Deutscher Gewerkschaftsbund

01.05.2012

Rede von Ingo Degenhardt beim 1. Mai 2012 in Bonn

Kolleginnen und Kollegen, am heutigen 1. Mai ist unsere gesamte Stadt auf den Beinen. Nicht nur der Deutsche Gewerkschaftsbund und seine Gewerkschaften, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben heute mit einer unerträglichen Provokation zu tun - die gesamte Bonner Bevölkerung ist betroffen von diesem Aufmarsch der Rechtsextremen hier mitten unter uns. Bonn ist eine bunte Stadt, Bonn ist eine internationale Stadt, Bonn ist eine weltoffene Stadt- getragen von gegenseitigem Respekt, von Toleranz und Vielfalt. Hier haben alte und neue Nazis nichts zu suchen, liebe Kolleginnen und Kollegen.

In unserer Stadt gibt es keinen Nährboden für dieses menschenverachtende, gefährliche und rechtsextremistisches Gedankengut. Für euch „braune“ ist hier kein Platz – weder in unseren Köpfen, noch auf unseren Straßen. Bonn bleibt bunt, Kolleginnen und Kollegen. Wir haben uns heute hier, wie in all den Jahren zuvor auf dem Marktplatz versammelt, um für unsere gewerkschaftlichen Ziele zu demonstrieren. Heute tun wir das unter dem Motto „Gute Arbeit für Europa – gerechte Löhne, soziale Sicherheit“.

Und wir tun das ganz bewusst hier und jetzt an dieser Stelle, weil wir den Rechten keinen Fußbreit Raum lassen an unseren Versammlungsorten und zu unseren Themen. Sie wollten hier in der Innenstadt demonstrieren, uns damit treffen, verletzen und provozieren. Nun wollen sie in Beuel marschieren und auch dort sind tausende Bonnerinnen und Bonner, Kolleginnen und Kollegen, die die Straßen und Plätze bevölkern um diesem Mob klar zu machen, dass diese Stadt uns gehört.

Ich begrüße euch alle, die ihr hier auf den Marktplatz gekommen seit im Namen des Deutschen Gewerkschaftsbundes recht herzlich zu unserer diesjährigen Kundgebung am Tag der Arbeit.

Mein erster Gruß gilt dem ersten Bürger unserer Stadt und unserem Kollegen, Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch. Der nächste Gruß geht an unseren diesjährigen Mairedner und Vorsitzenden der Industriegewerkschaft Bauen - Agrar - Umwelt, Kollege Hans Peter Eschweiler. Kollegin Trudi Hihn wird uns als Vorsitzende des Personalrates der LVR-Klinik Bonn ein Grußwort sprechen.

Einen Gruß an alle Mandatsträger aus Politik, Kirchen, Verbänden und Gesellschaft. Jeder von Euch, ob jung oder alt, wäre es heute wert, persönlich begrüßt zu werden – Euch allen einen herzlichen und solidarischen Gruß. Herzliche Grüße auch unseren Musikern Rolly und Benjamin Brings, Pete Haaser, Wolfgang Klinger und Helmut Kraus. Und solidarische Grüße an alle Teilnehmer der vielfältigen und friedlichen Gegendemonstrationen und Mahnwachen besonders in Beuel drüben und im gesamten Stadtgebiet. In den vergangenen Tagen hat sich unter der Überschrift „Bonn bleibt bunt“ ein „Bündnis - Bonn - Nazifrei“ gegründet. Dieses Bündnis hat eine breite gesellschaftliche Unterstützerschaft, von Gewerkschaften, Arbeitgebern, Kirchen, Verbänden, Parteien, dem Oberbürgermeister und vielen, vielen Privatpersonen.

Ich möchte an dieser Stelle den Aufruftext verlesen: Bonn ist eine weltoffene Stadt – getragen von gegenseitigem Respekt, Toleranz und bunter Vielfalt! Wir stellen uns daher quer gegen den geplanten Aufmarsch der Neonazis und autonomen Nationalisten am 1. Mai 2012 in Bonn. Wir, die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner, wenden uns mit vielfältigen und friedlichen Aktionen gegen Rechtsradikalismus. Wir fordern alle Bürgerinnen und Bürger auf, sich an den jeweiligen friedlichen Aktionen und Protesten zu beteiligen und auch selbst mit kreativen Mitteln aktiv gegen Rechtsradikalismus zu werden. In Bonn gibt es keinen Platz für Naziaufmärsche, Geschichtsrevisionisten, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und Rassismus. Ich darf mich bei allen bedanken, die diesen Aufruf so breit in die Bevölkerung getragen haben und ihn unterstützen.

In Verbundenheit mit unseren Dortmunder Gewerkschaftskolleginnen und -kollegen, deren Demonstrationszug am 1. Mai 2009 von Rechtsextremen überfallen wurde, tragen wir heute in Bonn wie in Dortmund, als symbolisches Zeichen neben unserer roten Nelke diesen gelb/roten Button mit der Aufschrift „Der 1. Mai ist unser Tag – ein Tag der Demokraten mag“. Dieser heutige 1. Mai soll eigentlich nach unseren Planungen neben der Mairede den Informationsaustausch an verschiedenen Themenzelten fördern und so lade ich Euch ein, euch zu den Themenschwerpunkten

- Mindestlohn / prekäre Beschäftigung
- Tarifrunde / Gute Arbeit
- Bildung / betriebliche Ausbildung    und
- Gegen Rechts

zu informieren und miteinander ins Gespräch zu kommen. Wir hatten auch unser Bühnenprogramm was Musik und politisches Kabarett anbelangt, erheblich reduziert.

Aber seitdem feststand, dass die Rechten hier demonstrieren wollen, musste auch ein Kulturprogramm her. Rolly Brings hat spontan zugesagt, dafür hier noch mal meinen herzlichen Dank. Über viele Jahre hinweg hat uns Heinrich Pachl, am 1. Mai hier an dieser Stelle, mit seiner sprachlichen Gewalt und inhaltlichen Fülle begleitet. Er war nicht nur einer der besten Kabarettisten bundesweit, er war auch Kollege und Freund und hat uns Gewerkschaften – wann immer wir ihn für Kundgebungen, Warnstreiks und Aktionen gebraucht haben, unterstützt. Heinrich Pachl ist vorletztes Wochenende verstorben. Die Trauerfeier für ihn findet heute am Tag der Arbeit in Köln statt, dies war sein letzter Wunsch, in der Verbundenheit zu den Gewerkschaften und dem 1. Mai. Der DGB sowie die Gewerkschaften und ich ganz persönlich – wir werden Heinrich Pachl in Erinnerung behalten. Wir wollen hier und jetzt an ihn denken.

Kolleginnen und Kollegen, am 13. Mai ist Landtagswahl – früher als eigentlich vorgesehen. Wir fordern alle Parteien auf, die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den Mittelpunkt der Wahlkampfauseinandersetzungen zu stellen.

Vier Forderungen stehen für uns im Vordergrund: Erstens müssen sich die Parteien dafür stark machen, dass prekäre Beschäftigung endlich wirksam bekämpft wird. Zweitens brauchen wir fundierte Konzepte dafür, wie die Energiewende so gestaltet werden kann, dass die Beschäftigten am Ende nicht die Verlierer sind. Drittens muss die Chancengleichheit im Bildungssystem weiter vorangetrieben werden. Und viertens müssen die Erbschaften und Vermögen endlich so angemessen besteuert werden, damit Land und Kommunen zukunftsfest finanziert werden können, liebe Kolleginnen und Kollegen    - das ist unser Anspruch.

Der DGB in NRW erwartet von allen Parteien schlüssige Antworten darauf, wie sie diese zentralen gesellschaftlichen Probleme lösen wollen. Wir rufen alle Wahlberechtigten auf, geht wählen. Das ist gut für unsere Demokratie und gut für unser Land und stellt dabei die gewerkschaftlichen Forderungen in den Mittelpunkt.

Kolleginnen und Kollegen, bevor wir nun von Kollegen Hans Peter Eschweiler die Mairede hören, wird uns Rolly Brings mit Bänd und Freunden noch ein paar Lieder spielen. Später spricht die Personalratsvorsitzende der LVR-Klinik Bonn, Kollegin Trudi Hihn zu uns.

Ab ca. 14:30 Uhr wird unser Oberbürgermeister unter dem Motto „ Bonnerinnen und Bonner gemeinsam entschieden gegen Gewalt, Diskriminierung, Ausgrenzung und Rassismus“ ein Grußwort sprechen.

Weitere Grußworte sprechen heute Nachmittag der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Bonn, Eckhart Wüster und der Präsident der Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg, Wolfgang Grießl.

Ich wünsche uns allen, hier auf dem Marktplatz, drüben in Beuel und im gesamten Stadtgebiet einen friedlichen und solidarischen 1. Mai. Und nun spielen uns Rolly und seine Freunde den braunen Mob aus der Stadt. Ich danke Euch für Eure Aufmerksamkeit.


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