Und 60 Prozent sind bereit, für ihre Interessen gemeinsam mit anderen auf die Straße zu gehen und an Protestaktionen teilzunehmen. Diese Bereitschaft junger Menschen, sich für die Gestaltung ihrer Zukunft zu engagieren, ist ein enormes Potenzial, das wir ansprechen, aktivieren und organisieren wollen. Denn die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der jungen Generation steht für uns als DGB-Jugend im Zentrum unserer Arbeit.
Deshalb starten wir im Februar 2011 unsere Initiative „Wie wollen wir leben?“. Damit geben wir der jungen Generation eine Plattform, um ihre Meinungen, Ängste und Utopien zu artikulieren und in den Fokus der öffentlichen Auseinandersetzung zu rücken, gemeinsam Lösungsansätze zu entwickeln und diese stark zu machen.

KJR

DGB Region Köln-Bonn

Stephan Otten: "Die DGB-Jugend ist ein anerkannter Jugendverband und hat somit die besten Möglichkeiten in den kommunalen politischen Diskussionsprozessen Einfluss zu nehmen."

Frage: Welche Angebote macht die DGB-Jugend an junge Menschen?

Stephan Otten: Die Angebote der DGB-Jugend sind sehr vielfältig, z.B. die Bildungsangebote im Jugendbildungszentrum in Hattingen (Ruhr), die Reisemöglichkeiten durch „Anders Reisen“, die Berufsschultour oder das Campus Office. Natürlich kann die gewerkschaftliche Bildungsarbeit in Form einer Fortbildung, eines Austausches oder einer Diskussionsrunde vor Ort, durch die DGB-Jugend, unterstützt werden. Gerne helfe ich bei der Referenten/innen Suche, Organisation und einer Finanzierung. Als Beispiel, haben wir in Köln das so genannte Atelier „SyndicArt de Cologne“ ins Leben gerufen. Hier haben wir in den letzten Monaten Plakate, Schilder und Transparente selber gemalt und diese bei den Protesten eingesetzt.

Frage: Was passiert vor Ort?

Stephan Otten: Die gewerkschaftliche Jugendarbeit in der DGB Region Köln-Bonn ist so strukturiert, dass in jeder Kommune ein DGB-Kreisjugendausschuss vor Ort gegründet werden kann. In Köln hat die DGB-Jugend einen neuen DGB-Regionsjugendausschuss (DGB RJA Köln/Bonn) gegründet. Falls auf örtlicher Ebene kein Gewerkschaftsjugendgremium gegründet werden kann, bietet der DGB-Regionsjugendausschuss Köln-Bonn die Möglichkeit, junge Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter in die regionale Gremienarbeit mit einzubinden. Der DGB-Regionsjugendausschuss Köln-Bonn schafft die Möglichkeit, sich gegenseitig solidarisch zu unterstützen und Aktionen und Großveranstaltungen gemeinsam in die Tat umzusetzen. Ziel ist, die ehrenamtliche DGB-Jugendarbeit vor Ort zu unterstützen.

Frage: Wer sind Partner vor Ort in der Kommunalpolitik?

Stephan Otten: Um die Interessen der jungen Arbeitnehmer- und Arbeitnehmerinnen, der Auszubildenden, Studierenden und Schüler im politischen Raum zu platzieren, ist es dringend erforderlich, sich in den kommunalen Jugendringen einzubringen. Die DGB-Jugend ist ein anerkannter Jugendverband und hat somit die besten Möglichkeiten in den kommunalen politischen Diskussionsprozessen Einfluss zu nehmen. In Zukunft muss die Zusammenarbeit mit den Studierendenvertretungen, den Arbeiterjugendverbänden und den Bezirksschülervertretungen intensiviert werden, denn mit gemeinsamen Positionen und Aktionen kann man mehr erreichen. Unsere Themenschwerpunkte sind hier der Ausbildungsmarkt, die „Generation Praktikum“, die steigende Jugendarbeitslosigkeit sowie das Thema „Gute Arbeit“.

Frage: Welche Themen hat die DGB-Jugend?

Stephan Otten: Die DGB-Jugend NRW unterstützt Schülerinnen und Schüler in Fragen der Mitbestimmung. Wir organisieren Schülervertretungs-Seminare und bieten einen schnellen Durchblick mit Hilfe des SV-Readers. Außerdem entwickeln wir im Arbeitskreis Schule schulpolitische Positionen, organisieren Bildungsangebote und beteiligen uns auch an den zentralen Protesten der Schülerinnen und Schüler im Rahmen des Bildungsstreik-Bündnisses.
Die DGB-Jugend sieht sich zugleich in der Verantwortung junge Menschen beim Übergang von der Schule in den Beruf zu helfen. Wir bieten einen kostenfreien Service mit dem "Bewerbungs-Check". Hier werden Bewerbungen mit Anregungen von Expertinnen und Experten aus der betrieblichen Praxis überprüft und bewertet. Die DGB-Jugend kritisiert das Studium in seiner heutigen Form. Wir fordern ein offenes Bildungssystem, das jedem jungen Menschen unabhängig von seinen finanziellen Ressourcen den Weg zu mehr Bildung eröffnet. Zu einer Reform des Bachelor-Master-Systems gehören die Abschaffung jeglicher Studiengebühren, der Verzicht auf Anwesenheitskontrollen, die Deregulierung der Studiengänge, flexiblere Studienzeiten und ein Masterplatz für alle Bachelorabsolventen und -absolventinnen.

Frage: Was bedeutet  Dr. Azubi?

Stephan Otten:
 Dr. Azubi ist der kostenlose Online-Beratungsservice der DGB-Jugend, er gibt Antworten – auch zum Start des Ausbildungsjahres. Gleich von Anfang an seine Rechte und Pflichten zu kennen ist für die jungen Menschen wichtig. Dabei wollen wir Jugendliche unterstützen. 
Das Angebot der DGB-Jugend richtet sich sowohl an Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, als auch an jene, die mit qualitativen Mängeln in ihrer Ausbildung konfrontiert sind. Ratsuchende können sich anonym und barrierefrei an Dr. Azubi wenden und erhalten innerhalb von 24 Stunden eine kompetente Antwort. Als Orientierung hat Dr. Azubi die zwölf häufigsten Fragen in einem Katalog zusammengefasst und beantwortet. Darüber hinaus sind individuelle Fragen willkommen. Von diesem Angebot haben im vergangenen Jahr mehr als 5.000 Jugendliche Gebrauch gemacht.

Bildung

DGB Region Köln-Bonn

Stephan Otten: "Der Bildungsstreik ist das beste Beispiel für eine gute Bündnisarbeit."

 

Frage: Was ist der Bildungsstreik? – Was haben die Proteste gebracht?

Stephan Otten: Der Bildungsstreik ist das beste Beispiel für eine gute Bündnisarbeit. Gemeinsam mit Studierendenvertretungen, den Arbeiterjugendverbänden und den Bezirksschülervertretungen und darüber hinaus haben wir seit 2008 dezentrale Demonstrationen im Rahmen des bundesweiten Bildungsstreiks organisiert. Im Juli 2009 waren mehrere Tausend Jugendliche und junge Erwachsene in Köln und Bonn auf der Straße, um für ein besseres Bildungssystem zu demonstrieren. Darauf folgte eine Welle von Besetzungen an Universitäten, die sich von Österreich auf Deutschland ausweitete. In dieser Zeit fand einen intensiver Austausch über die allgemeinen jugendpolitischen Forderungen statt. Die Gewerkschaftsjugend hat die Themen: „Verbesserung der Ausbildungsqualität“, „Ausbildungsplatzmangel“ und die „Übernahme von Auszubildenden“ hierbei in den Vordergrund gestellt. Die Jugend ist also nicht unpolitisch! Das Land NRW sieht nun die Abschaffung der Studiengebühren für das Wintersemester 2010/2011 vor. Dies ist ein positiver Trend.
Die Mitbestimmung von Schüler/innen und Studenten ist jedoch noch deutlich zu verbessern. Ebenso werden wir die Diskussion über „Einer Schule für Alle“ begleiten und uns mit einbringen.

Frage: Was genau ist das »Campus Office«?

Stephan Otten: Das Campus Office ist ein Angebot von Studierenden für Studierende und beinhaltet ein regelmäßiges Angebot mit einer arbeits- und sozialrechtlichen Erstberatung. Viele Studenten/innen müssen neben dem Studium arbeiten gehen. Die Studierenden sind aber oft  in der Arbeitswelt unerfahren und brauchen bei vielen Fragen Unterstützung. Dafür bietet das Campus Office ein zielgerichtetes Angebot an den Hochschulen an. Es ist unser Anspruch, die hochschulpolitische Landschaft mit Gewerkschaftspositionen zu beeinflussen und regelmäßig über die gewerkschaftlichen Aktionen zu informieren. Zurzeit suchen wir neue Berater/innen, die im Campus Office aktiv werden wollen. Dazu gibt es Einstiegsseminare, nach deren Besuch kann man sofort im Campus Office mitarbeiten.

 

KSfN

DGB Region Köln-Bonn

Stephan Otten: "Der Kampf gegen rechtes Gedankengut ist eine Kernaufgabe der Gewerkschaftsjugend."

Frage: Was unternimmt denn die DGB-Jugend gegen Rechtsextremismus?

Stephan Otten: Der Kampf gegen rechtes Gedankengut ist eine Kernaufgabe der Gewerkschaftsjugend. In den vergangenen zwei Jahren hat die DGB-Jugend die erfolgreichen Proteste gegen die Gruppierung „Pro-Köln“ mit organisiert und beteiligt sich aktiv in der Bündnisarbeit. Die DGB-Jugend hat auch selber Initiative ergriffen und das Bündnis „Keine Stimme für Nazis“ ins Leben gerufen. Dieses wird von sehr vielen Partnern/innen unterstützt. Von den Protesten gegen die Naziaufmärsche in Köln, wurde von uns eine Fotoausstellung angefertigt, die man sich kostenfrei ausleihen kann. Sie beinhaltet mittlerweile 40 Bilder und soll Eindrücke vermitteln, aber auch zum Nachdenken anregen. Als Weiteres hat die DGB-Jugend Köln eine „Ausbildung von Teamer und Teamerinnen gegen Rassismus“ organisiert, an der 37 Personen an 5 Wochenendveranstaltungen teilgenommen haben. Des Weiteren führen wir zahlreiche Informationsveranstaltungen und Workshops durch und Aktionen in der Jugendkulturszene organisiert. An diesen Erfolgen werden wir anschließen und führen ein antirassistisches Bildungsangebot zusammen mit der Friedrich-Eber-Stiftung durch. 
Wir informieren laufend über die strukturellen Veränderungen in der Neonazi-Szene. Die Förderung von Präventionsprogrammen gegen menschenverachtende Ideologien und Aussteigerprogramme für Neonazis müssen im Vordergrund stehen.


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