Deutscher Gewerkschaftsbund

24.01.2019

Nachgefragt: Ausbildungsreport der DGB-Jugend NRW 2018:

Überstunden und ständige Erreichbarkeit für viele Azubis Alltag

Ende 2018 ist der jährliche Ausbildungsreport der DGB-Jugend NRW erschienen. Wir sprachen mit dem DGB-Jugendbildungsreferenten der Region Köln-Bonn, Omer Semmo, über die Ergebnisse des Reports und welche Forderungen die Gewerkschaftsjugend daraus an Betriebe, Kammern und Politik ableitet.


Frage: Worum genau geht es beim Ausbildungsreport?

Omer Semmo: Mit dem Ausbildungsreport wollen wir einen wichtigen Beitrag in der Debatte um die Qualität der Berufsausbildung in Nordrhein-Westfalen leisten. Die schriftliche Befragung der DGB-Jugend – die nun zum elften Mal erscheint - gibt einen guten Überblick über die Zustände in der Ausbildungslandschaft. Der Report zeigt, in welchen Ausbildungsberufen und Branchen junge Menschen eine gute Ausbildung erhalten und in welchen Defizite bestehen. Das Besondere am Ausbildungsreport ist, dass die Auszubildenden selbst zu Wort kommen. Ihre persönlichen Erfahrungen sind die Grundlage der Ergebnisse. Dazu sind in diesem Jahr NRW-weit über 5.000 junge Frauen und Männer aus den 25 häufigsten Ausbildungsberufen schriftlich befragt worden. Allein aus der Region Köln-Bonn haben 2.225 Auszubildende aus 51 Berufskollegs an der Befragung teilgenommen, weswegen die landesweiten Ergebnisse übertragbar auf die Region sind. Abgefragte Themen sind unter anderem: die Ausbildungszeiten, die Überstunden, die Höhe der Ausbildungsvergütung, die Qualität der Ausbildung im Betrieb und Schule und die persönliche Beurteilung durch die Jugendlichen.

Frage: Was sind die wichtigsten Ergebnisse beim diesjährigen Report?

Omer Semmo: Man kann festhalten, dass ein Großteil der befragten Jugendlichen (68,7 Prozent) mit der Qualität ihrer Ausbildung insgesamt zufrieden ist. Das ist erst einmal eine gute Nachricht, die zeigt, dass die Mehrzahl der ausbildenden Betriebe also durchaus in der Lage sind, eine solide Ausbildungsleistung zu erbringen. Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Gut ein Drittel der Befragten bescheinigt ihrer Ausbildung eine unzureichende Qualität. Und die Tendenz zeigt nach unten: Im Vergleich zum Vorjahr ist die Ausbildungszufriedenheit um fast drei Prozent gesunken.

Frage: Stellt Ihr Unterschiede zwischen einzelnen Ausbildungsberufen fest?

Omer Semmo: Ja. Schaut man sich die Ergebnisse genauer an, wird deutlich, dass es bei der Bewertung deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Berufen gibt. Die angehenden Verwaltungsfachangestellten, die in diesem Jahr zum ersten Mal im Rahmen des Ausbildungsreports befragt wurden, finden sich auf Anhieb in der Spitzengruppe der am besten bewerteten Ausbildungsberufe. Weiter in dieser Gruppe vertreten sind die künftigen Bankkaufleute, Industrie- und Zerspannungsmechaniker_innen und Elektroniker_innen für Betriebstechnik. Erstmals besetzen die Mechatroniker_innen Platz eins. Am unteren Ende der Skala rangieren
in Nordrhein-Westfalen wie in den letzten Jahren die Fachverkäufer_innen im Lebensmittelhandwerk, die Friseur_innen sowie die Hotelfachleute. Ebenfalls schlechte Bewertungen bekommen die zahnmedizinischen Fachangestellten, Maler- und Lackierer_innen, Anlagemechaniker_innen und Verkäufer_innen. Diese schlechten Ergebnisse sind kein Zufall. Lange Arbeitszeiten, häufige Überstunden, eine mangelnde Ausbildungsqualität und zum Teil auch eine unterdurchschnittliche Vergütung sind in diesen Ausbildungsberufen häufig an der Tagesordnung.

Interessant ist, dass es in den vergangenen Jahren kaum Veränderungen im Ranking gibt. Zwar gibt es hier und da einige Verschiebungen, grundsätzlich kann man aber sagen: Es sind weitestgehend dieselben Berufe, die von den Azubis als besonders problematisch benannt werden. Konsequenzen sind erhöhte Abbrecherzahlen und ein daraus resultierender Fachkräftemangel.
Dennoch erleben wir kaum Anstrengungen der Arbeitgeberseite, gegen strukturelle Probleme vorzugehen und die Bedingungen in diesen Branchen nachhaltig zu verbessern. Im Gegenteil wird die Schuld für diese Situation häufig bei den Jugendlichen abgeladen.
Dabei sollte es im ureigenen Interesse der Betriebe sein, in der Konkurrenz um die fähigsten und motiviertesten Azubis mithalten zu können.

Nach wie vor gilt übrigens auch: Je größer der Betrieb, desto höher die Ausbildungszufriedenheit. Dass gerade Großbetriebe positiv erzielen, liegt einerseits an den guten personellen und materiellen Voraussetzungen, mit denen sie eine hochwertige und strukturierte Ausbildung sicherstellen können. Andererseits sind dort Mitbestimmungsstrukturen - das heißt Betriebsräte, Jugend- und Auszubildendenvertretungen und gewerkschaftliche Aktivitäten - vorhanden, die bei kleineren Betrieben oft fehlen.

Frage: Wie in jedem Jahr hat der Ausbildungsreport auch dieses Mal ein besonderes Schwerpunktthema. Wie lautet das diesjährige?

Omer Semmo: In diesem Jahr haben wir uns besonders mit dem Thema „Arbeitszeit“ auseinandergesetzt und dazu zusätzliche Fragen in unsere Erhebung aufgenommen. Unser diesjähriger Themenschwerpunkt zeigt, dass Überstunden, ständige Erreichbarkeit und regelmäßige Schichtarbeit für viele Auszubildende alltäglich sind. Dies führt zu erheblichen Belastungen der Jugendlichen, deren Konsequenzen auch die Unternehmen spüren: Denn dort, wo der Druck auf die Auszubildenden am stärksten ist, sind auch die Abbruchquoten am höchsten.

Frage: Könntest du konkrete Ergebnisse präsentieren?

Omer Semmo: Über ein Drittel (35 Prozent) der Befragten muss nach eigenen Angaben regelmäßig Überstunden machen. Diese Auszubildenden arbeiten im Schnitt 4,3 Stunden pro Woche mehr als vertraglich vereinbart. Überstunden in der Ausbildung sind deshalb so problematisch, weil es sich bei einer Ausbildung um ein Lernverhältnis handelt und nicht um ein Arbeitsverhältnis. Laut Berufsbildungsgesetz befinden sich Azubis im Betrieb, um den Ausbildungsberuf zu erlernen, nicht um normal mitzuarbeiten. Ziel des Betriebs muss es sein, für den Beruf notwendige Inhalte in einem klaren zeitlichen Rahmen zu vermitteln. Dafür sind Überstunden nicht notwendig und sollten daher die absolute Ausnahme sein. Noch problematischer wird es, wenn es noch nicht einmal einen Ausgleich für die geleisteten Überstunden gibt. Von den Auszubildenden, die regelmäßig Überstunden machen, bekommen 15,2 Prozent nach eigenen Angaben weder einen Freizeitausgleich noch werden sie dafür bezahlt, obwohl das gesetzlich vorgeschrieben ist.

Frage: Was wiederrum Auswirkungen auf die wöchentliche Arbeitszeit hat?

Omer Semmo: Richtig. Der Großteil der nordrhein-westfälischen Azubis (84,8 Prozent) arbeitet wöchentlich bis zu 40 Stunden. Immerhin 15,2 Prozent der Befragten gaben jedoch an, wöchentlich mehr als 40 Stunden zu arbeiten, bei 4,2 Prozent gehört sogar eine Wochenarbeitszeit von 45 Stunden zum Alltag. Bei den minderjährigen Azubis unter 18 Jahren sind es 8 Prozent die angeben, jede Woche mehr als 40 Stunden arbeiten zu müssen. Und das, obwohl dies nach dem Jugendarbeitsschutzgesetz verboten ist.

Auch die 5-Tage-Woche ist für einige Azubis nicht selbstverständlich. Sind es insgesamt nur knapp 5 Prozent, die an mehr als fünf Tagen im Betrieb arbeiten müssen, liegt die Quote in manchen Branchen deutlich höher: So berichtete mehr als ein Drittel der Fachverkäufer_innen im Lebensmittelhandwerk (34,4 Prozent), regelmäßig an mehr als fünf Tagen die Woche zu arbeiten.

Frage: Wie bewertet die DGB-Jugend die Rolle von Schichtarbeit bei den Auszubildenden?

Omer Semmo: Hier sollte aus unserer Sicht gelten: Wenn es für das Erlernen des Berufes wichtig ist, die verschiedenen Schichten mitzuerleben, ist nichts dagegen einzuwenden, dass Azubis zeitweise im Schichtsystem mitlaufen. Regelmäßige Schichtarbeit sollte aber nicht Teil der Ausbildung sein. Dennoch arbeitet knapp ein Viertel (22,5 Prozent) der befragten Auszubildenden grundsätzlich in Schichten. Besonders betroffen von Schichtarbeit sind diejenigen Berufe, die im Ausbildungsreport generell eher schlechter bewertet werden: Fachverkäufer_innen im Lebensmittelhandwerk (83,6 Prozent), Hotelfachleute (73,2 Prozent) und Verkäufer_innen (68,8 Prozent).

Frage: Von vielen Azubis wird zudem erwartet, auch außerhalb ihrer Arbeitszeit für den Ausbildungsbetrieb mobil erreichbar zu sein.

Omer Semmo: Das wiederum schränkt die Möglichkeit, sich in der Freizeit zu erholen, massiv ein und sollte grundsätzlich nicht vorkommen. Dennoch geben 20 Prozent der befragten Jugendlichen an, dass sie immer oder häufig außerhalb der Ausbildungszeiten erreichbar sein müssen. 14,2 Prozent müssen immerhin noch manchmal telefonisch zur Verfügung stehen. Ärgerlich für die Betroffenen ist, dass diese „Bereitschaftsdienste“ nur in den seltensten Fällen auf die Ausbildungszeit angerechnet werden. Nur 3,8 Prozent können mit einem Ausgleich rechnen.

Auch die ständige Erreichbarkeit hängt stark von der Tätigkeit der Azubis ab. Und auch hier sind es vor allem diejenigen Berufe, die auch im Gesamtranking schlecht abschneiden, dieeine ständige Erreichbarkeit erwarten. So muss nahezu die Hälfte der Hotelfachleute (45,7 Prozent) immer oder häufig erreichbar sein, bei den Fachverkäufer_innen im Lebensmittelhandwerk sind es rund 40 und bei den Verkäufer_innen 34,5 Prozent. In den begehrten Ausbildungsberufen wie Bank- und Industriekaufleute oder Mechatroniker_innen muss dagegen nur ein minimaler Anteil (3 bis 5 Prozent) damit rechnen, außerhalb der Ausbildungszeit von ihrem Betrieb kontaktiert zu werden.

Wenn wir uns diese Ergebnisse insgesamt anschauen, erstaunt es nicht, dass mehr als jeder vierte Azubi in NRW (28,3 Prozent) Probleme hat, sich in der Freizeit zu erholen. Das dürfen wir auf keinen Fall hinnehmen. Eine Ausbildung soll die Jugendlichen auf ein erfolgreiches Berufsleben vorbereiten, sie soll nicht die Keimzelle für ein dauerhaft stressiges Arbeitsleben sein. Das liegt weder im Interesse der Beschäftigten noch der Arbeitgeber.

Frage: Habt Ihr ausgehend von den Ergebnissen des Ausbildungsreportes konkrete Forderungen an Betriebe, Kammern und Politik?

Omer Semmo: Ja, wir brauchen endlich eine deutliche Verbesserung der Ausbildungsqualität in den Berufen, die seit Jahren die letzten Plätze belegen. Wir sind überzeugt, dass nicht die Auszubildenden als Sündenböcke für eine schlechte Organisation ihres Ausbildungsbetriebes herhalten dürfen. Eine gute Planung der Ausbildungszeiten durch den_die Ausbilder_in gehört zu einer qualitativ hochwertigen Ausbildung und muss von den Betrieben gewährleistet werden.

Gleichzeitig sehen wir auch die Politik in der Pflicht. Die DGB Jugend macht sich seit langem für eine Mindestausbildungsvergütung stark, die den Azubis ein eigenständiges Leben ermöglicht. Wir freuen uns, dass die Große Koalition diese Forderung aufgenommen hat. Nun gilt es, sie so schnell wie möglich in die Tat umzusetzen. Aus unserer Sicht sollte eine solche Mindestausbildungsvergütung 80 Prozent der durchschnittlichen tariflichen Ausbildungsvergütung betragen.

Zudem brauchen wir regelmäßige Kontrollen durch die zuständigen Stellen – das sind normalerweise die Kammern – ob geltende Gesetze, zum Beispiel im Jugendschutz, eingehalten werden. Verstöße und Nichteinhaltung gesetzlicher Regelungen sind keine Kavaliersdelikte und verschlechtern die Qualität einer Ausbildung immens.

Fest steht: Die Arbeitswelt von morgen braucht gut ausgebildete und motivierte Fachkräfte. Dies ist nur mit einer qualitativ hochwertigen und modern aufgestellten Berufsausbildung möglich. Wie der Ausbildungsreport zeigt, gibt es dafür noch einiges zu tun.

Frage: Möchtest du uns abschließend noch was mitteilen?

Omer Semmo: Ich möchte mich zuerst bei allen bedanken, die an der Befragung teilgenommen haben! Für repräsentative Aussagen benötigen wir weiterhin ausreichend ausgefüllte Fragebögen und freuen uns über jede Unterstützung! Besonders Lehrerinnen und Lehrer an Berufskollegs können die DGB-Jugend bei ihrer Umfrage unterstützen, indem sie in ihren Klassen die Fragebögen ausfüllen lassen.

Der gesamte Ausbildungsreport als PDF-Datei:
https://koeln-bonn.dgb.de/themen/++co++8f0dc8ae-dce3-11e8-abd8-52540088cada

Ansprechpartner: Omer Semmo, omer.semmo@dgb.de, 0170 – 6117989


Hinweis: In der Reihe „Nachgefragt“ veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen ausführliche Stellungnahmen und Positionen von gewerkschaftlichen Experten/innen aus der Region Köln-Bonn. „Nachgefragt“ bietet nicht nur ausführliche Hintergrundinformationen, sondern spiegelt immer auch die persönliche Sichtweise der jeweiligen Experten/innen wieder. Die Texte können für Medienberichterstattungen genutzt werden.

Weitere Veröffentlichungen aus der Reihe „Nachgefragt“ finden Sie auf unserer Internetseite www.koeln-bonn.dgb.de/nachgefragt. Dort können Sie „Nachgefragt“ auch als RSS-Feed abonnieren.

V.i.S.d.P. DGB-Region Köln-Bonn, Hans-Böckler-Platz 1, 50672 Köln
Tel. 0221 – 500032- 0, Fax: 0221-50003220
Mail: Koeln@DGB.de, Web: www.koeln-bonn.dgb.de


Nach oben

Zuletzt besuchte Seiten