Deutscher Gewerkschaftsbund

13.05.2013

1. Mai 2013 in Köln: Rede von Andreas Kossiski

Morgen, am 2. Mai, jährt sich die Zerschlagung der deutschen Gewerkschaftsbewegung durch die NS-Diktatur zum 80. Mal. Nachdem die Nationalsozialisten den 1. Mai als „Feiertag der nationalen Arbeit“ inszeniert hatten, besetzen und verwüsteten SA-Kommandos im ganzen Land Gewerkschaftshäuser, Büros und Wohnungen. Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter wurden verhaftet, verschleppt, gefoltert und ermordet.

Wie in Duisburg, wo die Gewerkschaftsfunktionäre Julius Birck, Emil Rentmeister, Michael Rodenstock und Johann Schlösser in einem Kohlenkeller auf grausame Weise mit Schaufelstielen zu Tode geprügelt worden sind. Am 2. Mai 1933 war die freie deutsche Gewerkschaftsbewegung endgültig zerschlagen. Seitdem gab es keine demokratisch gewählten Vertreter der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mehr. Der Widerstand der Gewerkschaften gegen das Nazi-Regime wurde damit aber nicht beendet, sondern in der Illegalität fortgesetzt. Sie bemühten sich auch weiterhin um Gegenöffentlichkeit und durchbrachen das Schweigen, Weghören und Wegsehen. Sie setzten Zeichen um zu zeigen, dass die Gegner von Nazi- Deutschland noch da und aktiv waren.

(c) Andreas Kossiski

(c) Andreas Kossiski

Das Vermögen der Gewerkschaften wurde beschlagnahmt und diente als Grundstock für den Aufbau der Deutschen Arbeitsfront. Die Deutsche Arbeiterfront pervertierte Idee und Realität einer gewerkschaftlichen Organisation und Interessensvertretung vollends, denn sie war ein Organ des national-sozialistischen Regimes.

Der Terror gegen Gewerkschaftsmitglieder und -funktionäre setzte allerdings schon eher ein. Am 5. Februar 1933, hatten in Köln Gewerkschaften und SPD noch begeistert den Worten des SPD-Abgeordneten Wilhelm Sollmann zugejubelt: „Das Dritte Reich ist ausgebrochen! Wir bleiben auf unserem Posten! Nieder mit Hitler, Papen und Hugenberg!“ Auf dem Posten bleiben; nicht fliehen; kämpfen, „koste es, was es wolle“ - das schwor der Kölner Abgeordnete und ADGB-Bezirksleiter Hans Böckler am Abend von Hitlers Machtübernahme. Aber wie? Der Generalstreikaufruf der KPD fand keinen Widerhall. Die Gewerkschaften waren durch Arbeitslosigkeit und Massenelend bis in die Grundfesten erschüttert und kaum noch handlungsfähig. Anfang 1933 waren von den 350 000 erwerbs-tätigen Einwohnern Kölns 110 000 arbeitslos. Jeder dritte Einwohner lebte von öffentlicher Fürsorge. Zudem waren die Gewerkschaften tief gespalten. Allein 44 Organisationen vertraten in Köln die Beschäftigten im Öffentlichen Dienst.

Einen ersten blutigen Höhepunkt hatte der Kampf gegen die Gewerkschaften bereits im März 1933.
Am 9. März 1933 wurden in Köln Wilhelm Sollmann und der Parteiredakteur Hugo Efferoth aus ihren Häusern geschleppt und in der Gauleitung der NSDAP in der Mozartstraße fast zu Tode geprügelt. Wenige Tage später überfiel ein SA-Trupp das Haus Hans Böcklers in Bickendorf am Akazienweg, und nur die mit Blech beschlagene Tür rettete ihm das Leben. Systematisch wurden die Gewerkschafter wie alle anderen Gegner Hitlers ausgeschaltet und eingeschüchtert.

Allein am 13. März gingen beim ADGB-Vorstand, der Vorläuferorganisation des DGB, Schreckensmeldungen aus über 20 Orten ein. Bei Übergriffen wurden mehrere Gewerkschafts-funktionäre, genannt sei etwa Mattias Theissen vom Baugewerksbund, ermordet; andere – zum Beispiel Otto Geiselhart vom Zentralverband der Angestellten – wurden in der Haft in den Selbstmord getrieben.

Am Morgen des 2. Mai 1933 wurden überall in Deutschland die Gewerkschaftshäuser gestürmt. In Köln rückten 80 Mann unter der Führung von „Gaubetriebstellenleiter Ohling“ zum Volkshaus in der Severinstraße 199. Das 1906 errichtete Versammlungshaus von SPD und freien Gewerkschaften wurde besetzt und durchsucht. Einige Waffen wurden gefunden, das Vermögen beschlagnahmt, die 50 Angestellten in Schutzhaft genommen und misshandelt.

Die christlichen Gewerkschaften erhielten noch eine Gnadenfrist. Aber bereits zwei Tage später wurde Jakob Kaiser, der Geschäftsführer der christlichen Gewerkschaften im Rheinland und Westfalen, aus seinem Büro am Venloer Wall vertrieben, dem heutigen Gewerkschaftshaus am Hans-Böckler-Platz. Er hatte sich als einziger Funktionär der christlichen Gewerkschaften geweigert, sich den neuen Machthabern unterzuordnen.

Hätten die Gewerkschaften die Etablierung der zwölfjährigen Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten verhindern können? Wäre ein Generalstreik vielleicht eine erfolgversprechende Antwort gewesen? Bei solchen Fragen darf man nicht die historischen Realitäten verkennen. Bereits im Juli 1932 verbot der Reichspräsident Hindenburg in einer Verordnung jegliche Art der Aufforderung zum Generalstreik. Indirekt drohte in dieser Verordnung der Einsatz der Reichswehr und die NSDAP hätte sich mit ihren Schlägertrupps von der SA zur Retterin der Nation aufschwingen können.

Die Nationalsozialisten richteten ihre Aktivitäten zielstrebig auf die Liquidierung aller demokratisch rechtsstaatlichen Institutionen. Der Reichstagsbrand war scheinlegaler Anlass für die am 28. Februar 1933 erlassene Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat. Diese Verordnung war der Totengräber der Weimarer Verfassung und der Menschenrechte!

Die Zerstörung der freien Gewerkschaften begann schon 1932 mit der Lockerung des Tarifrechts. Eine Tarifunterschreitung von bis zu 50 Prozent wurde legalisiert. Der Abbau gewerkschaftlicher Errungenschaften kannte fortan keine Tabus mehr. Die Gewerkschaftsverbände haben im Januar 1933 eine Kabinettsbildung mit Hitler als Reichskanzler abgelehnt. Sie hofften, die neue Regierung würde schnell abwirtschaften. Ein Trugschluss – dem allerdings auch weite Teile der bürgerlichen Eliten erlegen waren. Ganz zu schweigen von vielen Unternehmern, die in der Weimarer Republik das Schlagwort vom Gewerkschaftsstaat propagierten und damit ihre Verachtung für die erste Demokratie in Deutschland
zum Ausdruck brachten.

Auch wenn sich im Rückblick die Frage stellt, ob die Gewerkschaften alleine nicht zu schwach gewesen waren, gegen das NS- Regime Widerstand zu leisten, so war doch eines klar: Die Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung in unterschiedliche, mitunter sich bekämpfende Richtungsgewerkschaften hat erheblich ihre Kampfkraft geschwächt. So lautet die Lehre aus Niederlage, Widerstand, Verfolgung und Exil, wie sie von Wilhelm Leuschner im Angesicht der Ermordung durch die Nazis formuliert wurde: „Schafft die Einheit!“

Bereits kurz nach der Befreiung Kölns im April 1945 bildeten ehemalige Gewerkschafter in den Ruinen ihrer Firmen Betriebsausschüsse, und die Vertreter aller früheren Richtungsgewerkschaften gründeten am 2. August 1945 im Haus der Allianz am Ring die parteipolitisch unabhängige „Einheitsgewerkschaft aller Arbeiter, Angestellten und Beamten“. „Seid einig“, mahnte auch Hans Böckler. Es war die Lehre aus einer bitteren Niederlage.

Und eine weitere Lehre aus dem Ende der Weimarer Republik wurde beherzigt: Mit der Verankerung von Mitbestimmungsrechten für die Beschäftigten in Wirtschaft und Verwaltung wurde ein fundamentaler Beitrag zur Absicherung der politischen Demokratie geleistet.

Einheitsgewerkschaft, Mitbestimmung und Tarifautonomie waren, sind und bleiben die tragenden Säulen gewerkschaftlichen Handelns zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen. Sie sind die unabdingbaren Voraussetzungen erfolgreicher Gewerkschaftsarbeit.

Wenn morgen an vielen Orten an die Zerschlagung der deutschen Gewerkschaften vor 80 Jahren und der vielen Opfer nationalsozialistischer Terrorherrschaft gedacht wird, geht es um mehr als um das bloße Erinnern an diesem Tag. Dieser Gedenktag ist für uns eine Verpflichtung und Verantwortung zugleich! Es ist unsere Pflicht, weiterhin kontinuierliche Erinnerungsarbeit an die in grausamer Weise perfektionierte Massenvernichtung des Nationalsozialismus zu leisten.

Der 2. Mai verpflichtet uns zu rechtzeitigem Handeln gegen rechtsextremistisches Denken und Handeln, gegen Rassismus und Intoleranz. Wir tragen Verantwortung für die Gestaltung einer demokratischen, freien, sozialen und gerechten Gesellschaft. Dafür setzten sich die Gewerkschaften auch in Europa ein, damit es nie wieder heißt: „Zu spät“!


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Dieser Artikel gehört zum Dossier:

1. Mai 2013 in der Region Köln-Bonn

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