Deutscher Gewerkschaftsbund

01.05.2019
1. Mai 2019 in Köln

Rede von "Liefern am Limit"

+++ Es gilt das gesprochene Wort +++

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir freuen uns, wie schon im letzten Jahr,  mit euch den ersten Mai zu feiern.

Dieses Jahr haben die Gewerkschaften das Motto "Europa. Jetzt aber richtig!". Wir finden, dieses Motto lässt sich perfekt mit dem Motto des 1. Mai letzten Jahres verbinden: "Vielfalt, Gerechtigkeit, Solidarität".

Wenn wir uns als Europäer fühlen wollen, dann müssen wir Europa leben und das ist für uns Vielfalt, Gerechtigkeit und Solidarität. Diese Werte müssen wir uns immer wieder in Erinnerung rufen und dafür kämpfen. Nicht nur der europaweite Rechtsruck bedroht diese Werte,  sondern auch riesengroße Konzerne die weltweit agieren und alles andere als gerecht sind. Diese gilt es in ihre Schranken zu verweisen,  liebe Kolleginnen und Kollegen.

Wir haben in den letzten anderthalb Jahren bei „Liefern am Limit“, aber auch als Kuriere bei den Unternehmen foodora, deliveroo, lieferando, aus erster Hand erlebt,  wie gnadenlos diese Konzerne die digitale Plattformökonomie bespielen. Modernste Technologie wird dazu missbraucht, die Rider und Riderinnen fremdzusteuren.  Sie ermöglicht totale Kontrolle und Formen der Ausbeutung, die eher im frühen 19. Jahrhundert gang und gäbe waren. Und ihr dürft mir glauben, dass ist nicht nur hier, in Deutschland der Fall. Nein. Es ist europaweit so.

Sieht so Gerechtigkeit und Solidarität aus? Nein!.

Wir haben erlebt was Zusammenhalt gegen unfassbare,  ja fast schon menschenverachtende Arbeitsbedingungen ermöglichen kann. Doch es waren nicht nur die Kuriere, die untereinander großen Zusammenhalt und Mut bewiesen haben. Es waren auch die Gewerkschaften, allen voran die NGG und der DGB, die uns ermutigten, unterstützten und bis heute in unserem Kampf für soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung beistehen.

Und dieser Kampf trägt Früchte, liebe Kolleginnen und Kollegen. Denn wir haben mit vielen Rider und Rider*innen unterschiedlicher Nationalitäten gemeinsam gegen die ausbeuterischen Machenschaften der Lieferbranche gekämpft. Wir konnten hier in Köln zusammen mit der NGG den ersten Betriebsrat gründen. Mittlerweile gibt es in Deutschland mehrere Betriebsräte, die mit Leidenschaft und großer Entschlossenheit mit der NGG und dem DGB an ihrer Seite für demokratische Mitbestimmung kämpfen.

Mut und Kreativität waren hier der Schlüssel zum Erfolg. Aber wir hören nicht vor der deutschen Grenze mit unserer Zusammenarbeit der Rider und Rider* auf.

Nein, wir haben uns europaweit vernetzt. Wir haben von den Problemen und Lösungen der Kollegen und Kolleginnen in ganz Europa gelernt. Unsere Arbeitswelt verändert sich rasant schnell und diese Konzerne toben sich schamlos europaweit aus. Dabei missbrauchen sie die Würde der Rider und Rider*innen, aber auch aller anderen Arbeiter*innen. Doch wir leisten Widerstand!

Wir lassen uns nicht teilen und halten zusammen. Wir leisten Widerstand, indem wir zusammen mit den Gewerkschaften ständig neue innovative Strategien entwickeln und uns ebenfalls modernster Technologie bedienen. Hätten wir dies nicht getan, würden wir heute nicht hier stehen.

Wir waren noch letzte Woche in Barcelona, um uns mit den Rider*innen in ganz Europa zu treffen. Immer noch sind die meisten Rider*innen bei deliveroo in Europa scheinselbstständig. Das heißt für sie:  keinen festen Lohn, keinen bezahlten Urlaub, keine Kostenerstattung für Verschleißteile und auch kein Krankengeld. Das ist Tagelöhnertum und führt zu soziale Unsicherheit.

Während die Arbeitslosigkeit in Spanien bei 16% liegt, haben viele Arbeiter*innen oft keine anderen Möglichkeiten als prekär zu arbeiten. Sie müssen diese kriminelle Form der Ausbeutung über sich ergehen lassen. Doch nicht nur in Barcelona haben wir uns mit Rider und Rider*innen getroffen. Der DGB ermöglichte es uns in jüngerer Vergangenheit, auch Rider*innen in Liverpool zu treffen. Das war damals praktisch unser Startpunkt für die internationale Vernetzung unserer Rider*innen-Bewegung. Und das betont nur die enorme Bedeutung einer engen Zusam­men­arbeit zwischen den Belegschaften und Gewerkschaften.

Aus all diesen grenzübergreifende Treffen haben wir folgendes Festgestellt: Solidarität muss auch für die Kolleginnen  und Kollegen in ganz Europa gelten gerade wenn es um ihre Arbeitsbedingungen geht. Solange wir unterschiedliche Bedingungen in einem so einschneidenden Bereich wie unseren Arbeitsbedingungen haben, können wir nicht Gleiche unter Gleichen sein.

Wir fordern ein einheitliches Arbeitsrecht, das für ganz Europa gelten muss. Wir fordern europaweite soziale Gerechtigkeit für alle Arbeitsbedingungen. Wir wollen Tarifverträge und wir wollen einen Europaweiten Widerstand mit den Gewerkschaften gegen diese Konzerne. Wir wollen Gleiche unter Gleichen sein, nicht unter prekären Bedingungen arbeiten. Sowas ist kriminell und der Würde eines Menschen nicht angemessen.

Ein soziales Europa wird uns nicht geschenkt liebe Kolleginnen und Kollegen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, lasst uns nicht verzagen sondern Seite an Seite mit den Gewerkschaften für eine neue und gerechtere Welt kämpfen. "Europa. Jetzt aber richtig“.

„Liefern am Limit“: Sarah Jochmann, Keno Böhme, Orry Mittenmayer, David Paulussen


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